Da sagte ich's ihr: »Weil ich dich nicht fand.«

»Weil du mich nicht fandest —«

»Weil ich mich nach dir sehnte! Immer, immer!«

»Suchtest du mich denn?«

»Immer, immer!«

»Also wußtest du, daß ich auf der Welt war?«

»Das Weib! ... Ich ahnte es ... Ich ahnte dich!«

»O du —«

Sie wollte lachen. Aber etwas wie Schreck ließ sie verstummen. Ich las

die Ursache in ihren Augen: weil ich ein Kentaure war — ein Tiermensch!

Und ich sagte es ihr ... Sie aber meinte leise, ganz leise: »Der andere

hat mich ja auch geküßt. Freilich der andere war —«

Da sie stockte, so sprach ich für sie. Ich rief, schrie es auf: »Der

andere war jung!«

Nun mußte ich doch meiner ergrauenden Haare gedenken: Sie selbst

erinnerte mich daran. Das hätte mich warnen sollen. Aber — welcher

Liebende ließe sich warnen?

Wer sich warnen läßt, liebt nicht.

Was würde sie antworten? ... Ich wartete darauf. Mein Herz hörte ich in

der Brust klopfen, mein Blut durch die Adern rauschen. Jetzt weiß ich,

was es damals mit mir war: Todesangst wegen der Jugend des anderen.

Denn Jugend ist die triumphierende Siegerin.

Sie sah mich an. Mir war's bei ihrem Blick, als sänke meine soeben erst

empfangene Seele in einen strahlenden Abgrund, darin sie unterging:

so abgrundtief war ihr Auge. Dann antwortete sie: »Deine Melodien und

Lieder sind jung; und frühlingsjung ist deine Seele; und kinderjung

werden deine Lippen sein, wenn ich sie küsse.«

Ich, grauer Tor, stieß hervor: »Wie kannst du mich küssen, da du doch

den jungen Treulosen küßtest; da du ihn doch liebst, um ihn leidest?«

Ihr Blick ward fremd und fern. Sie sprach mir nach: »Da ich ihn doch

liebe, um ihn leide ... Sagte er dir das?«

»Er führte mich zu dir, damit ich deiner liebenden und leidenden Seele

meine traurigen Lieder sänge.«

»Er selber brachte dich her? ... Weshalb sprichst du nur immer von

Lieben und Leiden? Und wer sagt dir, daß ich lieben und leiden kann?«

Ich verstand sie damals nicht, schwieg, schaute sie an; schaute in den

strahlenden Abgrund ihres Auges. Sie fragte: »Kannst du lieben und

leiden?«

»Seit ich dich sah —«

Und sie, beständig mit ihrem abgrundtiefen Blick auf mich gerichtet:

»Du bist anders als alle. Einen solchen wie du bist, küßte ich niemals.

Ich möchte dir die Seele ausküssen. Das möcht' ich! Weil du so ganz

anders bist.«

Da entrang es sich mir wieder wie ein Stöhnen: »Ein Tiermensch bin ich!

Ein lebendiges Stück Unnatur.«

Ernsthaft meinte sie: »Ein Sänger bist du, ein Dichter. Schmähe dich

also nicht selbst ... Jetzt aber komm!«

»Ich soll mit dir gehen?«

»Du sollst mich lieben und sollst um mich leiden. Ich will deine Seele

haben: deine Dichterseele! Ich will deine Seele mit meinem Lächeln

zerstören, mit meinen Küssen morden. Oder fürchtest du dich eines

solchen seligen Todes zu sterben?«

So erfuhr ich, daß es auch für uns ein Sterben gibt. Aber nur dann

auch für uns, wenn wir lieben und leiden: unserer Liebe willen blutige

Qualen erdulden. Wir sterben an unserer Liebe ...

Aus ihrem lächelnden Munde erfuhr ich's; und sie fragte mich, ob ich an

ihr sterben wollte?

Das wollte ich.

12.

Sie schlüpfte von mir fort, schwebte wie ein Silberstreif über die rote

Flur, neigte sich nieder, pflückte von den Anemonen, flocht sie zu

Gewinden, kränzte mir Haupt und Brust. Auch ihren eigenen schneeweiß

schimmernden Leib schmückte sie bacchantisch mit dem Blütenglanz und

streute sich die blutenden Tropfen in ihr strahlendes Haar.

Das Blumenspiel der Reizenden begleitete meine Melodien, die trotz der

zerrissenen Saite plötzlich einen neuen, gar wundersamen Klang hatten:

als wäre auch in meinem Spiel erst die Seele erwacht. Dann streckte

ich mich ihr zu Füßen aus, sie setzte sich auf meinen Rücken, und —

es geschah in diesem Augenblick, daß der kleine Gott mir die Hände

fesselte, die keine Macht wieder lösen kann.

Nun entführte ich meine holde Last an den schönsten und zugleich

einsamsten Ort. Es war dies eine wonnige Flur am Gestade eines

Alpensees. Nur über die blauende Flut konnte man hingelangen. Ringsum

stiegen gewaltige Felsenmauern auf, darüber allein die Wolken und Adler

zogen und schwebten. Die Aue selbst war ein einziges Rosengefilde,

an dessen Ende eine Grotte sich öffnete, wie eine Halle so feierlich

schön. Wände und Decke erglänzten von Kristallen und den Boden umhüllte

smaragdgrünes Moos.

Als ich die Geliebte über den See trug, kamen Schwäne geschwommen und

gaben unserem Brautzuge das Geleit. Nur ihre winzigen weißen Füße

wurden naß. Ich aber beneidete die Wellen, die ihren Fuß küßten, und

mißgönnte ihren Anblick den Schwänen. So schlimm stand es gleich

anfangs um mich ...

Es ward jedoch schlimmer von Tag zu Tag. Wir hausten in der glanzvollen

Grotte und ich wurde nicht nur ihr Liebhaber, sondern ihr Wärter und

Wächter, ihr Knecht, Sklave, Leibeigener.

Mit jeder Stunde wuchs mein Leid. Je qualvoller dieses war, um so

größer ihre Freude daran. Sonst empfand sie nichts — nichts — nichts!

Keine Wonne bei meinen Küssen, keine Seligkeit in meinen Armen. Aber

wenn sie meine Liebespein sah, lachte sie mich an; und wenn mir das

Herz blutete, kränzte sie meine Stirn. Dazu mußte ich die Leier

schlagen und singen zu ihrem Preis.

Mein ganzes Sinnen und Dichten war, sie heiß und heißer zu lieben; ihr

mehr und mehr meine Seele zu eigen zu geben und Lieder zu singen zum

Preise ihrer jungen holdseligen Schönheit.

Eins jedoch vergaß ich nie: daß sie bereits an den Herzen anderer

gelegen hatte. Und noch ein Zweites; daß sie nicht zu lieben und zu

leiden vermochte; also keine Seele besaß.

