Ras. Er schrieb auf sich selbst dies lezte ----

Epigram.

Die Menschen fliehen ihn wie eine Schlange;

Was mag die Ursach seyn? Ist er Medusens Schild?

Zeigt seine Larve sich mit eingeschrumpfter Wange;

Sind seine Züge häßlich wild?

Macht eine Krankheit ihn so stinkend wie die Leichen?

Ist er beschwert mit bösen Seuchen?

Zernagt ihn innerlicher Harm,

Und macht ihn wild und ungesellig?

Ist er zu ungestüm, zu ungefällig?

O nein! Erstaunt! Er ist -- zu arm.

Der König. Ich will mich seiner erinnern. Verdienste sollen nie darben!

Sucht sie auf, ruft sie aus den Schlupfwinkeln, und es soll mein

schönstes Geschäfte seyn, sie zu belohnen!

Ende der ersten Kaprizze.

Der Jüngling Eduard.

Zweyte Kaprizze.

Biographie.

Das Leben grosser Könige ist das Vorbild, und die Schule der Herrscher.

Sie sehen die Tugenden, die sie erreichen sollen, und die Fehler, die

ihre Vollkommenheiten entstalten, und ihr Gedächtniß bey der Nachwelt

verächtlich machen. Der Donner der Wohlredenheit und der Pinsel der

Wahrheit verewiget entweder ihr Lob, oder ihre Schande. Eduard ist einer

von den besondern Fürsten, deren edlere Thaten die Aufmerksamkeit

späterer Geschlechter verdienen. Die ersten Jahre seiner glorreichen

Regierung sind rühmliche Beweise der erhabensten Eigenschaften, und das

Muster grosser Monarchen.

Die gütige Natur erschöpfte sich gleichsam, in ihm ausserordentliche

Gaben als in einem Mittelpunkte zu vereinigen, und ihn zum Meisterstücke

der erstgebornen Genien zu bilden. Seine erhabene Miene verrieth seinen

königlichen Stand. Sein Wuchs war schön, seine Züge einnehmend, und

seine Suada bezaubernd. In ihm versammelten sich alle schätzbaren

Eigenschaften seiner würdigen Ahnen, und vielleicht aller kommenden

Enkel. Sein Herz war groß und zärtlich, und sein Geist durchdringend und

erlaucht. Sein Auge war scharfsichtig; er spähete die Verdienste, und

selten entwischten sie seinem Adlerblicke. Die Rechtschafnen freuten

sich, denn sie sahen in ihm einen billigen Richter, der ihre Treue und

Geschicklichkeit prüfte, und belohnte; die Verdienstlosen hingegen

wurden desto mehr beschämt, weil schon die entehrende Ausschliessung von

den Gnaden ihres wohlthätigen Landes-Fürsten ihre Schande bezeichnete.

Da er den Charakter der Menschen mit einem Blick übersah; wuste er die

unentbehrliche Kunst weiser Regenten jeden an seinen ächten Platz zu

stellen, und jede Fähigkeit zu benutzen. Er kannte andere, ohne sich

selbst ergründen zu lassen. Doch haßte er die alberne Grimasse feiner

Politiker, die aus Kleinigkeiten Geheimnisse machen. Nur Hauptgeschäfte,

deren glücklicher Erfolg von einem heiligen Stillschweigen abhieng,

wurden von ihm in eine tiefe Nacht gehüllet. Er ließ seine Nachbarn

nicht bey jedem Schritte zittern; seine Verheissungen waren

unverbrüchliche Schwüre, und seine Bündnisse so ehrwürdig wie Eide.

Seine Handlungen blieben allezeit königlich. Er gab seinen Thaten eine

majestätische Grösse; seine Gedanken und Worte verriethen, aus welcher

vortreflichen Seele sie ihren Ursprung zogen; er nahm nicht Zuflucht zu

übertriebnen Gepränge; aber er würdigte nie seinen Stand durch geizige

Sparsamkeit ab, damit er den Künstlern die Nahrungswege nicht

beschränkte. Er liebte in allen Kunst und Geschmack; seine Gebäude

prangten als Denkmäler, welche den Staat verschönerten, und den

Fremdling in Erstaunung setzten. Sein Leben war einfach, aber

wohlgeordnet.

