1895
Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem sie sich mehr
abschließen und begrenzen soll, und vergißt, daß gerade das
Unbegrenztseinwollen, das über engen Nationalitätsschranken stehen wollen
ihre Haupteigentümlichkeit ist.
* * * * *
Man muß eine Operette wie den 'Rastelbinder' von Lehar hören, und zwar in
einem jubelnden Theater, -- um alle 'modernen Ideen' als Sentimentalität
zu verwerfen. Nach einem solchen Abend könnte man sogar zu einer neuen
Inquisition ja sagen.
Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschwätzer in solch ein Theater
führen und nachdem die Zwerchfelle und Tränensäcke nach Schluß des ersten
Aktes zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das soll -- regieren?
1896
In Arco:
Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelmännern die Luft in Pacht.
1904
Es ist etwas ganz Eigentümliches, wie verschieden die Menschen
verschiedener Erdstriche ihre Zäune bauen. Ich erinnere mich z.B. bei
Berlin keines einzigen mir zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu
Tränen rühren können, wie die Steinzäune des Tessin ...
1905
Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen Münze
ebenbürtige Geldstück, das wir haben. Weshalb wir ihn auch als
'unpraktisch' abschaffen.
* * * * *
Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preußens Größe. Möge es dies
Talent feiner und feiner ausbilden und dafür lieber auf Gebieten
nachstehen, wo es auf Improvisation, Ingenium, Genialität schlechtweg
ankommt. Menzel ist der preußische Künstler an sich. Menzel sollte eine
religiöse Formel für die Preußen werden. Denn was leistet damit der
Preuße: Die ganze _Vorarbeit_ des schrankenlosen und höchsten Genies und
damit dies Genie beinahe selbst. Alles, was am Genie Fleiß ist, also vier
Bestandteile von fünf mögen 'preußisch' genannt werden. Preußen, wenn
irgend ein Land, hat noch den Gedanken der _Zucht_. Hier ist sein Weg zu
seiner Höhe, wie er es immer gewesen.
Darum soll Berlin das preußische Element in sich nicht abtöten, sondern
steigern. Es hat es bereits zu sehr gemißachtet. Schinkel baute preußisch;
es gibt nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen, fast
nüchternen Gebäude jener Zeit, an deren Stelle eine zügellose Horde von
neuen Baumeistern und Aktiengesellschaften ihre wüsten Massenproduktionen
gesetzt hat. Der Preuße hat keinen andern Weg zur Kunst als den der
Einfachheit. Pracht wird bei ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er
bleibe Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen Breitegrad und
äffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn ihm ganz fremde Kulturen nach oder
nehme sie wenigstens so weit in sich auf, daß er sie ganz aus seinem
schlichten, nüchternen Geiste wiedergebäre, wie es Schinkel tat, dieser
Mann, den ich mit jedem neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr
liebe.
Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus nur aus Vorder- und
Hinterwand bestehend zu bauen. Man gebe jedem Haus seine vier
selbständigen Seiten wieder und erlöse es damit aus dem Zustand einer
Mißgeburt -- oder man komponiere ganze Stadtteile einheitlich und dann
diese wieder unter einander. Man erhebe den Kasernenstil zur Höhe der
Kunst. Man kann es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der
Rechte es anfaßt, gibt es keine Langeweile. Was bei dem Mittelmäßigen
langweilig wird, wird in der Hand des Genies zur Großartigkeit. Man räume
nur mit diesem sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf.
* * * * *
(Staat, Stil, Sittlichkeit)
Vom höchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie.
* * * * *
Disziplin ist Abkürzung. Deshalb kommt der Norddeutsche schneller mit
seiner Arbeit vorwärts als der Süddeutsche, wobei er durchaus nicht der
Produktivere zu sein braucht.
* * * * *
Der Mensch en masse wird erst dann wieder achtbar werden, wenn er sich
entschließt, neuen Adel aus sich zu züchten. Die schönsten Dinge auf Erden
sind nur durch Adel möglich. Noch mehr: Der wahre Adel ist selbst das
schönste Ding der Erde.