Keine Seele! Und sie hatte mir doch die meine gegeben ...

Es kam eine Zeit, da merkte ich wohl, wie sie meine Lieder nicht mehr

»jung« fand, nicht mehr in mir den Sänger und Dichter sah, sondern nur

noch den alternden Mann mit dem schmerzlichen Antlitz, den todtraurigen

Augen und den sklavisch gefesselten Händen. Die Zeit kam, wo sie meine

Küsse nicht mehr wollte, wo sie fortstrebte von mir.

Fort von mir wollte sie. — Ich aber wollte sie nicht fortlassen. Wie

hätte ich sie fortlassen können? Sie war zu meinem Atem geworden; und

Atem ist Leben. Ich konnte doch nicht plötzlich aufhören zu atmen, zu

sein.

Da machte sie mein Herzblut strömen — nur um von mir fortzukommen. Ich

ließ es hinströmen in Fluten. Wenn sie nur bei mir blieb.

Was jetzt folgte, war nichts anderes als meines Schicksals letzte

Erfüllung ...

Nach einer mondhellen wütenden Sturmnacht tat ich in der Frühe am

Gestade einen seltsamen Fund.

Es war ein Jüngling, ein Menschen-Jüngling! Zugleich das Schönste, was

ich jemals erblickt hatte: fast schöner als die Geliebte. Jener Holde

dort (der Kentaure deutete auf den ernsthaft zuhörenden Antinous)

gleicht dem schlanken Knaben, der in der wilden Mondnacht über den See

schwamm — ich erfuhr später weshalb — und der nun am Ufer lag ohne

Bewußtsein, ohne Leben.

Ich hob ihn sorgsam auf, trug ihn in die Grotte, bettete ihn auf das

Mooslager. Da sah ihn mein Weib, und da wußte ich's denn.

Ich wußte es sogleich ...

Der Jüngling erwachte zum Leben, lag aber im heftigen Fieber. In seinen

Phantasien sprach er von der schneeigen Frau, die er vom jenseitigen

Ufer aus erblickt hatte, und deretwillen er in der Sturmnacht über den

See geschwommen war. Sie stand dabei, hörte sein Seufzen und Sehnen,

und lachte.

Dann ward er gesund. Ich pflegte ihn; ich liebte ihn. Seine Schönheit

war von schier göttlicher Art. Ich mußte ihn lieben! Und ihn lieben

müssen hätte das junge Weib — wenn es hätte lieben können.

Es wollte ihn jedoch nur küssen ...

Aus abgrundtiefen Augen lachte sie ihn an: anders, ganz anders, als

sie jemals mich angelacht hatte. Sie wand um seine Stirn Kränze, dafür

sie die allerschönsten Blumen suchte. Er half ihr suchen und pflücken.

Dabei küßte sie ihn. Ich sah es nicht; aber ich wußte, daß sie ihn

küßte: anders, ganz anders als mich ...

Wiederum eines schönen Morgens hieß ich beide, sich auf meinen Rücken

setzen. Sie gehorchten stumm. Über denn See trug ich das Liebespaar und

die Schwäne geleiteten uns. Am jenseitigen Gestade stieg ich ans Land.

Sie glitten von meinem Rücken herab in das blumige Gras, faßten sich

bei der Hand, schritten davon: schweigend, ganz schweigend. Mit keinem

Blick schauten die beiden jungen lichten Gestalten zurück nach dem

Einsamen, dem Tiermenschen, dem alten Kentauren mit den gefesselten

Händen und der gemordeten Seele.

Was weiter geschah?

Ich hauste in Öde und Wildnis, rührte meine Leier nie wieder, sang nie

mehr ein Lied.

Auf meiner Leier waren sämtliche Saiten zersprungen, und zersprungen

war etwas in meinem Herzen.

Auch der Dichter, der ich sein sollte, war tot.

Und das war gut so.

Einmal belauschte ich wider Willen das Gespräch zweier alter Dryaden

in den Wipfeln einer grauen Steineiche. Die beiden Frauen erzählten

sich von einem großen Künstler in der Stadt Aphrodisias, der Götter

und Heroen, Faune und Kentauren und sonst alle Fabelwesen zu Erz und

Marmor umschuf. Da wußte ich sogleich, auf welche Weise ich zu einem

leiblichen Tode gelangen konnte: zur Entgeisterung, Erstarrung, zur

Umwandlung in Erz oder Stein.

Wie ich wollte, so ist mir geschehen ...

Das ist meine Geschichte, große Himmlische, du Siegerin über Menschen

und Götter.«

13.

In dem schweren Schweigen des antiken Geisterspuks dieser

Frühlingsnacht erschallte ein weicher Wohllaut. Die Stimme der großen

Göttin war's, welche fragte: »Vermag ich dir einen Wunsch zu erfüllen?«

»Was für einen Wunsch?«

»Zum Leben will ich dich nicht wieder erwecken. Was solltest du, armer

Geselle, wohl noch auf der Welt? Sie kennt keine Götter mehr; also

auch keine Kentauren. Es würde dir daher auf Erden schlecht ergehen.

Die Römer würden dich bei ihren Karnevalsfesten als ›Barbari‹ laufen

lassen; sie würden dich hetzen und höhnen, dich wohl gar wie einen

Büffel vor einen Karren oder Pflug spannen.

Werde daher auch du wieder fühlloser Stein wie wir alle hier, die in

dieser leuchtenden Frühlingsnacht durch die holden Frauen Apolls für

einige Stunden zum Leben erweckt wurden. Uns allen ist besser, ist

tausendmal besser, in der neuen Zeit, die hereinbrach, starre stille

Bildsäulen zu sein.

Aber siehe, Lieber: ich könnte dich von dem bösen kleinen Gott

befreien; denn er trieb es wahrlich arg mit dir. Ich könnte deine Hände

aus ihren Fesseln lösen und den grimmigen Schmerz aus deinem Antlitz

streichen. Wünsche also, mein Freund.«

Des Kentauren Antwort lautete: »Was ich war, will ich in Ewigkeit

bleiben. Da ich von meiner großen Liebe nicht mehr zu spielen und

zu singen vermag, so sollen die Menschen sie an meinen gefesselten

Händen, an meinem gramvollen Angesicht erkennen. Und sie sollen daraus

erkennen, daß auch ein Tiermensch lieben kann — wie sie; also auch

er eine gottgeschaffene Seele besitzt — wie sie. Vielleicht, daß sie

alsdann mich und meinesgleichen weniger verachten.«

Plötzlich rief aus der Versammlung der Olympischen eine strenge

Frauenstimme: »Wie kann ein ernsthafter Mann, wenn er auch nur ein

Kentaure und Halbmensch ist — wie konntest du, o Meisterwerk des

Bildners Papias, eines derartigen Geschöpfes willen in solchen Abgrund

von Schwäche versinken? Pfui, schäme dich, grauer Gesell!«

Mit einem Lächeln, welches das schmerzliche Antlitz wundersam

verjüngte, erwiderte der Geschmähte der hehren Minerva: »Weise Göttin,

weißt du nicht, daß wir nicht den Gegenstand unserer Liebe lieben,

sondern —«

Er blickte sie leuchtenden Auges an, die ihn ungeduldig unterbrach:

»Sondern was? ... Willst du mich etwa belehren?!«

»Ich will dir nur sagen, daß es die göttliche Liebe selbst ist, die wir

in einem unwürdigen Geschöpfe — wie du es nennst — lieben. Ich weiß

nicht, ob du mich verstehst?«

Aber die Göttin der Weisheit verstand ihn nicht. Wie sollte sie auch?

