B. d. 20t. Dec. 1823.
Ein rundes Jahr habe ich mir vorgenommen, Ihnen zu schreiben und da es
nun endlich einmal dazu kömmt, bin ich so schüchtern, daß ich nicht
weiß, wie ich anfangen soll. Wären Sie kein so berühmter Mann, so
hätten Sie, wenn es Ihnen Spaß machte, ein Dutzend Briefe von mir in
dieser Zeit erhalten, aber so -- was kann ich Ihnen schreiben, das
interessant genug wäre, Ihnen einige Minuten Ihrer kostbaren Zeit zu
rauben? Glauben Sie ja nicht, daß das Komplimente sind, die ich als
Einleitung oder Lückenbüßer einschiebe, nein es ist mein wahrer Ernst,
und ich würde vielleicht noch immer geschwiegen haben, wenn ich nicht
vor einiger Zeit ein Gedichtchen von Ihnen (in Musik gesetzt von Fanny
Mendelsohn) gehört hätte, was mir so wohl gefiel, daß ich mir vornahm,
es Ihnen zu schicken. Mit nächster fahrender Post wird es folgen, und
ich lasse, damit Sie auch die Componistin kennen lernen, das Billet von
ihr dabei. Sie hat noch mehrere Gedichte aus Ihrem Reiche componirt,
doch kann ich nichts darüber sagen, da ich sie nicht gut habe vortragen
hören, dieses aber ist hier schon oft mit Beifall gesungen worden, und
es wäre zu wünschen, daß Mdme. Devrient, die hier so sehr gefiel, es
Ihnen zuerst vorsänge.
Wie oft ich mich schon nach Dresden zu Ihnen zurückwünschte, kann ich
nicht sagen, an den gastfreundlichen runden Tisch, Niemand daran als
Sie, Ihre theuren Haußgenossen und wir, erzählend und bis ins Innerste
vergnügt. So war es hier noch nie. Die Erinnerung hat etwas rührendes,
und ich weiß nicht, ob ich weine oder lache. Ich soll Platz lassen
zum Siegeln, sagt mein Schicksal, das heißt mein lieber Mann, und ich
gehorche
Ihre
ergebenste _Friderike Robert_.