* * * * *
Unsere Art zu richten und zu strafen erscheint mir immer kindlicher. Ein
einziger wirklicher Mensch würde das alles über den Haufen werfen. Wieviel
ließe sich da _individualisieren_!
* * * * *
Es müßte Anekdotenerzähler geben, die durch die Krankenhäuser gingen. Eine
gute Anekdote ist ein wahres Lebenselixier. Ich glaube, ein Sterbender
müßte noch lächeln, wenn er von dem französischen Landedelmann hörte, der
sich nicht genug wundern konnte, als er erfuhr, daß er sein Leben lang
Prosa gesprochen hätte.
* * * * *
Augenblicklich gibt es nur einen Feind des europäischen Friedens: England.
Mit ihm ist nicht zu paktieren; darum muß es isoliert werden.
* * * * *
Eine der schönsten und symptomatischesten russischen Sitten ist die Anrede
beim Vornamen. Eine ganze Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr,
Fräulein, gnädige Frau.
* * * * *
Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist, der Deutsche (auch
Ibsen, der ja aber deutsch) mehr die zum Leben, wie es sein sollte,
könnte, müßte. Der ganze russische Idealismus liegt in dieser ergreifenden
Versenkung ins Nächste, der ganze deutsche in diesem unausrottbaren
Trachten über den 'Tag' und sein Leben hinaus. Ich möchte sagen, der Drang
ist hier wie dort derselbe, nur die Richtung ist verschieden.
* * * * *
Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er beruft sich bei jeder
Gelegenheit auf seine 'Geistesheroen', die doch fast immer nur im
Gegensatz zu ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen Vorteil
bedacht wie der Nachbar.
* * * * *
Wir Deutsche haben nicht nur römisches Recht, noch viel mehr römischen
Geist im Leibe. Das Haupthindernis für uns, unsere 'Seele' zu entdecken,
ist, daß wir immer noch zu sehr darauf achten, daß alles, was wir von uns
aussagen, auch ins Lateinische übersetzbar sei. Die nachwirkende Macht des
römischen Imperiums bricht sich an den Grenzen Rußlands, der ersten
rücksichtslos modernen Rasse.
* * * * *
Die sozialistische Lehre -- das Brot der Armen.
* * * * *
Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern aufpassen. Und
Faulenzer werden nicht geduldet, dulden sich selber nicht. Wer aber will
vorher wissen, wer ein Faulenzer und wer ein -- Schwangerer ist? Man würde
den Schwangeren samt dem Faulenzer verurteilen und damit das Beste der
Erde: das stille, langsame Reifen neuer Gedanken.
1906
Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten zur Herrschaft
gekommen sein werden, dann fängt das Blut überhaupt erst _an_, zu fließen.
* * * * *
Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegführen, Ihr Menschen, ist nicht mehr
und nicht weniger als -- Selbstmord. Ein Volk würde ein anderes Bild
bieten, wenn es wirklich ein Volk, eine einzige große Familie wäre. In
einer Familie fühlt sich jedes Mitglied für das andere verantwortlich.
Alle für jeden, jeder für alle. Statt dessen lebt man in unsern großen
Völkerfamilien nach dem geheimen Grundsatz: Jeder für sich: Alle für mich.
Was kümmert den Bürger auf seinem Wege zum Reichtum der Mitbürger auf
seinem Wege der Armut? Nichts. Aber sofort erinnert er sich dieses
Mitbürgers, wenn seine Ruhe und sein Besitz bedroht werden. Dann ruft er
ihn auf 'zum gemeinsamen Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind'. Dann zieht
er plötzlich den Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten aus
seinem Dunkel hervor. Und seine plötzliche Begeisterung wirkt ansteckend,
-- mein Gott, gewiß, zwar, freilich, allerdings, indessen, gleichwohl, --
kurz, man ist kein Unmensch. Vergessen wir das Vergangene! Auf in den
fröhlichen Krieg! Schulter an Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein
Schwert ...
* * * * *
Im Himmel, könnte man sagen, wird es wenigstens keine Briefe mehr geben.
Man wird zwar seine sämtlichen Briefträger dort wiederfinden -- denn der
Briefträger kommt eo ipso in den Himmel -- aber sie werden alle selige
Engel und außer Dienst sein und nicht mehr das unberechenbare Schicksal
deiner Tage und Nächte.
