Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Kentaurenliebe.
Der antike Spuk einer römischen Frühlingsnacht.
1.
Ein später Karneval war's dieses Jahr. Die Römer konnten den Anfang der
großen Narretei kaum erwarten; feierten sie doch, uraltem Brauch gemäß,
nur die letzten zehn Tage der tollen Zeit. Zwar war der Mensch zu allen
Zeiten des Jahres närrisch. Und närrisch war das Leben, also närrisch
die Welt, die für lächelnde Optimisten der Welten beste bedeutet. Sie
sei es! Eine närrische Welt bleibt sie trotzdem.
Deshalb bedarf die Menschheit im Jahre eine Reihe von Tagen, wo sie ihr
tiefstes und wahrstes Wesen offen zur Schau tragen, sich wohlgefällig
die Narrenkappe aufsetzen und lustig mit den Schellen rasseln kann;
einer Reihe von Tagen, wo sie mit »wenig Witz und viel Behagen« je nach
Wahl Harlekin, Pulcinell, Bajazzo, eben — Narr sein darf: so recht
nach Herzenslust und innerster Natur. Und gerade dieses Jahr fiel die
letzte Faschingswoche erst spät in den März hinein!
Es ward bereits Frühling. Auf der Pinienwiese der Villa Doria Pamfili
pflückten Römer und Fremdlinge die letzten blühenden Edelsteine: die
lieben bunten Anemonen; die ganze Villa Borghese duftete nach Veilchen;
den Pincio vergoldeten Beete gelber Tazetten, und von Santa Prisca
aus schweifte der Blick über das weiße Gewölk der Mandelblüte. Dazu
jubilierten hoch in den Lüften die Campagnalerchen und die Amseln
begannen zu flöten: leise, zarte Weisen, die ersten Minnelieder der
verliebten Frühlingswelt. Denn Lenz und Liebe gehören nun einmal
zusammen.
Endlich konnte die Narrheit losbrechen! Das Volk der Romulusenkel
behängte sich mit bunten Lappen und billigem Flitter, begnügte sich
mit dem Phantasielosesten und Ärmlichsten, machte sich Kronen aus
Schaumgold und Staatsgewänder aus Bettüchern. Es tollte durch den
Korso, tanzte Saltarello auf Treppen und Plätzen, schleuderte sich
Sträuße weißblühenden Campagnaunkrauts (_mazzetti_) und Mengen kleiner
steinharter Gipskugeln (_confetti_) ins Gesicht; es heulte und johlte,
und nannte das Feste feiern ...
Bis in den christlichen Himmel hinauf drang der Heidenlärm römischer
Volkslust und erfüllte die Heerscharen der Seligen und Heiligen mit
heftigem Unwillen. Die lieben bausbäckigen Engelknaben drängten sich in
hellen Haufen zu den Wolkenvorhängen, wollten sie heimlich aufheben und
neugierig hinabspähen: »was da unten wieder einmal los sei?« Sie wurden
jedoch von den zürnenden Cherubimen fortgeschickt, und mußten nun
Hymnen absingen: teils zur Strafe; teils, um den Ärgernis erregenden
Erdenspektakel durch fromme Weisen zu übertönen. Obgleich sich die
Kleinen schier heiser sangen, gelang ihnen das doch nicht; und wieder
und wieder schallte vom Tiberstrand ein Laut überlustiger Erdenfreude
zu den seligen Höhen empor.
»Warte, Gesindel! Auf Faschingsdienstag folgt Aschermittwoch! Der wird
euch Mores lehren —« trösteten sich die gekränkten Himmlischen nicht
ohne heimliche Schadenfreude über die gute christliche Einrichtung des
großen grauen Bußtags nach all der höllischen Weltlichkeit.
* * * * *
In dem Berge Cavo, dem hochheiligen Mons Albanus der Alten, der sich
wie ein Monument der Erdenschönheit über die Campagna Roms erhebt,
hausten die neun Musen.
Seitdem Rom und Griechenland offiziell das Christentum angenommen
hatten, hielten sich die hehren Heidinnen im tiefsten Innern des
klassischen Waldgebirges verborgen, welches sie jedoch auf höheren
Befehl jeden Abend und Morgen verlassen mußten. Sant' Agnese und Santa
Caecilia hatten gemeinschaftlich mit den holdesten Worten auf das
Eindringlichste versucht, sie zu bereden, sich taufen zu lassen. Aber
die neun Jungfrauen wollten ihrem leuchtenden Gott getreu bleiben und
erklärten: lieber Märtyrerinnen zu werden als Christinnen. Sie wären
sicher zum ewigen Inferno verdammt worden, hätte die süße Madonna als
Mutter aller Gnaden für sie bei ihrem lieben Sohne nicht eine gar
bewegliche Fürbitte getan. So ward ihnen denn jenes Asyl gewährt,
doch unter der Bedingung, sich dafür dankbar zu erweisen. Jeden Abend
und jeden Morgen mußten sie von dem Gipfel des Berges aus über das
römische Land die Purpurteppiche breiten, die sie in ihrem Refugium
an uralten Webestühlen wirkten. Auf solche Weise überdauerten sie in
ewiger Jugend die Jahrtausende, webten römisches Morgen- und Abendrot
und nährten sich von den Erinnerungen an eine Zeit, da die Erde noch
von frohen Gottheiten bewohnt ward, strahlende Tempel sich erhoben und
Apoll zur Freude der Menschen und Götter die Schar seiner Jungfrauen
anführte. Die neun Verbannten nannten jene längst verschwundenen Tage
mit einem schmerzlichen Seufzer: »das goldene Zeitalter«. Ihrem Urteil
war freilich nicht sehr zu trauen.
