Mars. Ich eifre für deine Ehre ----

Edu. Es ist schön den Donner, den man schleudern könnte, zurückzuhalten;

aber geh meinem Jähzorne aus dem Wege! Eil! Entweich! Mein Bogen ist

gespannt! Meine Pfeile ----

Mars. Schrecken mich nicht! Denn ich bettle hier nicht um Gnaden.

Durchbohr diese Brust, die sich so oft dem Feinde bloßstellte, um dein

Leben zu beschützen; es reut mich keine That; aber dein Undank schmerzt

mich. Du hast alles vergessen, du bist izt ein liebloser Egoist. Du

lebst dir! Die ganze Welt soll dein Fußschemmel werden. Du tritst alles

mit Füssen; verachtest alle Menschen, und liebst nur dich selbst! Du

vergiessest Menschenblut wie Wasser, um deinen unersättlichen Ehrgeitz

zu befriedigen. Du verwandelst die Welt in eine Brandstäte, um deinen

Groll an jedem Nachbar zu weiden; aber zittere, es wacht eine Vorsicht,

sie wird dich herabstürzen und demüthigen!

Trauerspiel.

(Eduard zieht wüthend den Degen, und ersticht den Marsis. Die Wachen

eilen herzu, und unterstützen den Sterbenden. Eduard sieht kaum seinen

Freund bluten; so schleudert er den Degen weg, und steht versteinert.

Plötzlich stürzt er sich in die Arme des Marsis)

Mars.

Ich sammle noch mein Fürst, die letzte Kraft,

Um dich als Freund und Unterthan zu segnen ----

Ich sterbe ----

Edu.

Sey verflucht du Mörderschwert.

Mein Freund, Du stirbst, ich habe Dich getödtet!

Vergieb mir Theuerster, wenn du vergeben kannst.

Ich bin dein Mörder, ich, der Dir das Leben dankt.

O Undank, schwarze That! Nein, keine Reue tilgt

Verbrechen aus, die unser Herz entehren.

Ich will dein Rächer seyn, ich selbst will mich bestrafen,

Und deine Wunde Freund, mit meinem Tode rächen!

(Er faßt den blutigen Degen, um sich zu durchbohren. Marsis sammelt die

letzten Kräfte, und entreißt ihm das Schwert.)

Mars.

Halt ein, die Thränen sind mir theurer als dein Blut!

Die Thräne, die mein Mund begierig trinkt,

Verwäscht die kleine That, die schon vergessen ist.

Ich sterbe froh, wenn dich mein Tod belehrt.

O kehre schnell zurück, und such die edlen Gleise,

Die deine Tugend stäts mit kühnem Fuß betrat.

Erwähl die Menschlichkeit zur Zierde deines Thrones.

Bereue jeden Tag, den keine grosse That,

Die deiner würdig ist, dir schätzbar macht.

Die Güte muß aus jeder Handlung blicken.

Streck deine milde Hand auf Waisen aus,

Und lächle sanft der armen Wittwe zu.

Erheb die Künste hoch, ermuntre Wissenschaften.

Sey wie ein Gott durch lauter Gnaden groß.

Dann ist mein Blut bezahlt, dann fließt noch Segen

Aus meinem Grab auf Dich! Du wirst geliebt,

Als Mensch geliebt, und angebetet seyn.

Der gute Rath, der mir vom Herzen strömt,

Soll mein Vermächtniß seyn! Nimm hin mein Lebewohl.

Wie heiter, und wie froh ist meine Sterbescene.

Ich nehme Freund, die süsse Hofnung mit,

Mein Vaterland durch dich beglückt zu sehn.

Dieß ist mein Abschiedsgruß. Lebt wohl ihr Bürger!

Ihr Staaten lebet wohl, die meine Jugend sah!

Der letzte Schauer naht ---- Mein Blut erstarrt ----

Auf! -- Höher Geist! -- Zu Gott! -- Zu Gott! -- Ich sterbe ----

Edu.

Es ist geschehn! ---- O That! O schöne That!

Er segnet mich, und lehret seinen Mörder!

