WELTBILD: EPISODE, TAGEBUCH EINES MYSTIKERS

1906

Ich schrieb dies auf einem Punkte, wo der Mensch mit Gott zusammenfällt,

wo er aufhört, sich als Sonderwesen fühlen zu können.

* * * * *

Religion ist Selbsterkenntnis des menschlichen, als ebendamit göttlichen

Geistes. Religion ist die Erkenntnis, daß alles Denken göttliches Denken

ist, wie alle Natur göttliche Natur, daß jede Handlung eine Handlung

Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke Gottes ist, daß Gott nur soweit Gott

ist, als er Welt ist, daß die Welt nichts anderes ist als Gott selbst, --

daß in demselben Augenblick, da ein Mensch sich seines Gott-seins bewußt

wird, Gott in ihm sich seiner selbst als Mensch bewußt wird.

* * * * *

Betrachte den Sternenhimmel -- alles versinkt um dich her. Wer ist er, wer

bist du. Dein Denken schweigt. Du fühlst dich wie hinweggehoben,

zerflattern ... Wer bist du, wer ist er, wenn nicht -- Es. Das unfaßbare

Selbst, Gott, das Mysterium. Und dies Mysterium fragt in sich selbst: wer

bin ich, wer bist du. Gott fragt sich selbst in sich selbst -- und weiß

keine Antwort, erstummt in sich selbst ...

* * * * *

Wie kann es eine Sünde für mich geben, wenn ich Gott bin? Wenn ich meinen

Bruder erschlage, erschlage ich mich in ihm; es gibt nichts, was ich nicht

ein Recht hätte zu tun; denn ich tue es an mir selber. Der Täter ist

zugleich der Erleider -- vielleicht ist dies ein Fenster in mich hinein,

vielleicht erahnt sich durch dies Wort das Unvorstellbare, das wir sind

und dem gegenüber uns nur tiefstes Grauen und Wegsehen, praktisch aber nur

dies übrig bleibt: uns als die, als die wir uns nun einmal vorgefunden

haben, innerlichst zu vollenden, gleichviel, was objektiv für Uns, als

Gott, damit gewonnen oder nicht gewonnen sein mag.

* * * * *

Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was du willst, aber

bedenke, daß du es dir selbst tust.

Wenn du meinst, es dir selbst tun zu dürfen, so tue selbst das Äußerste.

Dies Gebot hindert kein Schaffen oder Zerstören. Mit diesem Gebot bist du

frei zu allem und doch wird es dich weise machen.

* * * * *

Wie kann ich schwören: Ich schwöre bei dem allmächtigen Gotte, daß ich

dies nicht getan habe -- da ich doch selbst dieser allmächtige Gott bin

und -- als ein sogenannter anderer Mensch -- es sehr wohl getan habe? Aber

ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen vermögen; er wird

niemals begreifen, daß er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir ist:

und ich werde als Mensch wie ein Verrückter dastehen und als Gott auf mich

den Richter blicken, wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den er

ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen und sagt ihm, daß er mit

ihm eins sei, aber der Daumen versteht kein Wort von dem, was er sagt.

* * * * *

Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit einer oft lebhaften,

leicht und nachhaltig erregbaren Phantasie und einiger dichterischer

Begabung, ohne hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem

beständigen Wunsch erfüllt, sich zu verinnerlichen; ein Schwächling, ja

ein würdeloser Mensch mitunter, ohne ausgeprägten Sinn für Moral, von

einer Sinnlichkeit, die sich wie eine feine Wärme über sein Leben

verbreitet, deren eigentliche Ausbrüche indessen nicht so sehr von Belang

sind, sodaß man bei ihm zugleich von einer ihn häufig, wie die Flamme das

Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich von einer sehr

geringen Fähigkeit zur Leidenschaft sprechen mag; dabei von einer

angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott und

Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich gebildet zu sein, von

schlechtem Gedächtnis, ungeübt und träge im Dialektischen, durchdringend

nur in seiner Ausdauer, immer nur ein Ziel bewußt oder unterbewußt zu

verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem Außer-Ihm zu erkennen; --

denke dir einen solchen Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und

der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in sich hin und her

wendet, mehr noch, es sich hin und her wenden läßt; denn er springt auf

seine inneren Erlebnisse nicht zu, er läßt sie leben oder sterben je nach

ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen Bewußtsein seiner selbst zu

bringen scheint, als wäre alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit:

sich nicht als Gott selbst -- als das Eine und Alle, als das Einzig --

Bestehende zu sehen, als wäre es geradezu eine 'Ver-rücktheit', sich

'Gott' gegenüber als irgend etwas anderes, Gegensätzliches, Seitliches,

Beigeordnetes oder gar Untergeordnetes zu fühlen, ja die Frage 'Gott'

überhaupt noch irgendwie zu diskutieren, als müsse man -- _sich sich

selbst beweisen!_ 'Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? -- Wer mich

hat, der hat auch den Vater. --'

Wie mich diese steten Wiederholungen einst ärgerten, wie einfältig und

eigensinnig sie mir erschienen; als ob ein Kind immer dasselbe

wiederholte!

Bis mir eines Abends dämmerte, aus welchem Gefühl heraus dieses

unermüdliche Betonen geflossen sein muß ...

* * * * *

Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die Deinige. Wenn ich als

Individuum sterbe, bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist

dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst der Teil wie das Ganze

bin, ist mein Tod mir selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit ist,

ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit ist höchste Bejahung und

höchste Bejahung Wahrheit.

* * * * *

Ich werde erst sterben, wenn ich erfüllt haben werde, was ich erfüllt

haben konnte. Gott stirbt nicht vor der Zeit. Er wacht hier auf und

schläft dort ein, wie es gut ist. Was sträubst du dich gegen das, was du

dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: Dein Schicksal ist,

daß du Gott bist. Ich sage: Gott! Aber wo uns die Wirklichkeit dieses

Wortes faßte, da wäre unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie ein

Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt. Gott schauen ist

Tod, das wußten alle Völker. Gott erraten ist Leben.

* * * * *

Jahrhunderte stritten über das Wort Dreieinigkeit Und doch enthält es die

Welt, für ein Kind gedeutet. Der Vater, das ist das Leben, das alles ist

und das der einzelne Mensch nie aus seinem Gehirn heraus fassen oder gar

erklären kann. Der Sohn, das ist dies selbe göttliche Leben als sich

erahnendes Wesen, als Mensch, als der Mensch Christus im Besonderen. Der

heilige Geist, das ist das langsame Weitergären dieser Erkenntnis auf

Erden: daß alles 'Gott' ist. --

* * * * *

Tief unten schlachten sich noch die Völker, es raucht das Blut und in

Selbstzerfleischung fällt noch -- Blindes sich selber an. Warum tue -- Ich

das. Ich weiß es nicht. Die Menschheit ist noch ein Kentaur, der heilige

Geist hat das Tier erst zur Hälfte verwandelt.

* * * * *

'Gott ist nur der Lebensfunke.' Schön. Dieser Funke aber bildet Sterne und

Gehirne. Ja, er legt mir selbst das Wort Gott über sich in den Mund. Und

so brauch ich's denn.

* * * * *

Was es gilt, ist die Austreibung Gottes aus allem Jenseits in das

Diesseits. Gott ist nicht irgendwo, er ist auch nicht hier oder dort,

sondern er ist dies und das, und drittes und legionstes.

* * * * *

Ich habe den verwandelnden Blick.

