_Göttingen_, 17. Julius 1833.
Meine Frau, welche den noch übrigen Theil des Sommers bei den Meinigen
in Schlesien zubringen will, überreicht Ihnen, hochverehrter Herr, dies
Briefchen, und zugleich ein Exemplar meiner Eumeniden-Uebersetzung,
welche eher vor Ihre Augen getreten wäre, wenn ich nicht auf diese
Gelegenheit mit der Zusendung gewartet hätte.
Vielleicht geben die beigefügten Abhandlungen, die freilich keineswegs
sich über das Ganze des alten Theaterwesens erstrecken, Ihnen wieder
einen kleinen Antrieb und Reiz, Ihre so lange gepflegten Forschungen
über die alte Bühne und Dramatik wieder vorzunehmen, und dem Publicum
Manches davon mitzutheilen. Dann könnte sich noch aus dem formlosen
Aggregat vielartiger Untersuchungen, das ich dem Publicum darbiete,
etwas wahrhaft Schönes und der Bildung unsrer Zeitgenossen Förderliches
entwickeln.
Von unserm Leben hier wird meine Frau, für die es bei ihrem kühnen
Reiseunternehmen ein rechter Trost ist, wenigstens in der Mitte ihrer
Tour bei Ihnen und den Ihrigen Rath und Hülfe finden zu können, gern
bereit sein, Ihnen, so viel Sie davon erfahren mögen, zu erzählen; sie
wird Ihnen aber schwerlich die treue und warme Anhänglichkeit schildern
können, womit ich in Erinnerung alter schöner Zeiten mit aller
Jugendlichkeit des Gemüthes an Ihnen festhalte.
_K. O. Müller_.
=Müller, Wilhelm.=
Geb. am 7. Okt. 1794 in Dessau, gest. daselbst am 30. Sept. 1827.
Er machte als freiwilliger Jäger die Feldzüge mit, durchreisete
einige Jahre später Italien, wurde im Jahre 1819 Gymnasiallehrer
in seiner Vaterstadt, wo er sich mit einer schönen, klugen,
liebenswerthen Frau (geb. Basedow) vermählte, und als herzoglicher
Bibliothekar, in der Blüthe seines blüthenreichen Lebens und
Wirkens starb.
Hat jemals ein Dichter den Namen „_deutscher Sänger_“
verdient, so war’s Wilhelm Müller. Wander-Lieder --
Waldhornisten-Lieder -- Wein-Lieder -- Griechen-Lieder --
Müller-Lieder! Ach, die _Müllerlieder_! Und da sandte der
Himmel seinen Franz Schubert, daß er diese Dichtungen in Tönen
verkläre... Wer die Müller-Lieder von Schubert und Müller in ihrer
ganzen Schönheit vernahm; wer sie von Stockhausen singen hörte...
nun, der mag sich freuen, ein Deutscher zu sein; der mag dankbar
erkennen, was Schubert Großes gethan, was Stockhausen (wenn man so
sprechen darf), als dritter Dichter daran thut; -- aber vor Allem
soll er nicht vergessen, ihres _ersten_ Dichters und Schöpfers
mit voller Liebe zu gedenken; unseres lieben, treuen, deutschen
_Wilhelm Müller_!