Der edle Glanz von seiner Tugend stralt,

Und schleudert mich herab von meiner Höhe!

Wie häßlich schein ich mir! Wie bin ich schwarz!

Gebrandmarkt ist die Hand von seinem Blute.

Ein jedes Laster steht izt vor mir auf,

Und klagt mich an; bang zittert mein Gewissen.

Kehr wieder theurer Freund, O komm zurück!

Von deinem Aug ein Blick bringt Leben in mein Herz.

Ich fühle nichts als Sturm; mein Busen kocht;

Wo soll ich Trost, wo soll ich Hülfe suchen?

Im Grabe nur allein will ich vergessen,

Daß ich ein Mörder bin, der seine Freunde würgt.

(Er sucht das Schwerdt; Die Höflinge halten ihn ab.)

Laßt mich! Zurück! Ich muß mit Marsis sterben!

(Indem er entkräftet auf die Leiche sinkt.)

Dieß sey der letzte Kuß, den mir dein blasser Mund

Zum Labsal giebt! Verzeih! Vergieb o Freund!

Die Thränen waschen Dich! Sieh meine Reue;

Nie soll ein Lächeln mehr die Stirne heitern!

Die schwarze Nacht des Grabes soll mich decken,

Und unbeweint will ich vergessen seyn!

(Man schleppt ihn gewaltthätig von der Leiche.)

Monolog.

(Lusian, indem er einem Höfling nachschreyt.)

Er hat den edlen Marsis getödtet, sagst du? ---- Bravo! (Er schlägt in

die Hände) Bravo Eure Majestät! ---- Bravo Meister Eduard! ---- Eine

Säule von deiner Universalmonarchie hast du selbst wie ein zweyter

Samson eingestürzt, das Dach fällt sicher auf dich, und zermalmet dich

und deine Schmäuchler! ---- Gute Nacht wackerer Marsis! (lacht bitter)

Das ist der Dank für so viele Dienste! Sechzig Schlachten hat er mit

gefochten; sechzigmal hat er für dich geblutet, undankbarer König! ----

Soll man diesen gekrönten Ungeheuern dienen? ---- O wenn ich izt --

Mäßige dich Lusian! ---- Hinunter steigende Galle! ---- Laß den Verstand

siegen! Fort aus diesem Raubneste, wo die Tugend stirbt! ---- He Dibald!

Sattle mein schnellstes Pferd! ---- Ich will fliegen! Wenn ich nur

Flügel hätte ---- Eduard mag seine unendlichen Kriege selbst ausfechten.

Er hat ein hübsches Stück Arbeit! ---- Hahaha! Kein Lebewohl von ihm!

Ich hasse die Eroberer ---- Fort! Leb wohl du armes Volk ---- lebt wohl

Freunde! ---- Mein Hohngelächter über Euch verächtlichen Hofschurken!

Laune.

Flieh Satyr fern von mir, du bist ein loser Bube!

Wie oft jagt ich dich schon aus meiner Stube!

Du schleichst dich immer wieder ein,

Und spielest mir am Hofe tolle Streiche.

Izt soll der Schluß von unsrer Freundschaft seyn,

Weil ich nicht lange mehr im Staube keuche;

Von Städtern fern, und fern von Dir

Will ich mir dort in stillen Buchen

Den ächten Busenfreund, Horazens Nachbar suchen;

Der lacht und scherzt mit mir,

Nicht so wie wir aus weiter Kehle lachten,

Wenn wir uns beide lustig machten.

Wie oft durchwühlten wir das grosse Narrenhaus,

Und zischten die Bewohner aus!

Zuerst bespähten wir die grossen Staatsperücken,

Und fanden selten ein Gehirn.

Dann prüften wir des Höflings hohe Stirn,

Und schätzten sie viel kleiner als die Mücken.

Bey Fräulein suchten wir die keusche Jungferschaft,

Allein sie wohnt nicht mehr in Gold und Taft;

Wie morsch und wie verwelkt sind ihre Herzen!

Mit Weibern pflegten wir zu scherzen;

Wir haben sie ein bischen ausgehöhnt,

Weil jede gern den theuren Gatten krönt;

Sonst sind sie leidliche Geschöpfe.