Kaum hatte der Kentaure diese Worte gesprochen, als die Zeit um war.

Der Frühlingstag dämmerte auf. In feierlicher Prozession kehrte die

Welt der Antike zurück in die Säle, verteilte sich auf die Postamente,

wurde wiederum Statue — Stein.

Ein leises, leises Klirren wie ein unirdischer Klagelaut begleitete die

Wandlung ...

Die neun Musen verließen das Standbild ihres Gottes, schritten traurig

hinweg: aus dem Palast des kapitolinischen Museums, den Hügel hinab,

über das zertrümmerte Forum, an den Ruinen des Palatins vorbei und

hinaus in die Campagna, darüber keine Morgenröte Purpurglanz warf.

Denn die himmlischen Frauen hatten ihr Nachtwerk ungetan gelassen, für

welche Versäumnis sie sicher einer strengen Strafe verfielen.

Etwas Erfreuliches begegnete ihnen an diesem grauen Morgen aber doch

noch auf der Via Appia antica in Gestalt eines jungen zärtlichen

Liebespaares, welches die leuchtende Frühlingsnacht im Hain der guten

und getreuen Egeria verbracht hatte. Als die neun Hehren die beiden

Glücklichen gewahrten, sprachen sie untereinander: »~Es gibt doch noch

Götter auf Erden!~«

Und sie kehrten getröstet auf ihren Mons Albanus zurück.

* * * * *

Am Vormittage besuchten die Fremden zu hellen Haufen das Museum des

Kapitols. Sie kamen mit braunen und roten Büchern in den Händen,

schlugen darin wichtig nach, lasen eifrig; und wenn eine Statue mit

einem Stern bezeichnet war, so blieben sie davor stehen und fanden

das besternte Steinbild in allen Sprachen Europas ganz besonders

wundervoll, oder reizend, oder sonst etwas.

Am begierigsten drängten sie in das Kabinett der »Venus vom Kapitol«,

verglichen sie mit anderen Standbildern der großen Göttin der Liebe;

und die meisten fanden die Mediceerin um vieles herrlicher, was jedoch

niemand laut sagte.

Aber auch die beiden Kentauren des Aristias und Papias aus Aphrodisias

in Karien fanden Beachtung. Die Fremden lasen darüber: »Das Motiv

der Gruppe ist die verschiedene Wirkung der sinnlichen Liebe auf das

reifere und das jugendlichere Alter.«

»Ach so! ... Seht! Der Junge hat den Amor abgeworfen: Jugend läßt sich

nicht fangen ... Aber seht das andere mythologische Vieh! Alter schützt

vor Torheit nicht! Selbst nicht solchen Halbmenschen.«

Sie lachten.

Die Toteninsel.

Es war zu Roms goldener Zeit. Die Kaiserstadt am Tiber war in

Flammen aufgegangen und soeben aus der Asche neu entstanden. Was der

menschliche Geist an Herrlichkeit, an Üppigkeit und Vergeudung, an

ungeheuerlichster Verworfenheit und schändlichem Laster hervorbringen

konnte, ward ausgesprochen, wenn man Rom nannte. Mit dem Wahnwitze

Neros war die schreckliche und scheußliche Kaiserkrankheit bereits

typisch geworden: es gab nichts, was in der Welt, die jener Grimasse

eines großen Herrschers untertan war, unmöglich gewesen wäre.

Noch lebten die Götter Griechenlands. In Rom befand sich eine Stadt

von Tempeln, welche ein Volk von göttlichen Bildnissen aus Marmor, aus

Gold und Elfenbein bewohnte. Überall standen die Altäre der Olympier.

Aber bereits schwebte über der Glorie dieser Götterwelt der Schatten

des Kreuzes, unter dessen triumphierendem Zeichen der Glanz der

goldenen Roma erblassen, die Tempel zerbrechen, die Altäre stürzen,

die Götter vergehen sollten; bereits stieg von Golgatha der Dunst

vergossenen göttlichen Blutes auf, den alle Wohlgerüche Arabiens nicht

zu überduften vermochten, und das bacchantische Evoe des Heidentums

durchzitterte der letzte Seufzer des sterbenden Gottessohnes; in der

von Lust und Genuß übersättigten Menschheit erwachte die Sehnsucht

nach einem erlösenden Tode.

Rom war das Meer brausender Lebensfreuden, schäumender Daseinswonnen

und schimmernder Herrlichkeiten, von dem nach allen Himmelsgegenden

Ströme ausgingen, die Welt mit Wogen römischen Glanzes und römischer

Verderbnis überflutend. Einer dieser zahllosen Kanäle, welche römische

Kultur, Sitte und Fäulnis über die Erde verbreiteten, lief durch Latium

dem Meere zu, die ganze Küste von Centumcellae bis zu dem wollüstigen

Bajä mit einem strahlenden Bande von ländlichen Lusthäusern und

Prachtbauten säumend, so daß der Strand weit hinausleuchtete in die

blauenden Fernen des herrlichen, von Göttern und Menschen geliebten,

tyrrhenischen Meeres.

Und die römische Herrlichkeit schimmerte gleich einem Nebelstreif zu

einem winzigen Klippeneilande hinüber, das weltfern in der erhabenen

Einsamkeit der Meeresfluten ruhte.

Die Insel war der Krater eines toten Vulkans, tief lag der mächtige

Berg in die Wellen versenkt. Nach dem Festlande zu hatte die Gewalt des

unterirdischen Elementes die Rundung gesprengt, auseinandergerissen und

teils in die Tiefe des Kraters selbst, teils in den Abgrund der Wellen

geschleudert. Als ein Halbkreis von mächtigen Wänden, an denen kein

Pflänzlein Wurzel zu fassen vermochte, entstieg der braune Lavafels dem

Meere; gleich dem Thron des Neptun erhob sich der geborstene Gipfel

über der leuchtenden Wogendecke. Möven umkreisten die Klippen, der

Seeadler ruhte darauf, die Wellen schlugen beim Sturme schäumend und

donnernd daran; aber keines Menschen Fuß berührte das öde Gestein. In

langer Kette zogen die Jahrhunderte an dem einsamen Felsen vorüber,

langsam eine Wandlung vollziehend.

