Sechste Scene.
Ein prächtiger Saal bei der Lady.
Lady und Sophie treten herein.
Lady. Also sahst du sie? Wird sie kommen?
Sophie. Diesen Augenblick. Sie war noch im Hausgewand und wollte
sich nur in der Geschwindigkeit umkleiden.
Lady. Sage mir nichts von ihr--Stille--wie eine Verbrecherin zittre
ich, die Glückliche zu sehen, die mit meinem Herzen so schrecklich
harmonisch fühlt--Und wie nahm sie sich bei der Einladung?
Sophie. Sie schien bestürzt, wurde nachdenkend, sah mich mit großen
Augen an und schwieg. Ich hatt mich schon auf ihre Ausflüchte
vorbereitet, als sie mit einem Blick, der mich ganz überraschte, zur
Antwort gab: Ihre Dame befiehlt mir, was ich mir morgen erbitten
wollte.
Lady (sehr unruhig). Laß mich, Sophie. Beklage mich. Ich muß
erröthen, wenn sie nur das gewöhnliche Weib ist, und wenn sie mehr
ist, verzagen.
Sophie. Aber, Milady--das ist die Laune nicht, eine Nebenbuhlerin zu
empfangen. Erinnern Sie sich, wer Sie sind. Rufen Sie Ihre Geburt,
Ihren Rang, Ihre Macht zu Hilfe. Ein stolzeres Herz muß die stolze
Pracht Ihres Anblicks erheben.
Lady (zerstreut). Was schwatzt die Närrin da?
Sophie (boshaft). Oder ist es vielleicht Zufall, daß eben heute die
kostbarsten Brillanten an Ihnen blitzen? Zufall, daß eben heute der
reichste Stoff Sie bekleiden muß--daß Ihre Antichambre von Heiducken
und Pagen wimmelt und das Bürgermädchen im fürstlichen Saal Ihres
Palastes erwartet wird?
Lady (auf und ab voll Erbitterung). Verwünscht! Unerträglich! Daß
Weiber für Weiberschwächen solche Luchsaugen haben!--Aber wie tief,
wie tief muß ich schon gesunken sein, daß eine solche Creatur mich
ergründet!
Ein Kammerdiener (tritt auf). Mamsell Millerin-Lady (zu Sophien).
Hinweg, du! Entferne dich! (Drohend, da diese noch zaudert.) Hinweg!
Ich befehl' es! (Sophie geht ab, Lady macht einen Gang durch den
Saal.) Gut! Recht gut, daß ich in Wallung kam! Ich bin, wie ich
wünschte! (Zum Kammerdiener.) Die Mamsell mag hereintreten.
(Kammerdiener geht. Sie wirft sich in den Sopha und nimmt eine
vornehm-nachlässige Lage an.)
Siebente Scene.
Luise Millerin tritt schüchtern herein und bleibt in einer großen
Entfernung von der Lady stehen; Lady hat ihr den Rücken zugewandt und
betracht sie eine Zeit lang aufmerksam in dem gegenüber stehenden
Spiegel. (Nach einer Pause.)
Luise. Gnädige Frau, ich erwarte Ihre Befehle.
Lady (dreht sich nach Luisen um und nickt nur eben mit dem Kopfe,
fremd und zurückgezogen). Aha! Ist Sie hier?--Ohne Zweifel die
Mamsell--eine gewisse--wie nennt man Sie doch?
Luise (etwas empfindlich). Miller nennt sich mein Vater, und Ihro
Gnaden schickten nach seiner Tochter.
Lady. Recht! Recht! ich entsinne mich--die arme Geigerstochter,
wovon neulich die Rede war. (Nach einer Pause vor sich.) Seht
interessant, und doch keine Schönheit--(Laut zu Luisen.) Treten Sie
näher, mein Kind. (Wieder vor sich.) Augen, die sich im Weinen
übten--Wie lieb' ich sie, diese Augen! (Wiederum laut.) Nur
näher--Nur ganz nah--Gutes Kind, ich glaube, du fürchtest mich?
Luise (groß, mit entschiedenem Ton). Nein, Milady. Ich verachte das
Urtheil der Menge.
Lady (vor sich). Sieh doch! und diesen Trotzkopf hat sie von ihm.