Dann spürten wir um die gelehrten Köpfe,

Allein wir fanden Rauch und Wind.

Die Schmäuchler, die am Hofe häufig sind,

Verdienen sicher ein Gelächter,

Denn sie vergöttern oft den reichen Pächter;

Ein goldner Pavian scheint ihnen wie ein Gott.

Sie fühlten auch Herr Bruder, unsern Spott.

Die Kriecher wurden nicht verschonet;

Die Gleißner auch mit Streichen reich belohnet.

Mit einem Wort ich prüfte jeden Stand;

Es ist gewiß das ganze hübsche Land

Nichts weiter als des Tespis Karren,

Und stolz im Harlekinsgewand

Spielt jeder seinen Lieblingsnarren.

Izt bin ich endlich ihrer satt.

Ich hasse diese Schellenkappen.

Ich fliehe gähnend Hof und Stadt,

Und suche Menschen ohne Wappen.

Vielleicht schmückt die Natur das Land.

Ich wünsche Mutterwitz, natürlichen Verstand;

Ein gutes Herz, und reine Sitten

Find ich vielleicht in kleinen Hütten;

Und hab ich das, was brauch ich mehr?

Ich schliesse ruhig meine Tage.

Dieß ist, was ich mein Faun, dir sage!

Dieß merk, sonst sprech ich deutlicher.

Zu Zeiten will ich deiner noch gedenken,

Und unsrer Freundschaft Blicke schenken;

Mehr aber Satyr fodre nicht,

Man macht sich Feinde, wenn man sticht.

Geisterscene.

(Der Schauplatz ist ein Schlachtfeld. In der Ferne sieht man das

verschanzte Lager der Feinde. In der Ebne liegen die Todten und

Verwundeten. Waffen, Pferde, und Leichen sind aufeinander gethürmet. Von

allen Seiten fliehen die Schaaren Eduards. Panisches Schrecken

verscheucht sie. Eduard erscheint mit fliegenden Haaren und mit blutigem

Schwert in der Hand. Donner rollen, Blitze leuchten; ein fürchterliches

Ungewitter wütet. Aus den feindlichen Wällen tönen Stückschüsse. Es ist

Mitternacht.)

Edu. Ihr feigen Memmen! Wo eilt ihr hin? Zurück! Wider die Feinde! Ich

bin Eduard, euer König! ---- Fechtet! ---- Folget mir nach! Ihr

verzagten, wo fliehet ihr hin?

Ein Hauptmann. Unsere Kräfte erliegen, die Feinde sind unüberwindlich

----

Edu. Sklave stirb! (Er schleudert ihn zu Boden). Zur Schlacht, zum

Gefechte! Hieher! ---- Alles flieht, alles verläßt mich! Tod und

Verderben! Ich muß siegen! Ich muß die Feinde tödten! Ich will allein

fechten!

(Ein königlicher Schatten mit einem Heere von Geistern in einer

majestätischen Schlachtordnung erscheinet. Eduard erstarrt, und steht

wie eine Bildsäule mit gesträubtem Haare, und mit dräuendem

Schwert.)[19]

Edu. Welche Gespenster erblicken meine Augen? ---- Himmel und Hölle

wafnet sich wider mich! ---- Ich bin besiegt, mein Glück sinkt, aus

meinen Händen fallen die Zepter, und die Kronen entstürzen meinem

Haupte! Entsetzen!

Der k. Schat.

Sieh an die Opfer deiner Wuth!

Wie lang wird noch dein Ehrgeiz wüten?

Wie lange trinkest Du noch Menschenblut?

Die Rache folget deinen Schritten!

Du bist zur Strafe schon gereift.

Die Hand des Winters, die den Baum entblättert,

Hat auch dein kahles Haupt gestreift.

Bald wird die hohe Stirn zerschmettert!

Die weise Vorsicht wiegt

Mit unbestochener furchtbarer Waage

Die Thaten aller deiner Tage!

Erwach! Dein Traum entfliegt!

(Die Geister verschwinden unter Blitz und Donner.)

Edu.