Der vulkanische Stein verwitterte, und wo der Krater in sich

zusammengestürzt war, deckte eine dünne Erdschicht die Trümmer. Winde

und Vögel trugen geschäftig aus beiden Weltteilen Samen von Bäumen und

Blumen nach dem Eiland hinüber. Im Halbkreis der Felsenmauern blühte

es auf; ein tiefschattiger Hain entstand, ein paradiesisches Gefilde,

die köstlichste Wildnis von Blumen und Blüten, in denen Scharen

buntgefiederter Vögel nisteten, ringsum die Luft mit Gesang erfüllend,

so daß Vogellied das Rauschen der Meeresflut übertönte.

Dann entdeckte der Mensch das glückselige Eiland. Von der Küste her

kamen die Römer, und da die winzige Klippe zu wenig Raum bot, als daß

ein Volk von Lebendigen darauf hätte Fuß fassen können, wurde die

Insel zu einer Wohnstätte der Toten bestimmt. Man sprengte Galerien in

das Gestein, wölbte Grotten und Grabkammern, rodete den Hain aus, die

Platanen und Steineichen, die Palmen und Pinien, und pflanzte den Toten

schwarze Zypressen, in deren Mitte sich leuchtend der Altar erhob,

darauf den Unsterblichen das Opferfeuer angebrannt wurde. Was die

tiefen Schatten der Bäume durchstrahlte, weit bis ins Meer hinaus, das

waren die Rosen, deren Heimat der meerumbrandete Fels zu sein schien:

Rosen umblühten die Stufen des Altares, Rosen umrankten die Stämme der

Zypressen, durchwanden die starren Zweige, kletterten hinauf in die

Wipfel, stürzten sich von droben in schimmerndem Blütenfall zur Erde

nieder.

Und Rosen bedeckten ringsum die braunen Klippen! Gleich einem

strahlenden Vorhang hing es von den jähen Wänden, in deren Tiefen die

Toten ruhten, bis hinab in die Fluten. Die rosigen Blumenwellen trieben

auf den Meereswogen.

Generationen von Menschengeschlechtern schliefen in den engen,

dunklen Kammern vom Leben aus; ein ganzes Volk von Toten bewohnte das

liebliche Eiland, schon war es mit Sarkophagen und modernden Leichnamen

angefüllt, aber das Blühen der Rosen nahm kein Ende. Mancher, der aus

der blauen Flut das schimmernde Eiland auftauchen sah, rief, ernsten

Auges hinüberspähend, mit gedämpfter Stimme aus: »Seht dort — die

Insel der Seligen!«

* * * * *

Die Insel der Seligen, wie das Eiland von den Küstenbewohnern bald

allgemein genannt wurde, war zur neronischen Zeit außer von der

Heerschar seliger Toten nur noch von einem Priester und einem Hüter

der Gräber nebst ihren Familien bewohnt. Der Priester, welcher

dem Dienste der Totenopfer oblag, hieß Atinas und war ein überaus

gottesfürchtiger, in seinem Glauben strenger und eifriger Mann. Sein

Weib führte den göttlichen Namen Trivia. Leider starb die Frau in

jungen Jahren, nachdem sie ihrem Gatten, der sie heiß liebte, einen

Sohn geboren hatte. Die Götter mögen wissen, was aus dem kleinen

Tullus geworden wäre, hätte das Weib des Grabhüters Daunus nicht

mütterlich des Knäbleins sich angenommen. Zur selben Zeit, als Trivia

einem Kinde das Leben gab und daran starb, ward auch die wackere

Larina Mutter eines Mädchens, so daß sie die Quelle ihrer Brust

zwischen dem mutterlosen Knaben und ihrem eigenen Kinde teilen konnte.

Der arme Atinas hüllte sein totes Weib in ein Linnen, opferte für

ihren Schatten den finsteren Gottheiten und half Daunus den Leichnam

in eine Grabkammer tragen. Da fast alle Höhlungen der Felsen ihre

Sarkophage oder Aschenurnen bereits empfangen hatten, mußten die

Männer mit der Gestorbenen bis in das höchste Stockwerk des großen

Totenhauses hinauf, woselbst sich noch einige leere Zellen befanden:

eine mühselige Wanderung beim Scheine der Fackel durch die Nacht des

engen Felsenganges. Als das Grab seine ewige Bewohnerin aufgenommen

hatte, meinte Daunus: »Nun ist unser Tagewerk hier bald getan. Wenn

unsere Kinder groß geworden sind, schiffen wir uns alle ein, fahren

nach Antium hinüber und wandern miteinander nach Rom. Dort soll es uns

gut gehen! Die Toten hier werden wohl von den Wellen bewacht werden und

auf deinem Altare, mein guter Atinas, mögen die Zypressen und Rosen den

Göttern opfern.«

Atinas erwiderte nichts. Er gedachte seiner Toten und daß sein Weib

ihren Knaben nicht sehen sollte, wenn er groß geworden war und mit der

jungen Acca nach Rom zog.

Anderen Tages wurde der Eingang zur Grotte, darin sich nur noch

Platz für einen Gestorbenen befand, vermauert, und Larina flocht aus

Zypressenzweigen und bunten Bändern eine Tänie[A], die Atinas trauernd

über die Grabtür hängte.

[A] Binden, die man den Toten weihte.

Einträchtig lebten die Inselleute weiter. Atinas, dessen von Natur

finsteres Gemüt sich mehr und mehr verdüsterte, wohnte auf der

einen Seite der Insel, wo neben dem eingestürzten Kraterrand der

Fels als mächtige und unzugängliche Wand ins Meer abfiel, seinen

treuen Gefährten in der Einsamkeit gerade gegenüber. Zwischen beiden

Behausungen lag der Zypressenhain mit der Blumenwildnis und dem Altar

in seiner Mitte. Beide Hütten waren ehemalige Grabkammern, in welche

man nach dem Meere zu Fenster eingebrochen hatte. Aber weder bei

Atinas noch bei Daunus war es den Räumen anzumerken, daß sie während

vieler Jahrhunderte von Toten bewohnt gewesen. Die Wände waren mit

hellem Stuck überzogen, darauf heitere Gemälde: Landschaften, Genien

und anmutige Menschengestalten, Bilder des Lebens, der Schönheit und

der Freude erglänzten; ein bunter Fries, an dem Gewinde von Blumen

und Früchten niederhingen, umrandete die mit lichten Stuckaturen

geschmückte Decke. Der Fußboden trug eine schöne Mosaik und wurde an

festlichen Tagen mit wohlriechenden Kräutern bestreut.

Die Geräte beider Wohnungen waren überaus schlicht und ihrer nur sehr

wenige; sie genügten indessen den Bedürfnissen der Bewohner. In der

einen Kammer stand neben dem Ehebette der Webstuhl; in einem andern

Gelasse befand sich der Stein, darauf das Brot gebacken und die Fische

gebraten wurden, befanden sich auch die verschiedenen Amphoren, Gefäße

von nicht allzu mäßigem Umfange, und der Platz, um den Mischkrug zu

bewahren.