2.
Eines schönen Märzabends begab es sich, daß sie, nachdem sie sorgfältig
für eine besonders glühende Beleuchtung gesorgt hatten, zauderten,
sogleich in die dunklen Tiefen wieder niederzusteigen. Es versprach
eine leuchtende Vollmondnacht zu geben und die Neun hatten eine solche
seit länger als einem Jahrtausend nicht erlebt. Auch hätten sie gern
einmal nachgesehen: was wohl eigentlich aus dem Tempel des Jupiter
Latialis geworden sei, wozu sie sich noch niemals Zeit gelassen — so
eilig hatten es die Guten stets gehabt, wieder nach Hause und an ihre
Webearbeit zu kommen. Denn nachts mußten sie für den nächsten Tag die
Morgenröte wirken — wie sie über Tag nur knapp mit dem Abendrot fertig
wurden. Deshalb war die himmlische Illumination über Rom nicht immer
gleich herrlich an Gluten und Glanz.
Unter Anführung der feierlichen Urania nahten sich Apolls Hofdamen a.
D. den gewaltigen Rüstern, hinter denen die Mauern von Latiums ältestem
Heiligtum lagen. Noch waren hier oben Wipfel und Zweige winterlich
grau; denn der Lenz begann sein blühendes Wesen erst in der Tiefe zu
treiben. Er kroch gar langsam und mühselig den hohen Berg hinan, den er
dann freilich in eine Pyramide von Blüten: von Veilchen und Tazetten,
von wilden Päonien und Orchideen verwandelte und mit Chören von
Nachtigallen bevölkerte. Die Schönen hatten den Ort beinahe erreicht,
als sie mit leisem Schreckensruf wie gebannt stehen blieben: als große
blutrote Scheibe stieg über den Gipfeln der volle Mond auf; und von
diesem mystischen Hintergrund hob sich, hoch und schwarz, ein Kreuz ab.
Wo Latiums erhabenster Gott einst seine Stätte gehabt, befand sich ein
Kloster der Passionisten, aus den Trümmern des Tempels erbaut.
Die Jungfrauen entwichen ... Dann sprachen sie untereinander:
»Vielleicht lebt von unseren Göttern doch noch der eine oder der
andere? Es ist nicht möglich, daß alle gestorben sein sollten! Irgendwo
erhebt sich gewiß noch ein Altar, darauf wir opfern, eine Bildsäule,
zu der wir flehende Hände erheben dürfen. Laßt uns daher in dieser
Mondnacht ausziehen und nach einem der Götter Roms und Griechenlands
suchen!«
Also wandten sie sich und hielten Umschau nach einem Wege in die Tiefe
der Waldungen hinab, die den Berg einhüllten. Ihnen zu Füßen blitzte
es geheimnisvoll auf. Es waren die Kraterseen von Albano und Nemi; auf
deren dunkler Flut Luna ihre Strahlen warf. Sie wirkte auch um jede
der neun fleißigen Weberinnen ein Gewand aus Silberglanz. Denn der
antike Faltenwurf, der ihre hohen und schlanken Gestalten gar feierlich
umwallte, war während der Jahrtausende denn doch etwas abgetragen,
so daß die Herrlichen ziemlich schäbig gekleidet einhergingen. Nun
aber umleuchtete sie himmlische Glorie; nicht anders, als gehörten
sie zu der Schar höchster christlicher Heiligen, die zur Rechten des
Gekreuzigten thronten.
Sie fanden die Straße, die abwärts führte. Es war die uralte Via
triumphalis, darauf einstmals bei den latinischen Festen die
Völkerschaften in Prozessionen den Mons Albanus emporgezogen kamen:
aus dem Hain der Ferentina, dem Tal von Ariccia und von Rom her. Nicht
nur Priester und fromme Waller taten die Pilgerschaft, sondern auch
siegreiche Feldherren mit Öllaub bekränzt.
Als die unsterblichen Schwestern diesen Weg in dem aufsprießenden
Buschwerk entdeckten, überkam sie eine heilige Freude; denn er führte
sicher einem Tempel, also einer Gottheit zu! Das schwarze Lavapflaster
säumten zu beiden Seiten weiße und blaue Anemonen und purpurblütige
Zyklamen. Von diesem römischen Lenz pflückten die Leuchtenden eifrig
und flochten Gewinde, mit welchen sie das Standbild eines — vielleicht
durch Zufall — übriggebliebenen Gottes schmücken wollten. Auch ihre
eigenen Stirnen kränzten sie, was seit ihrer Verbannung nicht mehr
geschehen war.
Als sie auf ihrem Haupt die frischen Blüten fühlten, ergriff die
Huldinnen heiße Sehnsucht nach der Schönheit der Welt, die sie hatten
verlassen müssen, und die in immer neuer Herrlichkeit geblieben war,
mochten Zeiten und Götter kommen und weichen. Zu dreien faßten sie
sich bei der Hand, stiegen tiefer und tiefer hinab, schritten weiter
und weiter in den Mondglanz hinein, davon sie selber Strahlen zu sein
schienen.
