I.

_Berlin_ 19 Dec. 1797.

Von dem Manuscripte, welches Ew. Wohlgeboren mir heute zugeschickt

haben, habe ich das erste Schauspiel und das Tagebuch heute an den

Buchdrucker geschickt. Ew. Wohlgeboren aber werden verzeihen, daß

ich das andere Schauspiel anbei zurückschicke. Ich thue es ungern,

aber Euer Wohlgeboren werden mir verzeihen, daß ich offenherzig meine

Meinung sage.

(Ich hatte bis hierher dictirt, und nehme nun selbst die Feder,

ohnerachtet das eigenhändige Schreiben mir etwas sauer wird.)

Die Sammlung ist zu Erzählungen nicht zu theatralischen Stücken

gewidmet. Sie haben im vorigen Theile schon eine Ausnahme gemacht.

Ich will allenfalls in diesem Bande auch noch das eine Stück gehen

lassen, aber zwei ist fast zu viel. Sie sind außerdem in einer gewissen

excentrischen Laune geschrieben -- Es läßt sich über solche Sachen

nicht streiten -- Aber der vorzüglichste Theil der Leser kann derselben

schon in Ihren Volksmährchen keinen Geschmack abgewinnen. Ich bekenne,

ich selbst halte es mehr für Witzelei, als für Witz: ~Rondi~,

~Menuett~, ~Variatione~ u. dgl. m. Ich mag Unrecht haben,

aber darin habe ich gewiß Recht, daß dieser Ton von dem _Ton im

Musäus_ allzusehr abweicht, und daß man also wenigstens nicht den

größten Theil eines Bandes der Strausfedern damit anfüllen sollte. Dies

haben verschiedene Recensenten des VII Bandes schon bemerkt,

welche ausdrücklich sagen, er scheine gar nicht von eben dem Verfasser

zu sein &c.

Erlauben Sie mir noch zu bemerken, daß der Schriftsteller doch auf

seinen Leser, nicht blos auf sich zu sehen hat. Die _Kunst der

Darstellung_ ist eigentlich die Kunst des Schriftstellers, die

Wirkung einer Schrift ist die, welche sie auf den Leser macht, und

machen kann. Es scheint aus einigen Ihrer letzten Schriften, es macht

Ihnen Vergnügen, sich Sprüngen Ihrer Einbildungskraft ohne Plan und

Zusammenhang zu überlassen. Das mag Sie vielleicht amüsiren, ich

zweifle aber, ob es Ihre Leser amüsiren werde, die wahrlich nicht

wissen, aus welchem Standpunkte sie ansehen sollen, was sie lesen.

Erlauben Sie mir zu bemerken, wenn Sie z. B. im gestiefelten Kater

auf hiesige Theateranecdoten anspielen, so ist’s vielleicht schon für

hiesige Leser, welche unbedeutende Theater- und Parterre-Anecdoten für

armselig halten, nicht interessant; was sollen denn auswärtige Leser

dabei denken, welche gar nicht wissen, was sie lesen? Der Autor, der

sich die Miene giebt, als wolle er seine Leser zum Besten haben, nimmt

die Leser nicht für sich ein, selbst, wenn er die Miene annimmt, als

lache er über sich selbst. Und das unangenehmste ist -- wenigstens für

mich als Verleger, und als einen Verleger, dem man oft die Ehre anthut,

zu glauben, was er verlege, sei gewissermaßen von ihm gebilligt --

daß, weil nun die Leser nicht wissen, was sie lesen, -- so legen sie

vielleicht die dunkeln Anspielungen ganz falsch aus. Sie haben in dem

anbei zurückgehenden Stücke auf _Gewissenszwang_, _Königthum_

u. dgl. angespielt. Dies ist, meines Erachtens, jetziger Zeit, da wir

Hoffnung haben, einige Preßfreiheit zu erhalten, und es doch noch sehr

ungewiß ist, ob wir sie erhalten, gar nicht passend; wenigstens halte

ich es für _mich_ nicht passend!

Ich bitte also, von dem anbei zurückgehenden Schauspiele irgend

einen Gebrauch außer meinem Verlage zu machen, und das was noch zum

Manuscripte zu dem letzten Bande der Strausfedern fehlt, mit irgend

kleinen Romanen beliebigst auszufüllen, und sie mir bald zu senden.

Ich nehme mir übrigens nicht heraus, Ihren Genius zu leiten. Wollen

Sie aber einem Manne, der unsere Litteratur und unsere Schriftsteller

und Leser seit 40 Jahren kennt, in etwas glauben, so werden Sie von

dem excentrischen Wege etwas ablassen. Er mag Sie vergnügen, aber

Sie werden sich auf diesem Wege nie ausbilden. Das Excentrische ist

im Grunde leichte Arbeit! Ich wüßte nicht, wie viel ich alle Tage

schreiben könnte, wenn ich alles hinschreiben wollte, was mir in den

Kopf käme! Aber sich mehr als oberflächliche Kenntniß menschlicher

Charaktere und Situationen zu erwerben, unter diesen auswählen, die

Wirkung voraussehen, die sie machen können, das uninteressante vom

interessanten scheiden, und ersteres ausstreichen, wenn man es auch

schon niedergeschrieben hat: dies ist der einzige Weg, auf welchem ein

junger Mann sein Talent ausbilden kann. Ich schätze die Anlagen, welche

Sie haben, so hoch, daß ich mir diese kleine Herzensergießung darüber

erlaube, und Sie bemerken lasse, daß Anlagen ohne Ausbildung des

Talents bald verloren gehen. Zur Ausbildung geht freilich ein steiler

und dornichter Weg, der Selbstentäußerung erfordert. Das Reich der

excentrischen Imagination ist einförmiger, als es dem Faulen scheint,

der gern selbstgefällig darin herumspatzirt; das Reich der Natur ist

höchst mannichfaltig, aber es ist nicht so leicht zu erforschen, wer es

aber zu erforschen und interessant darzustellen weiß, findet Wahrheit

und Leben, da jener blos Träume findet, die vergehen, sobald das

Morgenlicht strahlt.

Shakspear ist nicht excentrisch, sondern wahre, menschliche Natur

meisterhaft dargestellt; darum leben seine Stücke auch Jahrhunderte,

und das was eigentlich etwa nach dem Geschmack seiner Zeit bloß wild

ist, stirbt jetzt schon sogar in England, wo man seine Stücke ändern

muß, wenn sie sollen aufgeführt werden. Unsere Ritterstücke und

Ritterromane, welche blos wild und excentrisch sind, ohne hohe Natur

getreu und lebhaft dargestellt, sterben, indem sie geboren werden. Dies

ist das Loos aller Werke von gleicher Art.

Bin ich zu offenherzig gewesen, so denken Sie, ein alter

~Radoteur~ hat es geschrieben, der es gut meint, und nicht

versteht. Und wenn Sie dies nach zehn Jahren noch denken, so habe ich

gewiß Unrecht.

_Fr. Nicolai_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 93 / 309 题