Das Schicksal hemmt den Lauf von meinen Siegen!

Ich sollte mich vor meinen Feinden schmiegen?

Nein! Eduard mißkennt den Sklaventon!

Ich stütze dieses Reich und meinen Thron!

Der Himmel mag mit seinen Donnern dräuen;

Die schwarze Hölle mag auf mich Gespenster speyen;

Ich höhne nur den Schattentroß!

Ich zittre nicht, mein Geist bleibt groß!

[Fußnote 19: Da unsere kaltblütigen Deutschen nicht wie splenetische

Engländer von einem Geist gerührt werden; so bevölkert mein Autor die

Scene mit einer Legion Geister. Der Auftritt muß auf der Bühne

fürchterlich lassen, und für Liebhaber der kriegerischen Taktik sehr

interessant seyn. Die Scene ist historischwarscheinlich, weil unsere

Nationalgeschichte ein feines Pröbchen von einem Geisterheere giebt.]

(Er eilt wütend fort.)

Neue Epopee.

Ein heiliger Gesang.

Die helikonischen Schwestern besangen die Thaten des Königs.

Er sah sich von kriechenden Völkern und Schmäuchlern vergöttert.

Könige bebten vor seinem länderzermalmenden Donner.

Eilends beschlich der Stolz den eitelkeitliebenden Busen.

So wie der heisseste Sommer auf paradiesischen Fluren

Blumenverzehrende Heere der wilden Insekten erzeuget;

So gebähren die glücklichsten Tage die häßlichsten Laster.

Eduard kannte sich nicht mehr, er wurde von Hochmuth begeistert.

Wie der donnerkochende Hekla die Gegend verwüstet,

Auf die benachbarten Hütten die brennende Lava verspritzet,

Und die armen Bewohner der Thäler despotisch verscheuchet;

So zerschlug der siegende König die bebenden Bürger.

Eiserne Ruthen bestraften sein Volk, und selbsten die Freunde,

Die ihr Blut und Leben ihm weihten, enteilten dem Hofe.

Ich bin der Herrscher, so rief er, ich gebe der Erde Gesetze;

Mein Wink ist heilig, und alles verehret mein göttliches Antlitz.

Himmlischbegeisterte Sänger verewigen meine Trophäen,

Denn mein Rachschwert hat täglich die tapfersten Feinde gezählet.

Durch mich fielen die mächtigsten Heere; mich betet die Welt an!

So rief der aufgedunsene Sieger am Morgen und Abend,

Und die Ohren der Gottheit wurden vom Frevel beleidigt.

Wer ist der Mann vom fürstlichen Saamen, der dort wie die Ceder

Bis zu den Wolken die trotzige Stirne mit Kühnheit erhebet?

Hat er denn nicht die Krone von Mir, und von Mir den Segen?

Hab Ich nicht Völker und Länder in seine Verwaltung gegeben;

Hab Ich ihm nicht die goldenen Zepter zu Füssen geworfen?

Wie hat dieser Kameleon sich so plözlich verändert!

Ich will dem würgenden Parder die zierlichen Flecken verwischen.

Ich will dein Horn, du Stolzer zerbrechen, und wieder erniedern!

Bald soll dein blühender Lorbeer verwelken, und Schande dich decken!

Deine Hände sollen erschlappen, dein Herz soll verzagen;

Nicht mehr werden die glänzenden Stralen der Sonne dir leuchten;

Ewige Dämmerung soll dein Gedächtniß verwirren, umnebeln!

Wohn in stinkenden Gräbern, benetze mit Thränen die Leichen

Jener unschuldig erwürgten Schlachtopfer der thörichten Ruhmsucht.

Ich will in dir den mächtigsten Fürsten ein Beyspiel bereiten!

Gabriel, fasse die blutige Sichel, dort reifet die Aernde!

So sprach zörnend der Alte der Tage; die rollenden Donner

Brüllten durch die hohen Gewölber des staunenden Himmels.

Feyerlich horchte die ganze Natur, und die zitternde Schöpfung

Auf die allesbeherrschenden Winke des Gottes der Götter.

Und der gehorchende Seraph entflog mit hastigen Schwingen.