1907
Alles Jüdische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der größte Jude, ist auch
der größte Destruktor der 'Welt'. Spinoza ist nichts andres und wird darum
auch von dem jüngsten jüdischen Destruktor Mauthner in seiner Eigenschaft
als Antiteleologe über alle andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst
kommt vielleicht die tollste Zerstörung in Gang, die die Geschichte des
Geistes bisher erlebt hat. Man halte wider diese dämonischen Revolutionäre
den Moralkritiker Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz zweier wie
Feuer und Wasser verschiedener Welten. In Nietzsche ist alles ein
Schaffen, Bauen, Konstruieren, Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm
alle Mittel, er lebt und stirbt für selbstgeschaffene, irdische, hiesige
Ideale. Er will das Furchtbare der menschlichen Existenz durch den Willen
adeln, formen, überwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die Juden sind
die Opponenten der Schaffenden, ihre Korrektoren, ihre bösen Gewissen.
Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche Dissonieren
hineinzuhorchen.
Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker, ist für mich vor
allem Meister Ekkehart. Spinoza war so nahe an der Mystik, wie nur ein
jüdischer Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht. Er war zu klug
dazu, oder, anders ausgedrückt: die Leidenschaft des Schaffenden war nicht
so sehr in ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden. Daher auch
seine Heiterkeit. Willenspassion und Heiterkeit vertragen sich nur sehr
zeitweilig, das wußte auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus über die
'Welt' hinweg. Den Germanen aber ist diese 'Welt' doch zu sehr selbst
Gegenstand, Kunstmaterial, Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr
über die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm sich von Spinoza die
Freiheit, das gute Gewissen. Spinoza mußte ihm eine Bürgschaft mehr sein,
daß dieser verhaßte Wahn von einem außerweltlichen Gott eben nur ein Wahn
sei. Und nun mit dieser bestärkten Souveränität in sich ging er hin und
wirkte sein Leben mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um sich
vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich und wurde so 'in der
Beschränkung' der 'Meister', als den wir ihn immer wieder erleben.
* * * * *
Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist
von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein.
* * * * *
For the happy fews -- sollte das doch aller Weisheit Schlußwort zur
Öffentlichkeit sein?
* * * * *
Für mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente sehe, die ein
großes Volk in seiner Unwissenheit, Gleichgültigkeit und Kleinlichkeit
verkümmern läßt, dann steigt mir der Zorn auf.
* * * * *
Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, ja nicht ohne Grauen
denken. Ich möchte lieber selbst ein Pole sein, um glühend an der inneren
Wiedergeburt dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von außen dem Schauspiel
seiner Schmach und Schwäche beiwohnen zu müssen.
* * * * *
Am Vollblut spürst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst du's nicht
gelten lassen. Wohin käme ein stiller Beobachter, wenn er die
gegenwärtigen deutschen Zustände an einigen großen Gedanken Paul de
Lagardes messen, nein, nicht nur sie messen: wenn er sich unwillig von
allem gegenwärtigen Leben zurückziehen wollte, weil es ihrem erhabenen
Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am wenigsten verharren
möchte: ins Land der Verbitterung, der Lebensfeindlichkeit, der
Verneinung. -- Aber eine beständige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege
die Entwickelung hätte einschlagen können und welche sie eingeschlagen
hat, wird ihn nicht verlassen, und sie und ihre geheime Wirkung wird der
Tribut sein, mit dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden
müssen, den die Deutschen nicht verdient haben.
* * * * *
Organisation ist das große Wort, dem die Zukunft gehört.
* * * * *
Darf einem die Organisation der römischen Kirche keine Bewunderung
einflößen -- als eine der wenigen großen Machtgebilde auf Erden, die
dauern?
* * * * *
In der Gesellschaft läuft alles darauf hinaus, daß einer vor dem andern
den Hut abnimmt. 'Ich nehme den Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir
abnimmst.' Ein stillschweigendes Übereinkommen, das den, der klug und
'liebenswürdig' in seinem Sinne handelt, in der 'allgemeinen Achtung'
außerordentliche Grade erreichen läßt.
