I.

_Kopenhagen_, 17. October 1820.

_Lieber, verehrter Freund!_

Ihr freundliches, mir aus unserm Holberg mitgegebenes Geleite hat

mich, wie Sie sehen, wirklich nach Seeland gebracht. Schon in 4 Wochen

bin ich zurück im heimischen Kreise; und schon oft sind während

dieser Zeit meine Gedanken bei Ihnen gewesen, mit dem Wunsche, daß

weniger Land und gar kein Wasser uns trennte. Unvergeßlich ist mir

Ihre liebreiche, freundliche Güte. Wie gern geselle ich jetzt Ihre

persönliche Erinnerung Ihren Worten, Ihren Dichtungen bei, die mir so

oft erfreut und ergötzt, so oft ans Herz geredet haben; und wie werden

mir diese jetzt doppelt lebend und anschaulich! Ich hatte noch das

Vergnügen mit _Ihnen_, nemlich mit Ihrem Octavianus, von Berlin

nach Hamburg zu reisen; und der gute jugendliche Geselle hat mich

oft auf der schleichenden Sandfarth und in den elenden Wirthshäusern

aufgemuntert und getröstet. Auch den William Lowel habe ich mir aus

Berlin mitgebracht. Dies Buch habe ich vor mehreren Jahren einmal

auf dem Lande in der Weihnachtszeit gelesen, und es machte damals

einen sonderbaren, schauerlichen Eindruck auf mich. Ich konnte es

nicht recht lieb gewinnen, obgleich es mich häufig sehr interessirte.

Ich werde es jetzt einmal wieder lesen, und Ihnen sagen, wie ich es

damals und jetzt fand. -- Uebrigens, wenn ich Ihren Octavianus, ein

Paar Reisebeschreibungen und ein Paar Bände prosaischer Erzählungen

von Ingemann (der, wie ich glaube, Ihnen geschrieben hat) ausnehme,

habe ich fast nichts gelesen seit meiner Rückkunft; so viele Arbeiten,

Zerstreuungen und Hindernisse haben sich meiner Ruhe und Ordnung

entgegengestellt. Es muß doch einmal, hoffe ich, anders werden.

Ein Bruder meines lieben und vertrauten Freundes, Hrn. J. Deichmann,

Besitzer der Gyldendalschen Buchhandlung, reist nach Berlin und

andern Städten, um seine Fertigkeit und Kenntniße als Buchdrucker

zu erweitern. Mit ihm schicke ich dieses nach Berlin, und lasse die

Comedie von Heiberg (der noch in Paris ist), und eine durch sie

veranlaßte kleine Schrift mitfolgen. Ein kleines Paket mit einem

Brief aus Leipzig hoffe ich, daß Sie erhalten haben. Ich hatte es dem

Buchhändler Vogel in Leipzig empfohlen.

Es ist meine Absicht gewesen, Ihnen einen ~Commentarius perpetuus~

über das Heibergsche Lustspiel zu geben; und Sie werden finden, daß

es mancherlei Erläuterungen bedarf. Es ist nemlich äußerst _national_

und _local_, und spielt ganz in der jetzigen Zeit. -- Es gebricht mir

aber jetzt ganz und gar an Zeit, um dieses mit einiger Vollständigkeit

zu thun. Vieles wird Ihnen auch ohne alle Aufklärung verständlich

sein. -- Die _Blanca_ von _Ingemann_ kennen Sie doch wohl? Diese,

und der Dichter überhaupt, wird scharf, aber lustig mitgenommen.

Die Hauptpersonen dieser Tragoedie, Enrico und Blanca, finden Sie

hier metamorphosirt und travestirt wieder. Der „Kammerjunker mit

einer Harfe“ ist ein gewisser Kammerjunker Lewetzau, der die Blanca

deutsch übersetzt hat. Um den Dialog ~pag. 28-30~ zu verstehen, ist

es nothwendig zu wissen, daß der Professor ~Theologiae~ J. Möller

vor einigen Jahren als ästhetischer Recensent in der dänischen

Litteraturzeitung das Scepter führen wollte, obschon er diesem Buch

gar nicht gewachsen ist. Den Ingemann hatte er besonders in Protection

genommen, und lobte ihn immer auf eine so hyperbolische Art, daß

die Blanca (bei Heiberg ~p. 30~) wohl mit Recht sagen kann: „_Wir_

haben uns nicht zu beklagen!“ -- Die Scene ~p. 59~ u. f. ist ganz

_Kopenhagensch_; doch kennt man ja wohl auch die faden Pfänderspiele

in Deutschland. -- ~Pag. 83~ „Mithridates,“ „Turnus,“ „Warners

Wanderung,“ „Procne,“ -- alles Titel einiger der Ingemannschen Werke.

„Die schwarzen Ritter“ ein großes episch-romantisches Gedicht, was

den großen Fehler hat, weder episch, noch romantisch zu sein. --

~P. 115~ „Die Locke aus Signes blondes Haar“ -- Anspielung auf die

Tragoedie _Signe og Hagbarth_ von Oehlenschläger, wo der gefangene

Hagbarth die Fessel zerreißt, aber sich durch eine Haar-Locke seiner

Geliebten binden läßt -- eine Scene die viel Glück auf der Scene

gemacht hat. Im Stück ist von _blonden_ Haaren die Rede. Die Actrice,

welche Signe gab, hat aber _braunes_ Haar. -- ~P. 186~ _Bogen_ --

hiedurch wird ein bekannter Schriftsteller Hóegh-Guldberg bezeichnet

-- ein eben so schlechter, als arroganter Dichter und Schriftsteller,

und ein äußerst verschrobener Stilist und pedantischer Grammatiker.

