I.

_Kopenhagen_ d. 7. Juli 1832.

_Mein geliebter Tieck!_

Nie habe ich stärker die Macht einer übeln Gewohnheit empfunden, als

wenn ich an dich denke, und dann wieder denke: aber warum in aller Welt

(oder in Teufels Namen) -- (oder um Gottes Willen) -- schreibst du

nicht dem edeln Freunde, an den du so oft _denkst_, und jedesmal

wenn du etwas gedichtet hast bei dir wünschest, um seine Meinung zu

hören und vielleicht die große Lust seines Beifalls zu gewinnen?

Leider, mein theurer Bruder! hast du den selben Fehler. Man sagt sonst

„~les beaux esprits se rencontrent~,“ aber auf die Art könnten

wir uns nicht leicht ~rencontriren~. Ich schrieb dir einen langen

Brief im vorigen Sommer. Du antwortetest nicht darauf -- aber glaube ja

nicht daß ich deshalb schwieg. Du hattest mir in Dresden gar zu viele

und rührende Beweise deiner Freundschaft gegeben -- es wäre schlecht

von mir gewesen deshalb Verdacht gegen deine freundliche Gesinnung

zu schöpfen. Aber da muß ich doch zu meiner Entschuldigung sagen: da

war noch ein andrer Grund, warum ich lange schwieg. Es ist so betrübt

seinen Freunden etwas Unangenehmes mitzutheilen, und es begegnete mir,

nach meiner Zurückkunft, viel Unangenehmes. _Lottchen_ hatte sich

nehmlich mit einem Schauspieler bei dem hiesigen Theater heimlich

versprochen, und obschon ich keine von den dummen Vorurtheilen gegen

den Schauspielerstand theile, so war doch das ein Schwiegersohn, den

ich auf keine Weise anerkennen wollte, denn obschon nichts Schlechtes

von ihm zu sagen ist, so ist er sehr leichtsinnig und wird nie im

Stande seyn, Lottchen eine sorgenfreie Existenz zu verschaffen. Das hat

sie nun zuletzt eingesehen, und sie hat sich wieder von ihm getrennt.

Diese Verstimmung mag einigermaßen zu meiner Entschuldigung dienen,

daß ich dir so lange nichts geschrieben habe. Auch könnte ich eine

Menge Philisterursachen anführen, das _Rectorat_ hat mir viel Zeit

gekostet, ich mußte zwei lateinische Reden theils verfertigen, theils

verfertigen _lassen_. In der letzten Rede sprach ich eine ganze

Viertelstunde davon, wie dumm es ist lateinisch zu reden. Ich hoffe wir

werden jetzt bei unserer Universität auch dänische Reden in der Zukunft

halten. Ich sprach auch viel von _Goethe_!

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 96 / 309 题