XIV. Kapitel.

Das Weib und die Menschheit.

Nun erst ist es möglich, gereinigt und gewaffnet nochmals vor die

Frage der Emanzipation des Weibes zu treten. Gereinigt, weil nun nicht

mehr die tausend fliegenden Mücken jener Zweideutigkeiten, welche den

Gegenstand umspielen, den Blick trüben; gewaffnet, weil im Besitze

fester theoretischer Begriffe und sicherer ethischer Anschauungen. Fern

ab von dem Tummelplatze der gewöhnlichen Kontroversen und selbst weit

über das Problem der ungleichen Begabung hinaus ist die Untersuchung

an Punkte gelangt, welche die Rolle des Weibes im Weltganzen und

den Sinn seiner Mission für den Menschen ahnen ließen. Darum sollen

auch hier Fragen von allzu besonderem Charakter in die Erörterung

nicht einbezogen werden; diese ist nicht optimistisch genug, auf die

Führung politischer Geschäfte von ihren Resultaten einen Einfluß zu

erhoffen. Darum verzichtet sie auf die Ausarbeitung sozialhygienischer

Vorschläge, und behandelt das Problem vom Standpunkte jener Idee der

Menschheit, die über der Philosophie von _Immanuel Kant_ schwebt.

Die Gefahr ist groß, welche dieser Idee von der Weiblichkeit droht.

Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst verliehen den Schein zu

erregen, als wären sie eigentlich asexuell und ihre Sexualität nur eine

Konzession an den Mann. Denn fiele dieser Schein weg, wo bliebe dann

die Konkurrenz mehrerer, vieler um eine? Sie haben aber, unterstützt

von Männern, die es ihnen glaubten, heute dem anderen Geschlechte

beinahe dies einzureden vermocht, daß des Mannes wichtigstes,

eigentlichstes Bedürfnis die Sexualität sei, daß er erst vom Weibe

Befriedigung seiner wahrsten und tiefsten Wünsche erhoffen dürfe,

daß Keuschheit für ihn ein Unnatürliches und Unmögliches bilde. Wie

oft können junge Männer, die in ernster Arbeit Genugtuung finden, von

Frauen, denen sie nicht allzuhäßlich vorkommen, und, als Liebhaber oder

Schwiegersöhne, nicht allzuwenig zu versprechen scheinen, es vernehmen,

daß sie nicht so übermäßig studieren, vielmehr »ihr Leben genießen«

sollten. In diesen freundlichen Mahnungen liegt, natürlich gänzlich

unbewußt, ein Gefühl des Weibes, seine einzig auf den Begattungsakt

gerichtete Sendung zu verfehlen, _nichts mehr zu sein_, mit seinem

ganzen Geschlechte alle Bedeutung zu verlieren, sowie der Mann um

andere als um sexuelle Dinge sich zu bekümmern anfängt.

Ob sich die Frauen hierin je ändern werden, ist fraglich. Man darf

auch nicht glauben, daß sie je anders gewesen sind. Heute mag das

sinnliche Element stärker hervortreten als früher, denn unendlich

viel in der »Bewegung« ist nur ein Hinüberwollen von der Mutterschaft

zur Prostitution; sie ist als Ganzes mehr Dirnen-Emanzipation als

Frauen-Emanzipation, und sicherlich ihren wirklichen Resultaten nach

vor allem: ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften Elementes im

Weibe. Was _neu_ scheint, das ist das Verhalten der _Männer_. Mit unter

dem Einfluß des Judentums sind sie heute nahe daran, der weiblichen

Wertung ihrer selbst sich zu fügen, ja selber sie sich anzueignen. Die

männliche Keuschheit wird verlacht, gar nicht mehr _verstanden_, das

Weib vom Manne nicht mehr als Sünde, als _Schicksal_ empfunden, die

eigene Begierde weckt im Manne keine Scham mehr.

Man sieht jetzt, _woher_ die Forderung des Sich-Auslebens, der

Kaffeehausbegriff des Dionysischen, der Kult _Goethes_, soweit Goethe

_Ovid_ ist, woher diese ganze moderne _Koitus-Kultur_ eigentlich

stammt. Denn es ist so weit, daß kaum je einer noch den Mut findet,

zur Keuschheit sich zu bekennen, und fast jeder lieber so tut, als

wäre er ein Wüstling. Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den

beliebtesten Gegenstand der _Renommage_, ja die Sexualität wird so

hoch gewertet, daß der Renommist schon Mühe hat, Glauben zu finden;

die Keuschheit hingegen steht in so geringem Ansehen, daß gerade der

wahrhaft Keusche oft hinter dem Scheine des Roué sich verbirgt. Es ist

sicher wahr, daß der Schamhafte auch seiner Scham sich _schämt_; aber

jene andere, heutige Scham ist nicht die Scham der Erotik, sondern die

Scham des Weibes, weil es noch keinen Mann gefunden, noch keinen Wert

vom anderen Geschlechte empfangen hat. Darum ist einer dem anderen zu

zeigen beflissen, mit welcher _Treue_ und pflichtgemäßer _Wonne_ er die

sexuellen Funktionen ausübt. So bestimmt heute das Weib, das seiner

Natur nach am Manne nur die sexuelle Seite schätzen kann, was männlich

ist: aus seinen Händen nehmen die Männer den Maßstab ihrer Männlichkeit

entgegen. So ist die Zahl der Beischläfe, das »Verhältnis«, das

»Mädel«, in der Tat die _Legitimation eines Masculinums vor dem

anderen_ geworden. Doch nein: denn dann gibt es keine Männer mehr.