In dem kleinen Nachen, für den die sorgende Natur an dem Gestade der

einen Inselseite einen winzigen Hafen geschaffen, trat der biedere

Daunus einmal in jedem Monat die Meerfahrt nach Antium an. In dieser

herrlichen Stadt, in deren Mauern der Kaiser geboren worden, beschaffte

er für sich und seinen priesterlichen Freund alles, dessen das Haus

und der Grabkultus bedurfte: Mehl und Salz, Öl, Wein und Flachs, buntes

Bandwerk, um Tänien zu flechten, und allerlei Spezereien für den

heiligen Opferdienst.

Nach glücklich abgeschlossenem Handel und nachdem er sich beim

Oberpriester des Apollotempels gemeldet, unter welchem hohen Heiligtum

die Gräberinsel stand, schiffte Daunus so eilig wie möglich wieder

zurück. Die reiche, lärmende Hafenstadt mit ihrer Menge von prangenden

Tempeln, Basiliken und Hallen war für sein ehrliches, weltfremdes und

weltscheues Gemüt voller Schrecknisse, Gefahren und Nöte, denen er sich

erst dann glücklich entronnen fühlte, wenn er sich weit entfernt von

dem sirenischen Gestade auf offenem Meere befand. Segelte er seiner

lieben Gräberinsel zu, so war ihm, als ob die Wellen ihn einem seligen

Gestade entgegentrügen, und das Herz bebte ihm bei der Vorstellung,

daß, sobald die Kinder groß geworden, sie ihr friedliches Eiland

verlassen und nach Rom ziehen würden, um sich in dieser ungeheuren

Stadt ihres Lebens zu erfreuen. Der gute Daunus zerbrach sich bereits

jetzt den Kopf, wie sie es dereinst anfangen sollten, in dem Gedränge

der Gassen nicht erstickt und erdrückt zu werden. Wenn schon das kleine

Antium als ein Rom erschien, wie groß mußte dann erst die Stadt des

Kaisers sein!

Die glückliche Rückkehr des Daunus aus der weiten, weiten Welt war auf

der Insel jedesmal ein Ereignis. Der Weitgereiste sollte erzählen.

Larina erkundigte sich eifrigst nach allerlei Frauenangelegenheiten:

ob die vornehmen Antiatinnen sich immer noch das Haar auftürmten, des

Nachts frisches Hühnerfleisch auf die Gesichter legten und Belladonna

in die Augen gössen? Ob die Frau des Cäsars wirklich goldenes Haar

hätte, ein Hemd aus Byssus[B] trüge, wie Spinnweb so fein, und eine

Freigelassene wäre? Ob Daunus einen Gladiator gesehen und ob in

Antium nicht bald wieder ein Fest gefeiert würde, bei dem wilde Tiere

gefangene Übeltäter zerrissen?

[B] Batist.

Der schweigsame Atinas fragte nur nach einem; aber er fragte es

jedesmal: »Sage, o Daunus: werden in Antium die Götter geehrt?«

Dann wurde Daunus redselig: »Das will ich meinen! Welche Tempel, welche

Bildnisse, welche Weihgeschenke! Es ist nicht zu glauben!«

»Und in Rom? Hörtest du in Antium sagen, daß auch in Rom den

Unsterblichen eifrig gedient würde?«

»Je nun, in Rom — freilich auch in Rom, ganz sicher auch in Rom! Es

soll nicht zu glauben sein!«

»Aber der Kaiser?«

»Nun, das ist einer! Der versteht's! Das ist ein anderer als der

Caligula. Und wie er die Götter ehrt! Er soll sogar daran denken,

selber einer zu werden, ein ganz anderer, als der Caligula war: ein

wirklicher Gott. Gar nicht zu glauben ist's!«

Und Atinas seufzte tief auf.

* * * * *

Unter Toten, die in ihrem ewigen Frieden selig waren, und unter

Blumen, welche das ganze Jahr hindurch blühten, wuchs das Kinderpaar

auf; an Lebensfülle, Heiterkeit und Schönheit jungen Göttern gleich.

Die kleine Acca mit ihren zarten Gliedern, dem schlanken Hals mit

blassen Gesichtchen glich einem Marmorbilde der Psyche, das in einem

laurentinischen Heiligtum verehrt wurde. Sie hatte lichtes, welliges

Haar und in ihrem lieblichen Antlitz erstrahlten die Augen in dem

tiefen Blau der von Sonne durchleuchteten Meereswogen. Wenn sie

lächelte, was sie tat, so oft sie ihres Spielgefährten ansichtig ward,

erschien sie so reizend, daß selbst Atinas glaubte, es könnte auf der

Welt nichts Holdseligeres geben. Ihre Stimme war voll Wohllauts, und

sie hatte eine eigentümlich anmutige Art zu gehen und sich zu bewegen.

Im Spiel mit dem Knaben huschte und schlüpfte sie wie eine Eidechse

durch die Büsche; dann hörte man durch die Zweige ihr Lachen, lieblich

wie Sirenengesang.

Sie war heiteren Gemütes, von einem stillen Frohsinn, gleichmäßig

sonnig, einem schönen Frühlingsmorgen ähnlich. Wenn sie in die Kammer

ihrer Eltern oder in die Wohnung des Atinas trat, schien der trübste

Tag plötzlich weniger trübe; ein sonniger noch strahlender zu werden.

Frühzeitig lernte sie ihrer Mutter Larina beim Flechten der Tänien

behilflich zu sein, welche das Weib des Grabhüters an bestimmten

Tagen vor den Grabkammern aufzuhängen hatte; sie goß für Vater Atinas

den Wein in die Opferschale, häufte die Spezereien auf dem Altar,

den sie jeden Tag mit frischen Blüten kränzte, und schaffte bereits

als halbwüchsiges Mädchen eifrig mit der Spindel und am Webstuhl. Da

nun seit dem Tode der armen Trivia in des Atinas Kammer der Webstuhl

verlassen stand, so war nichts natürlicher, als daß der leere Platz

von Acca eingenommen wurde, welche auch sonst im Hause des Priesters

geschäftig als kleine Domina waltete.

Auch der junge Tullus war von besonderer Art, ein prächtiger Bursche,

um dessen braunes Antlitz düstere Locken sich ringelten, mit

schwarzen, blitzenden Augen, die bald in überquellender Lebenslust

und Jugendfreude aufleuchteten, bald voll unsäglicher Schwermut still

vor sich hinblickten. In solchen Stunden schien des Knaben Seele eine

Flamme zu sein und er sich bei diesem innern Feuer zu verzehren.

