Der
Eroberer,
Eine poetische Phantasie
In fünf Kaprizzen.
Aus
alten Urkunden mit neuen Anmerkungen.
Terruit urbem, terruit Gentes.
Horat.
Wien und Leipzig,
in der Buchhandlung der Gelehrten, 1786.
Zueignungsschrift.
An einen König der Antipoden
Seit den uralten Zeiten des furchtbaren Tearkon[1], der die Säulen
Herkules aus Bescheidenheit nicht überschrit, fand sich, unter Eurer
Majestät preiswürdigsten Ahnen zum Wohlseyn der Erde durch eine
besondere Gnade des Himmels kein Eroberer. Eure Majestät treten mit
einer so rühmlichen Menschenliebe, und mit einer so edlen Mäßigung in
die Fußstapfen ihrer friedsamen Ahnen, daß Sie vielleicht der einzige
König sind, der den Titel eines Helden für den liebenswürdigen Namen
eines Vaters des Vaterlands, und eines Menschenfreundes verkaufet. Eure
Majestät sind also der einzige Monarch, dem ich mein Buch schiksam
zueignen kann, denn jedem andern würde es eine Satyre scheinen, wie jene
Zueignungsschrift eines Franzosen dem römischen Pabste[2].
Wenn Eure Majestät, wie einige Reisende behaupten, auch ein Beschützer
der deutschen Musen sind, welches die Fürsten selten wagen; so sind Sie
ein wahrer Antipode von unserm gelehrten Europa, und ein Antipode aller
Könige. Ich sage nicht mehr zum Ruhme Eurer Majestät, weil
ausserordentliche Tugenden durch Stillschweigen am besten gepriesen
werden. Nur gewöhnliche Könige werden gelobt, damit sie einige Tage
länger leben.
Ich lege Eurer Majestät mit warmer Empfindung der hohen Bewunderung mein
Buch ehrerbietig zu Füssen, weil einige Meere und einige tausend Meilen
mir das Vergnügen rauben, mich ihrem Throne persönlich zu nähern u. s.
w.
[Fußnote 1: Die Schrift heißt diesen König Tharaka, der sich zur Zeit
Senacherib Königs der Assyrier furchtbar machte.]
[Fußnote 2: Das Trauerspiel Mahomet oder der Fanatismus ward vom
Voltaire dem Pabste zugeeignet.]
Vorrede des Dichters.
Die Musik ist die Mutter der Poesie; alle Eigenschaften erbt also diese
liebenswürdige Tochter. Warum sollte sie die sinnreichste Gabe die
Phantasie entbehren? Sollte die Dichtkunst nicht eben die harmonischen
Freyheiten geniessen, da sich der spielende Tonkünstler frey seiner
willkührlichen Laune überläßt, und in ein bewunderungwürdiges Chaos
aller Tonarten sich verwickelt? Von einem taumelnden Wirbeltanze hüpft
er zu einer melancholischen Arie; ehe er sie noch zu Stande bringt,
schleicht er tändelnd zum neckischen Rundliedchen, artet rasch in ein
heulendes Ungewitter aus, und donnert blutige Schlachten. Diese
zerstreute Begeisterung ist oft den horchenden Ohren ein seltnes
unerwartetes Vergnügen, und man hört manchen Künstler lieber
phantasiren, als ein regelmäßiges Concert spielen; die Ursach ist, weil
der kühne, und mannichfaltige Wechsel der Gedanken, und die verwägnen
Uebergänge die Zuhörer reizen, hinreissen, erschüttern.
Lasset uns versuchen, welchen Eindruck eine poetische Phantasie auf das
menschliche Herz machen wird. Vielleicht bringt die scheinbare
Unordnung, die doch heimlich Ordnung und Verbindung hat, das neue Gewühl
gedrängter Ideen, eben die gute Wirkung in dem Gemüthe der Leser hervor.
Es ist wahr, der Gleis ist unbetreten; ich kann meinen dreisten Versuch
weder mit alten noch neuen Schriftstellern vor dem strengen
Richterstuhle der gelehrten Welt rechtfertigen; aber mit ihrer gütigen
Erlaubniß meine hochschätzbarsten Herren Kunstrichter und Richterinnen,
müssen wir denn ewig so knechtisch unser Gehirn in Fässeln legen, daß
wir nicht einmal einen Schrit ohne Leitbande wie die Kinder wagen
dürfen, und bey jeder launichten Streiferey vor dem Hohngelächter
zittern müssen?
Was da immer im Areopagus über mich verhängt ist, fühle ich doch, daß
mein Kopf in einer so freyen Stimmung ist, in welcher er zu einer
Phantasie gleichsam durch ein Instinkt gezogen wird; und weil oft vom
Erfolge das Lob oder der Tadel einer Unternehmung abhanget, und Kolumbus
vor der Reise verspottet, nach der Rückkehr gepriesen wird; so lassen
wir der Zeit über, ob Dank oder Verachtung meine Arbeit belohnet. Meine
Rechtfertigung bey der Nachwelt sey, daß die holden Musen sich allezeit
schwesterlich die Hände reichen.
Anhang des Kommentars.
Da doch jeder Bajazzo mit einem komischen Kniks hervortrit, und Miene
macht, dem hochgeneigten Publikum etwas sagen zu wollen, ohne Ihm etwas
zu sagen; so soll auch mein kleiner Apendix in Ehrfurcht seinen Bückling
machen. Ich habe viele gelehrte Vorgänger, und Wegweiser, die mehr Bogen
Anmerkungen schreiben, als ihr Buch Blätter und Seiten hat. Ich will
mein kleines Aemtchen sehr sittsam verwalten, und nur zu Zeiten dem
Leser in die Ohren lispeln, damit er nicht vergißt, daß ich auch zugegen
bin. Ich könnte zwar meine Wenigkeit schimmern lassen, aber oft vermuthe
ich höchst wahrscheinlich, daß meine Leser mehr Einsicht haben, als ich,
oder ich verstehe selbsten den Grundtext nicht klar genug, und dann
schweige ich aus Bescheidenheit. ^Nemo ultra posse tenetur!^ Ein wahrer
Kommentar erklärt nur das, was jedermann weiß.
Prolog
In Knittelversen.
Ihr Herren klug und Jungfraun schön,
Ich bring kein Mährlein auf die Scen.
Ich sag nicht blosse Narrenpossen,
Wie mancher schon hat ausgegossen.
Ich will Geschichten offenbarn,
Und dabey nicht der Wahrheit sparn.
Wenns Euch will also wohl behagen,
Will ich jetzt kurz und rund aussagen,
Wie Eduard der König groß
Erobert manche Stadt und Schloß.
Die Welt hat er für sich erhalten,
Damit zu schalten und zu walten.
Es zeigt sich, wie die Majestat
Oft manniglich gefochten hat.
Wie er so vielmal hat gerungen,
Und Land und Leut hat eingeschlungen:
Man sieht auch, daß sein Widerpart
Erträget viel, und leidet hart.
Ihr könnt Euch selbsten leicht gedenken,
Das viele saure Herzenskränken,
Das jeder Fürst erlitten hett,
Der sich auf seinem Todesbett
Sein Haab und Gut müsst nehmen lassen.