Sie erkannten die Gegend: den Hain der Diana von Ariccia. Die Wipfel
wölbten über ihren bekränzten Häuptern feierliche Kuppeln, welche die
moosigen mondbeschienenen Stämme als Säulen aus Smaragd stützten; und
durch das Laubwerk der niederhängenden Äste schimmerte aus der Tiefe
eine kreisrunde Silberfläche: der Spiegel der keuschen Schwester des
leuchtenden Gottes, von den Christen dieser Tage in rohem Verkennen
lago di Nemi genannt.
Aber vergeblich schauten die neun nach dem zierlichen Rundtempel aus,
der sich einstmals auf einem Felsenvorsprung des hohen Uferrandes
erhob; vergeblich lauschten sie auf den Gesang der jungfräulichen
Priesterinnen. Auch die wunderbaren Schiffe der Kaiser Tiberius
und Caligula konnten sie nirgends erspähen; und als sie über
die Narzissenflur schritten, darauf sie manche Frühlingsnacht
heimlicherweise die Adonisfeier begangen hatten, umfing sie eine
Einsamkeit, als wären von allem Göttlichen des schönheitstrunkenen,
heiteren Heidentums nur sie übriggeblieben.
Doch hofften sie noch immer zu finden, was zu suchen sie ausgingen.
Also eilten sie weiter und weiter.
3.
Auf der Via Appia antica schritten sie schwebend dahin. Der Saum ihrer
Strahlengewänder streifte die schwärzlichen Lavasteine und ihre Füße,
die bisweilen den Boden berührten, spürten die tief in das harte
Gestein gegrabenen Spuren der Wagenräder aus den Zeiten, da auf dieser
Straße ein Gewimmel aller Völkerschaften der Erde Rom zudrängten, dem
goldenen, dem ewigen Rom (_Roma eterna_)! War aber Rom ewig, so mußten
die Suchenden in Rom auch die »ewigen« Götter finden.
Grabmale zur Rechten, zur Linken: die traurigen Ruinen der einstmals
gleichfalls für die Ewigkeit errichteten Totenpaläste. Zur Rechten,
zur Linken gestürzte Säulen, zertrümmerte Sarkophage, gebrochene,
einstmals herrliche Marmorleiber. Dazu Öde ringsum; Schweigen des Todes
in den Lüften ...
Vor den Schreitenden, den Schwebenden, ein langgezogener Lichtstreif,
hoch in den Horizont hinaufsteigend, als stünde der Himmel in Flammen.
Dort, vor ihnen, lag Rom. Ganz Rom mußte in Flammen stehen! Schon
einmal hatten die hohen Jungfrauen Rom brennen sehen — da der ruchlose
Sohn der kaum minder verruchten Agrippina über Rom herrschte. Als Nero
im Anblick der lodernden Stadt im Gewande Apolls, die Strahlenkrone
auf dem Haupt, zur Leier den Brand Trojas besang, waren sie zürnend
entwichen: hinauf nach Tusculum; und sie hatten die Stätte der
Gotteslästerung lange gemieden. Heute nun eilten sie dem brennenden
Rom entgegen, getrieben von einem Gedanken, der sie hinzog wie eine
geheimnisvolle Gewalt: »Wenn noch Götter sind, so müssen sie in Rom zu
finden sein!«
Sie langten an. Aber — war das Rom? Das! Wo waren die Tempel, die
Basiliken, die Portiken, die Altäre, die Bildnisse in Marmor und Erz?
Die Bildnisse von Göttern und Helden!
Versunken, verschwunden ...
Hier eine Ruine, dort eine Ruine; ein Trümmerstück hier und dort. Sonst
nichts — nichts — nichts! Alles und alles versunken, verschwunden,
als wäre es niemals gewesen.
Aus weitoffenen, erschrockenen Augen schauten die armen Himmlischen um
sich; eng drängten sie sich aneinander. Doch auch jetzt noch flüsterten
sie sich zu: »Wir wollen suchen! Wir müssen finden! Nicht alle unserer
ewigen Götter können tot und begraben sein!«
Und sie suchten.
4.
Eine bunte Menge drängte sich durch Roms Straßen und über Roms Plätze:
Narren, Narren! Plötzlich entstand ein Zusammenlauf. Es entstand
tobendes Gelächter und Geschrei wie von Besessenen: »Die Masken! Seht,
die Masken! ... Wer sind sie? ... Keine echten Närrinnen! ... Seht
doch, seht! Die Dämchen wollen uns wohl klassisch kommen? Antik? Als
›Musen‹ haben sie sich verkleidet! ... Seht nur: als Musen! Vornehm
wollen sie tun! ... Was werden sie sein? ... Hetären, Dirnen! ... Seht,
seht, seht!«
Schwärme von Harlekins und Kolumbinen umrasten die hohen Frauenwesen,
die nicht wußten, wie ihnen geschah; die aus dem Gewühl nicht fliehen
konnten, sich nicht zu retten vermochten. Das hatten sie nun von ihrer
heißen Sehnsucht nach Göttern.
Die Weiber trieben es am ärgsten. Sie verhöhnten die wundersamen
Erscheinungen, beschimpften sie, daß sie etwas so ganz anderes
vorstellen wollten, als sie selbst waren. Sie lachten ihnen ins
Gesicht, zerrten sie an ihren aus Mondglanz gewebten Gewändern. Die
Römer dagegen fanden die fremden Frauen wohl schön; sie waren ihnen
jedoch zu feierlich und hehr. Auch wagten sie aus Furcht vor den
eifersüchtigen Römerinnen nicht laut zu bewundern, stimmten daher ein
in den wüsten Lärm. Sie bliesen greulich auf blechernen Trompeten,
schwangen mit Luft gefüllte Schweinsblasen, schrien durch die Straßen:
»Die Musen sind wieder da! Alle neun! ... Was wollen sie wohl bei uns?
