Wurm. "An Herrn Hofmarschall von Kalb."

Luise. Ewige Vorsicht! Ein Name, so fremd meinen Ohren, als meinem

Herzen diese schändlichen Zeilen. (Sie steht auf und betrachtet eine

große Pause lang mit starrem Blick das Geschriebene, endlich reicht

sie es dem Secretär mit erschöpfter, hinsterbender Stimme.) Nehmen

Sie, mein Herr. Es ist mein ehrlicher Name--es ist Ferdinand--es ist

die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Hände gebe--Ich

bin eine Bettlerin.

Wurm. O nein doch! Verzagen Sie nicht, liebe Mademoiselle. Ich

habe herzliches Mitleid mit Ihnen. Vielleicht--wer weiß?--Ich könnte

mich noch wohl über gewisse Dinge hinwegsetzen--Wahrlich! Bei Gott!

Ich habe Mitleid mit Ihnen.

Luise (blickt ihn starr und durchdringend an). Reden Sie nicht aus,

mein Herr. Sie sind auf dem Wege, sich etwas Entsetzliches zu

wünschen.

Wurm (im Begriff, ihre Hand zu küssen). Gesetzt, es wäre diese

niedliche Hand--Wie so, liebe Jungfer?

Luise (groß und schrecklich). Weil ich dich in der Brautnacht

erdrosselte und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten ließe. (Sie

will gehen, kommt aber schnell zurück.) Sind wir jetzt fertig, mein

Herr? Darf die Taube nun fliegen?

Wurm. Nur noch die Kleinigkeit, Jungfer. Die müssen mit mir und das

Sacrament darauf nehmen, diesen Brief für einen freiwilligen zu

erkennen.

Luise. Gott! Gott! und du selbst mußt das Siegel geben, die Werke

der Hölle zu verwahren? (Wurm zieht sie fort.)

Vierter Akt.

Erste Scene.

Saal beim Präsidenten.

Ferdinand von Walter, einen offenen Brief in der Hand, kommt

stürmisch durch eine Thüre, durch eine andere ein Kammerdiener.

Ferdinand. War kein Marschall da?

Kammerdiener. Herr Major, der Herr Präsident fragt nach Ihnen.

Ferdinand. Alle Donner! Ich frag', war kein Marschall da?

Kammerdiener. Der gnädige Herr sitzt oben am Pharotisch.

Ferdinand. Der gnädige Herr soll im Namen der ganzen Hölle daher

kommen. (Kammerdiener geht.)

Zweite Scene.

Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erstarrend, bald

wüthend herumstürzend.

Es ist nicht möglich! nicht möglich! Diese himmlische Hülle

versteckt kein so teuflisches Herz--Und doch! doch! Wenn alle Engel

herunter stiegen, für ihre Unschuld bürgten--wenn Himmel und Erde,

wenn Schöpfung und Schöpfer zusammenträten, für ihre Unschuld

bürgten--es ist ihre Hand--Ein unerhörter, ungeheurer Betrug, wie die

Menschheit noch keinen erlebte!--Das also war's, warum man sich so

beharrlich der Flucht widersetzt!--Darum--o Gott! jetzt erwach' ich,

jetzt enthüllt sich mir Alles!--Darum gab man seinen Anspruch auf

meine Liebe mit so viel Heldenmuth auf, und bald, bald hätte selbst

mich die himmlische Schminke betrogen!

(Er stürzt rascher durchs Zimmer, dann steht er wieder nachdenkend

still.)

Mich so ganz zu ergründen!--Jedes kühne Gefühl, jede leise

schüchterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung--An der

feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu

fassen--Mich zu berechnen in einer Thräne--Auf jeden gähen Gipfel der

Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem

schwindelnden Absturz--Gott! Gott! und alles Das nichts als

Grimasse?--Grimasse? O, wenn die Lüge eine so haltbare Farbe hat,

wie ging es zu, daß sich kein Teufel noch in das Himmelreich

hineinlog?

Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch überzeugender

Täuschung erblaßte die Falsche da! Mit welch siegender Würde schlug

sie den frechen Hohn meines Vaters zu Boden, und in eben dem

Augenblick fühlte das Weib sich doch schuldig!--Was? hielt sie nicht

selbst die Feuerprobe der Wahrheit aus--die Heuchlerin sinkt in

Ohnmacht. Welche Sprache wirst du jetzt führen, Empfindung? Auch

Koketten sinken in Ohnmacht. Womit wirst du dich rechtfertigen,

Unschuld?--Auch Metzen sinken in Ohnmacht.