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Vor einer Anzahl von Leuten der 'guten Gesellschaft'. Sind es nicht alles

Menschen, die man in irgend einem Zuge ihres Wesens lieben kann? Alle sind

so oder so ein wenig oder sehr liebenswert. Aber sie müßten auch fast alle

mit dem Gift einer schwachen doch steten Unruhe geimpft werden. Sie wollen

zu wenig über sich hinaus, sie siedeln sich zu schnell bei sich selber an,

sie haben zu wenig Wachstum und Wandertum in sich. Sie glauben, mit 30

Jahren sich gefunden zu haben -- sie nennen es: erwachsen sein -- und

setzen sich schon auf sich selbst zur Ruhe. Man wird nichts Unerwartetes

von ihnen mehr sehen oder hören; als ob man nicht von jedem Menschen in

jeder Stunde Unerwartetes erwarten müßte! Man kann sie vorausberechnen wie

irgend etwas ganz Gewöhnliches -- und dabei sind sie das Ungewöhnlichste

der Welt, nämlich Menschen und tragen das Unberechenbarste der Welt in

sich: eine zu jeder Unerhörtheit fähige Seele. Sie haben ganz vergessen

oder nie begriffen, daß sie -- Gott sind, sie begnügen sich damit, Herr X

oder Frau Y zu sein und als solche und nur als solche zu leben und zu

sterben.

* * * * *

Dieser Grundhang, das Leben zu einer Biedermeierei zu erniedrigen, ist es,

den ich unter der Bezeichnung 'bürgerlich' überall aufspüre und verfolge.

Es ist die eigentliche Gefahr des Menschen, zu versimpeln. Man sollte

täglich zu einer festgesetzten Stunde einen Glockenton durchs ganze Land

gehen lassen, der keine andre Bedeutung hätte, als die, den Menschen in

Erinnerung zu rufen, daß sie nicht nur Bürger von diesem Namen und jenem

Stand seien, sondern unerforschliche Teile des Unerforschlichen. Man müßte

eine eigene Glocke dafür erfinden und in unzähligen großen und kleinen

Exemplaren gießen lassen: eine 'Gedächtnisglocke des Menschen'. Wo aber

ein Tempel gebaut würde, da müßte über seiner Pforte stehen: Dem

furchtbaren Gott, oder: Mir selber, dem dreimal Unbekannten.

* * * * *

Der Mensch von 1900 scheint eine neue Tugend in sich gereift sehen zu

dürfen: die Erkenntnis des Bürgerlichen. Als das Bürgerliche bezeichne ich

das Absehenkönnen des Menschen davon, daß er das Geheimnis der Geheimnisse

ist, das Sichhinstellen- und Verharrenkönnen des Menschen als eines

Zweiten. Bürger heißt: der sich in einer Burg Bergende. Bürger heißt mir

der Mensch, insofern er sich in der Burg des Gedankens birgt, etwas andres

als Gott selbst zu sein. Kein Mensch kann sich wirklich als Gott fühlen,

der er ist. Es kann Gott sich nur bürgerlich und nicht anders ergreifen.

Das Menschliche ist schlechtweg das Bürgerliche.

* * * * *

Im Menschen erschuf sich das Ungeborgene seine Burg. Gott ist nichts

Außerbürgerliches; wo auch nur die kleinste Zelle, da ist sie zugleich

Gottes Burg. Nun ist aber alles Zelle, das Wort wo ist überflüssig, ebenso

wie wenn man sagen wollte: wo (im Glase Wasser) auch nur ein Tropfen

Wasser, da ist Gott in ihm. Alles ist 'Burg'. Seit Welt überhaupt ist,

gibt es nur Gott, den Geborgenen, den Bürger.

* * * * *

(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor

sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich

unterhalten, und durch das mächtige Fenster die draußen hin und her

treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines großen

Behälters, -- und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist

Du! Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als

sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt

und aus ihren nur als sie!

* * * * *

Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge betrachtet, in der sie

das eigentlich Wertvolle, das Innerliche, Namenlose wach erhält, diese

Menge, die unter den Händen der Aufklärer zu einem platten, sich selbst

und den andern uninteressanten Haufen wird! Ja, die Kirche ist sicherlich

unsere, der Erkennenwollenden, beste Freundin. Sie ist die einzige

ebenbürtige Gefährtin der Philosophie. Und was die Verirrungen beider

anbetrifft, so dürften sie hier wie dort, wenn auch gleich ehrwürdig, ganz

verschiedenen Charakters, gleich unerträglich und gleich lächerlich sein.

* * * * *

Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun schnitz ich Gottes

Bildnis an allem.

* * * * *

Eine szenische Vorstellung ist für den Kontemplativen etwas wie eine

Parade. Oder wie ein Schachspiel, gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie

ein Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.

* * * * *

Aller Blick auf menschliche Dinge muß zuletzt im Furchtbaren enden. Iwan

Karamasow lehnt diese Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der

Kinder begreift er nicht. Wie aber -- wenn all dies Leiden zuletzt ein

Eigenleiden, ein Selbsterleiden Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und

jede nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott selbst ist, das ohne

Maß große schauerliche tragische Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde

dumpfer Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen Hirn .. und

scheint nicht alles aufgelöst -- nicht in eine unsagbare _Harmonie_ -- o

nein -- aber in einen nie zu erfassenden, erfühlenden Abgrund von solcher

Schauerlichkeit und Tiefe, daß jede Anklage, jede Klage, ja jedes Urteil

verstummt. Es bleibt nur der fast unsichtbare Blitz einer fernen

Erkenntnis Seiner selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot

niederwerfen würde, wenn er auch nur einen Grad heller, eine Sekunde

länger leuchtete. Aber ich glaube, diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im

Menschen ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist in der

Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott ringt sich aus ihr zum Sich

Selbst erschauenden Geist empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig

wie der Mensch, wird sich Gott je selbst _erkennen_ (nur erahnen); denn er

erkennt ja nur so weit, als er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich

Gottesleid; es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch etwas

andres, ob jenes kleine Mädchen, von dem Iwan Karamasow erzählt, sich als

eben dieses Mädchen die Brust mit den Fäustchen schlägt oder ob es einen

Moment im Leben dieser selbstseienden, mit sich selbst kämpfenden, um sich

selbst kämpfenden Unsagbarkeit 'Gott' darstellt. Dieses Mädchen ist dort

noch bürgerlich gesehen, göttlich gesehen wird es zum Mysterium, zu

liebenswert für unsere Liebe, wie zu tief für unsere Klage.

* * * * *

(Nach einem französischen Roman.)

Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine Sorge des Lebens fern

bleibt, diese, wenn du so willst, frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen

und wider das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgeschöpfe, die der

Proletarier erwürgen würde, wenn er wieder einmal in die Häuser der Bürger

bräche, -- stelle dir dicht daneben, kaum durch eine Straße getrennt, das

grinsende Elend, die verstümmelnde Krankheit, den Schmutz, die

Niedrigkeit, das Verbrechen vor -- und frage dich, was ein Gott tun müßte,

der dies nicht _alles selbst_ wäre. Nur eine Welt, die Gott selbst ist,

darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber nichts, er ist die

Liebe jener beiden feinen verwegen gewissenlosen Kulturgeschöpfe, er ist

ihr Rausch, ein Rausch von solcher Tiefe und Schönheit, daß er selbst

dieser Rausch _sein_ muß, um seinen ganzen sublimen Wert zu empfinden, daß

er er sein muß, um ihn (möchte ich sagen) nicht erst 'empfinden' zu müssen

und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich ein Urteilen wäre -- im

Urteilen aber schläft auch schon das Verurteilen -- herabzusetzen; ich

sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben das Elend, die

Krankheit, der Schmutz ist, er braucht nicht vor sich zu erröten wie ein

feiler Genüßling, er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine

höchsten Zustände nicht, er ist in schrecklicher Fülle und Wahrheit alles,

von oben bis unten, er ist das ganze Universum am 'eigenen Leibe', noch

einmal: Er darf alles sein, weil er alles _ist_. (Spätere Anmerkung:

Solange er nicht selbst darum 'weiß'. In diesem Moment beginnt seine --

Sittlichkeit.)