Dagegen ist alle Hochschätzung der _Virginität ursprünglich_ vom

Manne ausgegangen, und geht, wo es Männer gibt, noch immer von da

aus: sie ist die Projektion des dem Manne _immanenten_ Ideales

fleckenloser Reinheit auf den Gegenstand seiner Liebe. Man lasse sich

nur hierin nicht beirren, weder durch die Angst und den Schrecken

vor der Berührung, die sich so gern möglichst bald in Zutraulichkeit

transformieren, noch durch die hysterische Unterdrückung der sexuellen

Wünsche; nicht durch den _äußeren Zwang_, dem Anspruch des Mannes

auf physische Reinheit zu entsprechen, weil sonst der Käufer sich

nicht einstellen würde; aber auch nicht durch jenes Bedürfnis Wert zu

_empfangen_, aus welchem die Frau oft so lange auf jenen Mann wartet,

der ihr am meisten Wert schenken kann (was man gemeinhin völlig

verkehrt als hohe _Selbst_schätzung solcher Mädchen interpretiert).

Will man wissen, wie die _Frauen_ über die Jungfernschaft denken, so

kann dies freilich von vornherein kaum zweifelhaft sein, nach der

Erkenntnis, daß das Hauptziel der Frauen die Herbeiführung des _Koitus

überhaupt_ ist, als durch welchen sie erst Existenz gewinnen; denn

daß die Frau den Koitus will und nichts anderes, auch wenn sie, für

ihre Person, noch so uninteressiert an der Wollust _scheinen_ mag, das

konnte aus der Allgemeinheit der Kuppelei _bewiesen_ werden.

Man muß, um sich davon neu zu überzeugen, betrachten, mit welchen Augen

die Frau Jungfernschaft bei den anderen Angehörigen ihres Geschlechtes

ansieht.

Und da nimmt man wahr: der Zustand der Nicht-Verheirateten wird von den

Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja es ist eigentlich _der_ weibliche

Zustand, den das Weib _negativ_ bewertet. Die Frauen schätzen jede

Frau überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen

häßlichen, schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen

Mann »unglücklich« verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet,

will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen. Und wenn eine auch nur

kurze Zeit die Herrlichkeiten eines Maitressenlebens gekostet, ja

wenn sie Straßendirne geworden ist, sie steht höher in der weiblichen

Schätzung als das alte Fräulein, das einsam in seiner Kammer näht

und flickt, ohne je einem Manne, in gesetzlicher oder ungesetzlicher

Verbindung, für lange oder für einen rasch vergangenen Taumel, angehört

zu haben.

So aber wird auch das ganz junge Mädchen, wenn es durch körperliche

Vorzüge sich auszeichnet, vom Weibe nie um seiner Schönheit willen

positiv gewertet -- der Frau _fehlt_ das Organ des Schön-Findens, weil

sie keinen Wert zu projizieren hat -- sondern nur, weil es leichtere

Aussicht hat, einen Mann an sich zu fesseln. _Je schöner eine Jungfrau

ist, eine desto zuverlässigere $Promesse$ ist sie den anderen Frauen,

desto wertvoller ist sie dem Weibe als Kupplerin, seiner Bestimmung als

Hüterin der Gemeinschaft $nach$; nur dieser $unbewußte$ Gedanke ist es,

der eine Frau an einem schönen Mädchen Freude finden läßt._ Wie dies

erst dann rein zum Vorschein kommen kann, wenn das wertende weibliche

Einzelindividuum bereits selbst Existenz empfangen hat (weil sonst der

Neid auf die Konkurrentin, und das Gefühl, die eigenen Chancen im Kampf

um den Wert durch sie vermindert zu sehen, jene Regungen überstimmen

muß), das wurde bereits besprochen. Zuerst müssen sie wohl sich selbst

verkuppeln -- kuppeln kommt von copulare, ein Paar fertig bringen --

früher können es die anderen auch kaum verlangen.

Die leider so allgemein gewordene Geringschätzung der »alten Jungfer«

ist demnach durchaus vom _Weibe_ ausgegangen. Von einem bejahrten

Fräulein wird man Männer oft mit Respekt reden hören; aber jede Frau

und jedes Mädchen, gleichgültig ob verheiratet oder nicht, hat für die

Betreffende nur die extremste Geringschätzung, mag dies auch in manchen

Fällen ihnen selbst gar nicht bewußt werden. Eine verheiratete Dame,

die für geistreich und mannigfach talentiert gelten konnte, und ihres

Äußeren wegen so viele Bewunderer zählte, daß Neid in diesem Falle ganz

außer Frage steht, hörte ich einmal über ihre unschöne und ältliche

italienische Lehrerin sich lustig machen, weil diese wiederholt betont

habe: Io sono ancora una vergine (sie sei noch eine Jungfrau).

Freilich ist, vorausgesetzt daß die Äußerung richtig reproduziert

war, zuzugeben, daß die Ältere eine Tugend wohl nur aus der Not

gemacht hatte, und jedenfalls selbst sehr froh gewesen wäre, ihre

Jungfernschaft auf irgend eine Weise los zu werden, ohne dadurch in der

Gesellschaft an Ansehen einbüßen zu müssen.

Denn dies ist das Wichtigste: die Frauen verachten und höhnen nicht

nur die Jungfernschaft anderer Frauen, sondern sie schätzen auch die

eigene Jungfernschaft als _Zustand_ äußerst _gering_ (und nur als eine

sehr gesuchte _Ware_ von höchstem Anwert bei den _Männern hoch_). Darum

blicken sie zu jeder Verheirateten wie zu einem höheren Wesen empor.

