Meine Sehnsucht nach Leben, nach Liebe.«

10.

Nach diesen Worten schwieg der Liebende. Und schweigend verharrten

alle, die ihm zuhörten. Alle empfunden, daß dieser Mann mit dem

Heroenantlitz, der sich derartig sklavisch dem Gott unterwarf, und

Hände sowohl wie Seele in Fesseln schlagen ließ — daß es bei ihm

etwas anderes war als verächtliche Schwäche. Die Kraft zu lieben, und

um seiner Liebe willen zu leiden war's! Es war der Mut, eine große

Leidenschaft auf sich zu nehmen gleich einem Kreuz. Still und milde

schaute die Göttin auf den Mann, der sonder Scheu und Scham bekannte,

mit gebrochenem Stolz, zermarterten Herzens ihr zu Füßen zu liegen.

Der Tiermensch mit der durch seine leidensvolle Liebe göttlich

gesprochenen Seele sprach weiter in dem schweren Schweigen rings um

ihn: »Dieser glückliche Leichtfertige führte mich zu einer kleinen

Waldwiese, die voll roter Anemonen stand, so daß sie mit lichtem Purpur

bedeckt schien. Mitten in der glühenden Blütenflut ruhte das erste

Weib, das ich sah. Sie war von feiner Gestalt und von solcher Anmut

der Bildung, wie ich die Frau bei meinen Weisen und Gesängen im Geiste

schuf, wenn meine Sehnsucht in mir nach Lieben und Leben schrie.«

Vollkommen hüllenlos sah ich das erste Weib, das ich für eine Göttin

hielt: für dich selbst, Tochter des Zeus ...

Wir waren am Waldessaum stehen geblieben, und hier dieser rannte mir

zu: »Sie ist eingeschlafen. Ihr Schmerz wiegte sie in Schlaf. Möchte

sie im Traume den Treulosen vergessen! Du aber wecke das Kind mit

deinen süßesten Melodien, singe der Reizenden deine zartesten Lieder:

deine Melodien und Lieder werden sich in ihr trauriges Seelchen

schleichen. In den Gesängen wird sie den Sänger lieben; und über deinen

jungen Liedern deine alternden Jahre vergessen. Im übrigen nimm dich in

acht. Denn auch dieses Nymphchen ist ein Hexlein. Diesen Rat lass' ich

dir als Warnung zurück; und — Aphrodite sei mit dir!«

Wie im Traum vernahm ich des Gesellen raunende Rede; und wie das Bild

eines Traums sah ich dicht vor mir auf dem blutroten Teppich der

Frühlingsflur das leuchtende Frauenwesen. Nicht mit meinen Augen sah

ich's; sondern mit meiner Seele, die ein gütiger Gott — oder war es

ein furchtbarer, erbarmungsloser? — auch uns Tiermenschen gab. Das

empfand ich plötzlich in diesem einen Augenblick.

Als ich noch stand und versuchte, das große Wunder zu fassen, das sich

mit mir begab, verschwand der Versucher von meiner Seite. Aus den

Dickichten hörte ich sein lustiges Lachen als letzten höhnenden Gruß.

Nun bewachte ich den Schlummer der weißen, wundersamen Gestalt. Die

Ruhende seufzte im Schlaf. Da ergriff mich ein unsägliches Mitleid, ein

mir bis dahin völlig unbekanntes Gefühl, wie ich mir denn auch erst

jetzt meines qualvollen Sehnens bewußt ward und dieses Sehnens Grund.

Dort lag er vor meinen Augen schlank und licht im Anemonengefilde ...

Ich begann leise zu spielen, leise zu singen: von meiner verzehrenden

Sehnsucht! Daß ich soeben erst meine Seele empfangen und angegraute

Locken hatte bekommen müssen, bevor ich erfahren, was Leben und Liebe

sei. Aber zugleich gedachte ich gar nicht meines Alters. Und ich

gedachte nicht meiner Einsamkeit. Auch nicht meines Stolzes. Das war

mein Schicksal.

Meine zarte Weise weckte sie. Sie schlug die Augen auf: große azurblaue

Augen, die in dem weißen Gesichtchen unter der goldigen Haarflut fast

schwarz strahlten. Still schaute sie auf mich, gar nicht erschrocken,

kaum erstaunt. Sie blieb ruhig liegen, schien sich in dem weichen

Blütenbett so recht wohlig zu fühlen, und behaglich auf Spiel und

Gesang zu lauschen. Da spielte und sang ich denn, als sollte ich meine

soeben erst empfangene — soeben erst empfundene Seele hingeben.

Endlich erhob sie sich ... Es war, als erblühte aus dem roten Grunde

eine binsenschlanke, wundersame, blasse Blume. Als ich sie in ihrer

ganzen hüllenlosen Frauenherrlichkeit vor mir sah, riß auf meiner Leier

eine Saite.

11.

Sie tat durchaus nicht fremd und scheu, schien nicht im mindesten

traurig und des Trostes bedürftig zu sein. Ja, sie lachte mich an,

daß ich zwischen ihren roten Lippen die Zähne schimmern sah, weiß wie

Winterschnee auf den Felsengipfeln.

Ich stand mit zerrissenem Saitenspiel verstummt und bebend, von

heißen Schauern geschüttelt. Da trat sie auf mich zu, sagte mit einem

Stimmchen wie Vogelgezwitscher im knospenden Lenz: »Du also bist der

Spieler und Sänger? Du!«

Kentaurenliebe. Die Toteninsel · 第 6 / 21 题