Schneller als Tullus selbst empfand Acca die Wandlung, die so häufig

mit ihrem Freunde vorging. War sie bei ihm, so wich sie nicht von

seiner Seite. Nie war ihr Lächeln so lieblich, ihr Antlitz so sonnig,

ihre Stimme so voll süßen Wohlklangs, als wenn Tullus' Geist von der

dunkeln Wolke beschattet ward, von der auch das Mädchen nicht wußte,

woher sie kam und was sie barg. Sie steckte voller unschuldiger

Liste und Künste, denen nicht zu widerstehen war. Tausend Einfälle

flogen ihr zu; immerfort neue, mit denen sie den Freund fortzulocken

wußte; allerlei anmutige Possen kamen ihr in den Sinn. Sie summte

schelmische Lieder, die niemand sie gelehrt, erzählte wunderschöne

Geschichten, die sie von niemand gehört hatte. Aus der engen Kammer

trieb sie den schwermütigen Gespielen hinaus in den von Sonnenglanz

durchfluteten Tag. Sie selbst versteckte sich im Hain; Tullus mußte

sie suchen, und fand er sie endlich, so warf sie ihm eine Fülle von

Rosen ins Gesicht. Dann riß auch Tullus Blüten ab; es entbrannte

zwischen beiden der Kampf, bei dem der Jüngling Heldentaten beging und

seine reizende Feindin glorreich besiegte. Oder sie lockte die Vögel,

die Nachtigallen, die Amseln und die Tauben, welche Acca als Herrin

und Königin des Eilandes kannten und ihr untertan waren. Die kleine

Zauberin stand auf den Stufen des Altars und von allen Seiten kam das

Gevögel herangeflattert. Zwitschernd und gurrend schwirrte es aus den

Blumendickichten und den Wipfeln der Zypressen nieder; von den Felsen

herab kamen sie geflogen, ein schimmerndes Gewölk, das sich, Accas

Haupt umrauschend, zu ihren Füßen niedersenkte. Auf Schultern und Armen

saß das kecke Vogelvolk, die Brosamen von den geöffneten, rosigen

Lippen naschend. Dann wurde Tullus eifersüchtig, dann lachte Acca.

Zuweilen zog das Mädchen den Träumer mit sich fort, tief in das

Innere des Totenberges hinein. Die düsteren Gänge entlang, die engen

Felsenstiegen empor, die sie kannten wie die Gänge und Wege draußen im

Hain; an allen den Gräbern und Grüften vorüber, klommen sie hoch und

höher, bis sie wieder hinaus an den Tag und auf den Gipfel gelangten.

Auf seinem schmalen Rand dahinschreitend, schienen sie zwischen Himmel

und Erde zu schweben. Zu ihren Füßen ruhte das herrliche Meer, so weit

sie blickten in dunklem Purpur erstrahlend, oder in hellem Silberglanz

aufleuchtend, unübersehbar, unendlich, aus seinem heiligen Schoß die

schöne Erde zur Sonne emporsendend und in seinen Abgrund den Himmel

hinabziehend mit aller seiner Wolkenpracht. Dann stand Acca auf der

Klippe; ihr weißes Kleid wehte um ihre winzigen nackten Füße, es wehte

um Stirn und Wangen ihr glänzendes Haar. Sie hob die Arme. Es war,

als ob ihren Schultern Flügel entwachsen müßten und die kleine lichte

Gestalt sich aufschwingen würde in den Himmel hinein. Waren die beiden

in die blühende Tiefe zurückgekehrt, so war Tullus' Blick wieder

beruhigt, dann wand ihm die Freundin zum Lohn für seine heitere Miene

von ihren schönsten Blumen einen Kranz. Diesen setzte sie ihm auf, und

wenn er sie zum Dank küssen wollte, entwand sie sich ihm; er mußte

sie jagen und fangen und halten. Dann tönten die Stimmen der beiden

Unschuldigen und Reinen fröhlich durch die wonnige Wildnis, mit den

Vogelstimmen und dem Rauschen der Wogen sich mischend.

Aber nicht immer gelang der jungen Sirene ihre Bestrickung; zuweilen

enteilte Tullus, wohin sie ihm nicht zu folgen vermochte. Er sprang in

den Nachen und trieb mit raschen Schlägen vom Lande ab; taub für die

süße, flehende Stimme, die vom Ufer her zu ihm drang, blind für die

kleine, einsame Gestalt, für die ihm zuwinkende Hand, ihren bittend

erhobenen Arm. Oft geschah es dann, daß Tullus im Nachen sich hinwarf

und, vollständig unbekümmert um Wind und Wellen, dalag, zum Himmel

aufblickend, der wie ein zweiter strahlender Ozean über ihm flutete;

die junge Seele krank vor Sehnsucht nach einem unbekannten, aber

göttlichen Glück, träumte der Knabe.

Einmal war es ihm, als sähe er den Himmel offen. Alles war Glanz und

Glorie. Zwei leuchtende Gestalten schwebten empor: Acca und er! Es

waren aber nur zwei zarte Wölkchen, die dem Abendrot zuwallten. Da sie

in das goldene Licht eintauchten, lösten sie sich auf und zerannen.

* * * * *

Weil auf der Toteninsel beinahe alle Grabstätten gefüllt waren, kam

von der Küste selten noch jemand herübergeschifft. Nur bisweilen

erschien im Morgengrauen dieser und jener Trauernde, um an irgendeinem

Gedächtnistage seinen Verstorbenen eine Tänie zu bringen und nach

kurzem Aufenthalt wieder zu scheiden. Niemals kam jemand von den

Ponza-Inseln herüber, deren Bewohner die nächsten Nachbarn der Leute

auf dem Gräbereiland waren; denn dort lebten Verbannte, Feinde und

Widersacher des Kaisers, welche der Herr der Welt nicht hatte töten

lassen wollen und daher auf diese öden Klippen sandte, wo ihr Leben ein

langsames Sterben war. So kam es, daß von der Sturmflut der Ereignisse

und Dinge selten der Schall einer verrauschenden Woge zu den fünf

Einsamen drang; aber es befand sich unter ihnen keiner, der sich nach

den brausenden Tönen des Lebens gesehnt hätte; jeder Laut, der nicht

von dem altgewohnten Liede der Wellen und Winde herrührte, gellte als

Mißklang in diese von den Vogelstimmen und dem Lachen Accas durchtönte

reine und schöne Welt.

Friedlich spannen sich die Tage ab. Mutter Larina und Acca walteten

sorgsam in den beiden Häusern; der fromme Atinas diente mit aller

Strenge den Göttern, von Jahr zu Jahr mehr in seinem Gemüt verdüstert,

während der derbere und gutmütigere Daunus für Herd und Tisch

bedacht war, wobei ihm Tullus zur Hand gehen mußte: er tat es nicht

allzufreudig.