Wie sehr es dem Weibe im tiefsten Grunde speziell auf den Sexualakt

ankommt, das kann man gerade an der wahren Verehrung sehen, welche erst

ganz vor kurzem verheiratete Frauen bei den jungen Mädchen genießen:

ist doch der Sinn ihres Daseins diesen eben enthüllt, sie selbst auf

dessen Zenit geführt worden. Dagegen betrachtet jedes junge Mädchen

jedes andere als ein unvollkommenes Wesen, das seine Bestimmung ebenso,

wie sie selbst, erst noch erreichen will.

Hiemit erachte ich als dargetan, wie vollkommen die aus der Kuppelei

gezogene Folgerung, das Virginitäts-Ideal müsse männlichen, und könne

nicht weiblichen Ursprunges sein, mit der Erfahrung sich deckt. Der

Mann verlangt Keuschheit von sich und von anderen, am meisten von

dem Wesen, das er liebt; das Weib will unkeusch sein können, und es

will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend. Für »Musterknaben«

hat die Frau kein Verständnis. Dagegen ist bekannt, daß sie stets

dem in die Arme fliegt, welchem der Ruf des Don Juan meilenweit

vorauseilt. Die Frau will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine

Sexualität Existenz gewinnt. Nicht einmal für die Erotik des Mannes,

als ein _Distanz_phänomen, sondern nur für diejenige Seite an ihm, die

unaufhaltsam das Objekt ihres Begehrens ergreift und sich aneignet,

haben die Frauen einen Sinn, und es wirken Männer auf sie nicht, bei

denen Brutalitäts-Instinkte gar nicht oder wenig entwickelt sind.

Selbst die höhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen im Grunde

nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und sie streichelt sie, _aber

sie $sagt$ ihnen nichts_. Und wenn das Gebet auf den Knien vor ihr zu

lange währen wollte, würde _Beatrice_ so ungeduldig wie _Messalina_.

_Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der Liebe die höchste

Erhebung des Weibes. Daß das Weib den Koitus verlangt, und nicht die

Liebe, bedeutet, daß es heruntergesetzt, und nicht erhöht werden will._

$Die letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist die Frau.$

Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild aller

Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich. Die

Askese, welche die Lust für das Unsittliche an sich erklärt, ist

selbst unsittlich; denn sie sucht den Maßstab des Unrechtes in einer

_Begleit_erscheinung und äußeren Folge der Handlung, _nicht_ in der

Gesinnung: sie ist _heteronom_. Der Mensch darf die Lust anstreben, er

mag sein Leben auf der Erde leichter und froher zu gestalten suchen:

nur darf er dem nie ein sittliches Gebot opfern. In der Askese aber

will der Mensch die Moralität _erpressen_ durch Selbstzerfleischung,

_er will sie als Folge eines Grundes_, die eigene Sittlichkeit als

Resultat und Belohnung dafür, daß er sich so viel versagt hat. Die

Askese ist demnach als prinzipieller Standpunkt wie als psychologische

Disposition _verwerflich_; denn sie _bindet_ die Tugend an etwas

anderes als dessen _Erfolg_, _macht sie zur Wirkung einer Ursache_, und

strebt sie nicht an sich, als unmittelbaren Selbstzweck, an. Die Askese

ist eine gefährliche Verführerin: ihrer Täuschung fallen so viele so

leicht zum Opfer, weil die Lust der _häufigste Beweggrund_ ist, aus

welchem der Pfad des Gesetzes verlassen wird, und der Irrtum nahe genug

liegt, der auf dem rechten Pfad sicherer zu bleiben glaubt, wenn er an

ihrer Statt den Schmerz anstrebt. An sich aber ist Lust weder sittlich

noch unsittlich. _Nur wenn der Wille zur Lust den Willen zum Wert

besiegt_, dann ist der Mensch gefallen.

Der Koitus ist _darum_ unmoralisch, weil es keinen Mann gibt, der das

Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel zum Zweck gebrauchte, den

Wert der Menschheit, in seiner wie in ihrer Person, in diesem Momente

nicht der Lust hintansetzte. Im Koitus vergißt der Mann sich selbst ob

der Lust, und er vergißt das Weib; dieses hat für ihn keine psychische,

sondern nur eine körperliche Existenz mehr. Er will von ihr entweder

ein Kind oder die Befriedigung der eigenen Wollust: in beiden Fällen

benützt er sie nicht als Zweck an sich selbst, sondern um einer fremden

Absicht willen. Nur aus diesem, und aus keinem anderen Grunde, ist der

Koitus unmoralisch.

Gewiß ist die Frau die Missionärin der Idee des Koitus, und gebraucht

sich selbst, wie alles andere in der Welt, immer nur als Mittel zu

diesem Zweck; sie will den Mann als Mittel zur Lust oder zum Kinde;

sie will _selbst_ vom Manne als Mittel zum Zweck benützt sein, wie

eine Sache, wie ein Objekt, wie sein Eigentum behandelt, nach seinem

Gutdünken von ihm verändert und geformt werden. Aber nicht nur soll

niemand von einem anderen als Mittel zum Zweck sich gebrauchen lassen;

man darf auch den Standpunkt des Mannes der Frau gegenüber nicht

danach bestimmen wollen, daß diese den Koitus wirklich wünscht, und

von ihm, wenn sie's auch weder sich noch ihm je ganz gesteht, _nie

etwas anderes erfleht_. _Kundry_ appelliert freilich an _Parsifals_

Mitleid für ihr Sehnen: aber gerade da offenbart sich die ganze

Schwäche der Mitleidsmoral, die zwingen würde, einen jeden Wunsch

des Nebenmenschen zu erfüllen, sei er noch so unberechtigt. Die

konsequente Sympathiemoral und die konsequente Sozialethik sind beide

gleich absurd, denn sie machen das _Sollen vom Wollen abhängig_ (ob

vom eigenen oder vom fremden oder vom gesellschaftlichen, bleibt sich

gleich), _statt das Wollen vom Sollen_; sie wählen zum Maßstab der

Sittlichkeit konkretes Menschenschicksal, konkretes Menschenglück,

konkreten Menschenaugenblick, _anstatt der Idee_.

Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln? _Wie es selbst

behandelt werden will, oder wie es die sittliche Idee verlangt?_ Wenn

er es zu behandeln hat, wie es behandelt werden will, dann muß er

es koitieren, denn es will koitiert werden, schlagen, denn es will

geschlagen werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert werden,

ihm durch die Galanterie zeigen, wie gering er seinen Wert an sich

veranschlagt; denn es will Komplimente, es will nicht an sich geachtet

werden. Will er dagegen dem Weibe so entgegentreten, wie es die

sittliche Idee verlangt, so muß er in ihm den _Menschen_ zu sehen, und

es zu achten suchen. Zwar ist W _eine Funktion von M_, eine Funktion,

die er setzen, die er aufheben kann, und die Frauen wollen nicht mehr

sein als eben dies, nichts anderes als nur dies: die Witwen in Indien

sollen sich gerne und überzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode

geradezu sich drängen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die

fürchterlichste Barbarei.

Es ist mit der Emanzipation der Frauen wie mit der Emanzipation der

Juden und der Neger. Sicherlich liegt dafür, daß diese Völker als

Sklaven behandelt und immer niedrig eingeschätzt wurden, an ihrer

knechtischen Veranlagung die Hauptschuld; sie haben kein so starkes

Bedürfnis nach Freiheit wie die Indogermanen. Und wenn auch heute in

Amerika für die Weißen die Notwendigkeit sich ergeben hat, von den

Negern sich völlig abzusondern, weil diese von ihrer Freiheit einen

schlimmen und nichtswürdigen Gebrauch machen: so war doch im Kriege der

Nordstaaten gegen die Föderierten, welcher den Schwarzen die Freiheit

gab, das Recht durchaus auf Seite der ersteren. _Trotzdem die Anlage

der Menschheit_ im Juden, noch mehr im Neger, _und noch weit mehr im

Weibe_, mit einer größeren Anzahl amoralischer Triebe belastet ist; _ob

sie auch hier mit mehr Hindernissen zu kämpfen hat_ als im arischen

Manne, noch ihren letzten Rest, sei er selbst noch so gering, muß der

Mensch achten, _noch hier die Idee der Menschheit_ (das heißt nicht:

der menschlichen Gesellschaft, sondern das _Mensch-Sein_, die _Seele

als Teil einer intelligiblen Welt_) _ehren_. Auch über den gesunkensten

Verbrecher darf niemand sich eine Gewalt anmaßen als das Gesetz; kein

Mensch hat das Recht ihn zu lynchen.

Das _Problem des Weibes_ und _das Problem des Juden_ ist ganz identisch

mit dem _Problem der Sklaverei_, und muß ebenso aufgelöst werden, wie

dieses. Niemand darf unterdrückt werden, wenn er sich gleich nur in der

Unterdrückung wohlfühle. Dem Haustier, das ich benütze, nehme ich keine

Freiheit, denn es hatte keine, bevor ich es mir dienstbar machte; aber

in der Frau ist noch ein ohnmächtiges Gefühl des Nicht-Anderskönnens,

als eine letzte, wenn auch noch so kümmerliche Spur der intelligiblen

Freiheit: wohl deshalb, weil es kein absolutes Weib gibt. Die Frauen

sind _Menschen_ und müssen _als solche_ behandelt werden, auch wenn sie

selbst das _nie_ wollen würden. _Frau und Mann haben gleiche Rechte._

Man erschrecke nicht und wende nicht ein, daß hiemit den Frauen

auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft eingeräumt

werden müßte. Vom _Utilitäts_standpunkte ist von dieser Konzession

gewiß einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten; in _Neuseeland_,

wo man das ethische Prinzip so hochhielt, den Frauen das Wahlrecht

zu geben, hat man damit die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie

man Kindern, Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einfluß

auf die Leitung des Gemeinwesens gestatten würde, selbst wenn diese

plötzlich die numerische Parität oder Majorität erlangten, so _darf_

vorderhand die Frau von einer Sache ferngehalten werden, von der so

lebhaft zu befürchten steht, daß sie durch den weiblichen Einfluß nur

könnte geschädigt werden. Wie die Resultate der Wissenschaft davon

unabhängig sind, ob alle Menschen ihnen zustimmen oder nicht, so kann

auch Recht und Unrecht der Frau ganz genau ermittelt werden, ohne daß

die Frauen selbst mitbeschließen, und sie brauchen nicht zu besorgen,

übervorteilt zu werden, wenn bei dieser Feststellung eben Recht- und

nicht Machtgesichtspunkte die Entscheidung bestimmen.

_Das Recht aber ist nur eines und das gleiche für Mann und Frau._

Niemand darf der Frau irgend etwas als »unweiblich« verwehren und

verbieten wollen; und ein ganz niederträchtiges Urteil ist es, das

einen Mann freispricht, der seine ehebrecherische Frau erschlagen

hat, als wäre diese rechtlich seine _Sache_. Man hat die Frau als

Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen,

nicht nach einem aus der Empirie oder aus den Liebesbedürfnissen des

Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen: auch wenn sie selber nie

jener Höhe der Beurteilung sich sollte würdig zeigen.

Darum ist dieses Buch die größte Ehre, welche den Frauen je erwiesen

worden ist. Auch gegen das Weib ist nur _ein_ sittliches Verhalten dem

Manne möglich; nicht die Sexualität, nicht die Liebe -- denn beide

benützen es als Mittel zu _fremden_ Zwecken: _sondern einzig der

Versuch, es zu verstehen_. Die meisten Menschen geben theoretisch vor,

_$das$ Weib_ zu achten, um praktisch _$die$ Weiber_ desto gründlicher

zu verachten: hier wurde dieses Verhältnis umgekehrt. _Das Weib_ konnte

nicht hochgewertet werden: aber _die Weiber_ sind von aller Achtung

nicht von vornherein und ein für alle Male auszuschließen.