Sie weiß, was sie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele

gesehen. Mein Herz trat beim Erröthen des ersten Kusses sichtbar in

meine Augen--und sie empfand nichts? empfand vielleicht nur den

Triumph ihrer Kunst?--Da mein glücklicher Wahnsinn den ganzen Himmel

in ihr zu umspannen wähnte, meine wildesten Wünsche schwiegen--vor

meinem Gemüth stand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das

Mädchen--Gott! da empfand sie nichts? fühlte nichts, als ihren

Anschlag gelungen? nichts, als ihre Reize geschmeichelt? Tod und

Rache! Nichts! als daß ich betrogen sei?

Dritte Scene.

Der Hofmarschall und Ferdinand.

Hofmarschall (ins Zimmer trippelnd). Sie haben den Wunsch blicken

lassen, mein Bester-Ferdinand (vor sich hinmurmelnd). Einem Schurken

den Hals zu brechen. (Laut.) Marschall, dieser Brief muß Ihnen bei

der Parade aus der Tasche gefallen sein--und ich (mit boshaftem

Lachen) war zum Glück noch der Finder.

Hofmarschall. Sie?

Ferdinand. Durch den lustigsten Zufall. Machen Sie's mit der

Allmacht aus.

Hofmarschall. Sie sehen, wie ich erschrecke, Baron.

Ferdinand. Lesen Sie! Lesen Sie! (Von ihm weggehend.) Bin ich auch

schon zum Liebhaber zu schlecht, vielleicht lass' ich mich desto

besser als Kuppler an.

(Während Jener liest, tritt er zur Wand und nimmt zwei Pistolen

herunter.)

Hofmarschall (wirft den Brief auf den Tisch und will sich davon

machen). Verflucht!

Ferdinand (führt ihn am Arm zurück). Geduld, lieber Marschall. Die

Zeitungen dünken mich angenehm. Ich will meinen Finderlohn haben.

(Hier zeigt er ihm die Pistolen.)

Hofmarschall (tritt bestürzt zurück). Sie werden vernünftig sein,

Bester.

Ferdinand (mit starker, schrecklicher Stimme). Mehr als zu viel, um

einen Schelmen, wie du bist, in jene Welt zu schicken! (Er dringt

ihm die eine Pistole auf, zugleich zieht er sein Schnupftuch.) Nehmen

Sie! Dieses Schnupftuch da fassen Sie!--Ich hab's von der Buhlerin.

Hofmarschall. Über dem Schnupftuch? Rasen Sie? Wohin denken Sie?

Ferdinand. Faß dieses End' an, sag' ich! sonst wirst du ja fehl

schießen, Memme!--Wie sie zittert, die Memme! Du solltest Gott

danken, Memme, daß du zum ersten Mal etwas in deinen Hirnkasten

kriegst. (Hofmarschall macht sich auf die Beine.) Sachte! dafür wird

gebeten sein. (Er überholt ihn und riegelt die Thür.)

Hofmarschall. Auf dem Zimmer, Baron?

Ferdinand. Als ob sich mit dir ein Gang vor den Wall

verlohnte?--Schatz, so knallt's desto lauter, und das ist ja doch

wohl das erste Geräusch, das du in der Welt machst--Schlag an!

Hofmarschall (wischt sich die Stirn). Und Sie wollen Ihr kostbares

Leben so aussetzen, junger, hoffnungsvoller Mann?

Ferdinand. Schlag an, sag' ich. Ich habe nichts mehr in dieser Welt

zu thun.

Hofmarschall. Aber ich desto mehr, mein Allervortrefflichster.

Ferdinand. Du, Bursche? Was, du?--Der Nothnagel zu sein, wo die

Menschen sich rar machen? In einem Augenblick siebenmal kurz und

siebenmal lang zu werden, wie der Schmetterling an der Nadel? Ein

Register zu führen über die Stuhlgänge deines Herrn und der Miethgaul

seines Witzes zu sein? Eben so gut, ich führe dich, wie irgend ein

seltenes Murmelthier mit mir. Wie ein zahmer Affe sollst du zum

Geheul der Verdammten tanzen, apportieren und aufwarten und mit

deinen höfischen Künsten die ewige Verzweiflung belustigen.