Ich will dieß alles hübsch verfassen.
Man hebt den König nicht hervor.
Bald ist er schwärzer als ein Mohr.
Man zeigt Euch alle seine Mängel;
Oft ist er weisser als ein Engel.
Von Nachbarn will er einen Theil;
Doch ihnen ist ihr Land nicht feil.
Da kommen sie dann stracks gelaufen,
Den Sieg mit Grimmen zu erschnaufen.
Er aber streckt die Klauen weit,
Und macht mit ihnen tapfren Streit.
Doch wie auch insgemein die Güter
Zu endern pflegen die Gemüther;
Wuxt ihm auch durch den Schatzgewinn
Gar bald sein Muth und hoher Sinn;
Man mußte seinen stolzen Willen
Ohn alle Widerred erfüllen;
Und er vergaß, wies denn geschicht,
Auch alsobalden seiner Pflicht;
Hub an selbst Freunde zu verachten,
Und nach der Tyranney zu trachten.
Sein hart und übermüthigs Herz
Glaubt nur der Krieg sey blosser Scherz;
Hat also Menschen viel getödtet,
Und Völker viel ins Joch gekettet.
Doch hungert ihn beständig sehr,
Und hett noch gern gegessen mehr,
Allein er starb durch Weibertücke,
Und so knackt endlich seine Brücke.
Da ihn der Tod erhascht beym Bein,
Ward er so still als wie ein Stein.
Er hatte stäts ein starkes Herze;
Doch trieb er mit den Jungfern Scherze;
Veracht den Himmel in der Noth,
Fürcht nicht den Teufel nicht den Tod.
Am Schluß bereut er seine Sünden,
Das könnt ihr in dem Büchlein finden.
Nehmt selber jetzt den Augenschein,
Was da für Ding enthalten seyn.
Die Kindheit Eduards.
Erste Kaprizze[3].
Einleitung.
Unter den grossen und kleinen Königen, welche alle Länder der vier
bekannten Welttheile als eine natürliche Erbschaft großmüthig unter
einander vertheilen, lebte Jakob der Friedsame. Sein Reich war so
groß, daß er es übersehen konnte, um alle seine Unterthanen
zu beglücken. Das Volk und der Monarch wünschte zu ihrer
Glückseligkeit nur noch einen Thronerben. Die Königin näherte
sich eben dem glücklichen Zeitpunkt ihrer ersten Entbindung.
Monolog.
König Jakob, indem er aus dem Schlafgemach der Königin trit.
So wahr ich König bin! Mein Sohn soll nicht Alexander, nicht Cäsar,
nicht Sesostris heissen! -- Schenkt mir die Königin eine Tochter; so mag
sie ihr einen schicksamen Namen beylegen; aber der Name eines Sohnes ist
mir als Vater und König nicht so gleichgültig. Es liegt oft im Namen
gleichsam eine Weissagung. Wie soll ich also diesen sehnlich gewünschten
Gast nennen? -- Hahaha! Was dem guten Weibe beyfällt, Alexander. Hahaha!
-- Eh soll er mir Nero und Attila, wo nicht gar Kartusch heissen! So
weiß die Welt, was sie von ihm erwarten soll. Gesetzt ich gebe dem Kinde
den Namen Adam -- Nein! Dieser Name ist mit schwarzen Gedanken vom
Fluche der Erde verknüpft. Adam war der erste Ehrgeizige! -- Ich
wünschte einen gutherzigen lächelnden Namen -- Willhelm -- Pfui! So
heißt mein unruhiger Nachbar! -- Eduard, Ha! Das Wort klingt sanft.
Eduard, ja Eduard soll mein geliebter Sohn genannt werden.
Dialog.
König Jakob, Alsin, hernach ein Höfling.
Jakob. Was bringt mein getreuer Alsin.
Alsin. Einen freudigen Glückwunsch! Die Königin wird Eure Majestät bald
mit dem schönsten Ehrennamen Vater begrüßen.
Jakob. Dank dir, mein Freund!
Alsin. Betrachten Eure Majestät das seltsame Nordlicht! Ich staunte
schon einige Stunden über diese wunderbare Lufterscheinung. Das Volk
zieht große Vorbedeutungen daraus, und ein Schwärmer rief in meiner
Gegenwart: Es wird ein zweyter Alexander gebohren! Der Pöbel bleibt
immer Pöbel.
Jakob. Lassen wir die Narren reden! Nun, was bringst du so eilends?
Der Höfling. Es lebe der König und sein Thronerbe! Ein Prinz hat das
Licht erblickt.
[Fußnote 3: Da alle neuen Geburten Nachahmer finden; so werden
vermuthlich einige Dichterlinge hastig über dieses lächelnde Fach
herfallen; ich will Ihnen also durch einen kleinen Auszug aus einem
poetischen Kochbuch Anleitung zu einer Phantasie geben. Man nimmt
Geflügel Rindfleisch, Zwiebeln, Knoblauch, viel Gewürz, läßt alles in
einem reinen Topf wohl verkochen, und diese Kraftbrühe heißt Phantasie.
Zu oft darf man nicht solche Speisen geniessen, sie geben Anlage zum
gelehrten Podagra.]
Jakob. Die Mutter hat ihn gebohren, und ich habe ihn getauft. Es lebe
Eduard! -- Alsin, das ist ein froher Tag für mich, und wenn der Himmel
unsern guten Willen segnet, ein froher Tag für mein Volk! -- Laßt uns
den Säugling küssen!
Geburts-Ode.
Strophe.
Fürstenkind, sey mir gegrüßt! Lächle Gebährerinn,
Hofnungen blühen der Welt schon in dem Säuglinge.
Parze beginne für ihn einen unsterblichen
Faden! Reife heran zu den Erwartungen
Zärtlicher Eltern du Trost, und du Glückseligkeit
Neuer Geschlechter, die dich Völker beglücken sehn.
Jauchzet dem fürstlichen Gast, ruft ihn zur Herrlichkeit!
Gütiger Himmel, bist du sehnlichen Wünschen hold;
O so gieß Segen herab; Weisheit und Tugenden
Schmücken den Prinzen, der würdig zum Throne reift;
Nicht der Krone bedarf, sondern die Krone ziert.
Antistrophe.
Musen begeistert mich izt! Goldenes Saitenspiel,
Das in dem Lorbeerhain hängt, töne heut lieblicher;
Sing ein unsterbliches Lied; preise den Jubeltag!
Hier keimt ein Zweig hervor, der einst die Wolken küßt.
Unter dem Schatten ruht einst sicher der Wanderer,
Und sein lechzender Mund kostet die süsse Frucht.
Wenn der Donner ertönt, und das Gewitter dräut,
Strecket der gütige Baum liebreich die Wipfeln aus,
Nimmt die Heerden in Schutz, schläfert die Hirten ein.
O du wohlthätiger Baum, wachse zum Segen auf;
Sey von Völkern verehrt, und angebetet stäts!
Epod.
Darf ich die süssen Ahndungen meines Herzens ergiessen?
