IV.

_Giebichenstein_, d. 27. Jul. 1812.

Malchen[6] hat mir im besten Wohlseyn Deinen lieben Brief gebracht,

mein geliebter Freund und Bruder. Sie hat sichs mit den lieben Kindern

Freitag Mittag und Sonnabend Abend hier draußen gefallen lassen, und

der Garten schien ihnen allen wieder viel Freude zu machen. Er ist auch

wirklich in einem sehr lieblichen Zustande und ich habe es hundertmahl

bedauert, daß Du nicht mitten unter uns warst. Es ist mir sehr schwer

geworden mit dem Antrage zurückzuhalten, daß Du doch die Zeit der

Abwesenheit von M. hier bei mir in schöner Einsamkeit zubringen

möchtest. Aber Du sollst ein verzärtelter delicater Gast seyn, und

dazu fühlt ich in mir und in meinem Hause eben nicht die Mittel und

Fähigkeit zu so völliger Befriedigung, als ich sie Dir gern gewährte.

Wie hätten wir nicht auch mit gemeinsamer Liebe und Zärtlichkeit

über unsre Sacontala brüten und singen wollen! Was Du mir in Deinem

Briefe darüber sagst, zeigt mir daß Du das Ganze tiefer beherzigst und

ich will die einzelnen Fragen nach Möglichkeit beantworten. 5 Akte

sind gewis zu viel. Auch ist nach meinem Plan sicher zu viel Gesang

darinnen, wiewohl ich auf den luxuriösen üppigen ganz ausgesponnenen

Gesang der neuesten Zeit dafür gerne Verzicht thäte, so leicht es mir

auch wird ihn den besten italienischen Mustern nachzubilden. Das Ganze

glücklich in 2 Theile zu theilen, wäre gewis von großem Gewinn; wenn

auch der Abschnitt, dächt’ ich, nicht so scharf wäre, daß ein zweites

Stück nicht nothwendig geahndet und verlangt werden dürfte. Die Geister

denk’ ich mir auch zum Theil sichtbar und besonders Tänze bildend.

Freilich, denken wir dabey an unser Theater, bin ich, ganz Deiner

Art, Angst und Bange. Was Jämmerlicheres als unser modernes deutsches

Theater hat es nie in der Welt gegeben. Ich kann mich auch gar nicht

mehr entschließen es zu sehen, weder hier, wo die Weimarsche Truppe

spielt, noch in Berlin. Die Hauptcharactere der beiden Theile unsrer

Sacontala hast Du sehr bestimmt und richtig angegeben, jedes könnte

so für sich ein schönes herrliches Ganze werden, und doch durch das

Hauptganze erst der ganze hohe Eindruck eines ächt lyrisch dramatischen

Werks hervorgehen. Nächstens werd’ ich Dir einzelne musikalische Sätze

dazu schicken; damit Du Dein Heil daran versuchen mögest. Was sich Dir

nicht gleich willig zu poetischer Bearbeitung darbietet das lege nur

gleich bei Seite. Mir werden dergleichen Sätze auch in großer Menge gar

leicht.

Ich danke Dir in diesen fatalen Tagen, die wieder mit mancher

körperlicher Plage für mich verbunden waren, noch andern reichen

Genuß. Carl[7] ist so brav gewesen mir Dein altenglisches Theater

herzuschicken, das ich noch nicht kannte, und worin mir der Flurschütze

und Perikles sehr großes Vergnügen gewährt. Gegen den Johann bin ich

nun erst begierig den späteren zu halten und den Lear kenn’ ich noch

nicht. Auch hat mir C. ein paar inhaltreiche Briefe mitgetheilt, die

Du ihm aus M. über Göthe geschrieben, und in denen mein eigen Urtheil

rein ausgesprochen ist. Ja ich möchte noch hinzu behaupten, daß G. weit

mehr ein gebohrner Denker, Beobachter und Redner als Dichter ist. Als

dramatischer Dichter fehlt ihm gewis das, was eben auf der Bühne allein

den sicheren Effeckt gewährt. Er ist auch da immer mehr Menschenkenner

und Redner, als Schöpfer und Dichter; am wenigsten Schauspieler.

Das Buch des Grafen bring’ ich dir nach B. mit: denn ich rechne sehr

darauf, Dich Ende Sept. oder Anfangs Oct. dort zu umarmen und mit Dir

dann nach Ziebingen und so weiter zu meinen Lieben zu gehen. Laß uns

bis dahin einander fleißig schreiben und schick’ mir ja gleich die

ersten Verse zur Sacontala. Von Herzen der Deine

_R._

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 128 / 309 题