SPRACHE

1895

Ein 'Wort' ist etwas unendlich Rohes: es faßt millionen Beziehungen mit

einem Griff zusammen und ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die

Erde trocken und hart -- die Kugel bleibt als rotes drastisches Ganzes,

aber die millionen Teilchen, daraus sie besteht, sind als solche so gut

wie vergessen.

1896

Oft überfällt dich plötzlich eine heftige Verwunderung über ein Wort:

Blitzartig erhellt sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher

unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres

Weltbegriffes überhaupt.

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Ich habe oft bemerkt, daß wir uns durch allzuvieles Symbolisieren die

Sprache für die Wirklichkeit untüchtig machen.

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Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber!

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Charleytantismus der Bühne.

1905

Ein Diletalent.

1906

Man müßte neue Interpunktionen erfinden, die gewissen Willensrichtungen

entsprächen: z.B. Die Fortsetzung davon <: (in dem Sinne von: Die

Fortsetzung davon _müßte sein_), als Optativzeichen = (man) müßte, sollte

haben, sein usw. Die Umkehrung :> = dürfte _nicht_ sein, sollte _nicht_

sein.

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Erst das Wort reißt Klüfte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache

ist in unsere termini zerklüftete Wirklichkeit.

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Der Ausdruck 'Lieber Gott', über den schon Nietzsche spottet, mußte in der

Tat dem Deutschen zu erfinden aufgespart bleiben. Es sollte ihm nur einmal

aufgehen, wie er sich selbst damit den Blick für die unaussprechliche

Gewaltigkeit und Fürchterlichkeit des Weltganzen verdirbt, wenn er dessen

höchster Personifikation das vertrauliche Wörtchen 'lieb' voransetzt.

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Unter bürgerlich verstehe ich das, worin sich der Mensch bisher geborgen

gefühlt hat. Bürgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu

entbürgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft.

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Es gibt gewisse Ausdrucksweisen von seltener distanzierter Schönheit und

Vornehmheit, die nur zwischen dem fremden Sie und dem vertrauten Du

möglich sind: in jenen köstlichsten Zwischenstadien der aufblühenden

Liebe, wo das Herz schon Du sagt und der Mund noch Sie.

1907

'Ewiger' Schnee, welch ein gütiges, liebenswertes Wort! Lassen wir es ja

stehen, der Wissenschaft zum Trotz, der guten alten Zeit zur Ehre.

Gestorbenes Wort: Zufall.

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Prüfe gelegentlich deine Adjektiva nach.

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Statt sehr geehrter Herr! könnte man doch viel einfacher schreiben: 5 e!

Und statt hochachtungsvoll 2 o.

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Das tränensäcksische A.

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Gewöhnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben wir nicht mehr

geehrtest, ergebenst, achtungsvollst, herzlichst und schönst. Schließen

wir nicht mit tausend Grüßen, sondern mit gar keinem; denn ein Brief, der

den Namen verdient, ist doch an sich schon der Gruß. Umarmen wir uns auch

nicht mehr brieflich -- ich rede natürlich hier stets nur vom Briefwechsel

unter Männern --; wenn ich schreibe: ich umarme Dich, so male ich damit

ein Bild, so wird durch die Niederschrift aus einer im Leben spontanen

Handlung eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos gerade in

Herzenssachen.

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Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.

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Der österreichische Dialekt ist darum so hübsch, weil die Rede beständig

zwischen Sichgehenlassen und Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er

gestattet damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum der

Stimmungswiedergabe.

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Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur. Man könnte ruhig fast

alles, was sie sagen, in Anführungsstriche setzen; denn es ist überkommen,

nicht im Augenblick des Entstehens geboren.

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Man mag sagen, was man will, die Menschen tun so und so oft auch nichts

andres als -- bellen, gackern, krähen, meckern usw. Verfolge nur einmal

die Tischgespräche einer Kneipe, die Ausrufe des Wirts, der Kellner, der

Kartenspieler, kurz, all das Geschwätz, was nichts weiter ist noch sein

will als Essen, Trinken, Schlafen oder irgend eine sonstige einfache

Lebensäußerung.

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Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern leiden; denn sie erlauben,

nach etwas Abfälligem noch eine Menge Anerkennendes zu sagen.

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Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker hundertmal

geheiligte Wörter, welche die modische Abneigung der 'Jetztzeit' ertragen

können. _Derselbe_, dagegen sich heute der überlegene Spott noch des

armseligsten Skribenten richtet, ist nicht schlechter und nicht besser als

eine Unmenge anderer deutscher Wörter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort

solcher Art eine Möglichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen

Sprachreiniger kann nicht entgehen, daß just dieses derselbe in Mundarten

-- man denke an z.B. selch, sell, dersöll -- ein höchst lebendiges Dasein

führt.