Weissagt mein frohes Gefühl?
Seh ich die rühmliche Wiege von jenem vergötterten Helden?
Welche Schlange bekriegt
Den vom unschuldigen Schlummer gewiegten Säugling? Erwache!
Rettet das Götterkind! Eilt!
Tilget den zischenden Wurm! Doch welch Erstaunen befällt mich!
Welche Tapferkeit blüht!
Unüberwindliche Riesenstärke beseelt die Arme,
Und der Heldensohn ringt;
Säuglingshände zermalmen die giftaushauchende Schlange.
So siegt in Windeln Alcid!
Feenmährchen.
Kaum war die Geburt des Erbprinzen eines grossen Königreichs in der
neugierigen Feenwelt durch den Ruf ausposaunet; so eilten alle Feen
diesen durchlauchtigen Gast zu bewillkommen, und nach Gewohnheit des
wunderlichen Feenreiches mit allen Gaben zu verherrlichen. Die Thore und
die Plätze der Hauptstadt wurden zu enge, alle Drachenwägen und
magischen Reisekarren der Feen zu beherbergen. Alle Gattungen der
vierfüßigen, zweybeinigen, und kriechenden Thiere bevölkerten die
jauchzende Residenz. Drachen, Skorpionen, Basilisken, Eidexen, und
tausend Insekten krochen auf den Dächern des königlichen Pallastes, und
verfinsterten das Tageslicht.
Die Feen nach der löblichen Gewohnheit unserer alltäglichen Weiber
machten rings um die goldene Wiege des Kronprinzen einen so entsezlichen
Chor, daß der Säugling vom festen Schlaf erwachte, und seine Gönnerinnen
mit einem Zettergeschrey begrüßte. Zehen Kinderammen wurden gelegentlich
gehörlos, und zum Glück für die Unterthanen dieses Reichs erschien der
König zu spät, sonst wäre er nach dem Modebeyspiel vieler Grossen taub
geworden. Die Königinn der Feen, die grosse und weise Rokatania begann
eben ihre Rede, nachdem sie das Geheule ihrer beredten Schwestern
gemildert hatte, und rief mit Begeisterung: Junger Prinz sey ein Held!
Um des Himmels willen! Madame, unterbrach sie hastig der schnaubende
König, halten Sie ein; machen Sie aus dem Kinde, was Sie wollen, nur
keinen Helden! Was soll ich mit einem tolldreisten Thronfolger machen,
der nichts an seinem Orte läßt, den jeder Nagel an der Wand irrt, wenn
er ihn nicht nach seinem Eigensinne ordnet? Frau Fee nehmen Sie den
Jungen, ziehen Sie ihn! Seine Mutter kann mit ihrem Schooßhunde spielen.
Aber bewahren Sie mich und mein Land vor der leidigen Seuche des
Heroismus! Wer das Kriegsgeräusche liebt, findet leicht eine Trommel. In
meinem Lande würde der Bursche noch in der Wiege zum Alexander. Ich war
auch so ein kleiner Nickel, gleich kamen ein Dutzend einladende
Klopffechter, denen der Kopf wirbelte, und wollten mich ohne Gnade zum
Erzhelden machen; aber ich liebte den Frieden. Freylich schreibt von mir
kein Dichter, und die Geschichte pranget nicht mit meinen unsterblichen
Thaten; aber meine Unterthanen sind glücklich. Ihr König hat keine
blutige Lorbeern; aber ein gutes väterliches Herz, das sie liebt. Jeder
Strassenräuber, wenn ihn das Glück ein bischen begünstiget, kann ein
Held, ein Eroberer seyn; aber zu einem guten Hirten, zu einem
menschenfreundlichen Landesvater gehört mehr. Es ist leicht mit einer
halben Million Soldaten die Erde zu zerstöhren, und Menschen zu
schinden; aber hart ein Volk zu beglücken. Das merken Sie sich Frau
Feenköniginn, und Sie alle meine verehrungswürdigen Damen, wenn Sie
wieder einen Königssohn segnen; so machen Sie ihn ja zu keinem Henker
und berühmten Taugenichts! So sprach dieser biedere Antiheld.
Rokatania, und die andern Feen berathschlagten sich eine Weile, und
fanden die Gründe des Vaters sehr klug. Endlich nahm die weise
Sapilinia, eine alte Exköniginn der Feen das Wort: Ich finde in meinen
Büchern ein einziges Mittel zur Entheldung des Prinzen, indem man
nämlich seinen Charakter von Jugend auf durch eine ausserordentliche
Erziehung gänzlich vom Geräusche der Waffen entfernet: denn hört er vor
funfzehn Jahren eine Kriegstrompete; so ist alle Vorsorge vergebens. Ich
will gern die mühsame Arbeit seiner Erziehung auf mich lasten. Ich
bestimme ihm auch aus seiner Nation den weisen Alsin zum Lehrmeister,
und werde beide an einen wunderbaren Ort versetzen, da soll der Prinz
von allen gewöhnlichen Menschen entfernt erzogen werden. Ihre Rede fand
Beyfall.
Der König umarmte seinen Thronerben, und die Königinn zerfloß bey der
Trennung in Zähren. Der weise Alsin ward gerufen, und die Exköniginn der
Feen, er, und das Kind wurden plötzlich auf einem Feenwagen von sechs
spanischen Fliegen in die Luft getragen. Sie durchstreiften Länder und
Städte, bis sie die gewünschten Gestade der Einbildung erreichten.
Sie betraten glücklich die fruchtbare Landschaft Dramaturgia. Die
Hauptstadt Tragödianopel ist sehr antik und majestätisch gebaut. Ihr
Stifter war König Thespis. Die Könige Sophokles und Euripides haben sie
sehr erweitert, und die Bürgermeister Shakesspear, und Lopez de Vega
haben sie fast zum Ungeheuer gemacht. Die Inwohner gehen auf hohen
Kothurnen, belasten ihre Häupter mit Federbüschen, und reden meistens in
Versen. Zum Zeichen ihrer beständigen Traurigkeit und ihrer
nieversiegenden Thränen tragen sie weisse Schnupftücher in den Händen.
Sie üben sich den ganzen Tag auf halsbrechende Fälle, tödtliche Sprünge,
und Stürze. Sie fallen auf offenem Markte plözlich zur Erde, um ihre
ausserordentliche Kunst im Halsbrechen zu zeigen. Ihre Geberden sind
riesenmäßig, ihr Gang hochtrabend, und ihr Ton brüllend. Alle Minuten
sieht man blutige Schlachten. Sie erwürgen einander, und stechen sich
zum Zeitvertreibe todt. Diese melancholische Stadt ist sehr entvölkert.
Unsere Wanderer enteilten diesem Schauplatze des Schreckens, der mit
Schedeln und Menschenknochen gepflastert war, und erreichten die
anmuthige Stadt Komödienburg. Ein lautes Gelächter, und ein rauschendes
Geklatsche schallte ihnen schon beym Stadttore entgegen. Die Kuppler
hielten Wache. Alle Gattungen Narren und Gaukler machten auf den Plätzen
ihre seltsamen Grimassen. Die Notarien liefen sich ausser Athem in allen
Gässen Heurathsverträge zu schliessen. Tausend kleine Liebesränke wurden
überall gespielt, und erzählt.
