Träume

Die wilde Jagd.

Der Schächer am Kreuz.

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Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, das lange im

Nassen gelegen hat.

1904

Es ist etwas in mir, das jagt und jagt einem Ziele zu. Das läßt mich in

keiner Trägheit ganz ruhn, in keinem Glück ganz vergessen.

1905

Ich möchte am liebsten auf einem Turm wohnen. Täglich im Leben drunten ein

Bad nehmen, untertauchen, und dann wieder hinaufsteigen in sein

Luginsland, sein au dessus de la vie.

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So oft ich unter neue Menschen gehe, so oft komme ich mit Wunden bedeckt

von ihnen zurück. Es sind freilich nur leichte oberflächliche Schrammen,

die bald wieder verheilen, aber sie haben, da sie entstanden, wie

zehrendes Feuer gebrannt und besser vielleicht als eine tiefe Verwundung

ihr Werk an meiner Seele getan.

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Ich kann ungeklärte Verhältnisse einfach nicht ertragen. Warum können die

Menschen nicht _offen_ gegeneinander sein? Reine Luft zwischen uns!

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Ich mag die Verärgerten nicht leiden.

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Meine Natur hat sich von früh auf mit Apathie beholfen. Diese Langsamkeit

zu reagieren, hat alles, was auf mich einbrach, auf eine breitere Fläche

verteilt, und was mir in einer Stunde unzweifelhaft den Atem abgeschnürt

hätte, wurde mir so in Tagen und Wochen zu einem dumpfen Druck, der mein

Leben nicht eben zerstörte, aber langsam und sicher ermattete.

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Und das Verhaßteste von allem wird einst geschehen: Man wird mir

'Milderungsgründe zubilligen'. ('Er war ein guter Mensch, er wollte das

Beste usw.')

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Was muß ich auf die Menschen für einen Eindruck machen, daß sie mich so

oft wie ein unmündiges Kind behandeln wollen.

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Ich trage keine Schätze in mir, ich habe nur die Kraft, vieles, was ich

berühre, in etwas von Wert zu verwandeln. Ich habe keine Tiefe, als meinen

unaufhörlichen Trieb zur Tiefe.

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Mein nächstes Buch soll 'Auferstehung' heißen, wenn mir noch eine

Auferstehung beschieden sein sollte, im größten Sinne.

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Ich will gern alles gutzumachen suchen, was ich und andere mit mir

schlecht gemacht haben, aber nur noch _in mir_, in mir selbst. Alles

andere ist Sentimentalität und Pfuscherei.

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Ich hatte heute Nacht (24./25. II. 05) ca. 3/4 2 Uhr nach dem ersten

Einschlafen wieder einen jener schon beschriebenen Gehirnzustände (etwa

der achte in der Reihe), dessen Hauptmerkmal mir zu sein scheint, daß ich

-- innerhalb des Traumzustandes -- aus einem unangenehmen Traum mit aller

Willenskraft ins wache Bewußtsein hinausstrebe. Es ist der Grenzzustand

des Erwachens aus einem peinigenden oder doch beunruhigenden Traum das

eigentliche Thema eines solchen Traumzustandes. So erinnere ich mich

augenblicklich nicht mehr des Traumes im Traume selbst, sondern nur noch

des Erwachenwollens, ja scheinbar wirklich Erwachtseins im Traume. Ich

schien mich endlich mit aller Kraft aus dem Krampf des Traumes losgerissen

zu haben, aber ich glaubte nicht an mein wirkliches Erwachtsein. Da fühlte

ich ein Fünfpfennigstück zwischen den Zähnen. Ich biß darauf: jetzt war

kein Zweifel mehr: es widerstand, es schmeckte metallig; ich schien

wirklich wach. Währenddem wachte ich mehr und mehr auf. Im letzten Stadium

vor dem wirklichen Erwachen verwandelte mein offenbar klarer werdender

Intellekt das Geldstück in eine Emser Pastille, die sich zu lösen begann

und den salzig-säuerlichen Geschmack auf meiner Zunge verstärkte. Hierauf

wachte ich wirklich auf und war verwundert, nichts in meinem Munde zu

finden. (Ich hatte nebenbei bemerkt den Tag -- aber nicht den Abend zuvor

-- einige Emser Pastillen gegessen.)

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Einem wirklichen Traume (28./29. Juli 05) folgend, möchte ich ein

dramatisches Märchen orientalischen Charakters schreiben. Der Traum war

etwa so: Eine Anzahl von uns, worunter mir noch M. Heimann, später auch

Frisch (und seine Frau) erinnerlich, waren von andern eingeladen worden,

Schriften (Dramen, Lyrisches, Lehrhaftes) eines fremden, höchst

merkwürdigen Kulturvolkes (Chinesen, Inder?) kennenzulernen, um sie zu

übersetzen. Es hieß, 12 Personen hätten genug auf Jahre zu tun, wenn sie

einen Vorstoß in diese fremde wunderliche Literatur machen wollten. Zu dem

Zweck wurden uns große Bücher vorgelegt, die mit schönen mönchischen

Handschriften gefüllt waren, und uns Stellen vorgelesen, die uns

außerordentlich bedeutsam erschienen. Zu gleicher Zeit glitten wir im

Traum unmerklich mehr und mehr in dieses Land selbst, es wurde uns

geraten, seine Tempel, Gärten, Theater, Schlösser kennen zu lernen. Ein

Trupp von uns wurde herumgeführt. Ich erinnere mich eines ungeheuren

Lesesaales, in den man uns blicken ließ und dessen uns entgegengesetzte

Seite eine einzige gewaltige Glasscheibe abschloß, durch die man eine

Schweizer Landschaft mit einer Stadt erblickte, -- wie wir erfuhren: Bern

und seine Alpen; augenscheinlich von jenen Leuten der Wirklichkeit

nachgebildet und hinter jener Scheibe als Aussicht angebracht.

Nach einer Weile verlor ich meine Gefährten. Ich nahm einen eigenen Führer

und ließ mich von ihm, ich glaube nach einem Tempel, tragen. Der Träger

trug zwei Stangen, die oben Fußtritte wie die Stelzen hatten. Auf diese

trat man, während man sich an ihrem obersten Teile mit den Händen und

Armen festhielt. Der Träger trug dann das Ganze wie eine doppelte

Fahnenstange.

Der Mann, den ich genommen, lachte auf meine Befürchtung, ich könne ihm zu

schwer werden und versicherte, ich würde viel eher loslassen als er. Er

trug mich durch reißende Kanäle und zuletzt begann ich sowohl müde zu

werden, wie ihn zu fürchten. Hier schiebt sich irgendwo eine Vorstellung

ein, die ich in einem der Theater gesehen haben muß und in der ein junges,

süßes, zartes Geschöpf die Hauptrolle gespielt haben muß. Worte und

Erscheinung überwältigten mich mit solcher Macht, daß ich in Tränen

ausbrach. Und ich weinte so mit meinem ganzen Wesen, aber ohne jede

Bitterkeit, nur aus tiefster Erregung der Seele, daß ich meine, dies

Gefühl nie vergessen zu können. Was das Stück enthielt, weiß ich nicht

mehr. Das Wort Samaria blieb haften und als hinterher wieder davon als von

einem Übersetzungsangebot gesprochen wurde, hörte ich, daß die Sonne darin

einmal mit Amanda angeredet wurde, was ich durch Alliebende (!) zu

übertragen vorschlug.

Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen · 第 8 / 38 题