Noch überdeckten den schlummernden Erdkreis die nächtlichen

Schatten;

Eduard wälzte sich schlaflos auf goldenem Lager, und webte

Riesenentwürfe für kommende Tage der Welt zur Erstaunung.

Als der dräuende Herold des Himmels die sichern Gemächer

Majestätisch betrat, und donnernd den Schläfer begrüßte:

Ich will das Nest des himmelhochfliegenden Adlers zerstören!

So spricht der große Beherrscher der Schöpfung. Wer bist du

Verwägner,

Der du so kühne Gewebe von künftigen Planen gebährest?

Wisse, du säest nur Wind, und ärndest nur reifes Verderben!

Augenblickbettler, was macht dich so stolz? Erzähl mir die Thaten!

Kennst du die größten und kleinsten Geschöpfe? Hast du sie

erschaffen?

Gabst du der glänzenden Sonne Befehle, der Erde zu leuchten;

Bist du zu dem geheiligten Buche des Schicksals getreten;

Hast du der weisen Natur erstaunliche Wunder ergründet?

Wechselt durch deinen allmächtigen Wink der Winter und Sommer;

Kannst du der trockenen Erde den segnenden Morgenthau schenken?

Oder ist nur dein gröstes Geschäfte die Völker zu tilgen?

Geissel des Menschengeschlechtes erwache vom täuschenden Traume!

Ich will deinen verfinsterten Augen die Nebel entreissen;

Aber dann will ich dich wieder mit ewiger Blindheit bestrafen!

Nur die Erstlinge deiner Regierung sind Opfer der Tugend.

Du hast die Wege der Demuth verlassen; aus Undank vergessen,

Wer die Kronen Euch Sterblichen giebt, und wieder entreisset.

Du gabst die Ehre dir selbsten, die nur der Gottheit gehöret,

Welche dich aus dem mindesten Staube so gütig erhöht hat;

Eben die Gottheit schleudert dich wieder zum Staube zurücke!

Du sollst irren in Wäldern, und häßliche Höhlen bewohnen!

Wenige Stunden sind dir noch zur Reue, zu Thränen geschenket.

Trage die Strafe geduldig, und nütze die goldnen Minuten,

Vielleicht kannst du durch Zähren und Demuth die Allmacht entwafnen,

Doch izt trinke den Kelch der Rache bis auf die Hefen!

So sprach der Bothe des Himmels, und flog durch die schwarzen

Gemächer,

Und er betäubte das Ohr des niedergedonnerten Fürsten.

Gnade! So rief er, indem er mit Zittern dem Lager entstürzte,

Und im Staube demüthig sich wälzte, Herr, schenk mir Erbarmung!

Sieh, ich bin schon zu Boden geschleudert, gerichtet, verworfen!

Selbst der Schatten der vorigen Grösse wird von mir verschwinden.

Meine Palläste sind öde, die goldnen Kronen zersplittern;

Meine stockenden Nerven erschlappen, der Busen verwelket;

Hangende Wolken lassen sich nieder auf meinem Gehirne!

Wer bin ich izt, wo wandelt mein Fuß, wo find ich die Ruhe?

Hülfe! Höret mich niemand? Bin ich von Himmel und Erde

Grausam verlassen? So rief er betäubt, und stürzte zur Pforte,

Irrte durch Wälder, und Gräber, und ward den Verbrechern zum

Schrecken.

Nur in seltnen Minuten gab ihm das Schicksal die Ruhe;

Seine Vernunft erwachte zu Zeiten, das Elend zu fühlen,

Und nieversiegende Thränen benezten die sterbenden Augen.

Fortsetzung der geheimen Nachrichten.

Der alte Patriot Alsin starb. Salinia erschien izt wieder am Hofe, denn

der kluge Vater hielt sie entfernet. Die alte Liebesflamme ward im

Herzen Eduards rege. Alidia erkannte bald diese furchtbare

Nebenbuhlerin. Sie beschloß dieselbe zu verderben. Da sie ihr aber mit

offenbarer Gewalt nicht beykommen konnte, schlich sie sich in das

Vertrauen dieser Schönen. Sie besuchte ihre freundschaftlichen Kreise,

wobey der König selbst erschien. Sie bemerkte scharfsichtig, daß Salinia

in den schwülen Sommertagen sich mit süssen Getränken erfrischte, sie

spähte glücklich den günstigen Augenblick Gift in eine Milch zu mischen.