(Laut.) Man hat Sie mir empfohlen, Mamsell. Sie soll was gelernt
haben und sonst auch zu leben wissen--Nun ja. Ich will's
glauben--auch nähm' ich die ganze Welt nicht, einen so warmen
Fürsprecher Lügen zu strafen.
Luise. Doch kenn' ich Niemand, Milady, der sich Mühe gäbe, mir eine
Patronin zu suchen.
Lady (geschraubt). Mühe um die Clientin oder Patronin?
Luise. Das ist mir zu hoch, gnädige Frau.
Lady. Mehr Schelmerei, als diese offene Bildung vermuthen läßt!
Luise nennt sie sich? Und wie jung, wenn man fragen darf?
Luise. Sechzehn gewesen.
Lady (steht rasch auf). Nun ist's heraus! Sechzehn Jahre! Der
erste Puls dieser Leidenschaft!--Auf dem unberührten Clavier der
erste einweihende Silberton--Nichts ist verführender--Setz dich, ich
bin dir gut, liebes Mädchen--Und auch er liebt zum ersten Mal--Was
Wunder, wenn sich die Strahlen eines Morgenroths finden? (Sehr
freundlich und ihre Hand ergreifend.) Es bleibt dabei, ich will dein
Glück machen, Liebe--Nichts, nichts als die süße, frühe verfliegende
Träumerei. (Luisen auf die Wange klopfend.) Meine Sophie heirathet.
Du sollst ihre Stelle haben--Sechzehn Jahr! Es kann nicht von Dauer
sein.
Luise (küßt ihr ehrerbietig die Hand). Ich danke für diese Gnade,
Milady, als wenn ich sie annehmen dürfte.
Lady (in Entrüstung zurückfallend). Man sehe die große Dame!--Sonst
wissen sich Jungfern Ihrer Herkunft noch glücklich, wenn sie
Herrschaften finden--Wo will denn Sie hinaus, meine Kostbare? Sind
diese Finger zur Arbeit zu niedlich? Ist es Ihr Bischen Gesicht,
worauf Sie so trotzig thut?
Luise. Mein Gesicht, gnädige Frau, gehört mir so wenig, als meine
Herkunft.
Lady. Oder glaubt Sie vielleicht, das werde nimmer ein Ende
nehmen?--Armes Geschöpf, wer dir das in den Kopf setzte--mag er sein,
wer er will--er hat euch Beide zum Besten gehabt. Diese Wangen sind
nicht im Feuer vergoldet. Was dir dein Spiegel für massiv und ewig
verkauft, ist nur ein dünner, angeflogener Goldschaum, der deinem
Anbeter über kurz oder lang in der Hand bleiben muß--Was werden wir
dann machen?
Luise. Den Anbeter bedauern, Milady, der einen Demant kaufte, weil
er in Gold schien gefaßt zu sein.
Lady (ohne darauf achten zu wollen). Ein Mädchen von Ihren
Jahren hat immer zween Spiegel zugleich, den wahren und ihren
Bewunderer--die gefällige Geschmeidigkeit des letztern macht die
rauhe Offenherzigkeit des erstern wieder gut. Der eine rügt eine
häßliche Blatternarbe. Weit gefehlt, sagt der andere, es ist ein
Grübchen der Grazien. Ihr guten Kinder glaubt jenem nur, was euch
dieser gesagt hat, hüpft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die
Aussagen beider verwechselt--Warum begaffen Sie mich so?
Luise. Verzeihen Sie, gnädige Frau--Ich war so eben im Begriff,
diesen prächtig blitzenden Rubin zu beweinen, der es nicht wissen muß,
daß seine Besitzerin so scharf wider Eitelkeit eifert.
Lady (erröthend). Keinen Seitensprung, Lose!--Wenn es nicht die
Promessen Ihrer Gestalt sind, was in der Welt könnte Sie abhalten,
einen Stand zu erwählen, der der einzige ist, wo Sie Manieren und
Welt lernen kann, der einzige ist, wo Sie sich Ihrer bürgerlichen
Vorurtheile entledigen kann?
Luise. Auch meiner bürgerlichen Unschuld, Milady?
