I.

_Leipzig_, d. 2. Jul. 1827.

_Hochwohlgeborner,

Höchstzuverehrender Herr Hofrath!_

Auf mein Glück vertrauend, das mich verwichene Michaelis zu Ihnen,

höchstzuverehrender Herr! und in den Kreis der Ihrigen führte, und mit

heiterer Zuversicht, daß Sie Sich meiner, wenigstens wünsche ich es von

ganzer Seele, noch einigermaßen erinnern möchten, wage ich jetzt diese

Zeilen zu schreiben, und Ihnen sammt einer großen Bitte beiliegendes

Manuscript zu übersenden. Wie ich aber zu dieser Kühnheit kommen

konnte, das würde ich am allerbesten entwickeln können, wenn Eure

Hochwohlgeboren mir vergönnen würden, einige Worte über die Geschichte

des Manuscripts zu erzählen. Die Sache war so:

Wie ich mit meinem Freunde D. Kluge von Perugia nach Arezzo reiste,

lockte uns die Wiß- und Neubegierde von Cummoccia hinauf nach Cortona.

Dort war eben Jahrmarkt, und Alles ging bunt durcheinander. Als wir

über den Marktplatz gingen, sahen wir, wie es in Italien so häufig

geschieht, eine Menge Menschen um einen Mandolinenspieler herumstehen.

Wir hörten ihm zu, und etliche Strophen gefielen mir so, daß ich die

ganze Mähr gern gewußt hätte. Ich nahm mir den Mann mit in den Gasthof,

und ließ mir die ~ottave rime~ in die Feder diktiren. Ich ward

von dieser Volkssage so innerlich bewegt, daß der Gedanke mir keine

Ruhe mehr ließ, diesen schönen Stoff zu benützen und auszuarbeiten.

Das that ich denn bald mit Lust und Liebe. Schon in Florenz wurden die

ersten vier Abentheuer beendigt, und wie ich weiter nach Oberitalien

und der Heimath zureiste, so gedieh auch mein Lied vom Ritter Wahn

immermehr seinem Ende entgegen, bis ich es endlich in meiner Heimath

ganz vollendete.

Ich hatte den Plan in Italien gefaßt, dieses Heldenlied dem edlen

Ludwig, Könige von Baiern, zu verehren. Allein aus den Zeitungen erfuhr

ich zu meinem Leidwesen, daß er von lauter schönen Sachen so bedrängt

wird, daß etwas, von keinem berühmten Meister, und ohne allen weitern

Anspruch Gefertigtes, wohl kaum dort Einlaß finden würde.

Allein doch möchte ich auch gar so gerne ein gewichtiges Urtheil über

dieses Lied hören, das ich mit so großer Vorliebe ausgearbeitet habe.

So wie nun in den alten schönen Zeiten der Jünger sich gerne einem

Meister anschloß, und ihn um Rath fragte, und liebreich berathen ward,

also komme auch ich noch nach diesem alten Brauche zu Ihnen mit der

Bitte:

Daß Eure Hochwohlgeboren gelegentlich das Heft durchlesen und mir mit

dem Ihnen eigenen Wohlwollen Ihre Meinung kund thun möchten. In dieser

frohen Hoffnung verbleibe ich

Eur. Hochwohlgeboren

ganz ergebenster Verehrer

_Julius Mosen_,

d. Zeit wohnhaft in Leipzig, in

der Petersstraße No. 60.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 56 / 309 题