Sie verliessen auch diesen lachenden Auffenthalt, und kamen in die
weitschichtige Landschaft Epopea. Sie ist fast von Menschen verlassen,
und wird wechselsweis von alten Göttern und Göttinnen, und bald von
Engeln und Teufeln bewohnet. Sie eilten zur berühmten Stadt Operania;
sie ist in zwey Theile getheilet, wovon einer der Komische, der andere
der Tragische genennt wird. Die Musik ist hier die Seele aller
Handlungen. Man ißt, trinkt, schläft, geht, sitzt, ficht, liebt und
stirbt hier mit Singen.
Sie durchzogen nur flüchtig einige berühmten Städte, als die
Philosophenburg, wo lauter Weltweise wohnen; Dogmatianopel, der Wohnsitz
der Lehrer, und Redner. Endlich erreichten sie das fruchtbare und
niedliche Arkadien. Diese lächelnde Gegend wählte die Fee zum Wohnsitz
für den weisen Alsin und seinen Zögling. Auf ihren Wink thürmte sich ein
artiges Landhäuschen mit allen Geräthschaften. Alle Bewohner dieser
glücklichen Fluren begrüssten ihre willkommenen Gäste. Die Fee verließ
den gesegneten Aufenthalt, wo durch die Anstalten des weisen Alsin und
seines liebenswürdigen Schülers die goldenen Zeiten aufblühten.
Eduard wuchs unter den sanften Einflüssen eines wohlthätigen
Himmelsstriches. Der Weltweise erhob sein Gemüth unter jugendlichen
Spielen zur Tugend und Weisheit, und die unschuldigen Schäfersitten
veredelten sein Herz. Eduard wählte sich hier den Schäfernamen Tityrus,
und war von allen Gespielen und Gespielinnen geliebt. Funfzehn Sommer
schlichen wie lächelnde Frühlingstage hin. Izt näherte sich der traurige
Zeitpunkt, der seinen Charakter zu andern Beschäftigungen entwickelte.
Oridia, eine schwarze neidische Fee kochte in ihrem Busen einen alten
Groll wider die wohlthätige Fee, und wollte das schönste Werk der
Unschuld zerstören. Sie warf durch einen Sturm Kriegsleute an die
glücklichen Gestade dieser seligen Insel, und diese Räuber entführten
die schönste Schäferinn.
Ekloge.
Tityrus, Koridon, Tyrsis.
Korid.
Laß uns O ländliche Flöte mänalische Lieder beginnen!
Rufet ihr zärtlichen Töne die reizende Daphne zurücke!
Wer wird im lächelnden Frühling die Felder mit Blumen besäen;
Wer die Gestade der Ströme mit grünenden Schatten umgeben,
Wenn die göttliche Daphne das Antlitz den Schäfern entziehet?
Traure mein Tityrus, weine mit mir, bis wir sie begrüssen.
Laß uns mit ländlicher Flöte mänalische Lieder beginnen!
Tityr.
Alles besieget die mächtige Liebe; wir weichen der Liebe!
Nicht so begierig umflattern die Bienen die duftenden Blumen;
Nicht so hastig besuchen die Lämmer die lockende Quelle,
Als ich mit Sehnsucht die labenden Blicke der Daphne verschlinge.
Schon der Gedanke, sie wiederzusehen, begeistert den Busen.
Wie sind die Fluren so blühend, die meine Geliebte bewohnet!
Blüten enteilen den Zweigen, und Knospen entwickeln sich früher;
Veilchen und Rosen im bunten Gedränge belasten die Felder.
Angenehm säuselt der Zephyr durch dickbelaubte Gebüsche,
Und die Nachtigall wirbelt mit Anmuth die zaubernden Lieder.
Herrlicher pranget mit goldenen Stralen die wärmende Sonne.
Feyerlich horchet die ganze Natur beym süssen Gesange,
Das die liebliche Lippe der Daphne harmonisch beginnet.
Aber ach! Lange schon missen wir alle das siegende Mädchen.
Seitdem hat sich für mich die ländliche Gegend verändert.
Fürchterlich rauschen die schwankenden Eschen im traurigen Haine;
Mich beschleicht kein erquickender Schlummer auf öden Gefilden.
Stechende Bremsen zischen um mich, und Eulen verscheuchen
Durch weissagende Töne die Ruhe vom stürmischen Busen.
Träume, mein Koridon, schreckliche Träume durchschaudern die Seele.
Dräuende Wunder erschüttern die Augen. Bald schmettert der Donner
Wipfel der Bäume; bald schwärmen Irrlichter im dämmernden Thale;
Aechzende Winde durchbrüllen die Fluren, und schreyende Dohlen
Flattern beständig über mein Haupt; mein ahnender Busen
Sieht mit Zittern den nahen Gefahren, O Bruder, entgegen.
Alles trauert und seufzet; die fröliche Gegend entschlummert.
Rufet ihr zärtlichen Lieder die reizende Daphne zurücke!
Wer kann sie lieben wie ich, wer kann sie so feurig besingen?
Korid.
Nur ich mache die Liebe dir streitig, und setze dir Wetten.
Drey der weissesten Lämmer bestimm' ich zum Preise des Sieges.
Meine Heerde will ich verspielen, um dich zu besiegen.
Laß uns arkadische Lieder mit ländlicher Flöte beginnen!
Nicht so lieblich schimmert das Morgenroth auf den Gebirgen,
Als die keuscheste Wange der Daphne die Rosen bemalen;
Nicht so labet der himmlische Thau die durstigen Pflanzen,
Als ein Lächeln von ihr die gierigen Augen ergötzet.
Immer erneuert mein treues Gedächtniß die selige Stunde,
In der ich sie das erstemal sah. Wir feyerten damals
Heilige Feste der glücklichsten Aerndte; die Mädchen erschienen
Wie die Nymphen mit Blumen geschmücket in festlicher Kleidung
Meine bezaubernde Daphne besiegte sie alle mit Reizen.
Wie die Sonne die Sterne verfinstert, so glänzte nur Daphne.
Tityr.
Süß und zärtlich hast du gesungen, einschläfernd dem Ohre!
Aber du sangst nur die Reize des Körpers; ich schildre die Seele.
Und ich will auch vom Tage der frohen Erscheinung beginnen.
Keine so heitre Frühlingsnacht kömmt nicht wieder zur Erde.
Angenehm leuchtete damals der Mond durch stille Gebüsche,
Als der Silberton einer erquickenden Stimme mich reizte.
Ich fand ein Mädchen im Schatten gegossen; ich sank ihr zu Füssen.
Göttliches Kind, du hast mich bezaubert! Die Töne sind süsser
Als der kühlende Trunk im heissesten Sommer dem Wandrer,
Und erquickender als der liebliche Schlummer dem Müden.
Aber ein ängstliches Winseln zerstörte die zärtlichste Rede.
Wie ein Pfeil schoß Daphne hinzu, die Ursach zu forschen.