Lady. Läppischer Einwurf! Der ausgelassenste Bube ist zu verzagt,
uns etwas Beschimpfendes zuzumuthen, wenn wir ihm nicht selbst
ermunternd entgegen gehn. Zeige Sie, wer Sie ist. Gebe Sie sich
Ehre und Würde, und ich sage Ihrer Jugend für alle Versuchung gut.
Luise. Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich mich unterstehe, daran zu
zweifeln. Die Paläste gewisser Damen sind oft die Freistätten der
frechsten Ergötzlichkeit. Wer sollte der Tochter des armen Geigers
den Heldenmuth zutrauen, den Heldenmuth, mitten in die Pest sich zu
werfen und doch dabei vor der Vergiftung zu schaudern? Wer sollte
sich träumen lassen, daß Lady Milford ihrem Gewissen einen ewigen
Skorpion halte, daß sie Geldsummen aufwende, um den Vortheil zu haben,
jeden Augenblick schamroth zu werden?--Ich bin offenherzig, gnädige
Frau--Würde Sie mein Anblick ergötzen, wenn Sie einem Vergnügen
entgegen gingen? Würden Sie ihn ertragen, wenn Sie zurückkämen?--O
besser, besser, Sie lassen Himmelsstriche uns trennen--Sie lassen
Meere zwischen uns fließen!--Sehen Sie sich wohl für, Milady--Stunden
der Nüchternheit, Augenblicke der Erschöpfung könnten sich
melden--Schlangen der Reue könnten Ihren Busen anfallen, und
nun--welche Folter für Sie, im Gesicht Ihres Dienstmädchens die
heitre Ruhe zu lesen, womit die Unschuld ein reines Herz zu belohnen
pflegt. (Sie tritt einen Schritt zurück.) Noch einmal, gnädige Frau.
Ich bitte sehr um Vergebung.
Lady (in großer innrer Bewegung herumgehend). Unerträglich, daß sie
mir das sagt! Unerträglicher, daß sie Recht hat! (Zu Luisen tretend
und ihr starr in die Augen sehend.) Mädchen, du wirst mich nicht
überlisten. So warm sprechen Meinungen nicht. Hinter diesen Maximen
lauert ein feurigeres Interessen, das dir meine Dienste besonders
abscheulich malt--das dein Gespräch so erhitzte--das ich (drohend)
entdecken muß.
Luise (gelassen und edel). Und wenn Sie es nun entdeckten? Und
wenn Ihr verächtlicher Fersenstoß den beleidigten Wurm aufweckte,
dem sein Schöpfer gegen Mißhandlung noch einen Stachel gab?--Ich
fürchte Ihre Rache nicht, Lady--Die arme Sünderin auf dem
berüchtigten Henkerstuhl lacht zum Weltuntergang. Mein Elend ist
so hoch gestiegen, daß selbst Aufrichtigkeit es nicht mehr
vergrößern kann. (Nach einer Pause sehr ernsthaft.) Sie wollen
mich aus dem Staub meiner Herkunft reißen. Ich will sie nicht
zergliedern, diese verdächtige Gnade. Ich will nur fragen, was
Milady bewegen konnte, mich für die Thörin zu halten, die über
ihre Herkunft erröthet? Was sie berechtigen konnte, sich zur
Schöpferin meines Glücks aufzuwerfen, ehe sie noch wußte, ob ich
mein Glück auch von ihren Händen empfangen wollte?--Ich hatte
meinen ewigen Anspruch auf die Freuden der Welt zerrissen. Ich
hatte dem Glück seine Übereilung vergeben--Warum mahnen Sie mich
aufs Neu an dieselbe?--Wenn selbst die Gottheit dem Blick der
Erschaffenen ihre Strahlen verbirgt, daß nicht ihr oberster Seraph
vor seiner Verfinsterung zurückschaure--warum wollen Menschen so
grausam-barmherzig sein?--Wie kommt es, Milady, daß Ihr
gepriesenes Glück das Elend so gern um Neid und Bewunderung
anbettelt?--Hat Ihre Wonne die Verzweiflung so nöthig zur
Folie?--O lieber! so gönnen Sie mir doch eine Blindheit, die mich
allein noch mit meinem barbarischen Loos versöhnt--Fühlt sich doch
das Insekt in einem Tropfen Wassers so selig, als wär' es ein
Himmelreich, so froh und so selig, bis man ihm von einem Weltmeer
erzählt, worin Flotten und Wallfische spielen!--Aber glücklich
wollen Sie mich ja wissen? (Nach einer Pause plötzlich zur Lady
hintretend und mit Überraschung fragend:) Sind Sie glücklich,
Milady? (Diese verläßt sie schnell und betroffen, Luise folgt ihr
und hält ihr die Hand vor den Busen.) Hat dieses Herz auch die
lachende Gestalt Ihres Standes? Und wenn wir jetzt Brust gegen
Brust und Schicksal gegen Schicksal auswechseln sollten--und wenn
ich in kindlicher Unschuld--und wenn ich auf Ihr Gewissen--und
wenn ich als meine Mutter Sie fragte--würden Sie mir wohl zu dem
Tausche rathen?