Als ob wir sie brauchten? In unserer Zeit die ~Musen~! ... Hinweg mit
ihnen! Dirnen wollen wir haben! ... Reißt ihnen die Masken ab, damit
wir ihr wahres Gesicht sehen. Denn ihre Göttlichkeit haben sie sich
aufgeschminkt! Es gibt auf Erden keine Göttlichkeit mehr!«
Gerade, als die Entsetzten sich in den ärgsten Nöten befanden,
kam unerwartet Hilfe. Eine Reihe seltsam aufgeputzter Karren zog
die Aufmerksamkeit des Volks von ihnen ab. Als Galeerensträflinge
kostümierte Männer: blühende Jünglinge und welke Greise, zogen die
bunten Wagen. Sie trugen blutrote Kleider, hatten blutrote Narrenkappen
auf, an Händen und Füßen klirrten blecherne Ketten. In den Karren
aber befanden sich käufliche Weiber mit nackten Armen und entblößten
Brüsten, Bacchantinnen vorstellend. Jede führte eine Geißel, mit der
sie auf die Menge einhieb. Diese heulte auf vor Entzücken. Männer
und Frauen stießen einander unter die Räder, um von den Schamlosen
gegeißelt zu werden.
An die Gefährtinnen Apolls dachte keine Seele mehr. Trunken vor
Tollheit bereiteten die Fastnachtsnarren den Königinnen des römischen
Karnevals einen Siegeszug durch die ewige Stadt ... Die Neun entwichen
der allgemeinen Orgie, gelangten in eine dunkle Gasse, wo es einsam
war, standen nahe beieinander und wollten anheben laut zu klagen, wie
schlecht es ihnen auf Erden erging. Thalia jedoch sprach begütigend:
»Sie reden nicht mehr unsere Sprache, haben sie längst vergessen — wie
auch uns selbst. Also können sie uns nicht verstehen. Ihr Lieben —
laßt uns daher in Frieden weiter schreiten und voller Hoffnung weiter
suchen. Gewiß werden wir doch noch Götter finden!«
So geschah es denn auch ... Es blieb in diesen Teilen der Stadt
menschenleer, daß so sie ungehindert ihres Wegs wandeln konnten, von
dem sie nicht wußten, wohin er sie führte. Sie kamen an hohen und
prächtigen Gebäuden vorüber, deren Pforten weit offen standen. In
viele dieser Häuser traten sie ein, in vielen erkannten sie bei dem
Mondesleuchten, das sie verbreiteten, die Säulen ihrer Tempel; und in
allen wohnte der bleiche, blutige Christenheiland, der dornengekrönte,
gekreuzigte Sieger über die glückseligen Götter. Sie aber wandten sich
schaudernd ab, und fuhren fort nach einer Gottheit zu suchen, von deren
Wesen sie ein Teil waren.
An mancher Hauswand, mancher Straßenecke befand sich das Bildnis
einer Frau, darunter ein mattes Lichtlein glühte. Immer war es
dasselbe unsäglich traurige Antlitz. Einige Male war die Brust der
Schmerzensreichen von Schwertern durchbohrt und ihre Augen weinten
blutige Tränen. Von Mitleid ergriffen, blieben die Musen vor Maria
stehen. Sie erkannten ihre hohe Fürbitterin; und diese und jene nahm
sich den Frühlingskranz vom Haupt und legte den blühenden Schmuck
schweigend bei dem blassen Bildnisse nieder. Da war es, als ob die
leidensvollen Lippen der Gottesgebärerin ein leises, ganz leises
Lächeln umspielte.
5.
Weiter schritten sie, und betraten eine breite Straße. Auch hier war
es einsam. Aus der Ferne drang der Karnevalslärm zu den Wandelnden
herüber wie das Rauschen eines Meeres von Stimmen und Tönen. Zwischen
zwei Reihen von Palästen ging es allmählich hinan, einer festlichen
Treppe zu, inmitten von weißblühendem Buschwerk, dunklem Lorbeer und
feierlichen Palmen. Gleich weißen Rosen lagen die Mondesstrahlen auf
den Marmorstufen.
Langsam stiegen die heiligen Neun zur Höhe empor. Auf dieser umfingen
Säulenhallen ein ehernes, im Mondglanz wie Silber leuchtendes
Reiterstandbild, bei dessen Anblick den schönen Heidinnen etwas
leichter um die beschwerten Gemüter ward; und plötzlich rief die eine
— es war Jungfrau Clio — mit fast fröhlicher Stimme und Miene: »Das
ist ja unser lieber Marc Aurel!«
Da echoten alle im Chorus: »Ei, das ist ja unser lieber Kaiser Marc
Aurel!«
Doch dann sprachen sie untereinander: »Eigentlich ist er gar nicht
unser lieber Kaiser! Denn eigentlich hat er sich aus uns herzlich wenig
gemacht. Das kam von seiner großen Gelehrsamkeit. Bei solchen gelehrten
hohen Herren geht es unsereins nicht allzugut. Auch wir wollen mit
ihnen nichts zu schaffen haben. Immerhin, wenn man so verlassen und
verloren ist, wie wir Armen, freut man sich einem alten Bekannten zu
begegnen.«
Und nun hielten sie vor dem Kaiserbildnis ein kleines behagliches
Schwätzchen, welches sie derartig erfrischte, als wäre ihnen auf dem
kapitolinischen Hügel von dem freundlichen Knaben Ganymedes eigenhändig
eine Schale Nektars kredenzt worden ...