Sie fand ein gebährendes Weib im tödlichen Kampfe.
O wie entwickelte sich die reizende Tugend der Schönen!
Welche Menschlichkeit, welche Gefühle des edelsten Schmerzens
Strahlten auf dem thränenden Auge der gütigen Daphne!
Ihre gastfreundliche Liebe beseelte die himmlischen Thaten;
Ihre Schönheit bezaubert, doch ihre Sanftmuth vollendet
Ihre verherrlichten Siege! Sie bleibet beständig mein Abgott.
Korid.
Du hast zwar dem Herzen gesungen, doch Tityrus, meine
Bessern Gesänge weichen nicht deinem erhabenen Liede.
Dort kömmt Tyrsis, wir wollen ihn beyde zum Richter erwählen.
Aber wie weinerlich scheint mir sein Antlitz! Was quält dich O
Tyrsis?
Tyrs.
Soll ich wohl lächeln, wann unsere Hütten die Zierde verlieren?
O die ganze betrübte Natur scheint mit mir zu trauren!
Uns hat der Tod die reizendste Schäferin grausam entrissen!
Ihr erblasset? O weinet mit mir, denn Daphne verdient es!
Tityr.
Du hast die Wurzeln des Lebens mit tödtlichem Beile gebrochen;
Daphne verweile, dein Tityrus folgt dir mit hastigen Schritten!
Korid.
Sag uns die Ursach von ihrer Entfernung, und auch von dem Tode.
Tyrs.
Häßliche Krieger beschlichen zur Nachtzeit die sichersten Hütten,
Raubten gewaltsam, und schleppten die Mädchen zur schwarzen
Entehrung.
Umsonst folgten die Räuber der flüchtigen Daphne, sie stürzte
In die schäumenden Fluten, und ward von den Wellen verschlungen.
Tityr.
Nicht mehr will ich die Fluren betreten; ich fliehe die Haine.
O lebet wohl, ihr schattigten Wälder, ihr schönen Gefilde,
Ihr quellvollen Gebirge lebt wohl! Lebt wohl ihr Bewohner
Seliger Hütten! Ich scheide von euch mit dieser Umarmung.
Theuerste Brüder, lebt wohl! Ich lasse zum späten Gedächtniß
Diese Flöte zurück, die oft mit schmachtenden Liedern
Diese Gegend erfüllte. Lebt wohl ihr silbernen Bäche,
Nicht mehr wird mich an euren Gestaden ein Schlummer beschleichen!
O freundschaftliches Grab empfange den traurigsten Hirten.
Ich will die seligen Schatten der göttlichen Daphne begrüssen.
Pflanzet, O Brüder, der zärtlichsten Liebe zwey Myrthen zum
Denkmaal!
Schreibt auf die grünende Rinde die Worte des sterbenden Freundes:
Tityrus liebte die Daphne mit mehr als irdischer Liebe;
Sie war sein Leben, sein Licht, er eilte mit ihr zu erblassen!
Tyrs.
Wie beklag' ich den Tityrus! Koridon, suche die Freunde,
Sag den harrenden Schäfern die traurigste Liebesgeschichte.
Eilet gesättigte Lämmer, der Abendstern ruft uns zur Hütte.
Idylle.
Alsin, Tityrus.
Alsin. Mein theurer Sohn, ich habe dich behorcht. Gerecht sind deine
Thränen; aber mäßige deine Betrübniß. Setze dich zu mir unter diese
Eiche, und höre mich aufmerksam. Die Liebe ist eine edle Leidenschaft;
sie vergrössert die Herzen. Aus diesem Grunde billigte ich bisher
stillschweigend deine Zärtlichkeit. Doch es nähern sich izt die
entscheidenden Tage, in welchen erhabnere Pflichten dich rufen. Du bist
nicht zur Weide gebohren. Tityrus erkenne dich selbst! -- Du bist
Eduard, der Thronerbe Jakobs; dessen Geschichte ich dir oft erzählte. Du
solst ein Volk glücklich machen!
Tityr. Mein Vater, welche Räthsel --
Alsin. Folge mir! Wir werden auf ewig diese Hütte verlassen. Willst du?
Tityr. O diese Gegend ist mir izt verhaßt!
Alsin. Der Himmel bedient sich solcher Zufälle, unsern Willen zu seinen
Absichten zu lenken. Der Aufenthalt des Friedens, der dir sonst so
theuer war, ist dir lästig geworden. Wohlan, wir werden grosse
bevölkerte Städte sehen. Mein Freund, das Geräusche ganzer Nationen wird
dich betäuben. Noch ein Wort, ehe wir gehen. Was ist die Pflicht eines
guten Hirten?
Tityr. Seine anvertraute Heerde auf fetten Auen zu weiden, und sie vor
den gewaltsamen Anfällen der Raubthiere wachsam zu schützen.
Alsin. Dieß ist auch das Bild eines guten Königs! -- Ein Fürst muß sein
Volk beglücken und beschützen. Schwöre mir unter diesem gestirnten
Himmel, daß dieses dein ewiges Geschäfte seyn soll!
Tityr. Ich schwöre beym Himmel!
Alsin. Die Menschen werden verschieden regieret. Ich will erst deine
Begriffe erweitern.
Dogmatische Poesie.
Ein Gesang.
Muse, besinge die rühmliche Staatskunst der Weltenbeherrscher;
Zeig die erhabnen Gesetze, womit sie die Erde beglücken!
Denn die Glückseligkeit jeder Gesellschaft bleibt die Säule
Niemals erschütterter Throne, und ewigblühender Länder.
Selbst die Thiere durch edles Instinkt erwählen sich Häupter,
Und die honigzeugenden Bienen leben monarchisch,
Aristokratisch die Kraniche, die demokratische Herrschaft
Scheint den Ameisen selbst von der Natur zur Richtschnur gegeben.
Diese drey Gattungen dienen dem Menschengeschlechtern zur Regel.
Einige wählen sich einen zum Fürsten, doch herrscht er despotisch;
So wird der Monarch ein Tyrann, das Scheusal der Erde!
Diese Gefahr zu vermeiden bestimmen die Völker den Adel
Zur Handhabung der Landesgesetze; auch dieses zeugt Uebel,
Denn der Stolz so vieler Gebieter verscheuchet die Freyen.
Diese gesellen sich brüderlich in dem Staat der Republik.
Einige mischen aus dreyen Gestalten die glücklichste Herrschaft.
Doch die Monarchie bleibet die Thätigste jeder Regierung.
Persien hat die wichtige Frage mit Weisheit entschieden,
Und die Meinung Darius besiegte die klugen Gefährten.
Aechte Gesetze müssen dem Volk und dem Lande behagen.
Wie ein Baumeister die Plane nur nach der Lage bezeichnet;
So sey bey neuen Gesetzen die Zone, die Sitte des Volkes,
Und der Charakter der Nation mit Vorsicht geprüfet.
Selbst die Regierungsart soll die Verfassung des Landes bestimmen.
Durch die Mittel, durch die wir entstehn, sind wir auch erhalten!
Ist ein Staat kriegerisch; so verderbt ihn ein ewiger Friede.
