III.

_Halle_, den 17ten März 1812.

Deine schnelle herzliche Beantwortung meines Briefes hat recht

erquickt, mein Lieber. Ich eile Dir mein musikalisches Scenarium zur

Sacontala zu schicken. Du wirst finden, daß sich recht viele und

mannigfaltige Veranlassung zum Gesange darbietet, und die dazwischen

fallenden Recitative eben nicht ermüdend lang werden dürfen. Denn ich

nehme ein völlig gesungenes Singspiel an, aus dem allein ein Ganzes,

ein vollendetes Kunstwerk werden kann. An die gewöhnlichen Formen der

Arien und Ensemblestücke denk’ ich kehren wir uns gar nicht. Sind die

Verse nur rhytmisch bedeutend und symmetrisch unter sich, findet sich

die bessere und beste musikalische Form in der Begeisterung der Arbeit

selbst. An unser Theaterpersonale und Publikum müssen wir gar nicht

weiter denken, als daß wir nur nicht unnöthige Schwierigkeiten für

die Aufführung häufen. Was der beste Decorateur und Maschinist, der

von Natur begabte Sänger, und ein empfängliches Publikum darstellen,

geben und empfangen muß unsere einzige Richtschnur seyn. Stellen wir

so ein wirklich neues, in sich abgeschlossenes Kunstwerk dar, so wird

sich ja auch wohl einmal ein Fürst und Theaterdirektor finden, mit dem

wir eigentlich hätten leben sollen, der aber ohne unser Werk nicht zu

seiner gehörigen Höhe gehoben werden konnte. Ich bin mit Dir völlig

überzeugt, daß wir kein Singspiel haben, wie es seyn sollte; und auf

dem Wege, den man gleich bei Erfindung der ital. Oper betrat -- zur

Wiederherstellung der griechischen Tragödie -- konnten wir auch keines

erhalten. Alles was die Alten hatten: Vaterland, Verfassung, Sprache,

Poesie, Volk, hinderte sie an der Erfindung der Musik (als eigentl.

Kunst) und des wahren Singspiels. Alles was die Neueren aber durch

Religionseifer und weichliche Empfindsamkeit erlangten und erfanden,

ward ihnen wieder unnütz durch den Rückschritt zur alten Tragödie.

Kunstgenie’s haben sich immer und überall gegen die Magister gesträubt;

jene haben fest gehalten; und so sind tausend Zwitter und Ungeheuer

entstanden, an denen sich die Tonkunst ausgebildet und fast vollendet

hat. Daß Mozart das Höchste darin leisten konnte, hat er wirklich dem

Schikaneder und Consorten zu danken. Ohne die Zauberflöte und Don Juan

hätten wir keinen ganzen Mozart!

An meinem Scenarium wirst Du leicht bemerken, daß ich mich wohl zu

sehr an das indische Stück gehalten habe. Aber selbst dann, wenn

Dein poetischer Genius Dir eine ganz andere Folge für das Singspiel

eingiebt, wirst Du doch immer die Gesangspunkte als Fingerzeige

bezeichnet finden, und benützen können. Sonst bild’ ich mir wahrlich

nicht ein, Dich durch das Scenarium binden zu wollen. Es wird indeß

immer dazu dienen, und über Anlage und Ausführung zu verständigen,

und daß dieses durch fortgesetzten Briefwechsel geschehe, wünsche

ich von Herzen, da unsere Zusammenkunft sich bis gegen Winter

verspäten möchte. Danke Burgsdorf recht sehr in meinem Namen für seine

freundliche Einladung, und sag’ ihm, daß ich gerne nach Möglichkeit

davon Gebrauch machen werde. Dießmal wird es auf keinen Fall solche

Eile mit mir haben, als damals nach dem verwünschten Kriege und

preußischen Aufenthalt, der den innersten Kern meines Lebens zum ersten

Male anzugreifen drohte. Wie gern ladete ich Dich für den Sommer zu

uns ein! In dem lieben Giebichenstein, das Dir von jeher so lieb war,

würden wir erst ganz mit unserm Genius leben und weben können. Aber ich

werde diesen Sommer da draussen ganz einsam seyn, und weiß selbst noch

nicht recht, wie ich’s mit meiner eigenen Oekonomie für meine Person

einrichten soll. Doch das ist meine geringste Sorge. Ich bin leicht

bedient, wenn mir Freiheit und Ruhe vergönnt ist. Auf diesen häßlichen

Stadtwinter soll mir auch die einsamste Einsamkeit höchst wohlthätig in

Mitte der lieblichen Natur da draussen seyn. Nun weiß ich doch auch,

wie es den Schwalben zu Muthe ist, die sich über Winter im Morast

verbergen, und freue mich auf mein Schwalbenerwachen für die nächste

Woche wie ein Kind. Wenn uns nur das Wetter, das jetzt schlackrich und

schneeich ist, einigermaßen darin begünstiget.