Wie sie hineingelangten, wußten sie schließlich selbst nicht.
Genug, sie gelangten hinein! Vor ihnen öffnete sich Saal auf Saal;
und jeden Saal füllte ein bleiches stummes Marmorvolk, eine wahre
Heerschar olympischer Gestalten. Die schneeigen Glieder umflossen die
Mondstrahlen, daß sie in unirdischer Verklärung erglänzten; aber sie
standen regungslos und blaß wie Gestorbene. Es waren die Bilder ihrer
höchsten Götter und Göttinnen, nebst allen heidnischen Sippen: Faune
und Satyre, Nymphen und Kentauren; dazu Amazonen, Heroen, Epheben.
Auch Antinous neigte sein junges Haupt mit einem Ausdruck unsäglicher
Trauer; und sämtliche Weisen Griechenlands waren wie zu einem Kongresse
versammelt.
Die Musen eilten von einer Statue zur anderen, schauten und staunten,
grüßten die Marmorbilder, nickten ihnen zu, sprachen zu ihnen,
erhielten keine Antwort, klagten, weil sie starr und stumm blieben:
empfindungsloser leuchtender Stein.
Wie aber ward den guten Jungfrauen zumute, als sie ihren eigenen Gott
und Herrn, Apollon Musagetos, erblickten: in wallendem, feierlichem
Gewande, bekränzten Hauptes, im Arm die Leier, deren Saiten einstmals
Melodien entströmten von Ewigkeitsklang. Fühlloser Stein auch er! Die
Seinen umringten die göttliche Gestalt, schauten dem Herrlichen in das
emporgehobene strahlende Antlitz, riefen leise, leise seinen Namen, daß
es wie ein erstickter Jammerlaut durch die prächtigen Hallen und die
Reihen der schimmernden Regungslosen schallte.
Nachdem dieses schmerzliche Wesen eine Weile gedauert hatte, trat eine
der Musen vor. Es war die Jüngste, ein zierliches zartes Geschöpf,
an Schlankheit einer Blume gleich: einer weißen Lilie. Denn so
bleich leuchteten durch die veilchenblauen, vom Mondlicht getränkten
Schleiergewebe die Glieder; und das liebliche Antlitz, daraus große
dunkle Augen strahlten, hatte die Farbe matten Elfenbeins.
Terpsichore war's ... Was sie jetzt begann, war wie ein Opfer, welches
das feine Wesen ihrem Meister vor dessen Standbild darbrachte. Sie hob
einen Reigen an. In wundersamem und wundervollem Rhythmus bewegte sie
sich, daß die ganze jugendliche Gestalt zu einem klanglosen Wohllaut,
einer stummen Melodie ward; ihr Tanz zu einem Liede, einem Hymnus.
Plötzlich ergriff es auch die ernsthafteren Schwestern. Sie faßten sich
bei den Händen, ließen sich wieder, suchten sich von neuem, neigten
sich, beugten sich, erhoben Haupt und Arme. Selbst die gewaltige
Melpomene ließ sich herab, an der anmutigen Huldigung teilzunehmen.
Freilich behielt ihr erhabenes Antlitz seinen Ausdruck düsterer
Majestät und ihr schmerzlicher Mund blieb fest geschlossen, wo sich
doch sogar die großartige Dame Clio himmlisch bewegt zeigte.
Die Huldigung der neun Musen vor der Statue des sangreichen Gottes im
Kapitol erhielt ihren Höhepunkt, als Polyhymnia die lieblichen Lippen
öffnete und zu der Weise des Reigens einen Gesang anstimmte, wie die
Welt nicht mehr gehört hatte, seitdem daraus die alten seligen Götter
entweichen mußten, und der Gipfel des Parnasses verödete.
Während des himmlischen Gesanges nun ereignete sich das Wunder dieser
römischen Frühlingsnacht.
6.
Geisterspuk war's!
Die Steingebilde belebten sich gespenstisch. Die hohlstarrenden Augen
bekamen Blick, die stummen Lippen öffneten sich. Atem schwellte die
Marmorbrust.
Ein langgezogener Seufzer zitterte wie Harfenton durch die Säle ...
Langsam, langsam begannen die Unbewegten sich zu regen. Ein Schauer
überlief die unirdisch schönen Körper. Ein Arm hob sich, ein Fuß. Von
den Postamenten glitten sie herab. Sie standen auf dem Marmorboden,
schritten —
Nun gab's ein Gewimmel nackter Leiber sowohl wie umhüllter Gestalten.
Die ganze Antike ward lebendig in all ihrer Herrlichkeit, wie sie in
solcher Vollkommenheit nur einmal auf Erden war. Götter grüßten Götter.
Apoll konnte es nicht unterlassen, zum Entzücken seines vor Wonne
trunkenen getreuen Gefolges unverzüglich in die Saiten zu greifen —
denn selbst ein Gott hat seine Menschlichkeiten. Jupiter hatte sogleich
mit Juno eine kleine Eheszene, die er dadurch zum Ende brachte, daß
er sein Bündel Blitze schwang; Minerva ließ sich mit den Weisen
Griechenlands in einen wissenschaftlichen Disput ein; der Kriegsgott
begann mit der holden Psyche, die ihren Amor einfach stehen ließ, einen
nicht ganz harmlosen Flirt, wodurch sich die keusche Diana in ihren
Gefühlen ernstlich verletzt fühlte.