Doch den Handelstaat tilget die Flamme verderblicher Kriege.
Kriege heissen gerecht, wenn die Nothwendigkeit streitet.
Liebst du den Frieden; so mußt du dich immer zum Kriege bereiten!
Dieses war der geheiligte Grundsatz der siegenden Römer.
Ist ein mächtiger Staat mit vielen Provinzen verbunden,
König, so zittere nicht vor seiner gewaltigen Grösse,
Er faßt in sich die häufigen Mittel sich groß zu erhalten.
Vielleicht machen kleinere Länder mehr glückliche Bürger,
Denn der Körper der Staaten ist wie der Körper des Menschen;
Jener ist nicht der stärkste zu heissen, der alles verschlinget;
Der lebt mit blühender Kraft, der mäßige Speisen verdauet.
Ein unübersehbares Reich ist schwer zu erhalten.
Suchet die Menschen in nährenden Staaten geschikt zu vertheilen;
Lernet die vollblütigen Adern mit Weisheit zu leeren;
Mit Pflanzstädten muß man bevölkerte Länder entlasten.
Setze dem Wachsthum ein Maaß, damit du dein Erbtheil erhaltest.
Suche Monarch, nur das zu beglücken, was du schon besitzest;
Sey nicht lüstern nach neuer Eroberung; fodre nicht alte
Langvergessene Rechte von deinen friedliebenden Nachbarn.
Dieser Eigennutz reisset Verträge, zerstöret das Wohlseyn;
Mit unersättlicher Habsucht verscheuchst du die Bundesgenossen.
Fliehet ihr Hirten, die Staatenverbesserer, die euch betrügen!
In der Monarchie lassen sich Fehler der Fürsten verbessern.
In der Regierung des Volkes fällt der Staat mit den Gesetzen.
Weh dem unglücklichen Reiche, wo der unbändige Wille
Eines grausamen Despoten die Landesgesetze beweiset!
Gold ist das reineste Blut der Reiche; doch setzt es in Umfluß;
Dadurch blühet der Handel, und glücklich ernährt sich der Bürger.
Weiser Minister, sey wie ein Steuermann immer in Arbeit!
Sieh, wie er spähet, die Winde belauschet, und Stürme voraussieht.
Bald spannt er Segel, bald zieht er sie ein, bald ändert er Flaggen;
So mußt du mit forschendem Blicke die Welt übersehen.
Du must wissen, was war, was ist, was eilet zu kommen.
Der Ostracismus entehret, und stürzet die Demokratien.
Die Republik ist zu langsam zu grossen Geschäften.
Die Regierung der Edlen befürchtet die Grossen und Kleinen;
Eifersüchtig auf ihre Verfassung wird sie oft tyrannisch.
Die Monarchie gleichet der weisen Regierung der Gottheit,
Und die Monarchen sollen dem göttlichen Meister sich nähern.
Suchet, O Fürsten, nicht Schätze wie Midas, begehret vom Himmel
Wie einst Salomon Weisheit, denn Weisheit beglücket die Staaten.
Selig die Länder, die Weise regieren, sie schmücken die Krone!
O wie soll ich genug die Güte den Grossen empfehlen?
Sie ist die Seele der Staatskunst, der Schmuck und die Säule des
Thrones.
Völker vergöttert den gütigen Fürsten, der Stunden beweinet,
Die er nicht mit erquickenden Thaten der Menschheit bezeichnet!
Wie viel dankende Thränen fliessen noch auf die Gebeine
Gütiger Hirten! Sie sind auf der Erde das Ebenbild Gottes,
Und man heißt sie die reizende Wollust des Menschengeschlechtes.
Du bist zwar mächtig Monarch, doch setze der Eigenmacht Schranken;
Schäme dich nicht, dich unter die weisen Gesetze zu schmiegen.
Ehre das Recht der Natur, der Völker, des heiligen Tempels.
Du bist zwar frey von menschlichen Richtern, doch Gott wird dich
richten;
Früh oder spät wird dich die Geissel der Vorsicht bestrafen.
Ihr seyd nicht Herren, O Fürsten, des Lebens, der Güter der Bürger;
Diese Maxime schändet die Throne, brandmarket die Menschheit!
Nur die Verbrecher könnt ihr des Lebens, der Güter berauben.
Ihr sollt wie liebende Väter die zärtlichen Kinder beschützen,
Und mit segnender Lippe den Söhnen die Erbschaft vertheilen.
Geheime Nachrichten.
König Jakob ward vom Schlage gerührt, und starb eh er seinen Sohn
umarmen konnte. Die Königinn bemächtigte sich mit ihren Ministern der
Regierung während der Minderjährigkeit ihres Sohnes, und Alsin, der
diese Zeit zum Nutzen des jungen Prinzen verwenden wollte, führte ihn
auf Reisen. Eduard lernte unter seiner weisen Anführung die Sitten der
Völker, und die Geschichte der Künste und Wissenschaften. Bey seiner
Zurückkunft übernahm er das Staatsruder.
Einige glaubwürdige Zeitgenossen erzählen diese Geschichte mit folgenden
veränderten Umständen. Unter der Herrschaft Jakobs blühten die Länder;
aber so glücklich seine Staaten waren, so unglücklich lebte er in seiner
eignen Familie. Emilie seine Gattin ergab sich gänzlich den
Ausschweifungen der Liebe; unter unzählbaren Buhlern, die heimlich und
öffentlich ihren prächtigen Hofstaat vermehrten, war Feranson der
Glücklichste, und erhielt sich in ihrer Gunst so lange sie herrschte.
Der gütige Jakob war zu liebreich, zu nachsichtig gegen die Fehler
seiner Gattin. Feranson nützte diese natürliche Gutherzigkeit, flößte in
das Herz der Königinn seinen unbeschränkten Ehrgeiz, und entwarf ihr
einen schwarzen Plan, der dem Besten der Könige durch ein schleichendes
Gift die Tage verkürzte. Da er den Erbprinzen aus eben den Absichten
haßte, entfernte ihn die Königinn unter dem Vorwand einer schwächlichen
Gesundheit vom Hofe; oder wie andere Biographen schreiben, Alsin ein
wahrer Patriot, der die Lage der Sachen kannte, und wohl einsah, daß dem
Reichserben das Schiksal des Vaters bedrohte, entwich heimlich mit
diesem kostbaren Pfande. Gewiß ist, daß Eduard erst sechs Jahre nach dem
Tode seines Vaters herrschte. Er fand das Reich in einem betrübten
Zustande. Die Königinn überließ sich ganz der Wollust. Ihr Günstling
sammelte Schätze. Alles haßte und verabscheuete diesen Minister einer
schwelgerischen Fürstinn. Die schlauen Nachbarn bedienten sich dieser
günstigen Gelegenheit, und rissen an sich, was ihnen gefiel. Sie
erkauften den Feranson, der den Krieg aus Zagheit haßte. Er verhandelte
die wichtigsten Würden, gab sie Schmeichlern, Schwelgern, und
wollüstigen Hofschranzen, und genoß in Ruhe die Früchte seiner Laster.
