»Du sollst mich hinüberbringen.«
»Dich, Atinas? Du willst nach Antium?«
»So sagt' ich.«
»Aber was willst du dort?«
Tullus stand leise auf und trat zu seinem Vater.
»Ja, was willst du eigentlich in der Stadt?« fragte mit besorgtem
Gesicht jetzt auch Larina. »Du gehst ja niemals hinüber. Es werden zehn
Jahre und länger her sein, daß du zuletzt in Antium gewesen bist. Was
willst du dort?«
»In Antium nichts.«
»Wie?«
»Ich will nach Rom.«
»Nach Rom!«
Alle vier riefen es. Die beiden Alten erschraken; Acca tat einen leisen
Schrei; denn Tullus' schwermütiges Gesicht erhellte sich und er hatte
den Ausruf mit ersticktem Jubel getan.
Atinas runzelte die Stirn.
»Nun ja, ich will nach Rom. Was ist da weiter? Ich muß selbst sehen,
selbst hören — das von den Nazarenern. Es läßt mir keine Ruhe; ich
halte es hier nicht länger aus. Genug, ich gehe morgen fort. Bis zum
Frühling bin ich wieder zurück. Was willst du, Tullus?«
Atinas wußte sehr wohl, was der Jüngling wollte. Bevor dieser indessen
seine Bitte stammeln konnte, vernichtete er ihm jede Hoffnung auf
Erfüllung derselben.
»Du bleibst hier,« gebot Atinas. »Was wolltest du in Rom? Rom ist
nichts für einen Knaben wie du einer bist. Das ist eine Stadt, die den
Menschen vergiftet und verdirbt an Leib und Seele. Still! Bitte mich
nicht! Genug, du bleibst bei Daunus und Larina und — bei Acca.«
Atinas sah sie an. Sie stand da, immer noch zitternd von dem gewaltigen
Schrecken, aber mit einem Antlitz, das von der holdesten Freude
verklärt ward: Tullus würde dableiben, bei ihr! Atinas nickte ihr zu
und lächelte; bei den ewigen Göttern: der finstere Atinas lächelte! Da
erglühte Acca über und über.
Am nächsten Morgen vor Aufgang der Sonne war der Nachen zur Abfahrt
gerüstet. In tiefer Bewegung schloß Atinas seinen Sohn in die Arme, den
Jüngling mit feierlichem Segen unter den Schutz der Ewigen stellend,
denen er vorher zum letztenmal am Altare geopfert hatte. Noch lange
sahen die Zurückbleibenden die hohe Gestalt im Nachen aufrecht stehen
und ihnen zuwinken. Dann tauchte das Fahrzeug in den Glanz des jungen
Tages, in dessen Strahlen es ihren Blicken entschwand.
Tullus war zumute, als könnte keine Woge ihm den Vater zurückbringen.
* * * * *
Von Atinas drang keine Kunde nach dem Eilande. Aber obgleich der
opfernde Priester fehlte, wurde nach gewohnter Weise jeden Morgen und
jeden Abend am Altar den Himmlischen gespendet.
»Euch, ihr ewigen Götter!«
Es war Tullus, der, während Daunus das Opfer darbrachte, diese
feierlichen Worte sprach.
Auf der Insel befand sich eine Bildsäule des Jupiter. Die herrliche
Marmorgestalt, von einem griechischen Künstler gebildet, stand unweit
des Altars, an einem Ort, wo das ganze Jahr über Rosen in solcher
Fülle blühten, daß es aussah, als lägen zwischen den dunklen Zypressen
scharlachrote Teppiche gebreitet und rosige Schleier gehäuft. Die
schönste Ranke, daran vor Blüten keine Blätter zu sehen waren, hatte
sich um den Sockel der Bildsäule geschlungen und höher um den in
unsterblicher Schönheit strahlenden Leib, bis zum Haupt des Donnerers
empor, ihm einen Kranz von Rosen auf die Stirn drückend.
Der heimliche Winkel war von Kinderzeiten an der Lieblingsaufenthalt
des jungen Paares gewesen; zu Füßen des Gottes hatten die beiden ihre
ersten Spiele gespielt und das schöne Marmorbild, das mit göttlichem
Lächeln auf die Kleinen niederblickte, war dabei das dritte im Bunde
gewesen. In späteren Zeiten hatte Tullus manchen halben Tag vor der
Jupiterstatue verträumt, glühende Sehnsucht nach einem zukünftigen
Leben voll großer Taten in der Seele. Jetzt nun, nach der Abreise
des Atinas, brachte er von neuem die Stunden unter dem Bildwerk zu;
während er in den Anblick des hellenischen Gottes versunken war, kam
dem Jüngling die Absicht jener Nazarener, so viel Majestät und Größe
zu leugnen, mehr und mehr als ein Frevel vor, für den alle Qualen
des Todes nicht Strafe genug waren. Pochenden Herzens gedachte er in
solchen Stunden seines herrlichen Vaters, der sich in Rom sicher an
der Verfolgung der Nazarener beteiligte, für die alten, unsterblichen
und ewigen Götter Großes vollbringend. Mit Tränen heißen Schmerzes in
den Augen fühlte er seine Nichtigkeit und daß er hatte zurückbleiben
müssen, anstatt an seines Vaters Seite dessen glorreiche Taten zu
teilen. Als der Jüngling das hehre Bild des höchsten Gottes anschaute,
stieg in seiner Seele eine andere Gestalt auf, die eines Menschen,
dessen gemarterter Leib an einem Kreuze hing: Jesus von Nazareth,
der neue Gott. Ein gekreuzigter Mensch ein Gott — ein Toter ein
Unsterblicher!
