»War es denn dort noch nicht —« fragte er zögernd.
Sie wandte den Kopf zur Seite, wo die Siegesallee mit ihren korrekten
Lindenbäumchen sich in die Ferne verengte, von dem in der Abendsonne
glühenden Goldkoloß der Siegesgöttin beherrscht. »Eis ...« hauchte sie
hervor. Und ein Schauer schien sie zu überrieseln.
Er verstand. Doch nicht der üppige Garten der Touraine, wo sie die Tage
geweilt, — nein das Eis des Hasses, auf das sie gestoßen, als wäre ihr
ganzes Inneres davon erstarrt bis in den Blick ihrer dunkelumrandeten
Augen hinan.
Eine Stille lang, während er das Wort klingen zu hören wähnte, fuhren
sie durch das Waldesdunkel des Parkes. Leise tastete er nach ihrer
Hand: »Gut, daß du wieder da bist, Léonie« — begann er. »Mir war sehr
bang.«
»Du hattest Ursache, du Ärmster —« flüsterte sie dumpf. Dann
auffahrend, mit einem schrillen Ton: »Ah, dieser Haß! Sie sind toll!
Sie vergiften alles damit! Selbst die Pietät einer Sterbestunde ist
ihnen nicht heilig vor ihrem Haß!«
Dann nach einer abermaligen Stille: »Wie war ich geeilt, nur um
seine Hand noch einmal zu ergreifen! Es war ein Wunder, daß man mich
überhaupt vorließ, — bis an das Lager meines armen Vaters. Ihm sei
verziehen, Gott sei seiner Seele gnädig! Wenn er mir auch nicht
verziehen — wenn er auch gegangen ist, ohne mir zu vergeben ...«
Ihre Stimme stockte in plötzlicher Erschütterung.
»Nicht?!« rief er in voller Empörung.
Sie faßte sich, reckte sich empor: »Ich habe mich tapfer gehalten all
die Zeit über, mein Stolz gegen den Haß meiner Brüder und Verwandten —
sie waren unerbittlich, von einer beleidigend kühlen Höflichkeit. Aber
ich blieb, ich wollte nicht weichen, bis ich an dem Grabe meines Vaters
mein Gebet gesprochen —«
»Du trafst ihn noch bei Besinnung?«
»Man hatte mich nicht ohne Einspruch an sein Sterbelager gelassen. Man
schützte die Aufregung vor. Ich drang dennoch bis zu ihm. Ich hätte
ihn kaum wiedererkannt. Er aber mich — o wohl, er mich! Er schien wie
aus einer Betäubung zu erwachen — seine großen Künstleraugen fragend
auf mich gerichtet — tastend — ein Schimmer der alten Liebe, die
darin aufzuleben schien. ›Mein Vater, ich bin’s‹, schluchzte ich,
›ich bin gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten‹ — Es war ein
Besinnen in diesen Augen, all sein Empfinden darin wiedergespiegelt —
o ich sah bis auf den Grund seiner Seele. Seine Léonie, sein Liebling
von damals — die Freude, die er stets an mir hatte — hat er nicht
seinen Roman »Gabriele« zu deiner Verherrlichung geschrieben? Und
dann der Schmerz dieser Trennung, die geheime Sehnsucht, die in der
Tiefe seines verwaisten Herzens fort und fort gebangt, wenn auch der
Mund meinen Namen nicht aussprach — ich sah den Kampf, den seine
Liebe kämpfte gegen das andere, gegen die Krankheit, das Gift — gegen
den Preußenhaß. Ich sah das Gift die Obmacht gewinnen, seinen Blick
erstarren, den Schimmer der alten Liebe sich in Eis verwandeln —
hatte er nicht den Mut, den andern gegenüber, die hinter mir dieser
Scene beiwohnten? Nicht den Mut, das Wort, den Namen auszusprechen,
der auf seinen Lippen schwebte — Gott sei seiner Seele gnädig! —
er schloß die Augen. Ich hatte seine Hand ergriffen und jetzt fühlte
ich, wie die sich regte, leise, leise — aus der meinen fort — sich
zu befreien suchte — zuletzt ein Ruck — es war wie ein Zurückstoßen
— ja das! O Gott! Es war das »nein!«, das sein Preußenhaß gegen
mich, die Abtrünnige, die Vervehmte seines Geschlechtes und seiner
Nation, geschleudert. Ich sank mit dem Kopf gegen die Bettstatt, hart
hinschlagend — ich glaube, ein Schrei entfuhr mir — ich weiß nichts
— nichts mehr ganz klar —«
»Mein armes Herz —« und er preßte um so inniger ihre Hand.
»Du fragtest mich vorhin, ob denn dort unten der Frühling nicht ....
Auch das weiß ich nicht. Ich habe nichts gesehen. Doch, ich erinnere
mich, nicht weit von seinem Grabe, wo ich betend kniete, da ragte ein
Blütenbaum, von jenen winzigen japanischen Rosen, die ich so liebe —
— Ich werde den Ort wohl nicht wiedersehen —«
»Nun sollst du dich erholen, du Arme — nun darfst du nicht mehr fort
und fort daran denken!«
»Ich möchte alles vergessen — bis auf das Grab mit seinem Blütenbaum
— mein Vaterland, alles — o Gott, ich wollte, ich dürfte mich einmal
ausweinen — mein Herz ist so voll —«
Dann, sich abermals aufraffend: »Wie schön es bei euch ist! — Wie gut
ihr seid! — — Wie grün das Laub geworden! — Ach, die Luft! Wie das
Atmen erquickt! — ich habe lange nicht mehr frei geatmet — und — und
—«
Sie riß die Hand aus der seinen und reichte ihm dann in überquellender
Bewegung die beiden Hände hin!
»Und ihr verzeiht mir, ihr, du und Mariot! Damals konnte ich nicht
anders — jetzt, jetzt erst weiß ich, wo ich hingehöre —«
»Ich wußte es längst, aber du sträubtest dich gegen die Erkenntnis —«
»Du wirst gleich morgen Herrn von Werthern zu mir bitten, ich habe mit
ihm zu reden, aber anderes als damals —«
»Soll ich auch Mariot kommen lassen?«
»Ach, mein Kind! Schnell, wir wollen ihr telegraphieren!«
In dem Gedanken dieses Wiedersehens saß sie verloren. Galt es nicht
eine Mauer einzureißen, die sich zwischen dem Mutter- und dem
Kindesherzen aufgerichtet? Aber hinter den Trümmern leuchtet das
verheißende Frühlingsgrün.
»Wie schön es ist!« rief sie plötzlich aus, mit einer Geste über den
blauenden See weisend.
»Das Laub hat sich mächtig herausgemacht. Ja so ein Berliner Frühling
— so ein deutscher Frühling! Den wenigstens sollen sie uns nicht« ....
Er stockte. Nicht jetzt davon: ein andermal wollte er seiner
Überzeugung Ausdruck geben, daß doch zuletzt die Liebe den Sieg davon
trüge über den Haß und daß selbst über der Mauer des Frankfurter
Friedens dereinst sich grünende Wipfel von hüben und drüben vereinigen
würden. Man muß ihnen nur Zeit lassen zum Wachsen, recht viel Zeit ...