Leider haben sehr berühmte und bedeutende Männer in dieser Frage

eigentlich _recht gemein_ gedacht. Ich erinnere an _Schopenhauers_ und

an _Demosthenes'_ Stellung zur Frauenemanzipation. Und _Goethes_:

»Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen

Häuslicher Tugend entgegen, _den klugen Mann zu beglücken_.

Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich

ein Kochbuch,«

steht nicht höher als _Molières_:

»........... Une femme en sait toujours assez,

Quand la capacité de son esprit se hausse

A connaître un pourpoint d'avec un haut-de-chausse.«

_Die Abneigung gegen das männliche Weib hat der Mann in sich zu

überwinden_; denn sie ist nichts als gemeiner Egoismus. Wenn das Weib

männlich werden sollte, indem es logisch und ethisch würde, so wird

es sich nicht mehr so gut zum _passiven Substrate_ einer _Projektion_

eignen; aber das ist kein genügender Grund, die Frau, wie dies heute

geschieht, nur für den Mann und für das Kind erziehen zu lassen, mit

einer Norm, die ihr etwas verbietet, weil es _männlich_ sei.

Denn wenn auch für das _absolute_ Weib keine Möglichkeit der

Sittlichkeit besteht, mit dem Erschauen dieser _Idee_ des Weibes

ist noch nicht gegeben, daß der Mann das _empirische_ Weib dieser

vollständig und rettungslos solle _verfallen_ lassen; noch weniger, daß

er dazu beitrage, daß es dieser Idee immer gemäßer werde. Im lebenden

menschlichen Weibe ist, der Theorie nach, immer noch »ein Keim des

Guten«, nach _Kant_scher Terminologie, als vorhanden anzunehmen; es

ist jener Rest eines freien Wesens, der dem Weibe das dumpfe Gefühl

seines Schicksals ermöglicht.[102] Daß auf diesen Keim ein Mehr könne

gepfropft werden, davon darf _theoretisch_ die Unmöglichkeit _nie

gänzlich behauptet_ werden, wenn es auch _praktisch_ sicher noch nie

gelungen _ist_, wenn es selbst in aller Zukunft nie gelingen _sollte_.

Unter der sittlichen Idee steht die ganze Welt, selbst die Tiere werden

als _Phänomene_ gewertet, der Elefant sittlich höher geschätzt als

die Schlange, wenn auch z. B. die Tötung eines anderen Tieres ihnen

nicht als Personen _zugerechnet_. Dem _Weibe_ aber _wird_ von uns

_zugerechnet_; und hierin liegt die _Forderung, daß es anders werde.

Und wenn alle Weiblichkeit Unsittlichkeit ist, so muß das Weib aufhören

Weib zu sein, und Mann werden._

Freilich muß gerade hier die Gefahr der äußerlichen Anähnlichung,

die das Weib stets am intensivsten in die Weiblichkeit zurückwirft,

am vorsichtigsten gemieden werden. Die Aussichten des Unternehmens,

die Frauen wahrhaft zu emanzipieren, ihnen die Freiheit zu geben,

die nicht _Willkür_, sondern _Wille_ wäre, sind äußerst gering. Wenn

man nach den Tatsachen urteilt, so scheint den Frauen nur zweierlei

möglich zu sein: die verlogene Acceptierung des vom Manne Geschaffenen,

indem sie selbst glauben, das zu wollen, was ihrer ganzen, _noch

ungeschwächten_ Natur _widerspricht_, die unbewußt verlogene Entrüstung

über die Unsittlichkeit, _als ob sie sittlich wären_, über die

Sinnlichkeit, _als ob_ sie die _un_sinnliche Liebe wollten; oder das

offene Zugeständnis[103], der Inhalt des Weibes sei der Mann und das

Kind, ohne das geringste Bewußtsein davon, _was_ sie damit zugeben,

welche Schamlosigkeit, welche Niederlage in dieser Erklärung liegt.

_Unbewußte Heuchelei oder cynische Identifikation mit dem Naturtrieb_:

ein anderes scheint dem Weibe nicht gegeben.

Aber _nicht Bejahung_ und _nicht Verleugnung_, sondern _Verneinung,

Überwindung_ der Weiblichkeit, ist das, worauf es ankommt. Würde z. B.

eine Frau _wirklich_ die Keuschheit des Mannes _wollen_, so hätte sie

freilich hiemit das Weib überwunden; denn ihr wäre der Koitus nicht

mehr höchster Wert und seine Herbeiführung nicht mehr letztes Ziel.

Aber dies ist's eben: an die Echtheit solcher Forderungen vermag man

nicht zu glauben, wenn sie auch hie und da wirklich erhoben werden.

Denn ein Weib, das die Keuschheit des Mannes verlangt, ist, abgesehen

von seiner Hysterie, so dumm und so jeder Wahrheit unfähig, daß es

nicht einmal mehr dunkel fühlt, daß es sich selbst damit verneint, sich

absolut und ohne Rettung wertlos, existenzlos macht. Man weiß hier kaum

mehr, wem man den Vorzug geben soll; der grenzenlosen Verlogenheit,

welche selbst das ihr fremdeste, das _asketische_ Ideal auf den

Schild zu heben fähig ist; oder der ungenierten Bewunderung für den

berüchtigten Wüstling und der einfachen Hingabe an denselben.