Tullus haßte und verabscheute den Leichnam, der ewig sein sollte.
Wieder einmal war Daunus nach Antium hinübergeschifft. Tullus
hatte ihn durchaus begleiten wollen, war aber beinahe mit Gewalt
zurückgehalten worden; denn Daunus hatte dem Atinas gelobt, seinen Sohn
der Küste fernzuhalten. Die Nachrichten, welche er über die Nazarener
zurückbrachte, waren nicht danach angetan, die Gemüter zu beruhigen:
laut und lauter erhoben die Jünger des neuen Gottes ihre Stimmen;
offen schmähten sie die Ewigen als ungöttlich und gar nicht seiend;
triumphierend erlitten sie Verfolgung, Marter und Tod. Ihre Zahl wuchs
und wuchs.
Dann war lange Zeit der Verkehr mit dem Festlande unterbrochen:
Winterstürme umbrausten die Insel. Endlich kam der Frühling: es war,
als ob die Schwingen einer Gottheit im Vorüberrauschen den Felsen im
Meere berührt hätten. Unter den Zypressen erblühte über Nacht ein
Teppich von weißen und gelben Krokus; in den Gebüschen dufteten die
Veilchen; die öden Klippen bedeckten sich mit Anemonen und Tazetten,
und neben den Myrtensträuchern öffneten die Blumen des schönen
Narzissus ihre duftenden Kelche.
In Schwärmen erfüllten Amseln und Nachtigallen den Hain mit Gesang. Es
war ein Getön, als hätten die Zweige Stimmen und Wohllaut empfangen.
Gleich Strahlen durchschossen die Blaudrosseln die sonnigen Lüfte; in
den von Schmetterlingen umschwärmten Blumendickichten schwirrten bunte
Käfer, und in den Zypressen nisteten zahllose Turteltauben.
Halbe Tage lang lag Tullus am Strand, hörte die Wogen rauschen, sah
die Wolken über sich ziehen und starrte in die glanzvolle Meeresweite
hinaus, hinüber zu dem langen, leuchtenden Streifen der lateinischen
Küste. Es war in diesen Tagen, daß der Jüngling sich wie sterbend
fühlte vor Sehnsucht.
Acca saß am mütterlichen Webstuhl, das Schifflein weniger eifrig als
sonst durch die Fäden werfend. Sorgend gedachte sie des dunklen Wesens
ihres lieben Freundes und fühlte sich so kummerbelastet, daß ihr häufig
die Arme wie in tiefer Ermattung am Leibe herabsanken. Die Sonne ging
unter in den purpurnen Fluten, die Glorie des Abendrotes verklärte
den Webstuhl und die junge Gestalt des einsam in Trauer dasitzenden,
reizenden Kindes.
Was war's nur mit ihm?
Er wollte fort!
Und fort mußte er, sonst verkam er. Sie kannte ihn! Lange ertrug er's
nicht mehr, dann ging er fort: in aller Heimlichkeit, ohne ihr Lebewohl
zu sagen. Er folgte seinem Vater; er ging nach Rom, in die ungeheure
Stadt, wo Gefahren ihm drohten, wo niemand bei ihm war, ihn vor dem
Verderben zu schützen.
Denn sie kannte ihn!
Was wollte er in Rom?
Seinem Vater helfen, die Nazarener zu verfolgen. Er haßte sie.
Acca verstand nicht, wie der Mensch hassen konnte.
Leise trat Tullus in die Kammer und sah zu der verklärten, lieben
Gestalt hinüber, lange und unverwandt. Sie schaute auf und ihre Blicke
begegneten sich. Da wußte sie es; sie wußte es gleich.
Er wollte fort, diese Nacht noch — ohne von ihr Abschied zu nehmen.
Sie erhob sich, ging langsam auf ihn zu, stand und sah ihm tief in die
Augen.
»Ich gehe mit dir.«
Tullus erbebte.
»Ich gehe nicht fort.«
»Du willst nach Antium und weiter: bis nach Rom — diese Nacht noch.«
»Acca!«
»Es wird meine Eltern sehr bekümmern, aber ich kann ihnen nicht helfen.«