Auch die verwundete Amazone des Lysippos und der berühmte sterbende
Gallier aus Pergamon befanden sich unter der Menge. Die kriegerische
Dame zeigte sich entschieden tanzlustig und der arme Held sah sich
nach einem Becher Falerner um, der ihn nach all den erlittenen
Todesqualen stärken sollte. Dionysos erschien in voller Majestät
seiner Jugendschöne und erhielt einen solchen Zulauf seiner sämtlichen
männlichen sowohl wie weiblichen Trabanten, daß in den Sälen arges
Gedränge entstand. Bacchantinnen und Satyre brachten schwellende
Trauben herbei; der mädchenhaft liebliche Jüngling des großen
Praxiteles blies für den Gott auf seiner Schalmei eine Hirtenweise;
und von der berühmten Mosaik flatterten die Tauben auf, die Vögel der
Venus.
»Sie kommt!«
Einer flüsterte es dem anderen zu. Ein Raunen gab's, ein Rauschen
wie von Waldeswipfeln und Meereswogen. Eine geheimnisvolle Bewegung
entstand; eine fiebernde Erregtheit höchster Erwartung: »Sie kommt!«
Die Götter selbst schufen freie Bahn. Es bildeten sich gleichsam eine
Via triumphalis, welche sie durchschreiten sollte. Ihre Tauben flogen
ihr voraus.
Und sie kam!
Die hohe Frau vom Kapitol, der Göttinnen größeste, die Spenderin aller
Seligkeiten, die Bezwingerin der Welt. Zugleich der Welt Beglückerin,
die einige Törichte der Welt Verderberin schelten.
Auch die Venus des Praxiteles empfing für diese eine Frühlingsnacht
Leben, und trat ihre Herrschaft an.
7.
Und voraus seiner großen Mutter schritt Amor. Der geflügelte Gott
spannte den Bogen, legte an, schoß seine Pfeile ab: mitten hinein in
die Menge. Dem kleinen Unhold war es vollkommen gleichgültig, wen er
traf. Manchem seiner Opfer — sie waren wie Sand am Meer — wäre eine
Todeswunde besser gewesen, als der Wurf, der weniger verletzte als
Mückenstich. Dabei hatte der gemeingefährliche Knirps das Ansehen eines
Unschuldengels mit Kinderlächeln.
Im Gefolge der Siegerin über Götter und Menschen befanden sich zwei
Kentauren: ein Jüngling und ein bärtiger Mann. Auf jedem der Fabelwesen
ritt ein Liebesgott. Der geflügelte kleine Kerl, der auf dem Jungen
trabte, hatte Mühe, sein Menschenroß zu bändigen. Es war solch junger
und unbändiger Geselle, mochte selbst die federleichte Last auf seinem
Rücken nicht dulden, spottete aller Reiterkünste des Bengels mit einem
Übermut, daß die beiden zur Belustigung des ganzen antiken Publikums
ein gar artiges Schauspiel boten. Dagegen der ältere —
Das Amorlein hatte dem durch seine Pfeile Getroffenen beide Arme
auf dem Rücken gefesselt, und quälte sein Opfer mit der ganzen
grausamen Wollust, die den Wicht zu einem wahren Henker machte.
Und dann wollte der Schlingel ein Gott sein! Das stolze Antlitz
schmerzverzerrt, entstellt von Scham und Selbstverachtung, wandte der
Kentaur nach seinem erbarmungslosen Peiniger das Haupt. Ein Stöhnen
wie Sterbelaut entrang sich seinem Munde. Aber die belebten Antiken
achteten nur seines jungen überlustigen Gefährten; bei dem allgemeinen
Beifallsgetöse erstarb der Aufschrei des Gefesselten und sein Quälgeist
brauchte den vergifteten Pfeil als Geißel, womit er dem zu ewiger Liebe
und ewigem Leide Verdammten den Rücken peitschte.
Was jedoch bei dem traurigen Anblick als das Traurigste erschien, war,
daß der Gepeinigte nicht die leiseste Anstrengung machte, seine Bande
zu lösen, den Dämon abzuschütteln, und sich von dem Martyrium seiner
Leidenschaft zu befreien. Mit gelähmtem Willen, gebrochenen Geistes
ertrug er die Schändung seiner Mannheit. Und das mit dem Antlitz eines
Heroen! Also geschah ihm recht ...
Plötzlich brachen Götter und Göttinnen mit allen anderen in ein
schallendes Gelächter aus: dem jungen Kentauren gelang es, des
boshaften Schalks los und ledig zu werden. Mit einem regelrechten
Purzelbaum flog der göttliche Lümmel vom Rücken des Tiermenschen herab,
und ward zum Glück von einem behenden Nymphlein aufgefangen. Sehr zum
Überfluß drückte die Holde den Knaben wie ein Wickelkind an ihre junge
Brust, ahnungslos, was für einen Säugling sie sich beilegte; denn der
Bursch konnte des Mägdleins Herzblut trinken.
So ist es nun einmal mit der Liebe.
8.
Jupiter und Juno; Dionysos mit seinen bacchischen Begleitern; Apoll
mit dem Gefolge der verzückten Musen — alle die Hehren und Herrlichen
waren plaudernd und lachend durch die glanzvollen Säle gewallt. Jetzt
aber hielt Frau Venus Hof. Sie thronte auf einem antiken Marmorsessel,
dessen Lehnen Sphinxe stützten, und ihr zu Füßen lagerten ausgestreckt
die beiden Kentauren.