* * * * *

Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben könnte, und nichts, das ich

nicht überwinden möchte.

* * * * *

Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst dadurch, daß sie Liebe Gottes

zu sich selbst ist, zu einem Problem von schauerlicher Tiefe. Was allein

kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das Kind? Keineswegs. Das Kind ist

ja nur wieder Gott als Individuum. Wenn der Mann mit dem Weibe plötzlich

zusammenschmelzen könnte in einen dritten Körper, dann würde die Erde

vielleicht im selben Augenblicke vor jähem Erschrecken untergehen.

* * * * *

Nietzsche sagt einmal, daß mit der Wissenschaft der Optimismus Herr

geworden sei. Und fürwahr, mit dieser Zählmaschine in der Hand wird der

Mensch ein beschäftigtes und beruhigtes Schulkind. Die Furchtbarkeit des

Daseins verliert ihre Gewalt für ihn, er klassifiziert, klärt auf,

korrigiert hier und dort. Eine Welt, für die es nur die Eine Bezeichnung

'furchtbar' gibt, wird ihm zuletzt ein behagliches Wohnhaus, in das bloß

der Tod seine ungemütlichen Schatten wirft. -- Sei bedankt, Tod,

millionenmal bedankt, daß du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens

bist. Ohne dich müßte das ganze Sinnen jedes Denkenden unaufhörlich darauf

gerichtet sein, dich zu erfinden. Ohne dich würde Gott am eigenen Leibe

verfaulen.

* * * * *

Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider Gottes.

* * * * *

Gott ist die Überwältigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die

Kapitulation des menschlichen Begriffsvermögens vor der Welt.

* * * * *

Philosophie und Religion ist für den Menschen vielleicht nur der

Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn. Vor der Kälte des Universums zieht sich

das Wasser als Haut zusammen, so vor der Kälte des Unbegreiflichen der

Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben. Gott, wo er nicht im Verfall,

rettet sich vor dem Verfall, indem er _denkt_.

* * * * *

Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten. Alles,

was geschieht, ist Mein bewußter oder unbewußter Wille und als solcher

unantastbar. Damit aber fällt zugleich die übertriebene Wichtigkeit alles

Geschehens dahin. Alles ist wichtig -- als göttliche Äußerung; und nichts

ist wichtig -- ebenfalls als göttliche Äußerung. Gottheit ist Fülle, und

Fülle weiß nichts von dem, was sich Kümmerlichkeit als Gewinn und Verlust

herausrechnet. Es gab zu lange nur den Gott des Bürgers, Gott sah sich

selbst als Bürger: den aber hat sein eignes Lachen töten müssen. Aus dem

Gott-Bürger wurde der Gott-Freie, aus dem komischen wieder der tragische

Gott.

* * * * *

In einen Roman:

'Ich sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken, so groß, wie er

vielleicht noch nie von einem Menschen gedacht worden ist, oder wenn, dann

nur von einigen Wenigen, halb Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen und

werde nicht drehend, nicht von Sinnen, nicht von Fieber geschüttelt. Ich

bringe es fertig, mit diesem Gedanken mein ganzes bisheriges Leben

fortzuleben, als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich mich

verachten muß, daß selbst ein solcher Gedanke dies schöne Gleichgewicht,

um das mich so viele beneiden, nicht zerstört, und wie ich im Innersten

nur jenes Eine begehren muß: den Schmerz, den unentrinnbar tödlich

verwundenden, den --'

* * * * *

(Zu Drews.) Alles Lebendige unmittelbar als Gott zu fühlen, kann nicht

Größenwahn sein: denn wenn ich mich als Entwickelungspunkt Gottes, als

Gott in einer bestimmten Entwickelungsphase erkennen zu dürfen glaube, so

gilt mir doch jeder Mitmensch, ja jedes lebendige Wesen überhaupt

gleichfalls als Gott: sodaß da nichts ist, was sich über andres überhöbe,

oder nur in dem Sinne, wie sich Gedanken im selben Kopfe übereinander

überheben.

* * * * *

(Zu Drews.) Es ist sehr lehrreich, daß dieses dicke und gelehrte Buch 'Die

Religion als Selbstbewußtsein Gottes' gerade _die_ Idee, die Gott am

tiefsten faßt, als 'wahnsinnig' hinstellt. Man mache sich klar: von

unzähligen Ideen mit tödlicher Sicherheit gerade die energischste,

bedeutendste! Man möchte den Geist des Verfassers eine umgekehrte

Wünschelrute nennen.

* * * * *

Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich), ist eine --

Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie mit zur Welt gehören, so gehören

Sie, wie jeder andere, ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit

hinein.

* * * * *

(Zu Dostojewski.) Es ist ein Wandel zwischen Überreiztheit, Ermattung und

Größe, einer Größe, wie sie sich nur bei den ganz tiefen, glühenden Seelen

der Menschheit findet, und wenn ich im Augenblick gefragt werden sollte,

wüßte ich auch im Augenblick nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den

Namen Lagarde und den Namen Nietzsche. Nur bei ihnen findet man diesen

Sturm der Seele wieder, der oft lange schläft, sich lange unter allerlei

psychologischem, politischem, was weiß ich für Kleinkram verkriecht, um

sich dann plötzlich unvermutet wie ein feuriger Wirbel zu erheben,

emporzusteigen, alles zu überschütten, zu überstrahlen, daß das Herz zu

klopfen anfängt --

* * * * *

Dostojewski hat folgende großartige Methode: Er führt eine Anzahl Menschen

ein, die uns zunächst nur einfach fesseln, noch nicht erregen, wirft sie

durcheinander, bringt sie in die unglaublichsten Verwickelungen, bis für

jeden irgendeinmal die Stunde schlägt, wo er sein Innerstes enthüllen muß.

Und enthüllt er sich nicht aus freien Stücken -- und je bedeutender solch

ein Mensch ist, desto verschlossener, schamhafter, unwilliger, ja selbst

zynischer ist er -- so wird er, ich möchte sagen, 'gestellt'. Ein andrer

setzt ihm das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den 'Karamasow',

Werssilow und sein Sohn im 'Werdenden', Schatoff und Stawrogin in den

'Dämonen' usw. Lassen wir das, ruft Schatoff, davon später, sprechen wir

von der Hauptsache, von der Hauptsache .. Ich habe zwei Jahre auf Sie

gewartet. -- Nicht meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, -- aber das

andere --! Und dann sprechen sie alle von dem 'andern', von der

Hauptsache: ob es einen Gott gibt oder nicht; was der Mensch tun muß, wenn

es Gott nicht gibt; ob der Mensch überhaupt ohne Gott leben könne; wie im

Besondern das Russenvolk diese höchste und brennendste Lebensfrage

entscheide, und ob dieses Volk nicht vielleicht 'das einzige Gott tragende

Volk' heute sei, 'das einzige, dem die Schlüssel des Lebens und des neuen

Wortes gegeben sind'.

Und in diesen Gesprächen brennt die Flamme Gottes selbst, die Flamme des

um sich selbst ringenden Gottes, dessen Leib das unendliche All der

Gestirne und dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen ist.

* * * * *

(Zu Dostojewski.) Wenn ich ein Priester wäre, so würde ich mit meiner

Stirn erst dreimal vor ihm den Boden berühren, bevor ich mich umwendete

und zu meinen Brüdern spräche; denn in ihm ward eine jener großen Leuchten

der Erde lebendig, die noch in den finstersten Nächten leuchten, -- er war

einer der großen Rechtfertiger des Menschen, weil er sich am Menschen

nicht genug sein ließ; nur aber, wem der Mensch kein Ziel war, nur ein

Wurf nach dem Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein.