Hofmarschall. Was Sie befehlen, Herr! wie Sie belieben--Nur die

Pistolen weg!

Ferdinand. Wie er dasteht, der Schmerzenssohn!--Dasteht dem sechsten

Schöpfungstag zum Schimpfe! Als wenn ihn ein Tübinger Buchhändler

dem Allmächtigen nachgedruckt hätte!--Schade nur, ewig Schade für die

Unze Gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren Schädel wuchert.

Diese einzige Unze hätte dem Pavian noch vollends zum Menschen

geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht--Und mit

Diesem ihr Herz zu theilen?--Ungeheuer! Unverantwortlich!--Einem

Kerl, mehr gemacht, von Sünden zu entwöhnen, als dazu anzureizen.

Hofmarschall. O! Gott sei ewig Dank! Er wird witzig.

Ferdinand. Ich will ihn gelten lassen. Die Toleranz, die der

Raupe schont, soll auch Diesem zu gute kommen. Man begegnet

ihm, zuckt etwa die Achsel, bewundert vielleicht noch die kluge

Wirthschaft des Himmels, der auch mit Träbern und Bodensatz noch

Creaturen speist; der dem Raben am Hochgericht und einem Höfling

im Schlamme der Majestäten den Tisch deckt--Zuletzt erstaunt man

noch über die große Polizei der Vorsicht, die auch in der

Geisterwelt ihre Blindschleichen und Taranteln zur Ausfuhr des

Gifts besoldet--Aber (indem seine Wuth sich erneuert) an meine

Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es

(den Marschall fassend und unsanft herumschüttelnd) so, und so,

und wieder so durcheinander quetschen.

Hofmarschall (für sich hinseufzend). O mein Gott! Wer hier weg wäre!

Hundert Meilen von hier, im Bicêtre zu Paris, nur bei Diesem nicht!

Ferdinand. Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist? Bube! wenn du

genossest, wo ich anbetete? (wüthender) Schwelgtest, wo ich einen

Gott mich fühlte. (Plötzlich schweigt er, darauf fürchterlich.) Dir

wäre besser, Bube, du flöhest der Hölle zu, als daß dir mein Zorn im

Himmel begegnete!--Wie weit kamst du mit dem Mädchen? Bekenne!

Hofmarschall. Lassen Sie mich los. Ich will Alles verrathen.

Ferdinand. O! es muß reizender sein, mit diesem Mädchen zu buhlen,

als mit andern noch so himmlisch zu schwärmen--Wollte sie

ausschweifen, wollte sie, sie könnte den Werth der Seele

herunterbringen und die Tugend mit der Wollust verfälschen. (Dem

Marschall die Pistole aufs Herz drückend.) Wie weit kamst du mit ihr?

Ich drücke ab, oder bekenne!

Hofmarschall. Es ist nichts--ist ja Alles nichts. Haben Sie nur

eine Minute Geduld. Sie sind ja betrogen.

Ferdinand. Und daran mahnst du mich, Bösewicht?--Wie weit kamst du

mit ihr? Du bist des Todes, oder bekenne!

Hofmarschall. Mon Dieu! Mein Gott! Ich spreche ja--so hören Sie

doch nur--Ihr Vater--Ihr eigener, leiblicher Vater-Ferdinand

(grimmiger). Hat seine Tochter an dich verkuppelt? Und wie weit

kamst du mit ihr? Ich ermorde dich, oder bekenne!

Hofmarschall. Sie rasen. Sie hören nicht. Ich sah sie nie. Ich

kenne sie nicht. Ich weiß gar nichts von ihr.

Ferdinand (zurücktretend). Du sahst sie nie? Kennst sie nicht?

Weißt gar nichts von ihr?--Die Miller ist ist verloren um

deinetwillen; die leugnest sie dreimal in einem Athem hinweg?--Fort,

schlechter Kerl! (Er gibt ihm mit der Pistole einen Streich und

stößt ihn aus dem Zimmer.) Für deines Gleichen ist kein Pulver

erfunden!

Vierte Scene.

Ferdinand nach einem langen Stillschweigen, worin seine Züge einen

schrecklichen Gedanken entwickeln.