* * * * *
Du erklärst, du fühlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen fast
mehr als daß du sie liebst. Gut. Ich verlange weder soziales Gefühl von
dir, noch Verehrung des 'Nächsten'. Aber wenn du neben dir einen Hund
verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen mitteilen, das
versteht sich von selbst. Nun, ich verlange nur, daß du mit einem
Mitmenschen fühlst wie mit einem Hunde, nämlich: Im Fall der äußersten
Not: solidarisch.
* * * * *
In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man sollte sie
auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr
(welch überlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld geben.
* * * * *
Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, das nicht nur
in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von einem Philosophen,
von einem Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur etwa, der den
Komödianten nie ganz los wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein
Weib bleibt, das heißt ein Geschöpf, von dem vollkommene Sachlichkeit
weder verlangt werden darf noch will. In der großen Universität der
täglichen Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut
der ehrwürdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben neu erzogen denke,
sollte der Lehrstuhl für die Wissenschaft von den Pflichten und Rechten
des Kellners besonders sorgfältig besetzt werden. Wann übrigens wird diese
Universität, nach der unser ganzes Leben von heute ruft, und zu der
bereits unzählige Ansätze vorhanden sind, ins Leben treten?
* * * * *
Es ist ganz gewiß, daß die Menschen erst _anfangen_ werden, im Geist zu
leben. Hat erst die demokratische Bewegung das Ihre getan und neue
Intelligenzen und Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der
Langweiligkeit und Mittelmäßigkeit der heutigen Geschäfte bleiben. Die
Phantasie wird ihr großes Zeitalter antreten, Organisationen werden
entstehen, an die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen, und
werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens um wichtiger Ziele willen
dann stärker geworden sein wird, als die Lust, die heute regiert, die Lust
zur größtmöglichen Behaglichkeit, im sozialistischen, wie im bourgeoisen
Sinne. Weil man dann wieder jene höhere Art des Genießens, des
Lebensgenusses verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb Europa
erfüllte, und in deren Bann unzähliges Volk allen Schlages und Ranges
wieder einmal bewies, daß es noch ein ganz anderes Glück bedeuten kann,
mit einem 'vive l'empereur' auf den Lippen zu sterben, als mit einem 'ni
Dieu ni Maitre' zu leben.
* * * * *
Manche Leute müssen über ihre Dummheit durchaus öffentlich quittieren.
* * * * *
Einen Krieg beginnen, heißt nichts weiter, als einen Knoten zerhauen,
statt ihn auflösen.
* * * * *
Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen -- bis man eines Tages
erkennt: nein, der Krieg gehört vielleicht noch immer unter die tragischen
Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer als der Krieg bleibt,
daß selbst dieses schreckliche Mittel dem Menschen nicht mehr nützt, als
es geschieht; daß es ihn wohl tüchtig erhalten mag, im gegebenen
Augenblick in den Tod zu gehen, aber daß es ihn nicht tüchtiger dazu
macht, in sich zu gehen und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.
* * * * *
Lehrer-Komödie: Die Armut der Lehrer, während die Staaten Unsummen für die
Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten
können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich Kriege für 60 Milliarden
leisten müssen.
1908
Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar die Entscheidung,
inwieweit Asien entscheidend war.
* * * * *
Deutschland, der große Lyriker unter den Völkern.
* * * * *
Jede ernsthafte 'Bewegung' ist tüchtig, aber Tüchtigkeit ist vielleicht
das drittletzte, nicht das letzte Wort der Welt.
* * * * *
Ein gewandter Dieb ist ein -- teures Kunstwerk.
* * * * *
Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson nimmt, wird nur
zu oft an ihm und mit ihm scheitern. Der Mensch ist nicht nur
Einzelpersönlichkeit, sondern zugleich Volkszelle, wie die
Volkspersönlichkeit zugleich wohl wieder in einer höheren Einheit aufgeht,
usf.