Von der Sacontala muß ich noch bemerken, daß Du viel Chöre absichtlich

angegeben finden wirst; oft auch „hinter der Scene.“ Mir scheint

dieses dem feierlich heiligen Charakter des Stücks, das so viel im

Walde spielt, angemessen. Auch bearbeite ich die feierlichen Chöre

so gern. Dann auch noch: Du wirst den Namen „Duschmante“ für den

Gesang nothwendig wohlklingender machen müssen; vielleicht „Damante,“

das für unser an italienischen Gesang gewöhntes Ohr eine angenehme

Nebenbedeutung hat.

Auf Deine Riesen- und Feen-Oper nach Calderon bin ich recht begierig.

Wie heißt das spanische Stück? Könnten wir dieses nicht für die

_Zeit_ fertigen, indem wir jenes so recht absichtlich für die

_Ewigkeit_ bebrüten? Iffland wollte schon für diesen Winter

eine neue Oper von mir haben. Bei der neuen Einrichtung des Berliner

Theaters, nach welcher er auf seine Kasse Righini und den Rest des

alten Königlichen Orchesters übernehmen mußte, machte er für diesen

Winter aber Schwierigkeit, mir eine große Oper so wie bisher bezahlen

zu können -- (und dergleichen thu’ ich nur für’s Geld!) -- da verlangte

er unterdessen ein kleines Stück, Operette oder Liederspiel, für

welches er mit ein paar hundert Thalern sich abfinden könnte. Doch

weder für dieses, noch für die große Oper war ein Gedicht zu finden,

das uns beiden recht dünkte. Er schlug mir unseelige Kotzebuejaden

vor, die mich anekelten; ich ihm das blaue Ungeheuer, das ich nach

Gozzi bearbeitet habe, worin ihm aber die Maskenrollen zuwider waren.

Nun ist die Rede wieder für den Herbst so etwas zu besorgen. Könnten

wir die Riesen und Feen bis dahin fördern, so sollt’ er auch wohl

für das Gedicht mit Hundert Thalern oder dergleichen herausrücken.

Ueberlege Dir’s doch und gieb mir bald Antwort darauf. Ich bin mit ihm

in fortwährendem Briefwechsel darüber. Deine andere Frage über ein

„_Ungeheuer_“[5] versteh’ ich nicht. Hast Du ein solches Gedicht

drucken lassen? Einzeln.. oder wo?

Ich bringe Dir im Herbst auch so Mancherlei, das ich in den letzten

Jahren für’s Theater entwarf und zum Theil ausführte, um Deine Meinung

und leitendes Urtheil darüber zu vernehmen. Schon darum muß ich mehrere

Tage mit Dir leben, wenn mein Wunsch, für den Du hier in Giebichenstein

zu kurz bliebst, erfüllt werden soll.

Du endest Deinen lieben erfreulichen Brief mit so guten Wünschen für

mein Wohl, daß ich Dir mit Worten nicht genug danken kann. Wenn es mir

nur ferner gelingt, mir mein Giebichenstein zu erhalten, will ich sehr

froh leben und sterben. Von ihm mich trennen fühl’ ich als eine wahre

Unmöglichkeit. Der Garten ist zu einem Theil meines Lebens mächtig

herangewachsen. Könntest Du ihn doch wieder bald einmal in seiner

ganzen Frühlingspracht sehen! Er muß dieses Jahr unendlich schön blühen

und prangen: unzählige Rosen- und Blumen-Gesträuche aller Art hab’

ich verwichenen Herbst wieder hineingepflanzt, und jede Partie wächst

so frei und voll ihrer Pracht entgegen. Es kostet mir viel Mühe und

Kunst die Pension von 800 Thalern, welche mir der König von Preußen

voriges Jahr zugestand, hierher (_in’s damals Westphälische!_) zu

erhalten, und eigentlich lüg’ ich mich nur so damit durch. Doch hoff’

ich auf Inkonsequenz und Veraltung. Wie es indeß auch immer werden mag,

lieber leb’ ich am Ende ganz allein in dem lieben Giebichenstein von

Milch und Früchten, als irgend wo anders in Ueppigkeit!

Amalie und Alles was unserer in Liebe gedenkt ist herzlich gegrüßt.

Meine Frau hofft noch sehr auf eine Zusammenkunft mit ihr in Schlesien.

Mitte Mai wird sie sich wohl mit Raumers in Schmiedeberg zusammenfinden

und da bis gegen den Herbst, mit Waldenburg abwechselnd, bleiben. Dann

gehen sie zusammen nach Breslau, was Euch wohl fast näher liegt. Wir

haben immer die besten Nachrichten von dort her, und müssen es in jeder

Rücksicht für ein Glück halten, daß die Lieben nach Breslau und nicht

nach Berlin gekommen sind.

Nun mein Lieber sey herzlich umarmt, laß bald wieder von Dir hören.

Laß uns nicht ermüden, bis wir zusammen was Rechtes zu Stande gebracht

haben. Immer und ewig der Deine

_Reichardt_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 127 / 309 题