Verloren! ja, Unglückselige!--Ich bin es. Du bist es auch. Ja, bei

dem großen Gott! wenn ich verloren bin, bist du es auch! Richter der

Welt! Fordre sie mir nicht ab! Das Mädchen ist mein. Ich trat dir

deine ganze Welt für das Mädchen ab, habe Verzicht gethan auf deine

ganze herrliche Schöpfung. Laß mir das Mädchen.--Richter der Welt!

dort winseln Millionen Seelen nach dir--dorthin kehre das Auge deines

Erbarmens--mich laß allein machen, Richter der Welt! (Indem er

schrecklich die Hände faltet.) Sollte der reiche, vermögende Schöpfer

mit einer Seele geizen, die noch dazu die schlechteste seiner

Schöpfung ist?--Das Mädchen ist mein! Ich einst ihr Gott, jetzt ihr

Teufel!

(Die Augen graß in einen Winkel geworfen.)

Eine Ewigkeit mit ihr auf ein Rad der Verdammniß geflochten--Augen in

Augen wurzelnd--Haare zu Berge stehend gegen Haare--auch unser hohles

Wimmern in eins geschmolzen--und jetzt zu wiederholen meine

Zärtlichkeiten und jetzt ihr vorzusingen ihre Schwüre--Gott! Gott!

die Vermählung ist fürchterlich--aber ewig! (Er will schnell hinaus.

Der Präsident tritt herein.)

Fünfte Scene.

Der Präsident und Ferdinand.

Ferdinand (zurücktretend). O!--mein Vater!

Präsident. Sehr gut, daß wir uns finden, mein Sohn. Ich komme, dir

etwas Angenehmes zu verkündigen, und etwas, lieber Sohn, das dich

ganz gewiß überraschen wird. Wollen wir uns setzen?

Ferdinand (sieht ihn lange Zeit starr an). Mein Vater! (Mit

stärkerer Bewegung zu ihm gehend und seine Hand fassend.) Mein Vater!

(Seine Hand küssend, vor ihm niederfallend.) O mein Vater!

Präsident. Was ist dir, mein Sohn? Steh auf. Deine Hand brennt und

zittert.

Ferdinand (mit wilder, feuriger Empfindung). Verzeihung für meinen

Undank, mein Vater! Ich bin ein verworfener Mensch. Ich habe Ihre

Güte mißkannt! Sie meinten es mit mir so väterlich!--O! Sie hatten

eine weissagende Seele--jetzt ist's zu spät--Verzeihung! Verzeihung!

Ihren Segen, mein Vater!

Präsident (heuchelt eine schuldlose Miene). Steh auf, mein Sohn!

Besinne dich, daß du mir Räthsel sprichst.

Ferdinand. Diese Millerin, mein Vater--O, Sie kennen den

Menschen--Ihre Wuth war damals so gerecht, so edel, so väterlich

warm--nur verfehlte der warme Vatereifer des Weges--diese Millerin!

Präsident. Martre mich nicht, mein Sohn. Ich verfluche meine Härte!

Ich bin gekommen, dir abzubitten.

Ferdinand. Abbitten an mir! Verfluchen an mir!--Ihre Mißbilligung

war Weisheit. Ihre Härte war himmlisches Mitleid--Diese Millerin,

Vater-Präsident. Ist ein edles, ein liebes Mädchen.--Ich widerrufe

meinen übereilten Verdacht. Sie hat meine Achtung erworben.

Ferdinand (springt erschüttert auf). Was? auch Sie?--Vater! auch

Sie?--und nicht wahr, mein Vater, ein Geschöpf wie die Unschuld?--Und

es ist so menschlich, dieses Mädchen zu lieben?

Präsident. Sage so: es ist Verbrechen, sie nicht zu lieben.

Ferdinand. Unerhört! Ungeheuer!--Und Sie schauen ja doch sonst die

Herzen so durch! Sahen sie noch dazu mit Augen des Hasses!

--Heuchelei ohne Beispiel--Diese Millerin, Vater-Präsident. Ist es

werth, meine Tochter zu sein. Ich rechne ihre Tugend für Ahnen und

ihre Schönheit für Gold. Meine Grundsätze weichen deiner Liebe--Sie

sei dein!

Ferdinand (stürzt fürchterlich aus dem Zimmer). Das fehlte noch!

--Leben Sie wohl, mein Vater. (Ab.)

Kabale und Liebe: Ein bürgerliches Trauerspiel · 第 8 / 10 题