Lady (heftig bewegt in den Sopha sich werfend). Unerhört!
Unbegreiflich! Nein, Mädchen! Nein! Diese Größe hast du nicht auf
die Welt gebracht, und für einen Vater ist sie zu jugendlich. Lüge
mir nicht. Ich höre einen andern Lehrer-Luise (fein und scharf ihr
in die Augen sehend). Es sollte mich doch wundern, Milady, wenn Sie
jetzt erst auf diesen Lehrer fielen, und doch vorhin schon eine
Condition für mich wußten.
Lady (springt auf). Es ist nicht auszuhalten!--Ja denn! weil ich
dir doch nicht entwischen kann. Ich kenn' ihn--weiß Alles--weiß
mehr, als ich wissen mag. (Plötzlich hält sie inne, darauf mit
einer Heftigkeit, die nach und nach bis beinahe zum Toben steigt.)
Aber wag' es, Unglückliche--wag' es, ihn jetzt noch zu lieben oder
von ihm geliebt zu werden--Was sage ich?--Wag' es, an ihn zu
denken oder einer von seinen Gedanken zu sein--Ich bin mächtig,
Unglückliche--fürchterlich--so wahr Gott lebt! Du bist verloren!
Luise (standhaft). Ohne Rettung, Milady, sobald Sie ihn zwingen, daß
er Sie lieben muß.
Lady. Ich verstehe dich--aber er soll mich nicht lieben. Ich will
über diese schimpfliche Leidenschaft siegen, mein Herz unterdrücken
und das deinige zermalmen--Felsen und Abgründe will ich zwischen euch
werfen; eine Furie will ich mitten durch euren Himmel gehen; mein
Name soll eure Küsse, wie ein Gespenst Verbrecher, auseinander
scheuchen; deine junge blühende Gestalt unter seiner Umarmung welk,
wie eine Mumie, zusammenfallen--Ich kann nicht mit ihm glücklich
werden--aber du sollst es auch nicht werden--Wisse das, Elende!
Seligkeit zerstören ist auch Seligkeit.
Luise. Eine Seligkeit, um die man Sie schon gebracht hat, Milady.
Lästern Sie Ihr eigenes Herz nicht. Sie sind nicht fähig, Das
auszuüben, was Sie so drohend auf mich herabschwören. Sie sind nicht
fähig, ein Geschöpf zu quälen, das Ihnen nichts zu Leide gethan, als
daß es empfunden hat wie Sie--Aber ich liebe Sie um dieser Wallung
willen, Milady.
Luise (die sich jetzt gefaßt hat). Wo bin ich? Wo war ich? Was
hab' ich merken lassen? Wen hab' ich's merken lassen?--O Luise, edle,
große, göttliche Seele! Vergib's einer Rasenden--Ich will dir kein
Haar kränken, mein Kind. Wünsche! Fordre! Ich will dich auf den
Händen tragen, deine Freundin, deine Schwester will ich sein--Du bist
arm--Sieh! (Einige Brillanten herunternehmend.) Ich will diesen
Schmuck verkaufen--meine Garderobe, Pferd und Wagen verkaufen--Dein
sei Alles, aber entsag' ihm!