Durch ein trauriges Ungefähr trank auch der König davon, und fühlte der

Erste die Wirkung dieses künstlichen Giftes. Die Aerzte wurden zwar

eilends gerufen; aber sie kamen zu spät; eine tödtliche Schwäche befiel

den König, und die Krankheit artete in eine Verrückung und endlich in

eine Hirnwuth aus. Salinia fühlte bald die nämlichen Anfälle, nur mit

minderer Gewalt. Man forschte vergebens nach dem Thäter. Alidia verbarg

zwar ihre Schande; aber sie genoß nur halb den Sieg ihrer Rache, weil

der Tod Eduards alle ihre ehrgeizigen Absichten vereitelte.

Hexenscene.

(Eine weite Ebne. In der Mitte steht auf einem Hügel ein Hochgericht mit

einem Galgen, worauf ein Gehenkter den Raben zum Mahle dient, daneben

ist eine zerstückte Leiche nach dem Henkerkostum auf ein Rad geflochten.

Auf der Erde sind einige Gräber geöfnet, und Schedel und Knochen liegen

herum. Eulen und Dolen krächzen. Es ist Mitternacht. Der Mond wirft

blasse Stralen.)

Medea, Megära, hernach Satan, Alcina, Armida, viele Hexen,

Teufel, und Geister.

(Medea erscheint auf einem Drachenwagen. Megära fährt auf feurigen

Basilisken. Die andern Hexen erscheinen standesmäßig auf Besemen und

Ofengabeln. Ganze Schaaren Fledermäuse begleiten sie.)[20]

Medea zur Megära.

Frau Schwester, wie entehrt ist unsre Zauberkunst!

Sieh, wie profan sind diese Weiber!

Megära.

O ihre Kenntniß ist auch lauter Dunst!

Ein blöder Geist belebt die wilden Leiber.

Welch ein Geschmack beherrscht die alten Feenkreise!

Betrachte nur die pöbelhafte Weise,

Wie man Versammlung hält.

Med.

Was seh ich! Pluto wird zum Luzifer entstellt!

Ich weiß mich nicht in den Schnikschnak zu finden;

Ich werde bald von hier verschwinden;

Frau Schwester ganz gewiß, ich bin aus meiner Welt!

Meg.

Ich will nur sehn, was denn die Hexen machen;

Wir wollen heut gelegenheitlich lachen.

Wie ist das ganze Volk so läppisch dumm!

Sie wissen nicht einmal die wahre Sprache.

Ein Besem ist für sie ein Drache.

Hahaha! Ich lache mich heut sicher krumm!

Med.

Und doch sind die Geschäfte wichtig.

Meg.

Die Menschen denken izt zu flüchtig,

Für sie ist unsre Kunst zu mystisch zu abstrakt:

Die Hexen stehen izt mit Teufeln in Kontrakt.

Wir bleiben Geisterköniginnen,

Und lassen uns nicht mehr vom Vorurtheil umspinnen.

Jedoch Alidien steh ich aus Freundschaft bey,

Und mache sie noch heut vom Liebeskummer frey.

Die Hexen sollen mir die Eselohren spitzen,

[Fußnote 20: Der Autor bemerkt sehr scharfsinnig den Hexenkostum, und

theilt sie in alte und neue Hexen. Die Alten haben mehr Anstand und

Würde, wie die alten Furien und Schatten unsere neuen Teufel und Geister

beschämen. Die Damen sprechen übrigens wie die Freymäurer; die alte Loge

schimpft über die Neue, und jede behauptet das wahre Geheimniß zu

besitzen. So viel ich als ein profaner Kommentar.]

Med.

Ich bleibe stäts in meinen Wagen sitzen,

Indeß man sich vielleicht beym Hexensopha schlägt,

Bis Meister Satan selbst sich in das Mittel legt.