Da jedoch alles wirkliche Wollen der Frau _in beiden Fällen_ in

gleicher Weise darauf gerichtet bleibt, den Mann schuldig werden

zu lassen, so liegt _hierin_ das Hauptproblem der Frauenfrage: und

insoweit fällt sie zusammen mit der Menschheitsfrage.

Friedrich _Nietzsche_ sagt an einer Stelle seiner Schriften: »Sich im

Grundproblem ‚Mann und Weib’ zu vergreifen, hier den abgründlichsten

Antagonismus und die Notwendigkeit einer ewig-feindseligen Spannung

zu leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten, gleicher Erziehung,

gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen zu träumen: das ist ein

_typisches_ Zeichen von Flachköpfigkeit, und ein Denker, der an dieser

gefährlichsten Stelle sich flach erwiesen hat -- flach im Instinkte! --

darf überhaupt als verdächtig, mehr noch, als verraten, als aufgedeckt

gelten: wahrscheinlich wird er für alle Grundfragen des Lebens,

auch des zukünftigen Lebens, zu ‚kurz’ sein und in _keine_ Tiefe

hinunterkönnen. Ein Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste

wie in seinen Begierden, auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der

Strenge und der Härte fähig ist und leicht mit ihnen verwechselt wird,

kann über das Weib immer nur _orientalisch_ denken: -- er muß das Weib

als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit

Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen, -- er muß sich hier

auf die ungeheuere Vernunft Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit

stellen, wie dies ehemals die Griechen getan haben, diese besten Erben

und Schüler Asiens, -- welche, wie bekannt, von Homer bis zu den Zeiten

des Perikles, mit _zunehmender_ Kultur und Umfänglichkeit an Kraft,

Schritt für Schritt auch _strenger_ gegen das Weib, kurz orientalischer

geworden sind. _Wie_ notwendig, _wie_ logisch, _wie_ selbst menschlich

wünschbar dies war: möge man darüber bei sich nachdenken!«

Der Individualist denkt hier durchaus sozialethisch: seine Kasten- und

Gruppen-, seine Abschließungstheorie sprengt, wie so oft, die Autonomie

seiner Morallehre. Denn er will _im Dienste der Gesellschaft, der

störungslosen Ruhe der Männer_, die Frau unter ein Machtverhältnis

stellen, in dem sie allerdings kaum noch den Laut eines Wunsches nach

Emanzipation von sich geben, und nicht einmal jene verlogene und

unechte Freiheitsforderung mehr erheben wird, welche die heutigen

Frauenrechtlerinnen aufgestellt haben: _die gar nicht ahnen, wo die

Unfreiheit des Weibes eigentlich liegt, und was ihre Gründe sind_. Aber

nicht, um _Nietzsche_ einer Inkonsequenz zu überführen, habe ich ihn

citiert; sondern um seinen Worten gegenüber zu zeigen, wie das Problem

der Menschheit nicht lösbar ist ohne eine Lösung des Problems der Frau.

Denn wem die Forderung überflüssig hoch gespannt scheint, daß der Mann

die Frau um der Idee, um des Noumenon willen zu achten, und nicht als

Mittel zu einem außer ihr gelegenen Zweck zu benützen, daß er ihr darum

die gleichen Rechte, ebenso aber die gleichen Pflichten (der sittlichen

und geistigen Selbstbildung) zuzuerkennen habe wie sich selbst: der

möge bedenken, _daß der Mann das ethische Problem für seine Person

nicht lösen kann, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer

wieder negiert_, indem er sie als Genußmittel benützt. _Der Koitus ist

in allem Asiatismus die Bezahlung, welche der Mann der Frau für ihre

Unterdrückung zu leisten hat._ Und so sehr es die Frau charakterisieren

mag, _daß sie um diesen Preis sicherlich stets auch dem ärgsten

Sklavenjoch sich gerne fügt_, der Mann _darf_ auf den Handel nicht

eingehen, weil auch _er_ sittlich dabei zu kurz kommt.

Also selbst _technisch_ ist das Menschheitsproblem nicht lösbar für den

Mann _allein_; er muß die Frau _mitnehmen_, auch wenn er nur _sich_

erlösen wollte, er muß sie zum _Verzicht_ auf ihre unsittliche Absicht

auf ihn zu bewegen suchen. Die Frau muß dem Koitus _innerlich_ und

_wahrhaft_, aus _freien Stücken_ entsagen. Das bedeutet nun allerdings:

das Weib muß _als solches untergehen_, und es ist keine Möglichkeit

für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden, eh dies nicht

geschehen ist. Darum sind _Pythagoras_, _Platon_, _das Christentum_ (im

Gegensatze zum _Judentum_), _Tertullian_, _Swift_, _Wagner_, _Ibsen_

für die Befreiung, für Erlösung des Weibes eingetreten, _nicht für die

Emanzipation des Weibes vom Manne, sondern für die Emanzipation des

Weibes vom Weibe_. Und in solcher Gemeinschaft den Bannfluch Nietzsches

zu tragen ist ein Leichtes.

Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem Ziele gelangen.

Der Funke, der in ihr so schwach ist, müßte am Feuer des Mannes immer

wieder sich entzünden können: das _Beispiel_ müßte gegeben werden.

Bevor das Weib nicht aufhört, für den Mann als Weib zu existieren,

kann es selbst nicht aufhören, Weib zu sein: _Kundry_ kann nur von

_Parsifal_, vom sündelosen, unbefleckten Manne aus _Klingsors_ Banne

wirklich befreit werden. So deckt sich diese psychologische mit der

philosophischen Deduktion, wie sie hier mit _Wagners_ »Parsifal«,

der tiefsten Dichtung der Weltliteratur, in völliger Übereinstimmung

sich weiß. Erst die Sexualität des Mannes gibt dem Weibe Existenz als

Weib. Alle Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme im

Universum beträgt: auch das Weib wird nur so lange leben, bis der Mann

seine Schuld gänzlich getilgt, bis er die _eigene_ Sexualität wirklich

überwunden hat.