Im Frieden, den er liebte, theilte er weislich seine Stunden. Früh

begann er die Reichsgeschäfte. Er suchte die Kürze, und haßte die

Weitschweifigkeit und Dunkelheit des Vortrags. Seine Minister und Räthe

mußten gründlich von den Gegenständen unterrichtet seyn. Den Nachmittag

widmete er dem Umgang mit allen Menschen, und hatte jeder Stand seinen

ausgezeichneten Tag, in welchem jeder das Antlitz seines Königs sehen

konnte. Der erste Tag der Woche ward den Staatsleuten gewidmet; der

zweyte den Kriegern; der dritte den Gelehrten, der vierte den Künstlern,

der fünfte den Kaufleuten, der sechste den Priestern, der siebente den

Ackersleuten, und der achte dem schönen Geschlechte, in dessen Umgang er

die Artigkeit zu suchen pflegte. In diesen Stunden sprach er mit

Jedermann wie ein Bruder zum andern, und klärte sich so auf, daß jeder

ihn für einen Meister in seinem Fache hielt. Die Höflichkeit war jene

Zauberey, womit er alle Herzen fässelte; er schien unwiderstehlich im

Umgang. Seine Reden schlichen so sanft in alle Ohren, und drangen so

rasch zum Herzen, daß er alles hinriß. Nie sprach er von sich selbst. Er

lobte verdienstvolle Männer. Nie war er bescheidner, als nach gewonnenen

Schlachten, und niemals demüthiger als im Glücke. Selbst seine Feinde

preisen an ihm diese seltne Tugend; aber nie schien seine Seele grösser

und thätiger als in Gefahren, die sein geliebtes Vaterland bedräuten. Er

war wie eine Löwin, die ihre Jungen vertheidiget. Seine Augen glüten, er

war Tag und Nacht auf den Flügeln, und er ruhte nicht, bis er die Stürme

beschwur, und die Wolken zertheilte. Jemehr Feinde wider ihn aufstunden,

destomehr Gelegenheit fand er seinen Ruhm zu vergrössern. Ein Seemann

wird in Ungewittern geprüft. Er kannte die Ebbe und Flut des Glückes,

und nützte die goldenen Augenblicke, in denen es ihm lächelte. Die

Gnaden, die er ertheilte, und versprach, waren so gewiß, daß man sie

gleichsam schon empfieng, wenn er sie verhieß. Nie brach er sein Wort,

weil er nichts ohne reife Ueberlegung zusagte. Geprüften Gelehrten gab

er einen Gehalt zur Aufmunterung, um sie in den Stand der nöthigen Musse

zu versetzen, die ihr Studium erfoderte. Würdige Witwen, die Kinder zu

erziehen hatten, konnten Anspruch auf seine Güte machen, und er foderte

Rechenschaft von der Verwendung seiner Gnaden. Wenn rechtschaffene

Männer durch Unglücksfälle darbten: bot er ihnen eilends Hülfe an;