* * * * *

(Zu Drews.) Wenn ich sage: 'Mensch' ist nur eine sprachliche Ausdrucksform

für 'Gott' -- ist das 'Selbstvergötterung'? Gott kann sich doch nicht

selbst vergöttern! Was aber wäre Gott, der nicht die ganze Natur, der

nicht alles, alles selbst wäre, der nur das Selbst, nicht auch das Ich

zugleich, nicht zugleich die Sehnsucht nach Sich und dies Ersehnte selbst,

kurz, dessen Inhalt, sozusagen, nicht die gesamte unendliche Welt wäre?

Gott ist jeder Gedanke und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik,

insofern die Natur nicht nur ein einfacher chemischer oder mechanistischer

Prozeß ist, als den sie der Materialismus hinstellen will, aber es gibt

keinen Metatheismus; Metatheismus aber wäre, das menschliche Subjekt noch

einmal in Mensch und Gott zu spalten: wenn diese Spaltung auch noch so

fruchtbar sein mag, ja wenn sie auch unzweifelhaft eines der instinktiven

Mittel des aus dumpfem Urtrieb zu immer reinerer Sichselbsterfassung,

Sichselbsterringung hindrängenden Gottes war und ist, seinen Weg zu sich

selbst, ja: Sich Selbst zu finden.

* * * * *

Ihr werdet mich mit Euren blassen Gottesideen nicht überzeugen können. Der

_sichselbstschöpferische_ Gott ist ein zu gewaltiger Gedanke, und wenn

nicht die Philosophen, so werden die Künstler mich stets begreifen.

* * * * *

Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis Meiner selbst kommen

und zu diesem Leiden gehört, daß, was da leidet, zum allergrößten Teil

nicht weiß, daß Ich leide, sondern sich als selbst-Leidendes fühlt, sodaß

ich, obwohl ich es nur selbst bin, der leidet, doch endlos zugleich leiden

_mache_. Und dies alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung willen.

Was bleibt Mir da noch übrig, womit kann Ich allein diesen furchtbaren und

doch notwendigen Weg aufwiegen, wenn nicht durch -- Liebe! Liebe nicht zu

Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur ganzen werdenden

Welt, zu allem, was überhaupt noch Werden heißt. Die ganze Welt einst

wieder an Mein Herz zurückzunehmen -- könnte Ich mich ohne diesen Willen

zur -- Welt entschlossen haben?

(Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich mißverstanden würde. Wenn

man mich für einen größenwahnsinnig gewordenen Subjektivisten nähme!)

* * * * *

Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle der 'ewigen

Seligkeit' verspricht, ist folgendes:

Wir hören nie auf, als Lebendige wiedergeboren zu werden, wir sind und

bleiben Teilnehmer des göttlichen Ringens um sich selbst. Gott schenkt uns

(sich) keinen 'Frieden', als den, welchen er sich selbst erringt. Alle

höchste Stufe der Entwickelung erreicht Gott als Mensch: Der

höchstentwickelte, am vollkommensten gelungene Mensch ist zugleich ein

höchster Glücksmoment Gottes. Es gilt nicht, diese höchsten Glücksmomente

Gottes auf allen Sternen einfach auszuschalten und als irdische

Ungenügendheiten zu verdächtigen. Sie sind die _einzige_ (bewußte)

_Seligkeit_ Gottes, es gibt keine andere, hinterweltliche, außer ihr. Sie

sind selbst geistweltlich genug. Sie sind Erkämpftheiten, Ersiegtheiten,

nicht faule Geschenke, sie sind nicht jenes Ausruhen, jener Friede, den

die Geplagten und Gemarterten als Höchstes ersehnen, sondern Seligkeiten

der Kraft, des außerordentlichen Vermögens, -- alles irdische Große und

Herrliche ist zugleich Seligkeit Gottes. Es gibt nicht Elende und

Glückliche und einen Gott bewußt oder unbewußt außerhalb ihrer, sondern

Gott selbst ist elend und glücklich, Gott selbst fällt und erhebt sich,

sündigt und überwindet sich, Gott selbst ist das Herz, die Seele, der

anemos der Welt.

* * * * *

Wer das Wunder nicht als das Primäre erkennt, leugnet damit die Welt, wie

sie ist, und supponiert ihr ein Fabrikspielzeug.

Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts außer ihm. Wenn aber alles

Wunder ist, das heißt durch und durch unbegreiflich, so weiß ich nicht,

warum man dieser großen einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, nicht den

Namen Gott sollte geben dürfen.

* * * * *

Wirklicher innerster, reinster Glaube _kann_ sich nur auf etwas beziehen,

wofür die Sprache kein anderes Wort hat als absurdum; das Absurde ist sein

_einziges_ Objekt. Ja, ich möchte noch weiter gehen: was geglaubt werden

kann, ist schon nicht mehr glaubwürdig. Glaube, im innersten Begriff, ist

Annahme _aller_ Möglichkeiten mit Ausnahme der einzigen, zu ihm selbst je

ein bestimmtes Geglaubtes, das heißt einen irgendwie bestimmten Inhalt, zu

finden. Glaube ist nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken entweihtes

Gefühl Gottes. Glaube ist damit das Gefühl Gottes von Sich selbst, Glaube

_an_ Gott ist bereits kein reiner Glaube mehr: das an setzt einen

Gedanken, ein Urteil, eine Auswahl voraus. Glaube an Gott ist ebenso wenig

Glaube Gottes, wie Gefühl an Gott Gefühl Gottes. Daher auch keine Vernunft

dem wahren Glauben etwas anhaben kann.

* * * * *

A. Wo ist Gott ...

B. Du fragst, wo Gott ist?

A. Ja.

B. (auf A. deutend) Dort.

A. Wo? (dreht sich lächelnd um).

B. Ja, du mußt dich nicht nur umwenden, du mußt dich in dich

hineinwenden --

A. Hineinwenden?

B. Ja. Siehst du diesen Handschuh?

A. Ja.

B. Das ist der Mensch. Und dies (stülpt den Handschuh um) ist Gott.

* * * * *

Gott ist gewiß nicht Persönlichkeit. Aber er wird sie in jedem Moment.

Gott ist: Persönlichkeiten.

* * * * *

Der Körper, der Übersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare.

* * * * *

Daß jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene Möglichkeit unter

unzähligen Möglichkeiten bedeutet, gibt ihm erst den großen Hintergrund.

Leib und -- Seele, von hier aus neu zu begreifen. Der Leib, eine Linie der

Seele, die Eine wirklich hingezeichnete Linie von Legionen Linien, die

ebenfalls jede für sich hätte hingezeichnet werden können. (Sichtbar,

leiblich geworden sein könnten.)

* * * * *

Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in beständigem Aufbau und

beständiger Zersetzung begriffen. Es gibt für dies Wesen keinen Tod -- um

den Preis des individuellen Todes. Das Individuum ist der Preis des

Dividuums. Das Individuum ist vergänglich, das Dividuum ohne Anfang noch

Ende. Das Dividuum teilt sich fortwährend und darum besteht es

fortwährend. Es kann nur bestehen, wenn es beständig zu Individuen wird.

Im Individuum wird es allein fest, sodaß man sagen kann: Die

Individualität ist die Persönlichkeit der Dividualität, oder menschlicher:

Der Mensch ist die Persönlichkeit Gottes.

* * * * *

Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn -- Gottes.

* * * * *

Im Anfang war -- Mein Ziel.

* * * * *

Gott heißt immer nur der jüngste _Begriff_ von Gott. Gott selbst kann es

für den Menschen niemals geben -- so wenig es für diese meine Hand diese

meine Hand geben kann.