* * * * *
Der moderne Jude -- als Denker -- wird selten glauben, das heißt ahnend
ergreifen können. Aller Gottesgedanke könnte nämlich, so fürchtet er, doch
am Ende nur die feinste Blüte einer großen -- Dummheit sein. Sich dem
Hineinfall auf eine Dummheit aber auch nur auszusetzen, dünkt seiner
mißtrauisch gewordenen Seele unerträglich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht
den Mut durch das Anonyme _hindurch_ zu stürmen, er ist eben überall kein
Krieger, er möchte gern um es herum. Aber man muß mitten in den Nebel
hinein, das ist es. Und: Gott läßt sich (so wenig wie Goethe) -- Brillen
gefallen. Und: ohne ein gewisses Maß von Blindheit ward noch nie ein
Seher.
1909
Damit, daß der Jude sich immer geistig überlegen dünkt, kommt er nie zu
überlegener Geistigkeit.
* * * * *
Ich glaube nicht, daß ein andrer Mensch meiner Zeit so am Juden gelitten
hat wie ich, und zugleich so viel von ihm hält. Dies mag mir ein Recht
geben, an sein Problem zu rühren.
* * * * *
Oh, wenn erst die Leidenschaft für den Planeten als solche uns ergriffen
haben wird, der große amor nostro, dann wird es auch keine Kriege mehr
geben, dann werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese armseligen
Kraftproben einer noch dunklen Periode überflüssig machen! Denn freilich:
das bittere Zuchtmittel des Krieges durch philanthropische Mahnungen nur
einfach abschaffen zu wollen, geht nicht an. Zuerst muß der Geist der
Völker den neuen Aufgaben, den neuen, höheren Ambitionen gewachsen sein,
zuerst muß ihn der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse und Opfer
anfallen, ehe er den alten furor bellicus entlassen darf, ehe er von sich
sagen darf: ich habe den Krieg wahrhaft -- überwunden.
* * * * *
Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen großen Schlächter schmähen heißt
nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter
öffentliche Ruhestörung.
* * * * *
An Napoleon muß man im Gebirge denken, den Blick auf einen Teil der
Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor sich mit Bergen, Tälern, Dörfern und
Städten. Und dann sich vorstellen, wie dieser eine kleine Korporal in die
Breite solchen Lebens mit seiner einen kleinen Faust gegriffen, wie er,
gleich dem Monde das Meer, all dies schwerfällige, schwerflüssige Leben
übermächtig zu sich emporzwang, so daß es auf eine Weile in ihm seinen
natürlichen Mittel- und übernatürlichen Höhepunkt fand.
* * * * *
Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder. Denn es gibt nur
etwa 100 Typen in dem Milieu, in dem ich aufgewachsen, und sie sind immer
und überall. Und oftmals rede ich einen Menschen an, aber es ist nur der
mir vertraute Typus, nicht das bekannte Individuum selber.
* * * * *
So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte vor sich, vom jüngsten
Backhuhn beiderlei Geschlechts bis zum ernsthaftesten Filet-Beefsteak.
* * * * *
Die 'bessere' Gesellschaft ist die eigentlich und im tiefsten Sinne
unwissende und ungebildete.
* * * * *
Nicht daß ein Fürst in allen Stücken der Seinen Herzog sein möchte, ist
der Schade, sondern wenn er es seinem ganzen Vermögen nach nicht sein
kann, nicht _ist_. Nicht nur einmal -- zehnmal Absolutismus -- und _nicht_
Parlamentarismus, wenn ein wirklicher Herr und Herrscher in Frage kommt.
* * * * *
Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie zurückkehren. Laßt
erst einmal Einen Geist über die Völker kommen, und sie werden nicht
_mehr_ begehren, als sich in ihren geborenen _Führern_ auch sichtbarlich
zu gipfeln.
1910
Der Deutsche ist imstande, um eines Hiatus willen eine Wahrheit nicht zu
sagen oder sie minder schlagend zu sagen.
* * * * *
Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der 'Verpflichtungen'. Sie
macht unsere Stärke und unsere Schwäche.
* * * * *
Die Zeitung ist das Hauptspielzeug des europäischen Negers. Um die Zeitung
verkauft er dem schlauen Händler Ahriman mindestens das eine Horn seiner
Weisheit.
* * * * *
Jede Zeit schweigt zunächst das Größte tot, das in ihrem Schoße ruht; geht
dies nicht länger an, so verleumdet sie es, verzerrt es und sucht es auf
alle Weise zu vernichten.
