WELTBILD: AM TOR

1907

Sieh einmal morgens nackenden Leibes beim Waschen an dir herunter, den

Riesen-Zellenbau, das Zellenuniversum ohne Gleichen!

Welches naive Auge würde je darauf kommen, dich als eine einheitliche

Ordnung von Legionen selbständiger Wesen zu verstehen und welches Auge

würde folgen wollen, wenn der Verstand es wagte, die Wirklichkeit

überhaupt als einen einzigen Zellenleib zu beschreiben, dessen Formen wir

uns nur nicht vorstellen können?

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Wie kann man sagen: Dies und das kommt hierher und daher; da doch alles

überallher kommt.

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Das Prinzip der Nachahmung (oder, vom Objekt aus: der Ansteckung) wirkt

fortwährend in der ganzen Natur.

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Ich habe zuweilen einen abgründigen Haß auf die Zahl. Sie ist die

absurdeste Fälschung der 'Wirklichkeit', die dem Menschen wohl je gelungen

ist, und doch baut sich auf ihr 'unsere ganze heutige Welt' auf.

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Der große Irrtum ist der: man glaubt irgend einmal einen Mechanismus

schaffen zu können, der schließlich wie ein Lebewesen wird und leben soll,

und sei es auch nur ein Infusorium. Und übersieht dabei nur eins: daß es

ein einzelnes Infusor für sich allein gar nicht gibt, daß man das ganze

Weltall nachschaffen müßte, um auch nur ein kleinstes Tierchen in Wahrheit

lebendig zu machen -- denn man kann nichts von außen hineinstopfen, Ihr

Herren, man muß dann schon von der Pike auf schaffen, nicht nur so ex

tempore und ex machina.

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Alles ist Ausdruck eines _Wesens_.

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Wenn im großen Weltkonzert einmal ein Stern untergeht, so ist das auch

nichts weiter, wie wenn einem irdischen Orchestermusiker eine Saite

platzt. Sähe man den Mann nicht die Geige absetzen, so würde man

vermutlich gar nichts merken, so unbekümmert geht das vielstimmige

Zusammenspiel seinen gewaltigen Gang.

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Die 'Welt' gibt offenbar immer nur relative Vollendungs-Möglichkeit.

Zwischen zwei Eisperioden kann eine Menschheit sich vielleicht so

'vollenden', wie ein Einzelner zwischen Geburt und Tod.

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Wir glauben als Menschheit eine Art fließende Ebene zu sein und sind statt

dessen ein wandelnder Berg oder eine wandelnde Pyramide.

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Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. Am Tage sieht man sie

wohl, aber hört sie fast gar nicht. Des Nachts aber hört man sie gehen wie

ein großes Herz.

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Diese Waschkanne vor mir -- nimm die Zeit von ihr: und sie stürzt zusammen

in nichts. Die Zeit macht erst den Raum.

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Das Amüsante ist, daß es nun, seit dem Auftreten des Menschen, auf einmal

Vergangenheit und Zukunft gibt (von vielem andern ganz zu schweigen), als

hätte die ganze Wirklichkeit nur darauf gewartet, sich von ihm in vorn und

hinten, oben und unten, früher und später usw. einteilen zu lassen. O

Mensch, du Kindskopf aller Kindsköpfe, o Wissenschaft, du grandioses

Orientierungs-System dieses Kindskopfes, nichts weiter!

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Gestern und morgen haben im All keinen Sinn. Das All war weder, noch wird

es sein, -- es ist. Und so _war_ nichts von dem, was wir 'vergangen'

nennen. Alles 'Vergangene' _ist_. Vergangenheit wie Zukunft sind nur

Formen der Gegenwart.

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Für Pflanze und Tier gibt es das Wort ewig nicht und daher auch keine --

Ewigkeit. Es sollte sie auch für uns nicht geben. Wir _sind_. Wir werden

nie sein, ebensowenig, wie wir je waren. Die Ewigkeit ist in jedem Moment

'gelebte Gegenwart' -- oder sie ist nicht.

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Schauerlich, zu denken, daß alles nur 'in der Flucht' ist. Es gibt nichts,

als den _Moment_, in dem fortwährend alles ist.

So wie 'ich' von Sekunde zu Sekunde lebe und mir dessen bewußt bin --

(aber das alles ist nicht ich, das ist die Unendlichkeit, die in mir

fortwährend weiter lebt) so lebt die gesamte Wirklichkeit wie ein einziger

gigantischer Körper in ihrer eigenen, von mir ihr vermittelten Vorstellung

von Sekunde zu Sekunde.

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Alle Vergangenheit existiert nur als lebendige Erinnerung eines

gegenwärtigen Kopfes.

Alle Vergangenheit ist eine Selbsterinnerung Gottes.

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Die Welt ist eine sich ewig fortentwickelnde Kugel, deren Oberfläche --

hier der dies von ihr aussagt.

1908

Ist nicht einmal dasselbe Wort in deinem Munde je dasselbe, so bist auch

wohl du selbst ein in jeder Sekunde Neuer, noch nie Dagewesener,

Niemehrsodaseinwerdender. Und nicht du allein: Alles ist fortwährend neu,

frisch, einzig, einmalig. Dies ist das Geheimnis des Lebens und damit

Gottes, als eines ewig Seienden, ohne auch nur die Möglichkeit

irgendwelcher Starrheit.

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Bewußtsein: Wir stehen an einem Ende, wir sind ein Anfang.

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Nicht nur Fortdauer, -- -- _Ziel_dauer.

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_Die Axt_. (Fundamentalsätze.)

Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen · 第 33 / 38 题