Dasselbe kann nicht zugleich zweierlei sein. Mensch und Gott ist dasselbe,

also kann Gott nicht vom Menschen erkannt werden. Erkannt werden kann nur

eins vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich selbst umdrehen und

darum wird er nie wissen, wer er eigentlich ist, woher, wohin, warum. Und

_mit ihm_ wird es Gott nie wissen. Gott ist sich selbst Mysterium. Und

wäre dies schließlich nicht das Letzte -- was wäre dann die Welt? Eine

Sphinx, die, gelöst, in den Abgrund stürzen _müßte_. Ihr tiefster Sinn

wäre damit verloren -- das Nieaussinnbare. Sie hätte jeden Grund verloren,

weiter zu _sein_; denn der Welt Grund ist allein ihr _Ziel_. Wo aber ein

Ziel erreicht ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott, heißt stets unerreichtes

Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, daß wir nicht einmal wissen, wo

es liegt, wie es heißt. Aber immer sucht das Universum. Gott ist der Welt

Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche nach Sich, nach Seinem Sinn,

nach Seinem Grund. Alles ist Weg, Gott ist Weg. Das Kleinste wie das

Größte, alles ist nur ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist der Sinn selber.

Der Weg nach dem Sinn ist der _Sinn_ des Wegs.

* * * * *

Alles will zusammensein und darum zusammenkommen. Assoziation ist zuletzt

das eine welterklärende Wort. Das andere -- kennen wir nicht. Aber wir

würden das mit ihm bezeichnen, was dieses Zusammenkommen von Allem zu

Einem verhindert, um dafür die Welt der Individualformen aus ihnen zu

bilden. Denke dir zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas. Die äußere

Hohlkugel ist mit Gas gefüllt, die innere luftleer. Nun wird die innere

zertrümmert: Das Gas will blitzschnell den ganzen Raum erfüllen, als

Eines, Untrennbares, Ganzes, Molekül an Molekül, gleichartig assoziiert.

Aber umsonst: denn in der innern Kugel war etwas, das nun folgenden

Vorgang zeitigt: Das Gas kommt nicht als Eines, Ungeteiltes zusammen,

sondern erst als eine Unzahl von besonderen Zusammenheiten, etwas

verhindert es am Zusammensein schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein

Zusammensein in Form von Legionen Zusammenseienden.

Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in Gärung versetzt. Der Pilz

bildet die außerordentlichsten und vielfältigsten Formen. Die Masse strebt

ewig zurück zu ihrer Einheit, aber der Pilz wuchert fort. Gott sein

eigener Pilz.

* * * * *

Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei, und er ist Gottes

Geist, ebenso, wie es auch nur einerlei Leib gibt, nämlich: Gottes Leib.

* * * * *

Man bemerkt es bei den irdischen Ereignissen dieser Tage (dem

Vesuvausbruch und dem Erdbeben in San Francisco) wieder einmal, wie gering

bei den Menschen das Gefühl ist, das das natürlichste von allen sein

sollte: Das Gefühl des Zusammenhangs mit allem, was ist. Nicht einmal bis

Neapel reicht ihr Glaube an die Einheit und Korrespondenz aller Dinge, wie

sollten sie den Gedanken fassen, daß das ganze Universum beständig in

ihnen ist, wie sie in ihm, ja, daß jener Ausbruch des Vesuv sowohl wie

irgend ein untergehender Stern hinter der Milchstraße im Grunde nichts

anderes als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet.

* * * * *

Sätze wie: In der Welt überwiegt die Summe des Leidens die Summe des

Glückes -- was sind sie im letzten Grunde anderes als Wortspielereien vor

dem in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und gar übergewaltigen Charakter

des Weltalls. Sollte in diesem ganz unfaßbaren Komplex des Lebens nicht

Leid und Lust so untrennbar, so organisch, so durch und durch ineinander

verschlungen und verwirkt sein, daß man schon ein Prachtstück an

Trockenheit und Pedanterie sein muß, um hier mit einer Wage heranzutreten

und seine innere Unsicherheit, was nun wohl richtiger sei, die Welt zu

segnen oder zu verdammen, durch ein so durchsichtiges Manöver bemänteln zu

wollen? Der starke Geist wird, nachdem er angefangen hat mit sich ins

Reine zu kommen, leidenschaftlich bejahen oder verneinen; ohne

vorzuschützen, daß er durch 'sorgfältiges Abwägen' zu solcher Erkenntnis

gelangt sei. Ein noch stärkerer aber wird es weder beim Ja noch beim Nein

aushalten: Er wird bekennen, daß ihm vor einem solchen Schauspiel, wie die

Welt, alle Erdenworte versagen und vergehen, daß wohl ein geheimes Ja in

seiner Seele lebt, daß er sich aber nicht Weltallsrichter genug erachtet,

es auszusprechen, und daß sein oft in ihm aufquellendes Nein zu der

Brotkrume Erde, die und deren Erscheinungen er allein kennt, ebensowenig

wagen darf, das unversiegbare Füllhorn seiender und noch möglicher Welten

zu verwünschen. Er wird, wie einer, der seine Worte und Werturteile

unerbittlich zu bändigen gelernt hat, zu schweigen versuchen, und wenn man

ihn nach seiner Religion fragen wird, so wird er antworten: sie ist

Verstummen aus Schrecken, aus Selbstzucht und aus Phantasie.

* * * * *

Ich will den Menschen nicht schiffbrüchig sehen, aber er sollte dessen

bewußt sein, daß er auf einem Meere fährt.

* * * * *

Wir müssen uns davor hüten, ausschließlich mit der Menschheit unseres

Planeten zu rechnen. Wir müssen annehmen, daß jeder mögliche Gedanke über

Gott auch wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel ob in unsern oder

in Mars- oder Saturnköpfen, ja, daß es sehr wohl Planeten geben kann, auf

denen Gott sozusagen leibhaftig im vollkommenen Bewußtsein seiner selbst

lebt. Daß wir als die Phase Gottes, die wir sind, offenbar nur Gott in

irgend einer Phase darstellen, nicht zugleich in seiner höchsten; wiewohl

auch seine höchste nur eine 'endliche' sein mag, indem das unendliche

'Mysterium' nur im immerwährenden Endlichen unendlich bleiben kann. Gott

kann allein leben durch seinen immerwährenden Tod. Gott muß fortwährend

sterben, um fortwährend leben zu können. Gott stirbt nie um den Preis

fortwährenden Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, und

überwinden wir es durch das Wort 'Ich bin', das Gott in uns spricht. 'Ich

sterbe als du, damit ich als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du,

sei also getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich sie als du

erkannt zu haben meine).'

* * * * *

Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem Baum, in jeder Blume.

Ein Keim fiel in einen Grund, ging auf, entwickelte sich zu Pracht und

Duft -- und wird, was man so nennt, absterben, wenn er seinen Gang

vollendet. Ist Schönheit und Duft einer Rose etwas Geringeres als

Schönheit und Duft der großen Erdenblume? Und welkt, wenn die Rose welkt,

minder Tragisches dahin, als wenn dieser Erdball einst vergehen wird? --

Wachstum ist alles, das Wort 'wächst' vielleicht das letzte mögliche Wort.

-- Und wie es unendlich viel Bäume und Blumen gibt, so unendlich viel

Welten und Gestirne, keine, keines gleicht dem andern, -- und so wäre der

Paradiesesgarten als Ewigkeitsgarten abermals stabilisiert. Eine

Phantasie, groß genug. Ein Bild für Gott, immerhin unzerreißbar von

menschlichen Kinderhänden. Eine Vorstellung, eine Erahnung, wohl nicht

stärker, nicht deutlicher als der kaum erhaschte Duft einer von einem

Berggipfel in einen Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir Vorüberfall

du auf einer vorspringenden Felskante wie ein blitzartiges Wunder erlebst.

Aber doch eben das, und als das, etwas. --

* * * * *

Der Mensch, der ganz erkannt haben würde, wäre der wieder geschlossene

Ring Gottes.