Manchen Tag befanden sich die beiden schon beim Morgengrauen auf

dem Meere; aber anstatt dem Daunus zu helfen, das schwere Netz zu

werfen, hockte Tullus im Nachen und schaute der Sonne zu, wie der

große, goldige Flammenball aus dem Pupurgewölk langsam und feierlich

aufschwebte und die ersten Strahlen sich über die dunklen Wellen

ergossen. Dann murrte der wackere Daunus; »Aus dir wird dein Lebtage

nichts. Wozu du wohl auf der Welt bist?«

Das hätte Tullus selber gern gewußt; da er es aber nicht wußte,

überließ er diese Sorge den Göttern.

Eine noch unliebsamere Beschäftigung war dem Jüngling, zu den Zeiten,

wo der Thunfisch die Küsten entlang strich, mit Daunus des Nachts auf

den Fischfang auszuziehen. Alsdann flammte am Bug des Schiffes die

Harzfackel; Daunus lehnte mit dem spitzen Dreizack über den Rand und

traf mit sicherem Stoß den Thun in den fleischigen Rücken, worauf es

zwischen dem Fischer und dem mächtigen verwundeten Tier häufig zu

einem Kampf kam, bei welchem in dem schwankenden Kahn auch der Mensch

seines Lebens sich wehren mußte. Bessere Zeit war im Frühling, wenn

der Jüngling mit dem Alten die Klippen erstieg, um den von Afrika

wiederkehrenden Wachteln Netze zu stellen. Von dem weiten Flug übers

Meer zu Tode ermattet, ließen sich die heimkehrenden Vögel in Scharen

auf den Felsen nieder: eine leicht erjagte Beute, welche Larinas

Vorratskammer füllte.

War des Tages Arbeit vorüber, so fand man sich beim Altar zusammen.

An schönen Abenden, deren es auf diesem seligen Eilande gar viele

gab, ruhte man nach vollbrachtem Opfer am Ufer, angesichts der lang

sich hinziehenden lateinischen Küste. Dann erzählte Atinas von dem

göttlichen Helden Odysseus. Dort, wo jener Felsenthron dem Meere

entstieg, waren die Gärten der argen und holdseligen Zauberin Kirke!

Und Atinas berichtete von dem unsterblichen Äneas: An jenem Gestade,

der Insel gerade gegenüber, war der Held mit den Seinen nach langer

Irrfahrt gelandet; damals war die Gegend dort drüben dunkle Waldung

und schauervolle Wildnis, grenzenlose Steppe und Sumpf. Nach Antium

zu erhob sich unweit des Meeres die Stadt des schönen Rutulerfürsten

Turnus; und mächtig ragten, von hochstämmigem Lorbeer beschattet, die

Mauern der Stadt des greisen Königs Latinus, der den stammverwandten,

griechischen Fremdling gastlich empfing, diesem die Tochter, die

liebliche Lavinia, zur Ehe gelobend. Heiß entbrannte zwischen Rutulern

und Latinern der Kampf, dem von des Albanus Höhen die zornige Juno

zuschaute: dort ragte der Gipfel des heiligen Berges! — In jenen

Wäldern starb das herrliche Jünglingspaar Nisus und Euryolus den

Heldentod, sank der wonnige Pallas, auf Todeswunden blutend, auf die

Blumen der Flur, beweint von Göttern und Menschen.

Starren Auges schaute Tullus hinüber, wo so hehre Dinge geschehen

waren. Ein Nebelstreif, versilbert vom Mondesglanz, säumte das Land.

Aus dem Haupt des Albanus, der des Landes höchstes Heiligtum trug,

stieg das sanft glühende Himmelslicht empor; eine breite Strahlenbrücke

führte von der Insel zur Küste hinüber; hätte Tullus sie beschreiten

können!

Leise erhob er sich und schlich davon in die Finsternisse des heiligen

Haines. Hier, auf den Stufen des Altars, darauf das Opferfeuer

verglühte, warf er sich nieder, seufzte, schluchzte, weinte. Schön war

das Leben, denn Acca atmete es! Aber noch schöner mußte es sein, das

Leben dahingeben zu können, zu sterben — ganz gleich, um was; starb

man nur den Tod eines Helden. Acca kam dem Freunde nachgeschlichen. Sie

kauerte neben ihm nieder, raunte ihm zu, tröstete ihn. Aber selbst Acca

vermochte nicht ihn zu trösten. So geschah es manche Nacht.

Daunus befand sich auf einer seiner gewöhnlichen Fahrten nach Antium,

mußte indessen jede Stunde zurückkehren. Es war Abend geworden,

das Meer bewegt, der Himmel bewölkt; aber der Wind erwies sich dem

Heimkehrenden günstig, so daß die Seinen um den einsamen Schiffer nicht

zu sorgen brauchten. Da der Herbstabend kühl war, hatten sie sich in

der Kammer des Atinas versammelt. Die dreiarmige Lampe brannte; auf

dem Herde knisterte das Feuer; vor dem Fenster hing der bunte Teppich

herab. Man hörte das Rauschen des Windes in den Zypressen und das Meer

an den Felsen rollen.

Atinas erzählte von den Göttern, in deren urewiges Sein und Wesen sich

der Priester mit immer größerer Inbrunst versenkte, eifrig bestrebt,

in seinem Sohn dem Unsterblichen einen wahrhaft frommen Diener zu

erziehen. Und das schien dem Vater zu gelingen; denn so wenig der junge

Tullus von der Welt und dem Leben kannte, so gut Bescheid wußte er mit

den Himmlischen, die er liebte, ehrte und fürchtete und die ihm überaus

hehr und herrlich zu sein schienen.

Dann vernahmen sie den lauten Ruf des heimgekehrten Daunus. Larina und

Tullus standen auf und gingen hinaus; der Nachen mußte ans Land gezogen

und die Ladung in den Kammern geborgen werden. Das war bald geschehen.

Nach einer Stunde saßen alle beim Herdfeuer; Daunus labte sich am Wein

und sprach kräftig den warmen Ölkuchen und den gebratenen Fischen zu,

die seine Hausfrau ihm bereitet hatte. Gegen alle Gewohnheit war der

Gute, der sich sonst seiner Rettung aus den Gefahren der Welt und der

Bergung im sicheren Hafen mit lautem Behagen erfreute, diesmal seltsam

verdüstert und in sich gekehrt.

Man bestürmte ihn mit Fragen: Wie war es in Antium gewesen? Was hatte

er vom Kaiser gehört? Welche Neuigkeiten über den Brand von Rom, der

immer noch in den Gemütern lebte? Hatte es sich bestätigt, daß der

Kaiser, purpurgekleidet, lorbeergekrönt, in einem von zwölf weißen

Rossen gezogenen, goldenen Wagen nach seiner Vaterstadt gekommen war,

um im Theater vor dem Volk der Antiaten zu singen und sich am nächsten

Tag auf dem Forum als höchsten Gott ausrufen und anbeten zu lassen?

Nun ja, bestätigt hatte sich die Kunde. Atinas fuhr wild in die Höhe;

aber Daunus blieb wortkarg. Endlich schmeichelte es Acca aus ihrem

Vater heraus.