Ihnen gebot die Göttin: »Erzählt eure Geschichte! Da ihr zwei Verliebte
seid, so gehört ihr mir ... Dich heiße ich jedoch einen Liebenden
—« wandte sie sich huldvoll zu dem älteren. »Weiß ich erst, wen du
so gewaltig liebst, daß du durch einen meiner Kleinen deiner Liebe
willen ein Martyrium erduldest, kann ich dir vielleicht beistehen in
deiner Not ... Nicht jetzt sprich! Zuerst soll der Junge reden, der
ein rechter Verächter aller Liebesnöte zu sein scheint. Dafür soll der
Leichtfuß mir büßen.«
Der von der großen Göttin Gescholtene lachte hell auf: »Herrin,«
begann er mit der heitersten Miene, »o Gebieterin! Verliebt nennst du
mich? Als ich von der Hand eines Meisters noch nicht in Stein gebannt
war, bin ich das seit meinen Knabenjahren jeden Tag meines jungen
glückseligen Lebens gewesen. Und wie verliebt war ich! Ich lebte in den
Wäldern und auf den Fluren Kariens in Kleinasien bei der wunderschönen
Stadt Aphrodisias, die ihren heiligen Namen nach dir hatte, und wo dir
die prächtigsten Tempel erbaut, die herrlichsten Bildsäulen errichtet
waren. Da mußte ich, armer junger Kentaur, mich denn wohl oder übel
bis über die Ohren verlieben: in jede Najade und Dryade, in jedes
Nymphlein, das meine vor Jugendwonne und Lebenslust leuchtenden Augen
erblickten. Ich küßte alle — alle! Und wen ich küßte, der verfiel mir.
Denn es war, als hätte ich zu Aphrodisias das Küssen von dir selber
gelernt — verzeihe die Gotteslästerung.
Niemals hättest du dich zu einem von meinesgleichen herabgelassen: zu
einem Tiermenschen mit Schweif und vier Füßen! Ich mußte mich daher mit
geringeren Huldinnen begnügen; und — ich begnügte mich.
Bei deiner ewigen Gottheit — was für ein seliges Leben ich führte auf
den Blumenwiesen, am Rande der Bäche, unter den Wipfeln der Haine,
die deine in Schönheit strahlende Stadt umschatteten. Jeden Tag, jede
Nacht, herzte ich eine andere; jede eben nur ein einziges Mal. Sie
wollten mich alle behalten. Ich aber lachte die verliebten Schönen aus
und warf sie von meinem Halse, wie vorhin den Schlingel, der mir den
Herrn und Meister zeigen wollte — mir!
Ich bin die Jugend selbst! Bin das Tier, das in jedem jungen Menschen
steckt. Ein Stück Natur bin ich. Sogar ein Stück göttlicher Natur,
meinem Pferdeleibe zum Trotz. Solche Jugend ist eitel Verliebtheit —
Verliebtheit in beständigem Wechsel. Verstehst du?
Was jedoch mein wonnigstes Glück war, sollte zu meinem Unglück werden.
Das ereignete sich folgendermaßen: Die Scharen der Schönen, in die ich
verliebt war, und die ich für eine einzige Brautnacht an meinem Herzen
hielt, vereinigten sich gegen mich und schwuren mir Rache. In deiner
Stadt lebte ein berühmter Bildhauer, Aristias mit Namen. Zu diesem
Manne schickten sie eine Gesandtschaft der Schönsten und zugleich
Rachegierigsten. Sie sagten und baten: Vor den Toren der Stadt haust
ein junger Kentaur. Das ist ein ganz Schlimmer! Er stellt uns armen
unschuldigen Jungfrauen auf allen Wegen nach, bei Tag und bei Nacht.
Wir können nicht mehr unsere Krüge zur Quelle tragen, um Wasser zu
schöpfen; können nicht mehr in Frieden unter den Büschen und Bäumen ein
Nachmittagsschläfchen halten; nicht mehr auf den Fluren Kränze winden
und den Reigen tanzen.
In unserer Not kommen wir zu dir, großer Meister, und flehen dich an,
uns von dem bösen Gesellen zu befreien. Er ist so garstig, so roh! Und
er hat Pferdefüße. Denke doch: Pferdefüße! Von solchem Tier müssen wir
Ärmsten uns küssen lassen.
Hilf uns, befreie uns!
Welche Tücke, große Göttin! Statt ein ewig Verliebter, sollte ich
am Ende ein Weiberhasser sein. Und — stelle dir das Ungeheuerliche
vor! — jener Mensch ließ sich wahr und wahrhaftig von den hübschen
Lügnerinnen betören, lauerte mir auf, fing mich, schleppte mich in sein
Haus, verwandelte mich in Stein: meiner vielen Schandtaten willen.
Erbarme dich meiner! Lasse mich das Leben diese Nacht behalten! Lasse
mich wieder ein junger, verliebter, glückseliger Kentaur sein! Ich
trabe hinaus: hinaus in Wälder und Auen, und küsse — küsse — küsse ...
Und ich verspreche dir feierlichst: zum Dank den kleinen Kerl mit den
Pfeilen von neuem geduldig auf meinem Rücken zu tragen; ich schwöre
dir: jedes Nymphlein anstatt ein einziges Mal, zum mindesten durch drei
Nächte zu kosen. Was meinst du zu diesem Handel? Ich bitte dich, große
Göttin, schlage ein.«
Unter dem jubelnden Beifall der gesamten Zuhörerschaft, urteilte Frau
Venus ernsthaft: »Du hast deine Strafe verdient!«
Es wurde still, als der ältere der beiden Kentauren anhob zu sprechen,
mit einer Stimme, darin seine Qual nach Worten rang. Zur Göttin erhob
er sein entstelltes Menschenantlitz. Aber nicht um Mitleid flehte sein
Blick; nicht einmal um Verständnis.