* * * * *

Der Mensch ist ein an einer Stelle geöffneter Ring. Gott ist der Ring als

Eines, Ununterbrochenes. Der Mensch stellt sich dar als dieser Ring,

unterbrochen, mit seinen zwei Enden sich wieder zu vereinigen, zu

schließen strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender und in sich

zurücklaufender -- aber noch nicht zurückgelaufener -- Gott. Der Mensch

ist die Offenheit des Rings, der noch nicht wieder zusammengeschmolzene

Hingott und Widergott.

* * * * *

Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters.

'So wird sie mich in der Ewigkeit verstehen.' -- Wäre es nicht furchtbar,

wenn der Mensch nur Entwurf Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entwürfe als

Entwurf endigen müßte, statt weiter und weiter durch alle Ewigkeit

ausgeführt, weiter gebildet zu werden? Gewiß, der gegenwärtige

Weltdurchschnitt wird immer Fragmentmosaik sein -- aber es fragt sich, ob

einmaliges Fragmentmosaik oder Fragmentmosaik als Fortsetzung und zwar

nicht bloß im Ganzen, sondern auch im Einzelnen, Einzelnsten: ob ich also

nicht nur Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment

meiner Person, als einer gottwerdenden Person, als Gottes im Einzelnen,

bin. So vielleicht: Kann Gott als Menschenperson verloren gehen, ist

Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein Leib Gottes) -- oder ist

Gott, einmal Person geworden, als solche ebenfalls unsterblich, sodaß

seine Entwickelung nicht nur eine Entwickelung zur Selbstahnung seiner

Selbst als Welt, sondern auch eine Entwickelung in jedem Einzelnen zur

immer wieder sterblichen Person auf immer wieder höherer Stufe wäre?

* * * * *

Vor einem Sterbelager.

Vielleicht trifft man sich einmal unter freundlicheren Verhältnissen

wieder. Ja, vielleicht haben wir uns auch diesmal schon wiedergetroffen,

von früher her, nur, daß wir es nie wissen, daß wir heimliche

Zusammenwanderer sind.

* * * * *

Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit kann nur als Irrtum zur

Erscheinung kommen. Alles Daseiende selbst ist Irrtum, aber Gott

entwickelt sich, wird (ist) nur dadurch, daß er sich beständig 'verrennt',

verstrickt, verwickelt, zu Knoten schürzt, daß er sich selbst beständig

Stationen schafft. Er würde wie ein Meer ins Unendliche verfließen -- wenn

er sich nicht fortwährend selbst im Netz gleichsam der Einzelerscheinung

finge, diese Netzerscheinung wie als ein bereits Endgültiges zu höchster

relativer Vollkommenheit emportriebe: um, wenn das ursprüngliche Netz

sozusagen völlig in sie hineingenommen, nun den Persönlichkeitskern als

Eigengewinn davon zurückzubehalten, das andere wieder zerfallen zu lassen.

* * * * *

Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt von dir auf den

andern. Dich aber sollst du zu vollenden trachten, nicht den andern. Wer

sich nach innen wendet in seiner Tiefe, von dem fällt Mitleid ab wie ein

Müßiggang. Er kann niemanden mehr bedauern um seines Leides willen, er

könnte ihn höchstens um dessentwillen bedauern, daß ihn sein Leid nicht in

sich hineintreibt, daß es ihn nicht vertieft. Wer sich und den Nächsten

als Gott erkannt hat, von dem fällt Mitleid ab wie ein Geschwätz. Er wird

den Nächsten zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches zum Opfer

bringen können, wenn es das gilt, aber ohne Mitleid; denn mit großem Auge

wird er durch sein Leiden hindurch ihn als Sich sehen; in dem aber, was er

da sieht, fallen, wie Ekkehart sagt, alle Worte dahin. Da hat Mit-Leiden

keinen Sinn und keinen Platz mehr.

* * * * *

Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe schwerfällige Körper, als

Geist zugleich mit dem Geist aller Epochen unablässig verkehrend.

* * * * *

Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die Stickerei dieses Teppichs

die Geschichte des Menschen.

* * * * *

Zünde einen Magnesiumfaden an -- und du hast das Leben des Menschen im

blitzschnellen Bild. Leben und sterben sind nur zwei Ausdrücke für

dasselbe. Und unser Ichgefühl das Gefühl des hineilenden feurigen Punktes.

* * * * *

Es gibt nur ein Neues: Die Nüance.

* * * * *

Die Welt, eine in sich zurücklaufende Spirale.

* * * * *

Wir müssen sehen, aus den Formen, als die wir erschienen sind, bis zu

unserm Ende zu Kugeln zu werden: die Spirale der Ewigkeit hinabzurollen,

nicht aber wie ungefügte Klötze hinabzurutschen und hinabzupoltern, muß

unser erster Wunsch und letzter Wille sein.

* * * * *

Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich. Unwesentlich die

Mücke, wesentlich der Mensch; unwesentlich der Mensch, wesentlich die

Menschheit; unwesentlich die Menschheit, wesentlich das Universum;

unwesentlich das Universum, wesentlich --

1907

Wir müssen das Quantitative verabschieden. Gott, ich meine das

Unvorstellbare, das wir sind, ist weder groß noch klein. Alles ist in

jedem Augenblicke Gott und jeder 'Teil' in jedem Augenblicke zugleich das

Ganze. (Ist denn das Wasser für den Tropfen klein oder groß? Nein, er ist

der Tropfen und das Wasser zugleich. Wasser aber ist weder klein noch groß

und wenn der Tropfen zurückblickt auf den Wasserfall, so wird er doch

darum nicht sagen können: Wasser ist groß. Und so ist 'Gott' auch nicht

größer da, wo er die 'Milchstraße' ist, als da, wo er in einem Menschen im

Gras liegt. An sich ist diese Blume hier nichts geringeres als zehntausend

Gestirne. Und so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten 'groß'

und 'klein', denn 'das gibt es alles garnicht'.)

* * * * *

Ich fürchte, -- und dieser unheimliche Gedanke kehrt mir, fast seit ich

denken gelernt, immer wieder, --: nicht, daß wir sterben werden, ist zu

fürchten, sondern daß wir nie sterben werden. Ich empfand dies immer unter

folgenden Worten: Ich werde immer da sein. Und wenn ich heute meinem Leib

nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht -- mein Freund bin? Nicht

als ob etwas, was meine Seele genannt werden könnte, gewandert wäre, nein,

sondern wie wenn ein Etwas in allem Lebendigen immer wäre und wüßte daß es

wäre ... Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz

und gar als dieser und mit allen physischen Prämissen) in die Welt blickt,

in demselben Moment, wo er sein Bewußtsein verliert? Solange ich in meiner

Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form

zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite ist vielleicht

nichts als wieder das Eine.

* * * * *

Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen.

* * * * *

Dies Bewußtsein wenigstens habe ich: mein höchster Gedanke hat nichts zu

tun mit dem Äußerlichen meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die

zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend etwas getrieben worden

sind, als da ist unterdrückte Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele,

Verzweiflung an sich und der Welt oder ähnliches. Ich kenne diese Zustände

wohl, aber ich wäre nie vor ihnen zu einem neuen Gottes-Begriff geflohen:

wie denn dieser auch weder 'heilt' noch 'erlöst'. Diese Idee ist vielmehr

aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann ihre Anfänge bis in

mein zweites Jahrzehnt zurückverfolgen, in dessen Mitte etwa ein ganz

spezifisch philosophisches Interesse in mir erwachte. Ihr endliches

Zutagetreten hängt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen, das

mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge

gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit das Micheinsfühlen mit

allem zu einem natürlichen Gefühl macht.

Ebenso hatte ich stets das Gefühl des Zusammenhangs in so hohem Maße, daß

ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese

etwa, daß meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze Weltall in

Mitleidenschaft ziehen müsse.