Luise (tritt zurück voll Befremdung). Spottet sie einer
Verzweifelnden, oder sollte sie an der barbarischen That im Ernst
keinen Antheil gehabt haben?--Ha! So könnt' ich mir ja noch den
Schein einer Heldin geben und meine Ohnmacht zu einem Verdienst
aufputzen. (Sie steht eine Weile gedankenvoll, dann tritt sie näher
zur Lady, faßt ihre Hand und sieht sie starr und bedeutend an.)
Nehmen Sie ihn denn hin, Milady!--Freiwillig tret' ich Ihnen ab den
Mann, den man mit Haken der Hölle von meinem blutenden Herzen riß.
--Vielleicht wissen Sie es selbst nicht, Milady, aber Sie haben den
Himmel zweier Liebenden geschleift, von einander gezerrt zwei Herzen,
die Gott aneinander band; zerschmettert ein Geschöpf, das ihm nahe
ging wie Sie, das er zur Freude schuf wie Sie, das ihn gepriesen hat
wie Sie, und ihn nun nimmermehr preisen wird--Lady! ins Ohr des
Allwissenden schreit auch der letzte Krampf des zertretenen Wurms--Es
wird ihm nicht gleichgültig sein, wenn man Seelen in seinen Händen
mordet! Jetzt ist er Ihnen! Jetzt, Milady, nehmen Sie ihn hin!
Rennen Sie in seine Arme! Reißen Sie ihn zum Altar--Nur vergessen
Sie nicht, daß zwischen Ihren Brautkuß das Gespenst einer
Selbstmörderin stürzen wird--Gott wird barmherzig sein--Ich kann mir
nicht anders helfen! (Sie stürzt hinaus.)
Achte Scene.
Lady allein, steht erschüttert und außer sich, den starren Blick nach
der Thüre gerichtet, durch welche die Millerin weggeeilt; endlich
erwacht sie aus ihrer Betäubung.
Wie war das? Wie geschah mir? Was sprach die Unglückliche?--Noch, o
Himmel! noch zerreißen sie meine Ohren, die fürchterlichen, mich
verdammenden Worte: nehmen Sie ihn hin!--Wen, Unglückselige? das
Geschenk deines Sterberöchelns--das schauervolle Vermächtniß deiner
Verzweiflung? Gott! Gott! Bin ich so tief gesunken--so plötzlich
von allen Thronen meines Stolzes herabgestürzt, daß ich heißhungrig
erwarte, was einer Bettlerin Großmuth aus ihrem letzten Todeskampfe
mir zuwerfen wird?--Nehmen Sie ihn hin! und das spricht sie mit einem
Tone, begleitet sie mit einem Blick--Ha! Emilie! bist du darum über
die Grenzen deines Geschlechts weggeschritten? Mußtest du darum um
den prächtigen Namen des großen brittischen Weibes buhlen, daß das
prahlende Gebäude deiner Ehre neben der höheren Tugend einer
verwahrlosten Bürgerdirne versinken soll?--Nein, stolze Unglückliche!
nein!--Beschämen läßt sich Emilie Milford--doch beschimpfen nie!
Auch ich habe Kraft, zu entsagen.
(Mit majestätischen Schritten auf und nieder.)
Verkrieche dich jetzt, weiches, leidendes Weib!--Fahret hin, süße,
goldene Bilder der Liebe--Großmuth allein sei jetzt meine
Führerin!--Dieses liebende Paar ist verloren, oder Milford muß
ihren Anspruch vertilgen und im Herzen des Fürsten erlöschen!
(Nach einer Pause, lebhaft.) Es ist geschehen!--Gehoben das
furchtbare Hinderniß--zerbrochen alle Bande zwischen mir und dem
Herzog, gerissen aus meinem Busen diese wüthende Liebe!--In deine
Arme werf' ich mich, Tugend!--Nimm sie auf, deine reuige Tochter
Emilie!--Ha! wie mir so wohl ist! Wie ich auf einmal so leicht,
so gehoben mich fühle!--Groß, wie eine fallende Sonne, will ich
heut vom Gipfel meiner Hoheit heruntersinken, meine Herrlichkeit
sterbe mit meiner Liebe, und nichts als mein Herz begleite mich in
diese stolze Verweisung. (Entschlossen zum Schreibpult gehend.)