-- ~P. 195~ _Mundkurven_. Man hatte in Kopenhagen vor einigen

Jahren die Polizei-Verordnung, daß alle Hunde im Sommer _Maulkörbe_

tragen sollten, um das Beissen der tollgewordnen Hunde zu verhüten.

-- ~P. 163. 164~ -- alle diese Anfangslinien der Prologe, die

Harlekin recitiren will, und die das Publikum so schlecht aufnimmt,

sind Anfänge der verschiedenen Ingemannschen Prologe. -- ~P. 229~

_Reisers Gespenst_. -- Um diese Scene, und die ganze poetische Anrede

des Gespenstes zu verstehen, müßten Sie ein Buch kennen, was ein

alter teutscher Chirurgus, Nahmens Reiser, der als Kind die große

Feuersbrunst in Kopenhagen 1728 erlebt hatte, beinahe 60 Jahre

später, in den 80ger Jahren, dänisch herausgab. Es ist dies eins der

am meisten _komischen_ Bücher, das in dänischer Sprache existirt.

Der Verf. konnte weder schreiben noch buchstabiren, und glaubte

doch ganz kindlich und unbefangen, ein recht gutes und brauchbares

Buch geliefert zu haben. Spötter bestärkten ihn in diesem Glauben.

Eben durch die naive und komische Art, womit der Verfasser sich dem

Gelächter Preis giebt, machte das kleine Buch ein großes Glück und

hatte einen reissenden Abgang. Es erschien bald eine zweite Auflage,

mit dem treuen, carricaturmäßigen Bildniß des einige und 70 Jahre

alten Verfassers; in einen Schwalle von Spottschriften (ich besitze

das Ganze in 2 ziemlichen Octavbänden) wurde er mitgenommen; er aber

blieb sich selber gleich, und gab auch sein _Leben_ heraus, das

freilich nicht ganz so komisch ist, wie die _Feuergeschichte_, aber

doch lustig genug zu lesen. -- Das Glück womit Heiberg den bei uns

jetzt ziemlich vergessenen, und doch in einer gewissen Art klassischen

_Reiser_ am Schlusse seiner Comoedie wieder aufgeführt hat, und ihn

den Schriftstellern und dem Publikum herbe Sachen sagen läßt: werden

Sie selbst erkennen. Ich bemerke nur, wegen einigen Ausdrücken in

der Reiserschen Anrede (die Scene ist der noch stehende Thurm der

1795 abgebrannten S. Nicolai-Kirche), daß er in seinen lächerlichen

Producten mitunter viele Religiosität durchblicken läßt; und daß viele

in den ersten Strofen vorkommenden Ausdrücke _seine eigene_ Worte

sind; so wie auch die mit latein. Lettern gedruckte Worte sich bei

ihm so finden. Die Idee, daß Reiser jede Nacht zur Pforte der Hölle

hinabsteigt, und durch dem Gitterthore kuckt, um alte Erinnerungen

aufzufrischen, und aus einer gewissen _Feuerslust_: werden Sie gewiß

recht komisch finden. -- Nehmen Sie, lieber Freund, mit diesen wenigen

vorlieb; und schreiben Sie mir doch einmal, wie Ihnen die Comoedie

gefallen hat. -- Ueber Heiberg werde ich Ihnen mehr ein ander mal

sagen. -- Auf der _Bibliothek_ ist leider! nichts für Ihr Altengl.

Theater zu gewinnen. Unsre große Sammlung von engl. Comedien in 6

dicken Quartanten sind Alle neuere Sachen (nemlich später als Carl I.).

Ich habe nur eine _einzige_ ältere gefunden, die wir separat haben, und

wenn ich nicht irre in den Zeiten Jakobs I. gedruckt ist. Den Titel

habe ich jetzt nicht bei der Hand. -- Empfehlen Sie freundlichst meinen

Andenken Ihrer liebenswürdigen Familie, und der _Unbekannten_, und

sagen Sie ihnen 1) daß _Hamburg_ mir jetzt etwas besser, wie voriges

Jahr gefallen hat, und daß ich einen ganzen Tag, von Morgens 7 bis zur

Comedien-Zeit die Stadt in allen Richtungen durchstrichen habe, auch

die _sehr schöne_ Promenade auf dem Walle nicht vergessen habe. 2º.)

Daß ich in einigen Tagen (den 23sten Oct.) heirathen werde, obschon die

Sachen sehr in ~ecclesia pressa~ stehn; meine Gesundheit nemlich sich

wieder sehr verschlimmert hat, und man meinen höchst eingeschränkten

Gehalt gar nicht erhöhen will. -- Meine Braut, die Sie besonders von

dem Sternbald her, lieb hat, läßt sich Ihnen auch empfehlen; und ich

schicke Ihnen mit Achtung und Liebe einen herzlichen Gruß von

Ihrem

ergebensten Freunde und Diener

_C. Molbech_.

~P. S.~ _Berlin_ hat mir wenig gefallen. Mit _Hoffmann_

konnte ich nicht, wie mit Ihnen, zu Recht kommen.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 50 / 309 题