* * * * *
Was das Fazit der europäischen Rüstungen sein wird? Der möglichst
vollkommene déluge après nous.
1911
Man mag in den Rüstungen eins nicht übersehen: Das Züchtungsmoment. Ist
der Mensch zur Kultur noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf
eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt. Preußens Mission z.B.
ist gewißlich nicht nur die der Geschichtsbücher. Wer einmal ein echter
Preuße gewesen, der -- könnte jemand zu sagen versucht sein -- wird so
leicht nicht wieder verlottern, post mortem prussianam suam (in seinem
späteren Erdenleben).
* * * * *
Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das ganze Etwas
vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch
das 'rote Tuch' in dem Etwas. Nie wird gegen 'etwas' vorgegangen, immer
nur gegen rotes Tuch. Und wenn zwei Völker gegen einander ziehen, so
stürzt ein jedes bloß gegen rotes Tuch: denn wie könnte ein Volk wider ein
andres Volk sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch wären, wenn nicht
unaufhörlich von hüben und drüben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht würde,
so daß die Völker, die armen Stiere, zuletzt wild werden und einander
anrennen.
1912
Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, daß er sich zu wenig mit
Politik beschäftige. Er soll Partei nehmen; und wer da nicht 'wählt', wird
leicht Verräter gescholten. Aber wie? Wählt er wirklich nicht, ergreift er
wirklich keine Partei? Bilden die Stillen im Lande keine Partei, und ist
es ihre Schuld, daß die höchsten Geister, die sie als Führer verehren und
wählen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen lassen, weil sie im
Parlament der Menschheit sitzen?
* * * * *
Man kann an Völkern und Vaterländern auf mancherlei Weise bauen, es gibt
nicht bloß die Schöpf- und Schöpferkelle der Wahlurne.
* * * * *
An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes arbeiten,
das heißt es lieben, das allein heißt mehr und anderes, als seinen
unaufhaltsamen -- Verfall wollen und mitbewirken.
* * * * *
Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am schlechtesten,
indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht. Das will nicht
sagen, man glaubt, es könne anders sein, ja nicht einmal immer: es soll
anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen müssen ihren Gang
gehen und ihre Zeit haben, und wer es da z.B. für sonderlich
wahrscheinlich hält, soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie
gegenwärtig des Losbruches harrt, könne dem Versucher eines Tages in den
Hals zurückgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die
Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen Wunsch ebenso eine
Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch und Glaube des Frommen, daß die
Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine Macht ist, die zwar
bekämpft, aber nie gebrochen werden kann und die im himmlischen Jerusalem,
wie es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis weiß. Nicht also
um fromme Wünsche handelt es sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des
großen Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung inmitten einer
Welt in gewissem Sinne der Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.
* * * * *
Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Spätling ereiferten sich
unter anderem über die 'Extravaganzen' der Heilsarmee. Sie hatten noch
immer nicht begriffen, daß mit Fug nur verurteilen darf, wer selbst etwas
zu schaffen vermag und gewillt ist, und daß es unter Umständen mehr
bedeuten kann, der 'dumme August' in der Manege als der Baron in der Loge
zu sein.
* * * * *
Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen wir uns vorübergehend
vereinigen, um es bequemer zu haben, sondern solche, denen wir, wenn
irgend möglich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie uns. Nicht
umsonst und ohne Sinn muß die eine Seele noch äußerlich dienen, während
die andere schon mehr innerlich dienen kann und darf. Sie muß noch grobe
Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den Sinn der
Verschiedenheit aller Lebensverhältnisse; wir aber sind zu Feinarbeit --
auch an ihnen -- verpflichtet, wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens
und müssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe behandeln, wie uns nur
immer möglich ist. Auf sichtbare Erfolge müssen wir dabei ebenso
verzichten lernen, wie wir uns davor zu hüten haben, sie unseren
Erziehungswillen allzusehr merken oder gar spüren zu lassen. Wenn wir nur
nie die Achtung vor der unsterblichen Individualität, die in ihnen
verborgen, verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen
Geschwisterwesen, wird vieles Mögliche an ihnen vermieden und getan sein.