Izt erschien Eduard. Die Rechtschaffenen fielen ihm zu. In wenig Tagen
gewann alles eine andere Gestalt. Der Günstling Feranson entfloh mit
seinen Schätzen zu den Feinden. Die Königinn entfernte sich in eine
Provinz. Eduard bestieg den Thron, und jagte die Schmarutzer vom Hofe.
Jeder Tag seiner Herrschaft ward durch wichtige Zufälle merkwürdig.
Scene bey Hof.
Eduard, Alsin.
Alsin. Mein Eduard, izt bist du König!
Edu. Durch dich! -- Du bist mein Vater, mein Freund, mein Führer. Verlaß
mich nicht, damit ich nicht unter der Last einer Krone zu Boden sinke.
Sag, wie soll ich die Verräther behandeln?
Alsin. Nach deinem Herzen! -- Izt will ich die Früchte meiner Lehren
einärndten. Hör eine Fabel, und dann handle!
Fabel.
Der Donner und der Thau.
Hör mich, so sprach der Donner, edler Thau!
Wenn ich erschalle, bebt der ganze Weltenbau;
Die Erdenkönige betäubt ein banges Zittern;
Ich flösse Schrecken ein den eisernen Gemüthern.
Wenn sich mein Riesenfuß von Pol zu Pole hebt,
Stürzt eine schwarze Wolke nieder;
Der Himmel und die Erde bebt.
Ich lähme den Geschöpfen alle Glieder.
Vor mir erstaunt, was lebt.
Ich bin der Herold aller Götter;
Vor mir erblaßt der kühne Spötter,
Und bricht ein Frevler seinen Schwur;
So stürzt mein Blitz herab, und tödtet den Verräther!
Mir huldigen mit Furcht die Wesen der Natur.
Ich kenne, sprach der Thau, schon deine grossen Thaten.
Du kanst nur immer strafen, dräun,
Und willst allein gefürchtet seyn.
Ich aber bin geehrt in meinen weiten Staaten;
Ich giesse früh und spät den reichen Segen aus.
Die ganze Schöpfung ist mein Tempel und mein Haus.
Mich preisen alle Erdensöhne.
Mir dankt so manche fromme Thräne.
Wie süß ist doch der Lohn, wenn man mit Milde giebt;
Wie sehr bin ich gewünscht, wie sehr bin ich geliebt!
Ich will mit dir nicht Würden tauschen,
Du magst in Wetterwolken rauschen,
Wenn deine Hand die Blitze lenkt.
Ich will den stillen Dank, die Segen froh belauschen,
Die mir mit Lust die Erde schenkt.
Scene. Ein Vorhof im königlichen Pallast.
Ritter Lusian, sein Knecht, hernach die Leibwache und der König.
Lus. Führ meinen Gaul in den nächsten Stall, bewirthe ihn wohl! Ich will
ein wenig spähen, welcher Wind izt bey Hofe weht.
(Der Knecht geht. Lusian sezt sich auf einen Stein bey der Treppe.)
Da will ich erst rasten! ---- Ob mich der junge König noch kennt? Damals
war er auf der Reise, izt auf einem Throne ---- Hahaha! Ich sehe
poßierlich gnug aus! -- Ich bin müde und schläfrig von der Reise ----
(Er gähnt.)
Die Wache. Hier schläft man nicht! -- Fort! -- Der König kömmt! -- Macht
Platz! -- Auf! Fort!
Lus. Ist denn hier kein Gasthof?
(Der König Eduard nähert, und horcht lächelnd.)
Die Wache. Ist der Mann toll? Im Pallast des Königs einen Gasthof suchen
----
Lus. Wer wohnt hier?
Die Wache. Der König!
Lus. Wer hat vor dem König hier gewohnt?
Die Wache. Des Königs Vater!
Lus. Und vor des Königs Vater?
Die Wache. Des Königs Großvater!
Lus. Beym Henker! So ist es ja eine Herberg, wo ein Pilgrim nach dem
andern ausrastet. Mich soll kein Teufel von der Stelle jagen!
Der König. Die Stimme verräth ihn! -- Das ist mein Freund Lusian!
Lus. Und du bist mein König! -- Ich bringe dir aus fremden Landen nichts
mit als ein warmes Herz, das zu deinem Dienste bereit ist.
Der König. Du vergötterst mich, denn der Gottheit schenkt man Herzen.
Aber wie lang hast du mich deiner werthen Gegenwart beraubt!
Lus. Herr, was soll ein biederer Kerl von meiner Gattung unter den
Reifröcken machen? Die seidenen, kriechenden Hofbuben haben mich
verdrängt. Ich spreche, wie du weist, dreist von der Leber weg. Deine
Mutter fand meine Wahrheiten bitter, und legte mir die Wahl vor,
entweder in das Gefängniß, oder auf Reisen zu gehn. Ich wählte freye
Luft, und den Wanderstab, zog von Reich zu Reich, sah Narren in Menge,
und kehre izt mit Ebentheuern verherrlicht zu Dir zurück, weil ich
hörte, daß izt ein Mann herrscht! ---- Es giebt Krieg. Brauchst Du
meinen Degen?
Der König. Deinen Arm, deinen Kopf, und deine Zunge, denn dein Herz habe
ich schon,. Es giebt ein feines Stück Arbeit. Ich muß meine Unterthanen
demüthigen --
Lus. (schüttelt den Kopf) Unterthanen? -- Unterthanen! ---- Demüthigen,
sagst du? -- (Er nimmt Ihn bey der Hand, und führt ihn zu einem
Säulengesimse) Gieb izt wohl Acht! -- Geh leise! -- St! -- St! -- Hier
sitzen über hundert Fliegen! Ich will sie alle erschlagen? -- Ist das
keine Heldenthat?
Der König. Hahaha! Lusian! Ritter Lusian! Hundert Fliegen -- Eine
Heldenthat! -- Das ist eine Narrheit!
Lus. Und du foderst von mir, ich soll deine Unterthanen tödten, die
weniger als Fliegen sind -- Ein König mit furchtbaren Kriegsheeren
umringt! -- Monarch, ich bin kein Wolf, ich bin ein guter Schaafhund! --
Weh dem, der deine Heerde angreift, und wenn es ein Löwe ist, ich will
seinen Rachen zerreissen! -- Aber Lämmer, deine eigenen Lämmer, deine
geduldigen Schaafe ----
Der König. Du bist immer Lusian! ---- Wohlan, ficht wider meine
auswärtigen Feinde! ---- Ich ernenne dich zum Statthalter aller
Provinzen, die ich einst erobere. ----
Lus. Du lächelst? ---- Ich nehme das Geschenk mit Dank an. Wie viele
Könige führen den Titel von Ländern, wovon keine Spanne ihnen gehört!
Komm König, wir haben schöne Aussichten!
Scene bey Hof.
Eduard, Marsis.
Edu. Marsis, du lebtest am Hofe meines Vaters, schildre mir die
wichtigsten Personen deiner Zeit! -- Sprich mit deiner gewöhnlichen
Freymüthigkeit.