* * * * *

Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle Sprache und damit alle

Begriffe und Dinge: der Rest ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist --

Gott.

* * * * *

'Gott' ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels: ziehe alles

von dir ab, was abzuziehen ist, und der Rest ist -- Mysterium.

* * * * *

Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerklärliche sagt aus

Menschenmund Gott zu sich.

* * * * *

In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott selbst sich zum

Bewußtsein gekommen. In Christus erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal

sich selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen. Aber freilich:

'Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein Tag.'

* * * * *

Man empört sich gegen die Gottheit Christi -- als liege man selbst in Hose

und Rock nicht als ein Stück -- Gottheit herum.

* * * * *

Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres. Von außen, mit

fremdem Auge betrachtet, mag es nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen

Augen gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben -- Gottes aber

angeschaut, wird es sofort unaussprechlich tief und tragisch. Sieh nur

irgend einen Menschen daraufhin an, daß er nichts andres ist als Gott,

Gott selbst in ureigenster Person -- und die Welt wird sich dir mit

einemmal und auf immer verwandeln und du wirst kein Sittengesetz mehr zu

befragen brauchen; denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig

werden.

* * * * *

Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: daß den Menschen eines Tages in

größerer und größerer Anzahl zum Bewußtsein kommt -- nicht nur nominell

wie bisher, sondern faktisch -- daß sie in der Unendlichkeit leben.

* * * * *

Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie sehen den Himmel, aber

noch nicht den RAUM.

* * * * *

Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich und in der

Ewigkeit. (Geträumte Zeile.)

* * * * *

Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was wie jede andere

Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung produziert. Bis heute glaubt

die Menschheit noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die Götter ihrer

Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch den Satz zu widerlegen:

Dein Gott ist eine bloße Vorstellung von dir. Gewiß ist er das. Erst die

Menschheit, welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen, ist

irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten können, ist das

Unvorstellbare, auf das unsre Vorstellungen zurückgehen, ist das, was wir

für uns als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst (wie wir uns

bezeichnen) und alles, was um uns ist (was wir so bezeichnen). Gott ist

alles. Wir haben kein andres Wort für Gott als das Wort 'alles'. Man kennt

und fühlt Pantheismus schon lange, aber ich weiß nicht, ob je mit diesem

'alles' schon ganz und resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht,

für den gibt es kein Entrinnen mehr. Er muß selbst hinein in dies 'alles'

mit jeder Faser seines Leibes und jedem Schatten seiner Gedanken, er muß

selbst zusammenfallen mit Gott, er muß selbst Gott -- und nicht nur in

Gott -- sein.

* * * * *

'Sein' (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn Gott sagt: ich bin, so

sagt er dies beides nur als Mensch. Als Gott sagt er nichts, 'ist' er

nicht einmal etwas. Gott ist nicht Gott.

Als Mensch 'ist' Gott.

* * * * *

Auch wo Gott 'sich' fühlt, wie im Mystiker, bleibt er noch Mensch.

* * * * *

Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, daß die Welt unerklärlich sei. Die

Folgen dieser bornierten Leugnung, dieser stiermäßigen Annahme des

Gottmenschenkopfes von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind allzu

wertvoll, verinteressieren -- als Wissenschaft -- das Leben in allzu hohem

Grade.

* * * * *

Unbewußte Stupidität, bewußte Verlogenheit -- als Voraussetzung aller

Wissenschaft, ja aller geistigen Kultur überhaupt: das ist eine groteske

Wahrheit Gottes, des Menschen.

* * * * *

Auch hier meine Ausführungen, was ich auch versuche, bleiben --

Anthropomorphismus. Diese Feststellung sollte eigentlich der Tod Gottes

sein. Der Tod Gottes -- als einer auszuscheidenden Vorstellung. Aber diese

Vorstellung war meine letzte, in der ich alle andern begrub. Kein Wort der

Erde, das sich mir im Wort 'Gott' nicht löste. Andre nennen ihre

Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber ist das minder

anthropomorph? Nein. Jedes Wort ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach

gleich viel wert. 'Leben' ist das Wort einer andern _Phantasie_ als

'Gott', das ist alles.

* * * * *

Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur ein 'Ur--wort'. Dieses

Urwort muß uns gelassen bleiben, wollen wir Menschen bleiben.

* * * * *

Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe

begreifen könnte.

* * * * *

Ich frage mich, welche innere Nötigung liegt meiner Handlungsweise zu

Grunde (drücken wir es so aus): das Ding an sich Gott zu nennen. Meine

aufrichtigste Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist Gottes

Sache selbst. Ich bin -- wie ich es ansehen kann -- nur eine Etappe im

ungeheuren Heer und Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich nun

selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so wäre damit wohl nicht viel

mehr getan, als wenn ein Strudel jenes Baches dort unten die Art seines

Gurgelns durch die Daten seines Lokals usw. erklären zu können glaubte.

Nun gut. Welche Nötigung? Die Nötigung, nicht Halt machen zu brauchen. Die

Nötigung, mich mit allem um mich durch ein _persönliches_ Band verbunden

fühlen zu dürfen. Wenn diese Tanne da vor mir ein geistreicher Mechanismus

ist wie ich, so kann sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichgültig,

ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus, sie teilt -- ob ich

sie nun als _Du_ oder Erscheinung bezeichne -- _Ein_ Geheimnis mit mir,

das Geheimnis des Lebens. Wir sind Brüder als Erscheinungen, und unser

Beider Vater als Dinge.

* * * * *

Ich, als Vater, erfülle mich erst im Menschen, als mir, dem Sohne; als

Sohn erst erfahre ich mich als den Vater.

Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst -- Erscheinung.

* * * * *

Von mir: die Menschen sind ihm allein Köpfe Gottes.

* * * * *

Ja, gewiß, es ist vieles am Menschen lächerlich und verächtlich. Aber der

Mensch ist ja auch nur ein winziger Teil Gottes. Und was wäre Gott, wenn

er nicht irgendwo auch lächerlich und verächtlich wäre. Gott schenkt sich

nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen, die meinen, man könne das Eine

ohne das Andere haben, ja noch mehr: man dürfe es.

* * * * *

Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die großen Grotesken

Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform ist notwendig grotesk.

* * * * *

Man könnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttröstungen Gottes.

* * * * *

Nicht, daß gekämpft wird, ist das Tragische der Welt. Sie selbst ist das

Tragische.

* * * * *

Betrachte den gefüllten Zuschauerraum eines Theaters. Wie festlich machen

ihn die vor Erwartung und Lebenslust glänzenden Augen der Frauen, ihre

schneeweißen Nacken, ihr herrliches Haar -- wie scheinen sie alle zu rufen

voll reizender Ungeduld: den Vorhang auf! den Vorhang auf! Wie gern sie

leben und leben sehn, wie ganz unverständlich es ihnen wäre, wenn nun

plötzlich ein Mann aufstünde und spräche: Nein, nicht den Vorhang auf!

nicht auf! Sondern laßt uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen

Theaterspiel! Und seine Augen würden sich schließen im Übermaß des

Schmerzes. Aber nach einer kurzen Spanne der Starrheit -- was würde

geschehen? Mit ihren Fächern würden sie ihn zu erschlagen drohen und mit

hundert beredten Gebärden laut oder stumm, lächelnd oder schluchzend, die

Männer rings fragen: Wie? und wir? sind wir nichts? gelten für nichts? Ihr

wollt dies starke süße bunte Leben nicht mehr? Ihr wollt also Uns nicht

mehr? Was haben wir euch denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder? O,

ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen! Aber ihr sollt uns

nicht irre machen. Nicht irre an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht

und gesundem Menschenverstand. Nein, die Komödie sei noch nicht zu Ende!