Nur so erledigt sich der ewige Einspruch gegen alle antifeministischen

Tendenzen: das Weib sei nun einmal da, so wie es sei, nicht zu ändern,

und darum müsse man mit ihm sich abzufinden suchen; der Kampf nütze

nichts, weil er nichts beseitigen könne. Es ist aber gezeigt, daß die

Frau nicht _ist_, und in dem Augenblicke _stirbt_, da der Mann gänzlich

nur _sein_ will. Das, wogegen der Kampf geführt wird, ist keine Sache

von ewig unveränderlicher Existenz und Essenz: es ist etwas, das

aufgehoben werden _kann_, und aufgehoben werden _soll_.

Nur so, nicht anders, ist die Frauenfrage zu lösen, für den, der

sie _verstanden_ hat. Man wird die Lösung unmöglich, ihren Geist

überspannt, ihren Anspruch übertrieben, ihre Forderung unduldsam

finden. Und allerdings: von der Frauenfrage, über welche die Frauen

_sprechen_, ist hier längst die Rede nicht mehr; es handelt sich um

jene, von der die Frauen _schweigen_, ewig schweigen _müssen_; um _die

Unfreiheit_, die in der _Geschlechtlichkeit_ liegt. _Diese_ Frauenfrage

ist so alt wie das Geschlecht, und nicht jünger als die Menschheit. Und

die Antwort auf sie: der Mann muß vom Geschlechte sich erlösen, und

_so_, nur _so_ erlöst er die Frau. _Allein_ seine _Keuschheit_, nicht,

wie _sie_ wähnt, seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht

sie, als _Weib_, so unter: aber nur, um aus der Asche neu, verjüngt,

als der _reine $Mensch$_, sich emporzuheben.

Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei Geschlechter gibt,

und nicht eher verstummen denn die Menschheitsfrage. In diesem Sinne

hat _Christus_, nach dem Zeugnis des Kirchenvaters _Klemens_, zur

_Salome_ gesprochen, ohne die optimistische Beschönigung, die _Paulus_,

die _Luther_ für das Geschlecht späterhin fanden: so lang werde der Tod

währen, als die Weiber gebären, und nicht eher die Wahrheit geschaut

werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib ein drittes Selbes,

_weder_ Mann _noch_ Weib, werde geworden sein.

* * * * *

_Hiemit erst, aus dem höchsten Gesichtspunkte des Frauen- als des

Menschheitsproblems, ist die Forderung der Enthaltsamkeit für beide

Geschlechter gänzlich begründet._ Sie aus den gesundheitsschädlichen

Folgen des Verkehres abzuleiten, ist flach, und mag von den Advokaten

des Körpers ewig bestritten werden; sie auf die Unsittlichkeit der Lust

zu gründen, falsch; denn so wird ein heteronomes Motiv in die Ethik

eingeführt. Schon _Augustinus_ aber hat, wenn er die Keuschheit für

alle Menschen verlangte, den Einwand vernehmen müssen, daß in solchem

Falle die Menschheit von der Erde binnen kurzem verschwunden wäre. In

dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher der schrecklichste Gedanke der

zu sein scheint, daß die _Gattung_ aussterben könne, liegt nicht allein

äußerster Unglaube an die _individuelle_ Unsterblichkeit und ein ewiges

Leben der sittlichen Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt

irreligiös: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, seine

Unfähigkeit, außer der _Herde_ zu leben. Wer so denkt, kann sich die

Erde nicht vorstellen ohne das Gekribbel und Gewimmel der Menschen auf

ihr, ihm wird angst und bange _nicht so sehr vor dem Tode, als vor der

Einsamkeit_. Hätte die an sich unsterbliche moralische Persönlichkeit

genug Kraft in ihm, so besäße er Mut, dieser Konsequenz ins Auge zu

sehen; er würde den leiblichen Tod nicht fürchten, und nicht für den

mangelnden Glauben an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der

Gewißheit eines Weiterbestehens der Gattung suchen. Die Verneinung der

Sexualität tötet bloß den körperlichen Menschen und ihn nur, um dem

geistigen erst das volle Dasein zu geben.

Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, für die Fortdauer

der Gattung zu sorgen, wie man dies so oft behaupten hört. Es ist

diese Ausrede von einer außerordentlich _unverfrorenen Verlogenheit_;

diese liegt so offen zu Tage, daß ich fürchte, mich durch die Frage

lächerlich zu machen, ob schon je ein Mensch den Koitus mit dem

Gedanken vollzogen hat, er müsse der großen Gefahr vorbeugen, daß die

Menschheit zu Grunde gehe. _Alle Fécondité ist nur ekelhaft_; und kein

Mensch fühlt, wenn er sich aufrichtig befragt, es als seine Pflicht,

für die dauernde Existenz der menschlichen Gattung zu sorgen. Was man

aber nicht als seine Pflicht fühlt, das $ist$ nicht Pflicht.

Im Gegenteil: es ist unmoralisch, ein menschliches Wesen zur Wirkung

einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen, wie das

mit der Elternschaft gegeben ist; und der Mensch ist im tiefsten

Grunde nur deshalb unfrei und determiniert neben seiner Freiheit und

Spontaneität, weil er auf diese unsittliche Weise entstanden ist. Die

moralische Weihe also, die man dem Koitus (der ihrer freilich dringend

bedarf) bisweilen zu geben versucht hat, indem man einen idealen Koitus

fingierte, bei dem nur die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes in

Betracht gezogen werde -- diese liebevolle Verbrämung erweist sich

nicht als ein genügender Schutz: denn das angeblich ihn verstattende

und heiligende Motiv ist nicht nur kein Gebot und nirgends im Menschen

als ein Imperativ zu finden, sondern vielmehr selbst ein sittlich

verwerflicher Beweggrund; weil man einen Menschen nicht um seine

Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man wird. Für den anderen

Koitus aber, bei dem die Möglichkeit einer Fortpflanzung künstlich

verhindert wird, kommt selbst jene, auf so schwachen Füßen stehende

Rechtfertigung in Wegfall.

Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit;

nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor allem, weil das Weib in ihm

Objekt, Sache werden will, und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen

tut, es nur als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren,

psychischen Vorgängen anzusehen. Darum verachtet auch der Mann das Weib

augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das Weib _fühlt_, daß es

nun verachtet wird, auch wenn es vor zwei Minuten sich noch vergöttert

wußte.

Respektieren kann der Mensch im Menschen nur die _Idee_, die Idee der

Menschheit; in der Verachtung des Weibes (und seiner selbst), die sich

nach dem Koitus einstellt, liegt der sicherste Anzeiger, daß gegen

die Idee hier gefehlt wurde. Und wer nicht verstehen kann, was mit

dieser _Kant_ischen $Idee$ der Menschheit gemeint ist, der mag es sich

wenigstens zum Bewußtsein bringen, daß es _seine_ Schwestern, _seine_

Mutter, _seine_ weiblichen Verwandten sind, um die es sich handelt: _um

unser selbst willen_ sollte das Weib als Mensch behandelt, _geachtet_

werden, und nicht _erniedrigt_, wie es durch alle Sexualität geschieht.

Zu $ehren$ aber könnte der Mann das Weib erst dann _mit Recht_

beginnen, wenn es _selbst_ aufhörte, _Objekt_ und _Materie_ für den

Mann _sein zu $wollen$_; wenn ihm wirklich an einer Emanzipation läge,

die mehr wäre als eine Emanzipation der Dirne. Noch ist nie offen

gesagt worden, wo die Hörigkeit der Frau einzig zu suchen ist: in der

souveränen, angebeteten Gewalt, die der Phallus des Mannes über sie

besitzt. Darum haben die Frauen-Emanzipation aufrichtig stets nur

_Männer_ gewollt, nicht sehr sexuelle, nicht sehr liebesbedürftige,

nicht sehr tiefblickende, aber edle und für das Recht begeisterte

Männer, darüber kann kein Zweifel sein. Ich will die erotischen

Motive des Mannes nicht beschönigen, und seine Antipathie gegen das

»emanzipierte Weib« nicht geringer darstellen, als sie ist: es ist

leichter, sich hinanziehen zu lassen, wie _Goethe_, als einsam zu

steigen und immerfort zu steigen, wie _Kant_. Aber vieles, was dem

Mann als _Feindschaft_ gegen die Emanzipation ausgelegt wird, ist in

Wahrheit nur Mißtrauen und Zweifel an ihrer Möglichkeit. Der Mann

will das Weib nicht als Sklavin, er sucht oft genug zunächst eine

Gefährtin, die ihn verstehe.

Nicht die Erziehung, die das Weib heute empfängt, ist die angemessene

Vorbereitung, um der Frau den Entschluß nahezulegen und zu erleichtern,

jene ihre wahre Unfreiheit zu besiegen. Alles letzte Mittel

_mütterlicher Pädagogik_ ist es, der Tochter, die zu diesem oder jenem

sich nicht bequemt, als Strafe aufzudrohen, _sie werde keinen Mann

bekommen_. Die Erziehung, welche den Frauen zuteil wird, ist auf nichts

angelegt als auf ihre _Verkuppelung_, in deren glücklichem Gelingen

sie ihre Krönung findet. Am Manne ist durch solche Einflüsse wenig zu

ändern; aber das Weib wird durch sie in seiner Weiblichkeit, in seiner

Unselbständigkeit und Unfreiheit, noch _bestärkt_.

_Die Erziehung des Weibes muß dem Weibe, $die Erziehung der ganzen

Menschheit der Mutter entzogen werden$._

Dies wäre die erste Voraussetzung, die erfüllt sein müßte, um die Frau

in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen, der niemand, so wie

_sie_, seit Anbeginn entgegengewirkt hat.

* * * * *

Eine Frau, die wirklich entsagt hätte, die in sich selbst die Ruhe

suchen würde, eine solche Frau wäre kein Weib mehr. Sie hätte

aufgehört, Weib zu sein, sie hätte zur äußeren endlich die innere Taufe

empfangen.

Kann das werden?

Es gibt kein absolutes Weib, und doch ist uns die Bejahung dieser Frage

wie eine Bejahung des Wunders.

Glücklicher wird das Weib nicht werden durch solche Emanzipation: die

Seligkeit kann sie ihm nicht versprechen, und zu Gott ist der Weg noch

lang. Kein Wesen zwischen Freiheit und Unfreiheit kennt das Glück. Wird

aber das Weib sich entschließen können, die Sklaverei aufzugeben, um

_unglücklich_ zu werden?

Nicht die Frau heilig zu machen, nicht darum kann es so bald sich

handeln. Nur darum: kann das Weib zum Probleme seines Daseins,

zum Begriffe der _Schuld_ redlich gelangen? Wird es die Freiheit

wenigstens _wollen_? Allein auf die Durchsetzung des Ideales, auf das

Erblicken des Leitsternes kommt es an. Bloß darauf: kann im Weibe der

kategorische Imperativ lebendig werden? Wird sich das Weib unter die

sittliche Idee, unter die _Idee der Menschheit_ stellen?

Denn einzig _das_ wäre _Frauen-Emanzipation_.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 63 / 70 题