Jedoch ich sehe schon die Rathsversammlung glänzen;

Die Rednerinn beginnt mit gothischen Sentenzen.

Meg.

Wie hoch sie ihre Nase trägt!

(Alcina neiget sich gegen Satan.)

Alc.

Das Circular belehrt bereits Euch weise Damen,

Was unser Zweck in der Versammlung ist.

Ihr kennet auch den edlen Namen,

Der Suplikantinn, die uns bittlich grüßt.

Selbst Vater Satan will uns heut beehren,

Das ganze Gremium als Meister zu belehren.

Sat.

Mesdames, stäts theuer ist mir eure Gegenwart,

Das schwör ich euch, wie Mahomet beym Bart!

Verzeihet, wenn ich oft die Worte stockend breche,

Ihr wisset, daß ich stäts französisch spreche.

Empfanget dieß Recept zur magischen Arzney.

Die Geister bringen Euch die Species herbey.

Ich weiß kein Mittel sonst, der Teufel soll mich holen![21]

Macht eure Sache gut, und hiemit Gott befohlen.

(Armida steht auf.)

Armid.

Daß ich gewiß die beste Köchin bin,

Das werdet Ihr doch nicht in Zweifel ziehn?

Ich lernte meine Kunst von Wällschen und Franzosen!

Alcin.

Wir werden um die Würde loosen!

Seht, mich hat selbst das Glück gewählt,

Ich fühle mich bereits durch ein Instinkt beseelt!

[Fußnote 21: In einer Shakespearischen Zerstreuung hat der Dichter hin

und wieder sich vergessen. ^Bonus dormitat Homerus!^ würde ein Warburton

sagen; ich aber glaube, der Dichter wollte schlafen; also gute Nacht!]

(Die Geister setzen einen grossen Kessel auf das Feuer; die Hexen tanzen

herum mit fliegenden Haaren. Die Teufel werfen die gefoderten

Ingredienzen in den Kessel, und eine abscheuliche Musik beginnt.)

Alcina.

Ihr tanzenden Hexen,

Werft Schlangen, Eidexen

In dieses Gefäß!

Bringt schwarze Dämonen,

Noch sechs Scorpionen

Zum Hexenprozeß!

Chor von allen.

Von neuen Brochüren

Das Schandprotokoll;

Sechstausend Vampiren,

Der Kessel ist voll!

Medea.

Verjagt den Hexentroß aus diesem Schreckenorte!

Komödiantisch wird die Wissenschaft verhunzt!

Hör Schwester, wie die Präsidentin grunzt!

Sind dieses mystische und zauberische Worte?

Hört Stümperinnen mich!

So öfnet man die Höllenpforte.

Wollt Ihr doch Hexen seyn; so sprecht wie ich!

(Eine pathetische Musik beginnt mit seltnen erschütternden Tönen. Eine

feyerliche Stille herrscht.)

Med.

Hör mich geweihter Styx, ström feurig Acheron!

Halt deine Fluten ein, erzörnter Phlegeton;

Laß deine Schatten izt zu meinen Beystand fliegen!

O Pluto höre mich! Erscheint ihr Furien!

Proserpina belohn mit Lächeln dieses Flehn!

Laß stäts Alidien mit ihrem Reize siegen,

Und Eduard soll sich in ihre Fässel schmiegen!

Der Donner rollt; Zevs ist versöhnt,

Und meine Bitten sind gekrönt!

(Sie entflieht mit ihrer Freundinn siegreich, und die Hexenversammlung

geht beschämt auseinander.)

Scene.

Abt Mauritz, Lusian.

Lus. Wie gesagt, Herr Abt, die arme Salinia ist sehr krank. Vielleicht

leidet sie mehr im Geist als im Körper. Besuchen Sie das gute Fräulein,

Männer wie Sie haben immer Trostgründe vorräthig.

Maur. Ich muß izt geschwind zum Könige, er will beichten; ich bin gleich

wieder hier ----

Der Eroberer Eine poetische Phantasie in fünf Kaprizzen. Aus alten Urkunden mit neuen Anmerkungen · 第 43 / 57 题