Mars. Ich will Eurer Majestät die Charaktere derjenigen entwerfen,
welche die Hauptrolle spielten, denn die Uebrigen waren gleichsam nur
Handlanger und stumme Aufwärter, die sehr wenig auf dem Schauplatz
erschienen, weil stets einer den andern verdrängte.
Charaktere.
König Jakob war in seiner Jugend schön, und liebenswürdig in seinem
Alter. Güte und Leutseligkeit grüßten sich auf seinem Antlitz. Er
verabscheute die Ränke und Arglist, und war freygebig. Die Wahrheit
stand stets auf seiner Lippe. Er liebte sein Volk, das ihn anbetete.
Alle gerechten Fürsten waren seine Freunde und Bundesgenossen. Dies
hielt einige ehrgeizige Nachbarn im Zaum, und er genoß durch seine
Tugend mehr Ruhe, als wenn er immer mit Kriegsheeren gedrohet hätte. In
seinem edlen Charakter bemerkte man keinen Flecken, als etwa eine
übertriebene Freygebigkeit, und Nachsicht gegen fremde Fehler.
Emilie, seine Gattinn war die berühmteste Schönheit ihrer Zeit. So
reizend ihr Körper war, so sehr verunstaltete sie ihre Seele durch
Ausschweifungen, die kein Ziel kannten. Sie verbitterte die sanftesten
Tage des Besten der Könige. Ihre zügellosen Begierden überschritten alle
Schranken. Pracht, Verschwendung, Stolz umschwebten sie. Sie liebte
Wechsel in ihren Lüsten, und ließ sich zu den schwärzesten Handlungen
herab. Unter der unzählbaren Menge ihrer Buhler spielte die erste Rolle
Feranson.
Feranson war der schlaueste Hofmann seiner Zeit. Er schickte sich in
alle Sättel; er spähte alle Launen, und Schwachheiten der Menschen, und
wuste sich darnach zu bilden. Jeder hielt ihn für seines Gleichen.
Laster und Tugenden wurden von ihm meisterhaft geäfft. Er fühlte nie
das, was man Gewissensbisse heißt, und war unempfindlich für den Ruf der
Ehre. Kein Günstling hat so wie er den glücklichen und reifen Zeitpunkt
einer Handlung gekannt. Niemand am Hofe durchdrang wie er mit einem
Blick alle Menschen, indeß er selbst unergründlich war. Er handhabte die
Höflinge nach seinem despotischen Willen wie Maschinen. Seine Günstlinge
waren Verschwender, Schwelger, und Leute, die sich ganz seinem Interesse
aufopferten.
Scene. Ein Speisesaal.
Dornwald, Isidor, Hengist, Nordgau, Edmund, Rasian, und andere
Höflinge, Beliam der Hofnarr.
Hengist. (leise) Brüder, giebt uns heut der König vielleicht das
Henkermahl?
Nordg. Vermuthlich! Ich erwarte meinen feyerlichen Abschied.
Isid. Wir werden die Ehre haben, unsere Würden niederzulegen. Der König
wird ohne Zweifel grosse Wirthschaftsplane entwerfen --
Dornw. O das ist der erste und gewöhnliche Schritt aller
Staaten-Verbesserer, die alten Diener zu verabschieden, und den Hof mit
neuen Kreaturen von ihrer Schöpfung zu bevölkern.
Ras. Ich habe nichts zu verlieren. Ich war kein Freund des Feranson, und
folglich eine Hofnulle ----
Edm. Wir waren immer von den Speichelleckern der Königinn verdrängt.
Heng. Vielleicht gewinnen wir beym Wechsel. Ha, da kommt der Hofnarr!
Beliam. (singt)
Der König spielt Triktrak;
Der Hof ist ein Schnikschnak:
Wir Frösche schreyn Quikquak!
Heysa, meine Herren Kollegen, lasset uns freuen, trinken, und essen auf
Rechnung des neuen Königs! -- Den guten Jakob hat sein Weib und ihr
Liebling gefressen. Wir als treue Vasallen wollen seinen Sohn verzehren.
Eduard ist ein Frischling. Von meinem Hunger schliesse ich, daß er
wenigstens in drey Tagen rein verschlungen ist. Meine Herren, Sie
lächeln? Glauben Sie etwa, daß er uns frißt? -- Warum soll er sich mit
Pickelheringen kasteyen? ---- Du armer Beliam, welches Narrenspital wird
dich in deinen grauen Tagen versorgen? ---- Ihr dauert mich alle; bald
werdet ihr hinter dem Ohre kratzen, und rufen -- Wie meynt ihr wohl?
---- Hört, ich will es euch im Räthsel erzählen. ----
Logogryph.
Mich kennt zwar jedes Kind;
Doch will ich izt die Greisen fragen,
Sie sollen meinen Namen sagen,
Weil sie so weise Männer sind.
Bald werden alle staunend schweigen.
Hört meinen Lebenslauf, der recht nach Wundern riecht!
Mich hat der Sohn, der Vater kennt mich nicht.
Jedoch bin ich der Gottheit eigen.
Der König stümmelt mich; sein Volk bleibt mir getreu.
Ich fliehe Zank und Meuterey.
Ich hasse Weisheit, Laster, Tugend,
Den frohen Witz, die Munterkeit, und Jugend.
Der Sommer ist mein theurer Gast.
Der Winter wird mir eine Last.
Vergebens suchet mich der Held, und der Gelehrte.
Den Künstlern war ich niemals hold.
Ich meide Hauben, Hüte, Bärte.
Von den Metallen schätz' ich Gold.
Man misset mich in allen Elementen.
Mir ekelt vor Verdienst und vor Talenten.
Nie kannt' ich Neid, Verläumdung, Fluch,
Mein Nam' ist freylich schwer zu finden.
Doch wollet ihr das Räthsel leicht ergründen:
So leset euer Namenbuch!
Wisset ihr, was es ist? -- Der kleine Buchstab O! -- Wir werden bald
alle rufen: O! O! O! Der König kömmt!
Scene.
Der König, Lusian, Marsis, Gefolge, Vorige.
(Die Gegenwärtigen stehen in ängstlicher Erwartung. Beliam versteckt
sich komisch hinter ihnen. Alle neigen sich.)
Eduard. Meine Freunde, da führ ich Euch meinen werthen Lusian auf. Ihr
kennet seine Verdienste. Ich liebe Harmonie in meinem Hause. Ihr stehet
betroffen? Was beunruhiget Euch? Ich bin der Sohn eures Königs. Alle
Verdienste, die Ihr bey meinem Vater gesammelt habt, leben heut wieder
auf! ---- Alle Fehler, die etwa nach seinem Tode sich eingeschlichen
haben, werden von diesem Augenblick an vergessen! ---- Erfüllet eure
Pflichten als rechtschaffene Männer, und aus den künftigen Handlungen
will ich jeden von Euch beurtheilen, und belohnen. Mich rufen izt
dringende Geschäfte zu Alsin. Gehet zur Tafel, geniesset in Freude den
Segen des Himmels! ----
(Er grüsst alle, und tritt zum Gemach.)
(Die Höflinge staunen. Beliam schleicht demüthig hervor, und nähert sich
furchtsam dem König.)