II.

_Berlin_ d. 5 Oct. 1803.

Ich habe, mein werther Herr und Freund, Ihr Schreiben vom 19 Aug.

zu seiner Zeit richtig erhalten. Dieser Brief fand mich, der

ich zeitlebens beinahe nur krank gewesen bin, in dem heftigsten

Katarrhalfieber, wobei ich Tag und Nacht hustete, und an Kräften so

herunterkam, daß ich vom 3ten bis zum 6ten Sept. nicht glaubte wieder

zu genesen. Während dieser schweren Krankheit verlor ich den 1ten

Sept. meine älteste verheirathete Tochter durch den Tod, nachdem ich

schon seit 2 Monaten dieselbe hatte sinken sehen, und diesen traurigen

Erfolg vorhersah. Meine Philosophie und Resignation ist überhaupt seit

voriger Ostermesse sehr geprüft worden. Jetzt habe ich mein Fieber

verloren, und es ist nur noch ein unbedeutender Husten übrig geblieben.

Was aber eine schlimmere Folge der Krankheit ist, ist, ich kann auf

meinem rechten Auge beinahe nichts sehen. Seit 3-4 Wochen, seit dieses

gemerkt worden, sind alle Mittel vergeblich. Indeß hoffen doch die

Aerzte einstimmig, es werde diese Blindheit gehoben werden, welches ich

mehr wünsche, als zu hoffen mir getraue. Ich bin in der unangenehmen

Lage, nicht ½ Stunde hinter einander lesen oder schreiben zu dürfen,

das sehende Auge bei Licht gar nicht brauchen zu dürfen, und ein

Ueberbleibsel von Husten hindert mich auch am langen fortgesetzten

Diktiren. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich nur ganz kurz schreibe.

Es haben sich überdies während meiner Krankheit die Geschäfte sehr

aufgesammelt, und ich muß nach und nach doch alle nachholen.

Es ist mir sehr angenehm, daß Sie meine Offenherzigkeit in der bewußten

Sache so aufnahmen, wie ich dieselbe gemeint hatte. Meine Absicht

war, Ihnen zu zeigen, daß wenn auch an den Nachrichten, die man Ihnen

gegeben hatte, etwas sein sollte, dennoch die Hauptsache sich nicht

ganz so verhielt, wie man Ihnen geschrieben hatte, und daß man hier

diese Sache officiel noch aus andern Gesichtspunkten betrachtete,

und betrachten mußte, wie Sie in ihrem Briefe selbst einigermaßen

zugestehen. Es ist freilich sehr unangenehm, daß durch eine Menge

dazwischen gekommener Umstände diese Sache nicht so ging, als sie hätte

gehen sollen, und als sie vielleicht würde gegangen sein, wäre sie

anders eingeleitet worden. Wenn ich bis zur künftigen O. M. lebe, läßt

sich vielleicht mündlich darüber etwas sagen.

Das Hr. Bellermann an Hr. Gedikens Stelle ist an’s Gymnasium berufen

worden, und daß er den Ruf angenommen hat, wissen Sie vermuthlich

schon. Jakobs war vorher berufen worden, nahm aber die Stelle nicht an.

Was die Sache mit der Verpflanzung der Lit. Zeit. nach Halle und

zugleich mit Ihrem Bleiben in Jena betrifft, so fallen einem dabei

mancherlei Gedanken ein, die besser mündlich als schriftlich

mitgetheilt werden. Wie es mit diesen beiden Zeitungen künftig gehn

wird, muß man erwarten, und des läßt sich so wenig darüber sagen, als

über alle ~futura contingentia~. Aus der öffentlichen Anzeigung

habe ich gesehn, daß Sie bei der alten Kirche bleiben. So viel kann

ich sagen, daß des Hrn. von Kotzebue höchst unüberlegte Aeußerung über

diese Sache bei allen gesetzten Leuten Mißvergnügen erregt hat, und

auch in Potsdam ist sehr gemißbilligt worden. Es gehört überhaupt zu

den ~piis desideriis~, daß die vielen Indiscretionen möchten aus

unsrer neuesten Literatur verbannt werden.

Es ist eben nicht wahrscheinlich, daß der Freimüthige unter Merkels

Direction sich hierin bessern werde. Indessen ist es auch wahr, daß

vernünftige Leute und wahre Gelehrte an dergleichen Klatschereien

keinen Gefallen haben, und keinen Werth darauf legen. Alle solche Dinge

währen eine Weile, und nach einiger Zeit hört man nichts mehr von den

Leuten, die heute oder übermorgen so viel Lärm machen.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 94 / 309 题