_Dessau_, 17ten Oktober 1826.
Bei dem neuen Abdruck meiner ersten Gedichtsammlung erinnerte ich mich
lebhaft des schönen Nachmittags in Kalckreuths Sommerwohnung an der
Elbe, wo ich Ihnen, kurz nach unsrer Bekanntschaft, meine Müllerlieder
vorlas und, von Ihrem Urtheil aufgemuntert, den Entschluß faßte, damit
in die Welt zu treten. Von diesem Tage an, wie viel verdanke ich Ihnen,
mein verehrter Freund! Darum nehmen Sie meine Dedikation, die einfach
ist, wie ich selbst, nicht für eine formelle Redensart, sondern für den
wahren Ausdruck meiner Dankbarkeit.
Ich habe von Raumer aus mündlicher Mittheilung erfahren, wie es Ihnen
geht und was Sie treiben. Das muß mich denn dieses Jahr schadlos
halten für den aufgegebenen Besuch in Dresden. Ich habe dafür das alte
schöne Nürnberg kennen gelernt und Göthe _gesehn_, und noch dazu
ihm Glück gewünscht zu seinem 77ten Geburtstage. Das ist auch etwas,
das ~quondam meminisse juvabit~. Der alte Herr war wohl auf, gut
gelaunt, mit mir sehr höflich und freundlich, aber das ist auch Alles,
und was ich aus seinem Munde gehört, das kann mir jeder gebildete
Minister sagen. Doch auch gut so, und viel besser, als wenn er mir z.
B. über Shakspeare’s Romeo und Julie das gesagt hätte, was im neuesten
Hefte seiner Zeitschrift steht. Das ist auf Sie gemünzt.
Ich bin in diesen Tagen in meine neue große und ich darf sagen schöne
Dienstwohnung eingezogen. Möchte mir doch das Glück werden, Sie
einmal darin zu beherbergen! Und nun kann ich die Frage nicht mehr
zurückhalten: Bleiben Sie in Dresden? Ich fühle meinen Egoismus in dem
ängstlichen Eifer, mit dem ich diese Frage thue, und doch kann ich
nicht anders.
Mich beschäftigt jetzt die Encyklopädie -- und diese ist gleich wieder
ein Stichwort zu der Frage: Liefern Sie mir aus besonderer Freundschaft
für den Gegenstand und auch für mich den Artikel Hardenberg? Er ist
jetzt bald an der Reihe. Sonst habe ich ein Paar Hundert Epigramme oder
Reimsprüche gemacht, wovon 100 in der Eleganten Zeitung abgedruckt
zu lesen sind, worüber ich wohl Ihr Urtheil hören möchte. Sie stehn
in den Nr. gegen 100 -- 98 bis etwa 102 --. Auch in Eger habe ich Verse
gemacht, die Loebelln sehr gefielen und in demselben Blatte zu lesen
sind. Diesen Winter will ich wieder Shakspeare vorlesen, nicht
für Geld, sondern für gute Freunde. In dem Zimmer, wo ich lese,
steht Ihre Büste[1] mir gegenüber, die soll mich vor gar zu argen
Mißgriffen bewahren. Denn durch Sie ist mir der Sinn für Shakspeare
zuerst aufgegangen, und wenn ich Ihnen auch weiter nichts schuldig
wäre, welche Unendlichkeit der Schuld! Meine Wünsche arbeiten mit
Ihnen an der Vollendung des Heinrich VIII., des Macbeth, des
Wintermährchens und des mir fast unvollendbar erscheinenden ~Loves
Labours Lost~, das ich neulich wieder einmal, und ich darf wohl
sagen, mit mehr Genuß, als jemals, gelesen habe.
Meine Häuslichkeit ist in erwünschtem Zustande, Frau und Kinder gesund
und fröhlich, wie ich selbst, dem der Egerbrunn fast so wohl gethan
hat, als hätte ich ihn sehr nöthig gebraucht. Empfehlen Sie mich dem
freundlichen Andenken der Frau Gräfin, Ihrer Gattin und Töchter.
Eben darum bittet meine Frau, die mir oft Vorwürfe macht, daß ich,
statt nach Eger allein, nicht mit ihr nach Dresden gereist bin. Ich
verspreche keinen Besuch wieder, weil ich Ostern habe mein Wort brechen
müssen. In jeder Entfernung ist ja doch mein bester Theil viel und oft
bei Ihnen.