_Dresden_, den 5. Oct. 1827.
Wenn Sie es anmaaßend nennen, verehrter Meister im Leben, wie in der
Kunst, daß ich Junge Ihr Schweigen ehrend nicht im Vorsaal bescheiden
warte, bis Sie meinen Namen rufen, sondern in Ihr innerstes Gemach
dringend Ihre höhere Beschäftigungen mit meinem kleinen Leben stören
will, so kann ich zu meiner Entschuldigung Nichts erwiedern, als daß,
da mir das Wasser bis an die Seele gestiegen, ich meine Rechnung mit
dem Leben schließe. Hören Sie mich an, wie ich dieß meine. Ich habe
von der Welt, die Sie um sich in urkräftigem Behagen geschaffen,
Alles genossen, ich habe den Pulsschlag gehört, der Alles bewegte,
und die feinsten Fibern an den äußersten Spizen des geistigen Körpers
mitgefühlt. Ja ich glaubte schon im Traume den geheimen, heiligen Ort
betreten zu haben, den Sie allein gefunden haben, wo Lachen und Weinen
die lieblichste Melodie bildet, von dem aus in richtiger Perspektive
alle Straßen und alle Gäßchen des menschlichen Lebens sich dem Auge
darstellen, den, so offen er mitten auf dem Markte liegt, doch Niemand
beschreiben kann. Wenn Sie darüber lachen und mich einen betrogenen
Thoren schelten, so wag’ ich kühn einen Streit. Betrogen bin ich,
aber -- nur als Betrüger. Auch in Ihrer Schöpfung, das weiß ich wohl,
gilt das herbe Wort: Mit Schweiß mußt Du Dir Dein Brod gewinnen! Daß
ich aber darum den Meister betrügen konnte, ist mir eben das einzige,
unaufgelöste Räthsel. Daß ich kein Faust bin, sag ich mit demselben
Gefühl, das Hamlet lachen macht, wenn er sich dem Herkules vergleicht.
Wohl aber kann ich mich wörtlich einen Don Juan nennen. Auch mit
derselben Frechheit bin ich hieher gekommen und habe Ihren Geist
gerufen und rufe Ihn wieder. Ja, ich flehe Sie an, treten Sie mir,
nur eine Minute treten Sie mir, wenn ich so sagen darf, unkörperlich
entgegen, so ist ja Alles entschieden. Entweder kann ich dann Ihren
Anblick ertragen und -- ich bin erlöst, die göttliche Gnade hat an dem
Sünder Wohlgefallen und wem viel vergeben ist, der liebt viel, ich kann
in Nichts ungöttliches mehr zurückfallen, oder ich kann Ihren Anblick
nicht ertragen, verdammt sink ich nieder, Alles war Schein und Lug und
Trug, und eine ewige Oede, eine unermeßliche Leere steht vor mir.
Ich habe, was ich geschrieben, wieder durchgelesen, aber mit Schrecken,
wenn das Gefühl, von dessen Instinkt geleitet ich schrieb, nicht in
dem Augenblick noch als mein eigenstes Leben pulsierte, ich verstände
mich nicht aus diesen Worten, ach darum nur bin ich so unglückseelig,
so verlassen u. einsam, wie keiner, weil Alles, was ich gebäre, todt
zur Welt kommt -- ja wenn ich mir denke, diese Worte vollends von einem
Andern zu lesen, wie verächtlich würd’ ich darüber lachen, es schienen
mir hochtönende Phrasen, leerer Schellenklang, die Unverjohrenheit, die
man alltäglich sieht, und doch wag’ ich, gerade eine solche Sprache mit
Ihnen, die _mir_ schon zu niedrig ist? Ja! von Ihnen kann ich am
wenigsten fürchten. Wie Ihnen Etwas erscheint, also ist es auch in der
Wahrheit, sind es Ihnen Worte, so sind es auch wahrhaftig nichts, als
Worte. Ich aber bin -- ein dummer Teufel
_Wilh. N....._