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Gott ist nur ein Wort für 'sich'. Das Tier hat keines dieser beiden Worte.

Es ist wortlos sowohl Ich wie Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich

und Gott. Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel.

Es gibt kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn

ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl

mehr. Er kann nicht einmal mehr sagen: nun weiß ich wenigstens, daß Wissen

Unmöglichkeit ist. 'Wissen' ist so gut eine Spielmünze, wie 'sein', wie

'Unmöglichkeit' wie 'Sprache', wie 'außerhalb'. Es ist dafür gesorgt, daß

wir die 'Welt' nicht in die Luft sprengen. Ich nenne diese

widerspruchslose Ohnmacht in Dingen wirklicher, nicht nur scheinbarer

Erkenntnis manchmal bei mir: die Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines

Gottes würdig.

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'Er gibt Frieden' (schreibt Amiel) 'und das Gefühl des Unendlichen,'

Welche Zusammenstellung, nur daraus erklärlich, daß der Begriff des

Unendlichen noch nie erlebt wurde. So können Menschen Jahrhunderte lang

ein Wort voller Pathos brauchen, ohne je von seiner ganzen Bedeutung

ergriffen worden zu sein, ja, ich behaupte, manche Worte können nur

solange gebraucht werden, als ihr möglicher Sinn nicht völlig zu Ende

gedacht wird. Wer 'Gott' siehet, stirbt.

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Philosophien sind Schwimmgürtel, gefügt aus dem Kork der Sprache.

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Große geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum.

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Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist, daß nun auch die

Worte alle 'gleich' gewertet werden.

Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es gedacht, gesprochen,

geschrieben wird, ein Individuum für sich und nicht einmal demselben --

vor oder nachher geborenen -- Wort desselben Mundes, desselben Gehirns je

irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich glaube dies und das, und sein

Nachbar hört das, so kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und

der andre hörte: Schneehaufen.

1908

Die gleichen Worte sind einander _nicht_ gleich. Es gibt keine Tautologie.

Sondern alles ist pro -- cessus.

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Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung.

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Es gibt gar keine Worte, die bloß Worte wären. Sondern jedes Wort ist von

vornherein ein -- höchst individuelles -- _Urteil_. Man glaubt, a sei

gleich a. Eine vollkommene Ungeheuerlichkeit.

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Freuen wir Deutschen uns, daß unsere Sprache die Sonne uns als ein Weib

schenkt und lehrt. Daß sie der schlichteste Sinn bei uns als -- Mutter

empfinden darf. Und daß wir so um sie im Reigen der Fixsterne all unsere

ewigen -- Mütter schauen und verehren dürfen.

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In dem lateinischen Wörtchen 'duo' ist nur das deutsche Du sichtbar

enthalten; das 'Ich' ruht unsichtbar und doch ewig lebendig darin, wie

unter Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden Du. Wer

konversiert, der _spricht_ nicht.

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Zitate sind Eis für jede Stimmung.

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Impressionismus -- Eindrucktum.

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Groß betrachtet ist alles Gespräch nur -- Selbstgespräch.

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Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen! Man ist ja

-- diese Worte selbst.

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Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite 'die die' lese, so kann

mir schon übel werden. Wozu hat der liebe Gott das schöne Wort 'welche'

geschaffen? Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit von welcher

und derselbe!

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Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe.

1909

Wie eigentümlich ähneln sich Schwyzerdütsch und Norwegisch!

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Wie ist jede -- aber auch jede -- Sprache schön, wenn in ihr nicht nur

geschwätzt, sondern gesagt wird.

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Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und Redensarten. Jede

Redensart ist die Fratze eigener Gedanken, ein 'Mitesser' im Zellengewebe

des Denkers.

Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte

eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein einziger Sinn.

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Die Sprache ist eine ungeheure fortwährende Aufforderung zur

Höherentwickelung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir wie ein

Wanderer in die unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unablässig

weiter hineintragen.

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Mit jedem Worte wachsen wir.

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Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann (der Menschheit)

für immer.

Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion heraus.

Man kann kein Wort lesen oder hörend aufnehmen, ohne es zugleich aus

seinen Schrift- oder Tonelementen wieder zu _schaffen_. Beseelen heißt

schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe ein nicht wieder

geschaffenes, das heißt für den Nichtbeseeler tot.

Man nehme ein paar beliebige Wörter: Fest. Ebene. Landschaft. Musik. Ganze

Welten von Schöpfungen erheben sich, indem wir sie lesen.

1910

Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen · 第 19 / 38 题