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Der Tugendhafte, der vor lauter Tugend
Sich selbst um jede schöne Freude bringt,
Der gute Jüngling, der vor blöder Jugend
Nicht einen Kuss von rotem Mund erringt,
Der Dichterling, der mit geheimem Beben
Von Liebe nur in süssen Versen singt --
Ich hab sie gern dem Spotte preisgegeben,
Fast für verächtlich hielt ich alle drei:
Nun muss ich gleiches an mir selbst erleben!
Ist's Tugend? Blödheit? Fromme Schwärmerei?
Doch wag ich ihr kein einzig Wort zu sagen,
Das ehrlich eingesteht, wie weit es sei.
Ich schleich um sie herum seit manchen Tagen,
Der Katze gleich, die um das Vöglein streicht,
Nach dem sie lang schon frevle Lust getragen --
Und hab in aller Zeit doch nichts erreicht,
Als heisser die Begierde nur entzündet,
Die ohnehin schon Tag und Nacht nicht schweigt.
Und während so, der Tugend noch verbündet,
Ich Sieger blieb, ersehn' ich doch mir immer
Die Stunde nur, die Untergang mir kündet.
Mir ist zumut wie einem müden Schwimmer,
Der selbst nicht fasst, dass er noch nicht ertrank.
Nur eben wieder: in dem weissen Zimmer
An ihrer Seite sass ich stundenlang
Und plauderte von fremden, fernsten Dingen.
Ich fühlte mich im Tiefsten wund und krank,
Und dennoch konnten Scherze mir gelingen,
Als sei ich grad zum Lustigsten bereit --
Und als ich ging, ich schien mich kaum zu zwingen:
Doch Kopf und Herz sind fürchterlich im Streit!
14
Es donnert fern. Den Horizont umziehen
Blauschwarze Wolken; bleiern ruht das Meer,
Darüber flatternd weisse Möven fliehen.
Kein Blatt bewegt sich. Fieberheiss und schwer
Erglüht die Luft, matt wird der Sonne Scheinen,
Und atemlose Stille herrscht umher.
Ich lieg am Seeberg, wo sich Zweige einen
Zu dichtem Zelt, um mich herum ein Wall
Von Kinderspielwerk, Muscheln, Sand und Steinen.
Wie füllte Lachen, froher Stimmchen Schall
Und Glücksgefühl und lärmende Bewegung
Nur eben noch dies sonnbeglückte All!
Doch plötzlich stockt die lebensvolle Regung,
Vom Spielzeug lässt die aufgehobene Hand,
Sie wirft es fort fast ohne Überlegung.
Das Wetter fürchtend, das so jäh erstand
Sucht jedes, wo ein schützend Dach es teilte,
Und Welt und Menschen schweigen wie gebannt.
Die Seele auch, die eben noch verweilte
Auf hundert Dingen, die sie gern umfasst --
Wenn schweren Unheils Bote sie ereilte,
Scheint alles plötzlich ihr wie schwere Last,
Geeignet nur, den Blitzstrahl anzulocken.
Sie wirft es fort -- in tatenloser Rast
Sieht sie das Wetter näher ziehn erschrocken
Und fragt nicht mehr nach Sonne, Mond und Stern.
So seh auch ich es nahn --: die Pulse stocken
Und Kopf und Herz sind still ... Es donnert fern.
15
Sie tippte mit dem Zeigefinger leise
Mir auf die Stirn und sagte: »Wüsst' ich nur,
Was hinter dieser Stirn da alles kreise.«
›Und wenn das kluge Köpfchen es erfuhr ...?‹
»Dann wüsst' ich auch mir leichter klar zu machen,
Ob Sie so -- stark sind wirklich von Natur.«
›Und warum sonst?‹ Sie schwieg und liess mit Lachen
Ihr Sonnenschirmchen Striche ziehn im Sand:
»Je nun -- man sagt nicht eben alle Sachen!«
›Zumal, wenn man mit seiner lieben Hand
Den armen Frager schon von Sinnen brachte
Und ihn so schwach wie jeden andern fand!‹
Sie atmete erregt. Es war, als wachte
In ihrem Innern eine Ahnung auf,
Die sie auf einmal völlig haltlos machte.
Denn wie ich ihren Händen nun den Knauf
Des Sonnenschirms entwand und die befreiten
Langsam zu meinen Lippen zog hinauf,
Da sah sie irren Blicks mich an: Ein Streiten
Von Hass und Liebe war's, Furcht und Verlangen.
Ich aber wartete auf keinen zweiten,
An meinem Herzen hielt ich sie gefangen.
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Am nächsten Tag, ich war schon früh am Strand
Und kam grad heim, um nun zu ihr zu eilen --
Empfing ein Brieflein mich von ihrer Hand.
In raschen, heissen, lieberfüllten Zeilen
Bat sie, ich möchte sie nicht falsch verstehn,
Wenn sie den Tag mit mir nicht wolle teilen.
Doch könne sie mich leider heut nicht sehn,
Vormittag wenigstens: liebt' ich sie noch,
Sollt' ich allein recht weit spazieren gehn.
Wie ungern ich ihr folgte, tat ich's doch
Und ging hinaus. Doch war mir bang zumute
Und mein Gehorsam schien mir schweres Joch.
Auch trug ich's lange nicht. Mit heissem Blute
Stürmt' ich zurück und hielt nicht eher ein,
Als bis mein Fuss auf ihrer Schwelle ruhte.
Im Hause war's ganz stille. Sonnenschein
Fiel durch die Tür, die leise angelehnt;
Es schien dahinter alles leer zu sein.
Doch klopft' ich sacht: ganz leise und gedehnt
Klang's da: herein. Ich öffnete mit Zagen.
Da stand sie selber, die ich heiss ersehnt.
Um sie herum im Zimmer aber lagen
Auf Tisch und Stühlen Kleider, Bücher, Schuhe
Und was sie sonst zusammen noch getragen.
Und mittendrin vor einer Koffertruhe,
Die halbgefüllt von ihrer Arbeit sprach,
Stand sie und sah mich an in starrer Ruhe.
›Was hast du vor? was willst du?‹ also brach
Das Schweigen ich; mein eigner Laut erschien
Mir matt und klanglos vor des Herzens Schlag.
Und sie darauf: »Du siehst -- ich wollte fliehn.«
›Vor wem?‹ »Vor dir -- und mir! Ach wär's gelungen,
Zum Besten wär uns allen es gediehn.«
›Und ohne Wort --!‹ »Ich habe schwer gerungen;
Ich hab gekämpft, wie einer kämpfen kann ...«
›Und jetzt? Und nun?‹ »Nun ward ich doch bezwungen.«
›Du bleibst? gehst nicht?‹ -- Sie aber sah mich an,
Als ob nun nichts ihr mehr zu sagen bliebe:
»Kann ich denn gehn, du böser lieber Mann,