warum, pflegte er zu sagen, wendet ihr euch nicht an mich, und vertraut

eure Bedürfnisse eurem Freunde? Da er wuste, daß die Armuth die Mutter

aller Laster ist; so war er der Vater der Armen. Leute, welche das Alter

oder ein gebrechlicher Körper ausser Stand sezte, das Brod zu gewinnen,

wurden von seiner Milde erhalten, und er zählte sie unter die Säuglinge,

die er als Waisen ernährte. Andern Bedürftigen wies er gute Nahrungswege

an, und sie wohnten in einer Vorstadt beysammen, durften auch so lange

nicht in Städten sich niederlassen, bis sie durch Fleiß ein kleines

Vermögen sich erwarben. Er ehrte alle Stände, wie ein Vater alle seine

Kinder gleich liebt. Er gab keinem Stande eine Vorliebe, und keinem eine

Ausschliessung. Jeder in seiner Gattung war geschätzt, und von ihm

geehrt. Der Vater vieler Kinder genoß besondere Vortheile. Er ließ dem

Adel fühlen, daß ohne eigne Verdienste das Ungefähr einer hohen Geburt

ein blosser Schatten ist, und der Adel nur eine Aneiferung zu

ausserordentlichen Tugenden, nicht aber ein Freybrief des Müßiggangs

seyn sollte. Er zog die Talente aus der Dunkelheit hervor, und suchte

die schüchterne Bescheidenheit auf, wo sie im Winkel darbt. Die Beamten

durften sich durch Wissenschaften aufklären, und er hielt nicht wie

viele barbarische Grosse die Unwissenheit für ein Zeichen der Treue und

des Fleisses. Jeder konnte Anspruch auf Würden machen, wenn er nur

Fähigkeit besaß. Jeder Bürger erfreute sich im Genusse seiner Güter. Ich

bin ein Hausvater, sagte Eduard, die erste Pflicht eines liebreichen

Hausvaters ist, von seinen Kindern geliebt zu werden, ihnen den

Aufenthalt in seinem Hause lächelnd zu machen, damit sie sich nicht um

fremde Wohnungen sehnen, und vergnügt sind, in seiner Hütte zu leben.

Die Gesetze werden liebreich, wenn er sie überzeugt, daß alle zu ihrem

Wohl, und zur allgemeinen Glückseligkeit abzielen. Er liebte zu sagen,

alle Fehler der Könige tragen ihre Unterthanen.

War er im Felde; so übersah er nicht nur die Würde des Anführers,

sondern er ward ein gemeiner Soldat; und wenn er die Heere in

Schlachtordnung stellte, und das Treffen entwarf, theilte er alle

Gefahren mit seinen Kriegern. Seine Unterthanen, die ihn wie einen Vater

liebten, hatten zum Sprüchwort: Die Tapferkeit ist unsers Königs

einziger Feind, die uns für seine kostbaren Tage zittern macht. Wer die

Geschwindigkeit seiner Thaten bemerkte, glaubte, daß Eduard fliegen

müßte, und wer die Grösse und Wichtigkeit der Handlungen prüfte,

erkannte, daß er nicht eilen konnte. Man bedurfte oft mehr Zeit, seine

Thaten zu erzählen, als er, sie auszuführen. Die Gelassenheit war ein

besonderes Zeichen seines erhabnen Verstandes, und er hatte die gröste

Herrschaft über sich selbst. Die sanfte gütige Art, womit er alle

Handlungen und Worte würzte, legte ihnen einen doppelten Werth bey; die

Gnaden wurden unschätzbar, und selbst eine verweigerte Bitte ward zur

Gnade.

Er liebte zärtlich sein Volk, und unterschied den Bürger weislich vom

Fremdling; dadurch pflanzte er die Liebe zum Vaterland in alle Herzen.

Ein Land, das seine Kinder geringschäzt, wird von ihnen verachtet, und

verlassen. Das Glück seines Volks war sein reichster Segen. Er liebte

nicht Leibwachen, und wandelte frey unter seinen Söhnen. Seine

Rathschlüsse waren meistens bekannt, er ließ seine Unterthanen alle

Plane und guten Absichten wissen, und sagte: Ich liebe keine schädlichen

Neuerungen, und habe kein Staatsgeheimniß. Ein wohlgeordnetes Heer von

treuen Landeskindern, und der Reichthum meiner Bürger ist meine Politik!

Sklaven fechten nur aus Zwang für Ketten und Gefängniß, freye Bürger,

die ihr Vaterland lieben, sind die Stützen eines gerechten Thrones.