Jetzt gleich muß es geschehen--jetzt auf der Stelle, ehe die Reize
des lieben Jünglings den blutigen Kampf meines Herzens erneuern.
(Sie setzt sich nieder und fängt an zu schreiben.)
Neunte Scene.
Lady. Ein Kammerdiener. Sophie, hernach der Hofmarschall, zuletzt
Bedienter.
Kammerdiener. Hofmarschall von Kalb stehen im Vorzimmer mit einem
Auftrag vom Herzog.
Lady (in der Hitze des Schreibens.) Auftaumeln wird sie, die
fürstliche Drahtpuppe! Freilich! Der Einfall ist auch drollig genug,
so eine durchlauchtigte Hirnschale auseinander zu treiben!--Seine
Hofschranzen werden wirbeln--Das ganze Land wird in Gährung kommen.
Kammerdiener und Sophie. Der Hofmarschall, Milady-Lady (dreht sich
um). Wer? Was?--Desto besser! Diese Sorte von Geschöpfen ist zum
Sacktragen auf der Welt. Er soll mir willkommen sein.
Kammerdiener (geht ab).
Sophie (ängstlich näher kommend). Wenn ich nicht fürchten müßte,
Milady, es wäre Vermessenheit (Lady schreibt hitzig fort.) Die
Millerin stürzte außer sich durch den Vorsaal--Sie glühen--Sie
sprechen mit sich selbst. (Lady schreibt immer fort.) Ich
erschrecke--Was muß geschehen sein?
Hofmarschall (tritt herein, macht dem Rücken der Lady tausend
Verbeugungen; da sie ihn nicht bemerkt, kommt er näher, stellt sich
hinter ihren Sessel, sucht den Zipfel ihres Kleides wegzukriegen und
drückt einen Kuß darauf, mit furchtsamem Lispeln). Serenissimus-Lady
(indem sie Sand streut und das Geschriebene durchfliegt). Er wird
mir schwarzen Undank zur Last legen--Ich war eine verlassene. Er hat
mich aus dem Elend gezogen--Aus dem Elend?--Abscheulicher Tausch!
--Zerreiße deine Rechnung, Verführer! Meine ewige Schamröthe bezahlt
sie mit Wucher.
Hofmarschall (nachdem er die Lady vergeblich von allen Seiten
umgangen hat). Milady scheinen etwas distrait zu sein--Ich werde mir
wohl selbst die Kühnheit erlauben müssen. (Sehr laut.) Serenissimus
schicken mich, Milady zu fragen, ob diesen Abend Vauxhall sein werde
oder deutsche Komödie?
Lady (lachend aufstehend). Eines von beiden, mein Engel--Unterdessen
bringen Sie Ihrem Herzog diese Karte zum Dessert! (Gegen Sophie.).
Du, Sophie, befiehlst, daß man anspannen soll, und rufst meine ganze
Garderobe in diesem Saal zusammen-Sophie (geht ab voll Bestürzung).
O Himmel! Was ahnet mir? Was wird das noch werden?
Hofmarschall. Sie sind echauffiert, meine Gnädige?
Lady. Um so weniger wird hier gelogen sein--Hurrah, Herr
Hofmarschall! Es wird eine Stelle vacant. Gut Wetter für Kuppler!
(Das der Marschall einen zweifelhaften Blick auf den Zettel wirft.)
Lesen Sie, lesen Sie!--Es ist mein Wille, daß der Inhalt nicht unter
vier Augen bleibe.
Hofmarschall (liest, unterdessen sammeln sich die Bedienten der Lady
im Hintergrund):
"Gnädigster Herr!
Ein Vertrag, den Sie so leichtsinnig brachen, kann mich nicht mehr
binden. Die Glückseligkeit Ihres Landes war die Bedingung meiner
Liebe. Drei Jahre währte der Betrug. Die Binde fällt mir von den
Augen. Ich verabscheue Gunstbezeugungen, die von den Thränen der
Unterthanen triefen.--Schenken Sie die Liebe, die ich Ihnen nicht
mehr erwiedern kann, Ihrem weinenden Lande und lernen von einer
brittischen Fürstin Erbarmen gegen Ihr deutsches Volk. In einer
Stunde bin ich über der Grenze.