II.

_Sonntag Abend_.

_Theuerster Mann!_

Arg hat mich mein eigen Gewissen ob der Grobheit, mit der ich Ihnen

genaht bin, gefoltert. Ich bitte Sie unter heißen Thränen, vergeben

Sie dieß einem Knaben, den freilich der albernste Uebermuth zu Ihnen

geführt hat, der aber dadurch hart genug gestraft ist, daß er Heimath,

Verwandte und Freunde, ach Alles, worin er ganz lebte, verloren hat

und nun einsam in der kalten Fremde da steht. Ich bin wieder demüthig

geworden und habe Gott gebeten, er möchte mich nur irgend Etwas

brauchbares noch werden lassen; wie ichs aber angreifen soll, um den

Faden wieder aufzunehmen, nachdem die Jugend verloren ist, weiß ich

nicht, ich habe Niemand, der mir rathen könnte, als Sie. Und wahrhaftig

-- Sie wären gewiß nicht so böse auf den letzten Brief geworden, wenn

Sie gewußt hätten, wie schwer mirs auf dem Herzen lag, daß Sie mich

für einen ganz andern ansahen. Den angenommenen Doktorrock wollt ich

abwerfen und als armer Junge Ihnen zu Füßen fallen. Gebe Gott, daß Sie

mir ins Herz sehen!

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 91 / 309 题