9.
»Auch ich bin aus dem Lande mit der Stadt deines göttlichen Namens;
auch ich wurde in Stein verwandelt. Er ist getränkt von dem Herzblut
meiner großen Liebe, das ich fließen ließ. Denn ich wollte lieben
und leiden! Große Liebe ist großes Leid. Das haben die Götter so
geschaffen. Sie seien gepriesen dafür ...
Ich wuchs auf in den nämlichen Wäldern, auf den nämlichen Fluren,
wie hier mein junger Gefährte, dem ich seine leichte und lustige
Verliebtheit von Herzen gönne — trotzdem er mir dadurch mein
Schicksal schuf. Für mich paßt sie nicht; für mich paßt, was ich
besitze. Einzig nur das.
Bereits in meiner frühesten Jugend war ich stolz bis zum Hochmut.
Und ich war unglücklich von Kind an: war ich doch ein Kentaur, ein
Tiermensch! Unglück macht stolz, wie es einsam macht. Dabei sehnte ich
mich nach Schönheit, nach Göttlichkeit. Damals wußte ich jedoch nicht,
daß es Sehnsucht war; denn ich war damals noch ohne Seele — wenigstens
wähnte ich mich seelenlos.
Mein Sehnen verzehrte mich schier.
Einer der Hehrsten und Herrlichsten hätte ich sein mögen und war — ein
Halbmensch, ein Pferd, eben ein Tier.
Ich schämte mich dessen, empfand meine behaarte Vierfüßigkeit als
Schmach. Aus Scham verkroch ich mich in den finstersten Schatten der
Haine, wagte mich nur in dunklen Nächten hinaus auf die Fluren. Und
auch das nur selten. Denn auf den Auen tanzten bei Mondschein und
Sternenschimmer die Nymphen, die meine Mißbildung nicht sehen sollten.
Am liebsten hätte ich mich verkrochen wie ein zu Tode verwundetes Wild,
um im Dickicht einsam zu sterben.
Damals wußte ich jedoch noch nicht, daß ein mythologisches Geschöpf
sterben könnte.
Meine Einsamkeit, Göttin! Sie war so groß wie dann meine Liebe ward ...
In der tiefen Einsamkeit meines Tiermenschen-Lebens lernte ich, um
dieses ertragen zu können, das Spiel auf der Leier, die ich mir aus
Röhricht und Haaren meines Roßschweifes verfertigte. Ich lauschte die
holde Kunst Faunen und Satyren ab. Sie füllten mit ihrem Wohllaut die
Haine und lockten damit die Schönen an. Mein Saitenspiel sollte indes
keine vernehmen.
Also übte ich mich in Melodien. Sie klangen traurig, traurig; denn ich
ließ durch sie meine Sehnsucht sprechen und klagen. Wie hätten meine
Weisen fröhlich klingen können? Zu den Tönen ersann ich Worte. Ich sang
sie zu meinem Spiel. Meine Worte waren wie dieses.
Mit zunehmenden Jahren wuchs mein Unglück über mein Tiermenschentum.
Ich wähnte, es sei mein Geheimnis, welches ich keinem Wesen unter dem
Himmel verraten wollte. Um es zu hüten, zog ich mich tiefer und tiefer
in die entlegensten Einöden zurück; wurde ich einsamer und einsamer.
Zugleich mit meinem Unglück, nahm ich zu an Stolz und an Hochmut.
So schwand meine Jugend, so begann das Alter ...
Noch immer hatte ich nicht geliebt, noch immer nicht gelebt. Vom
Tode wußte ich nichts, fühlte mich indessen wie tot. Trotzdem diese
Sehnsucht! Große Göttin, ~diese~ Sehnsucht —
Doch dann sollte sich mein Schicksal erfüllen. Höre, du Herrliche,
wie es kam: Eines Sommertags begegnete mir in der Wildnis hier dieser
muntere Geselle. Er war der erste von meinesgleichen, den ich sah. Du
kannst dir daher denken, wie mir bei seinem Anblick zumute ward: wie
einem großen Toren, der die Welt nicht kannte. Ich trabte eilends auf
ihn zu und sprach ihn an: »Sei gegrüßt, mein Leidensgefährte!«
Er aber, höchst verwundert, als sagte ich ihm etwas Ungeheuerliches,
fragte: »Wie nennst du mich?«
»Leidensgefährte.«
»Weshalb sollte ich leiden?«
»Weil du doch gleich mir ein Tiermensch bist.«
»Darum leidest du?«
»Du nicht?«
Er lachte unbändig: »Ich nicht. Bei allen Göttern — ich ganz und gar
nicht!«
»Wie ist das möglich?«
»Wie ist's möglich, darum zu leiden? Darum!«
»Wie ist's möglich, darum nicht zu leiden?«
Aber er: »Ich bin mit Wonne das, was ich bin; möchte nicht um die
Schönheit des Adonis etwas anderes sein. Als Tiermensch kann ich
genießen — genießen — genießen! Mehr als ein ganzer Mensch; mehr
als selbst ein Gott. Wie ein Tier kann ich genießen ... Weißt du, was
Weiber sind?«
»Holde himmlische Wesen.«