»Was soll mir geschehen sein? Geärgert habe ich mich! Denkt euch:

da gibt es jetzt Menschen, die behaupten, unsere Götter wären nicht

Götter. Solche Bestien! Sie verkünden einen andern Gott, den sie Jesus

nennen und der aus der asiatischen Stadt Nazareth ist. Kann man sich

solches vorstellen? Diesen Jesus von Nazareth haben die Juden, als

Tiberius Kaiser war, unter dem Statthalter Pilatus in unserer Provinz

Judäa gekreuzigt. Der soll nun ein Gott sein.«

Atinas war aufgesprungen. Mit heiserer Stimme stieß er hervor: »Wie

sagtest du, Daunus? Unsere Götter wären nicht Götter? Es gibt Leute,

die solches auf der Straße ausrufen und die von dem Grimm der Götter

nicht zermalmt werden? Sie leugnen Jupiter und predigen von einem Gott

Jesus, der unter Kaiser Tiberius gekreuzigt ward? Ei, Daunus, ein Toter

soll ein Gott sein und unsere Unsterblichen sollen niemals gelebt

haben? Mein wackerer Daunus, welcher laurentinische Äsop hat dir in

Antium Fabeln erzählt?«

Auch Larina schüttelte den Kopf über ihren Hausherrn, der solche

Geschichten mitbrachte. Die Götter wären nicht Götter! Hatte man jemals

so etwas gehört? Besorgt beobachtete die verständige Frau den Gatten,

ob nicht etwa der Trank des Bacchus aus ihm rede. Doch schien jener

gütige Himmlische dem wackern Mann gänzlich fern geblieben zu sein.

Mit stummen Schrecken blickten Acca und Tullus einander an; es sollte

keine Götter geben! Der Jüngling war erblaßt; er mußte an den neuen

Gott denken, der wie ein Mensch gestorben war. Die Götter Roms starben

nicht!

Nun erzählte Daunus. Und wenn er nichts mehr wußte, wiederholte er das

Gesagte. Atemlos lauschten sie auf seine verworrenen Reden, Atinas mit

einem Ausdruck in seinem mächtigen Antlitz, daß sein Sohn voller Scheu

zu ihm hinübersah. Daunus berichtete, wie die Nazarener — so nannten

sie sich nach ihrem Herrn — den neuen Gott begeistert verkündeten,

wie sie die alten Götter lästerten, wie sie von den ergrimmten Römern

sich töten ließen, wie sie sterbend voller Glückseligkeit waren; denn

ihr Tod vereinigte sie mit ihrem gestorbenen Unsterblichen. Mit eigenen

Augen hatte Daunus in Antium solche Nazarener erblickt. Sie sahen ganz

aus wie andere Menschen, kleideten sich auch so, aber sie hielten sich

still und grüßten einander mit einem besonderen, feierlichen Gruße.

Daunus schloß seine Rede: »Und das ärgste ist, daß dieser Gott Jesus

eines Zimmermanns Sohn gewesen sein soll. Wäre er noch Kaiser gewesen!«

Aber da stieß Atinas, der in düsterem Schweigen und halber

Entgeisterung dagesessen hatte, einen Seufzer aus, so laut und

schmerzlich, daß es wie ein Stöhnen klang. Und der Priester

gedachte des Kaisers, der, nachdem er öffentlich vor allem Volk

als Schauspieler, Sänger und Rosselenker aufgetreten war, sich als

höchste Gottheit hatte ausrufen lassen. Und auch das hatten die Götter

geduldet! Dies bedenkend, schämte sich Atinas über die Schmach, welche

die Unsterblichen sich selber zugefügt.

Bis spät in die Nacht hinein blieben die Freunde beisammen. Der Wind

legte sich, die Wolken verzogen sich; der Insel gegenüber stand am

Himmel ein kleiner leuchtender Streifen: der junge Mond. Es war, als

wäre das Firmament aufgeritzt und Glanz quelle hervor.

Atinas erhob sich und sprach feierlich: »Laßt uns den Göttern ein Opfer

bringen.«

Er verließ die Kammer. Acca füllte die Opferschale. Tullus holte die

Spezereien und alle begaben sich zum Altar. Als die Flammen stiegen,

hob Atinas die Schale: »Euch, die ihr ewig seid!«

Und er sprengte den heiligen Wein.

* * * * *

Trübe Tage folgten jener Nacht. Das Gemüt des Atinas blieb verdüstert

und es stürmte in der Seele des sonst festen und sicheren Mannes. Er

trug sich mit schweren Gedanken, verbrachte die Tage in der Tiefe des

Haines, sogar den geliebten Sohn meidend, dessen Geist er nach seinem

Geist gebildet und mit dessen Leben sich dereinst das seines Vaters

erfüllen sollte. So oft er jetzt seines priesterlichen Amtes waltete,

spendete er das Opfer den »ewigen« Göttern, jenen Herrlichen und

Hehren, die da waren, die da sind, die da sein werden.

Wochen verstrichen. Der Herbst brachte die Regenzeit. Unaufhörlich

strömte es hernieder; dichte, graue Wolkenschleier umhüllten das

Eiland, weder Sonne noch Mond waren zu erblicken; die ganze Welt schien

in Dunst und Geriesel sich auflösen zu wollen.

In den Zypressen stöhnte der Wind; er beugte die Wipfel, brach die

Blütenzweige der Büsche und trieb Schwärme bunter Blätter in die Luft.

Die aufgewühlten Wogen peitschten die Klippen, der Fels erbebte vom

Anprall der wilden Flut; die Brandung stritt mit dem Sturm, wessen

Stimme am grimmigsten zu tosen vermöchte.

Auf den Seelen der Inselbewohner lastete der graue Himmel, als wäre er

der Deckel eines Sarges, der über ihnen, den Lebendigen und Atmenden,

geschlossen würde. Tullus schlich blaß und stumm umher, als wandle

er im Schlafe, aus dem selbst Accas Zauberstimme ihn nicht zu wecken

vermochte. Zuweilen konnte man ihn starr vor sich hinschauen sehen und

dabei die Worte murmeln hören: »Euch, ihr ewigen Götter!«

Eines Abends trat Atinas in die Kammer der Freunde. Indem er es

vermied, seinen Sohn, der sich gerade bei Daunus befand, anzusehen,

sprach der Priester mit rauher Stimme zu dem Gefährten: »Morgen gibt

es einen freundlichen Tag. Der Regen hat aufgehört und der Wind ist

umgeschlagen; das Meer beruhigt sich über Nacht. Getrautest du dir

wohl, morgen nach Antium hinüber zu schiffen?«

»Wir haben noch Mehl genug; Wein und Öl reichen auch wohl für eine

Woche.«

»Es ist diesmal nicht, um Mehl und Wein zu holen, daß du nach Antium

sollst.«

Kentaurenliebe. Die Toteninsel · 第 8 / 21 题