Er handhabte mit Standhaftigkeit die Gesetze, die alle nur zum Wohl der

Länder abzielten, wenig, einfach, und verständlich waren. Oft weinte er,

wenn er ein Urtheil unterschrieb, und er milderte gern die Strenge. Er

strafte kühne bundbrüchige Nachbarn: er beschränkte den Ehrgeiz

habsüchtiger Könige; er kam unterdrückten Freunden zu Hülfe; er schonte,

wo er Langmuth zeigen konnte; er wog das Blut auf der Goldwage, und zog

nur gezwungen das Schwert. Die Feinde fürchteten seine Gerechtigkeit. Er

hungerte nie nach fremden Gütern. Wurden feindliche Schiffe auch in

Kriegszeiten durch Stürme an seine Gestade geworfen; so gab er

großmüthig Befehl, sie frey zu lassen, und ihnen alle Bedürfnisse zu

reichen, weil er sich keines Ungefährs zum Vortheil bedienen wollte.

Dies machte ihn zum Mittler und Schiedsrichter aller Nazionen, die seine

Gemüthsbilligkeit kannten.

In seinem Pallast hatte jeder freyen Zutritt. Lasset das Volk herein,

rief er oft den Wachen zu: ich bin nicht König für mich, sondern für

sie! Er strafte freche Zungen. Es sind nur Worte, sagte einst dreist ein

Höfling, und Worte sind keine Pfeile! Desto ärger, rief Eduard! Pfeile

durchdringen nur den Körper; aber Worte verwunden die Seele und das

Herz! Die Verschwender waren nie seine Lieblinge. Ein verschuldeter

Edelmann lud ihn auf einer Reise zu Gast. So müssen wir eilen, meine

Freunde, sprach Eduard zu seinem Gefolge, sonst kommen wir zu spät. Da

er in das Haus des Verschwenders trat, fragte er, wem gehört dieser

Pallast? Dir mein Wirth? Wenn es wahr ist; so wünsche ich dir Glück!

Eduard war gütig, leutselig, sanft und uneigennützig. Jeder Tag wurde

durch edle Handlungen bezeichnet, und wie eine Meile gepflegtes Land

mehr ist, als eine Wüsteney von hundert Parasangen; so ist ein Blatt

seiner Geschichte wichtiger, als ganze Bände unfruchtbarer Jahrbücher,

die der Nachwelt nichts weiter sagen, als daß viele Könige Thoren

gewesen sind.

Brief.

Lusian an seinen Freund.

Bruder, wir haben Krieg. Unser Eduard beginnt seine Regierung damit, daß

er von seinen wilden Nachbarn die Länder zurückfodert, die sie unter der

schlafsüchtigen Herrschaft der wollüstigen Emilie gewaltsam an sich

rissen. Die feindlichen Könige hören mit Verachtung seine gerechten

Foderungen, behandeln ihn wie einen unweisen Jüngling, verspotten dreist

seine Gesandten, und senden ihm einige Kriegsgefangene schändlich

verstümmelt zurück. Der Krieg ist erklärt. Wir fliegen an die feindliche

Gränze, und stehen vielleicht schon auf fremder Erde, wenn unsere Feinde

erst unsere Kriegserklärung lesen. Eduard ist lauter Leben und

Tätigkeit. Ich folge seinen hastigen Schritten, und umarme dich in

Gedanken, u. s. w.

Scene.

Eine Ebne. Eduard, Lusian, viele Krieger, hernach Ritter Piron.

Edu. Mein lieber Lusian, unsere Geschwader werden durch Freywillige

bevölkert, die sich von allen Seiten zu unserer Fahne drängen.

Lus. Ich finde wackere Leute darunter. Betrachten Eure Majestät nur jene

muntere Jugend von Edelleuten, es ist lauter Feuer und Seele in ihnen!

Man muß sie mit gedienten Leuten vermischen.

Edu. In der That, sie entzücken mein Auge! ---- Warum lächelst du?

Lus. Dort eilt auf einem Klepper ein wunderbares Geschöpf; welch ein

Kontrast!

Edu. Die Natur hat das arme bucklichte Männchen sehr mißhandelt. Er

drängt sich zu uns durch die Haufen. Was muß er wollen?

Der Eroberer Eine poetische Phantasie in fünf Kaprizzen. Aus alten Urkunden mit neuen Anmerkungen · 第 5 / 57 题