-- Der Sprecher von vorhin aber würde bei sich denken: Umsonst. Gottes

Teufel ist seiner würdig. Er könnte nicht überzeugender noch unschuldiger

sein. Und fürwahr: Heute erkannte ich ihn zum ersten Mal -- und sein

triumphierendes Reich, soweit Welt ist.

* * * * *

Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem Gott immer wieder zu

schanden wird, von dem er immer wieder zum Leben verführt wird, vertieft,

dem wird die Größe und Schönheit des Lebens fürder nicht Einwand sein

können: Denn je unfaßlicher dieser Gott ist, desto unfaßlicher wird auch

die Kunst seines Teufels sein müssen, desto heiliger wird sie erscheinen

müssen, desto bejahungswürdiger die Welt für menschliche Urteilskraft.

* * * * *

'Die Welt' ist Gottes Weg zu seiner Schönheit. Überall und immer duftet

diese Wunderpflanze 'Welt'. Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist

ihre Schönheit, ihre 'Seele', 'Gottes' -- Seele.

* * * * *

Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben worden. Wir leben und

weben mitten im Paradiese wie je, wir sind selbst Paradies, -- nur seiner

unbewußt, und damit mitten im -- Inferno.

* * * * *

'Alles was ist, ist vernünftig' -- ganz gewiß. Freilich nicht vom

Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X oder des Privatdozenten Y aus;

aber sub specie Dei.

1908

Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. Was ist der Mensch? Die

Tragödie Gottes.

* * * * *

Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn sie einer verneint,

verneint sie Gott (und damit Sich). Gott sagt weder bloß ja noch bloß nein

zu sich, sondern urewig ja _und_ nein.

* * * * *

Wo einer keine Augen für sich -- als Mysterium -- hat, da hat auch Gott

keine Augen für sich, als Mysterium. Aber als der, als der er Augen für

sich hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine Augen für sich

hat, und zürnt sich, dem andern, aus sich, dem einen.

* * * * *

Die Welt könnte so groß angelegt sein, daß die unaufgelöste Dissonanz

eines ganzen Planeten als solche mit hineingehörte. Ein schauerlicher,

wahnwitziger Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz -- schon allein seine

ganz persönliche Dissonanz -- nicht aufgelöst und sei es auch erst -- nach

Äonen.

* * * * *

Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit. Als Gesamtheit aber ist

er vielleicht eine Zweiheit von Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit

als Welt. Sagst du aber: Die Welt? das wäre wohl nicht genug, wenn nur

_das_ Gott wäre! so frage ich: weißt du, wo die Welt aufhört, daß du von

genug und nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches noch-genug sein

oder 'nicht-genug'?

Das ist gewiß: was auch von Gott, von Gottheit gedacht werden mag, kann

auch noch nicht an den Saum des Mantels seines Ernstes rühren.

* * * * *

Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen zu einander ist -- wenn

die Welt nicht der ewige Weg dieser zwei Seelen ist -- so weiß ich nicht,

was Gott und Welt bedeuten.

* * * * *

Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des MENSCHEN, und der MENSCH nur

ein Moment innerhalb Naturae sive Dei.

* * * * *

Es versteht sich mir fast von selbst, daß das, was ich bin, sich irgend

einmal seines ganzen Lebens -- in allen seinen Erscheinungsformen --

erinnern wird.

* * * * *

Und es wird nichts sein -- kein Richten, kein Wundern, nur ein Schauen.

Aber in diesem Schauen wird Gericht oder Freispruch beschlossen sein.

* * * * *

Ich und du, einmal groß und einmal klein geschrieben -- das ist die

Weltformel. Ich und Du, und ich und du.

* * * * *

Mußte der wahrhaft innerliche Mensch früher mit der Kirche ringen, so muß

er es heute mit der Wissenschaft. Der sich selbst schauende Gott ist immer

nur als -- Ketzer möglich.

* * * * *

Vielleicht ist nichts von allem Gedachten _ganz_ unwahr. Sollte Gott über

Sich _gänzlich_ falsch denken _können_? Sollte nicht die barbarischste

religiöse Vorstellung ein Körnchen Wahrheit enthalten, enthalten _müssen_?

* * * * *

Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem Andern, -- Formel

Gottes, des Individuums. (Hinzuzufügen: zusamt der stillgeglaubten

Anwartschaft auf alles Andere.)

* * * * *

Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere im Menschen streben,

wenn nicht dahin, daß Gott in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das

Erkennen kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er muß aus dieser

Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln hervorschreiten, muß ja

sagen und tun wie der Zarathustra Nietzsche's, oder nein wie der indische

Buddha. Er muß das Schicksal der 'Welt' an seinem Teile entscheiden; sie

soll sein oder sie soll nicht sein. Und doch --.

* * * * *

Frage dich nur bei allem: 'Hätte Christus das getan?' Das ist genug.

* * * * *

Das ergibt sich aus meiner Lehre, daß nicht nur der Einzelne sondern auch

Volk um Volk und endlich die ganze Menschheit -- Persönlichkeit zu werden

trachtet.

Denn wenn wir 'Gott' sind, -- was können wir Höheres aus uns machen, als

immer durchseeltere, durchbildetere, vollendetere Persönlichkeit? So wie

der einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll, so soll auch ein

Volk, eine Menschheit durch und durch 'kalonkagathon' werden wollen.

Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk die ganze Erde --

das ist das Ziel.

* * * * *

Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen aber wird ihn alle

fünfzig Jahre -- vielleicht -- Einer.

* * * * *

Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen könnten, wer Christus

war, würden sie ihn allesamt als einen Irrsinnigen und Verbrecher

verdammen. Ja, so weit weg steht der Mensch, der gesagt hat 'Ich und der

Vater sind eins' (und nur der johanneische Christus ist für mich Christus,

so ausschließlich, daß, wenn es ihn nie gegeben haben sollte, er längst

hätte 'erfunden werden' müssen) von der übrigen 'christlichen' Menschheit

und insonderheit ihren Theologen, daß er wie der leibhaftige Teufel auf

sie wirken würde, hätten sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgefühl

bis zum Letzten nachzufühlen.

* * * * *

Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins Gedächtnis, immer wieder

komme ich zu mir selber wie Christus und frage mich: Und Du schläfst! Und

ich fahre auf und Scham übergießt mich ganz und ich erwache zu mir selbst.

Aber nur ein Kleines, so bin ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt

mein Selbst an mich heran, rührt mir ans Herz, daß ich wie verwundet

aufschrecke und zum wievielten Male! das traurige Wort vernehme: Du

schläfst! Wie -- wäre mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze

geboren, wo das Mittelmäßige und das Außerordentliche zusammenstoßen, ein

Mensch, zu groß, zu reich, zu tief, im Gewöhnlichen zu verharren und doch

zu klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungewöhnlichen? Mir fällt ein

Vers aus meinen ersten Jünglingsjahren ein, jenen Jahren, deren damals

noch ganz anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden Schritt nach

nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten wenigstens bis zu einem gewissen Grade

überwand: 'Ich möchte schwächer sein und bin es nicht, ich möchte stärker

sein und bin es nicht, und daß ich stärker nicht noch schwächer bin, als

wie ich bin, das ist's, was mich zerbricht,' Und auch das fällt mir ein:

Wie ich mich früher gehaßt habe. Gehaßt bis zu bitterster Todfeindschaft,

die mir vielleicht nur aus Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein

Flehen um Tiefe fällt mir ein, das der alte Gott noch hören mußte und

erfüllen sollte. Ein Mensch also gemacht aus Edelmetall und taubem Erz,

zerspalten in Reichtum und Armut, Vermögen und Ohnmacht! Emporfahrend aus

seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen und Schöpferischen in seine

Arme herabzureißen, ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und seiner

flüchtigen Hoheit wieder entschlummernd in den Schlaf des Alltäglichen,

von neuem erwachend nach kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das

wäre ich! Das bin ich?

Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen · 第 32 / 38 题