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Alle Geheimnisse liegen in vollkommener Offenheit vor uns. Nur wir stufen
uns gegen sie ab, vom Stein bis zum Seher. Es gibt kein Geheimnis an sich,
es gibt nur Uneingeweihte aller Grade.
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Ein vorläufiger kritischer Gedankenstrich: daß man über ein gewisses Maß
hinaus nicht wissen könne, verwandelt sich unvermerkt in das Postulat,
niemand habe außer den 'nun einmal festgestellten' Grenzen etwas zu
suchen. Man fühlt sich vor solchem Doktrinarismus an das Gebahren kleiner
Kaufleute erinnert, die von einer Ware, die sie nicht führen, erklären, es
gäbe diese Ware überhaupt nicht.
1910
Du siehst in etwa 100 Meter Entfernung einen Mann Holz spalten. Das auf
den Hackblock geschmetterte Scheit sinkt bereits nach links und nach
rechts auseinander -- da erreicht dich erst der Schall. So mögen wir die
Welt ein halbes Leben lang betrachten, bis wir das Wort vernehmen, das zu
ihr gehört, die Seele, die von ihr redet.
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Niemand wird die Welt verstehen, der sie von heut auf morgen verstehen zu
müssen glaubt, der sich über die augenblickliche Konfiguration der Erde
nicht so hinwegzusetzen vermag, daß ihm heut und morgen zu
Unwesentlichkeiten werden. Niemand wird die Götter und ihre Werke
verstehen, vor dem tausend Jahre nicht wie ein Tag sein können und wie
eine Nachtwache.
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Man muß aufhören können zu fragen, im Täglichen wie im Ewigen.
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Weder 'ich' bin, noch jener 'Baum' ist, sondern ein Drittes, nur _unsere
Vermählung_, ist.
1911
Über jedem Gedanken, jeder Vorstellung liegen hundert Gedanken und
Vorstellungen, die uns das jeweils Gedachte, jeweils Vorgestellte
verhüllt.
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Es gibt kurz- und weitsichtige Idealisten. Jene pflegen sich mit Stolz
Realisten und den anderen Teil schlechtweg Idealisten zu nennen.
1912
Die Rhetorik ist die Politik in der Philosophie. Der wirkliche Philosoph
ist nicht Politiker, sondern Künstler. Er 'redet' nicht, er bildet, baut.
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Der Systematiker nötigt mich, ihm seinen Weltbau nachzudenken. Er sagt:
Baue mir meine Gedankengebäude nach -- und mit ihm bauend werde ich selbst
zum Gedankenbaumeister. Er wendet sich an das reine Denken in mir, an den
Geist.
Der Nichtsystematiker wendet sich mehr an die -- Seele. Hegel. Nietzsche.
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Wer bei einem Denker vor allem fragt, aus welchem persönlichen Grunde hat
er das gesagt, -- fügt sich selbst den größten Schaden zu; denn er geht am
einzig Wesentlichen in dessen Sätzen vorüber, daran nämlich, ob sie wahr
in sich selbst sind oder doch sein können, oder nicht. Gewiß ist jede
Philosophie von der Persönlichkeit ihres Erzeugers gefärbt und darf
dementsprechend empfunden und gewürdigt werden; aber über alledem steht
ihr Gehalt an Wahrheit, der nachgeprüft und entschieden werden kann, _ohne
Ansehen der Person ihres Urhebers_.
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Was wird einem geistigen Wanderer nicht alles angesonnen, über Kopf, Hals
und Schulter gesonnen! Wieviel Mühe gibt man sich nicht, ihn und das
Seinige abzuleiten! Als ob ein geistiger Weg nicht aus sich selbst
verstanden werden könnte, müßte.
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In aller Wahrheit steckt heute notwendigerweise bereits ein Teil
Binsenwahrheit, aus dem einfachen Grunde, weil der Mensch schon lange
denkt, während die Menschen erst zu denken anfangen, also das ganze Pensum
des Menschen noch einmal zu rekapitulieren und, noch mehr, zu
popularisieren ist. Der Mensch ist nicht so von Gott verlassen, wie die
Menschen glauben, aber auch nicht immer in dem ausnehmenden Grade von Gott
erfüllt, wie sie annehmen, wenn einer einmal etwas Unerwartetes sagt.
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Die Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist aufzulösen, wie,
materialistisch gesprochen, die Mission der Zeit, den Erdball in Luft.
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Mancher wird die ihm so bequeme Joppe des Materialismus mit nichts
vertauschen wollen; es geht ihm, wie er sagt, 'der Sinn für Feierlichkeit'
ab.
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Abstrakte Gedanken sind zuletzt auch nichts als -- konkrete Wesenheiten;
es ist ganz umsonst, das Leben aus dem Leben heraustreiben zu wollen.
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Zu Ende denken ist alles ... Da wäre das erste, diesen Satz zu Ende zu
denken. Will man ihn zu Ende denken, so darf man ihn nicht 'zu Ende'
denken wollen. Denn alles Ende endet alles, also auch das Denken. Alles,
also auch alles Denken, endet in Gott. Gott ist, wie der Anfang, so das
Ende von allem. Etwas zu Ende denken wollen heißt also, es bis zu Gott
hinaus denken wollen; Gott aber hat mit Denken nichts mehr zu schaffen.
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Wie dereinst die sancta simplicitas des Glaubens, so schleppt heute die
sancta simplicitas der Wissenschaft ihre Scheiter herbei, den 'Ketzer' zu
verbrennen.
1913
Die Weltanschauungen mancher Menschen gleichen lächelnden Festungen.
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Wenn einer heute in zehn Büchern dargetan, daß der Mensch _nichts wissen_
könne über Gott und die Welt, dann nennt er sich, dann nennt ihn seine
Mitwelt einen '_Wissenden_' und erbringt damit den Beweis, daß man zehn
Bücher schreiben und zehn Bücher lesen und doch noch nicht so weit sein
kann, sich folgerichtig auszudrücken.
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Wer die Welt zu sehr liebt, kommt nicht dazu, über sie nachzudenken; wer
sie zu wenig liebt, kann nicht gründlich genug über sie denken.
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Inmitten unzähligem Hin- und Herreden der Einzelnen wächst still und groß
das ewige Weisheitsgut der Menschen weiter.