»Nein —« kam es über ihre Lippen, nur ein flüsternder Hauch.
Sie meinte das Wort laut hallen zu hören durch die Weite des Salons,
und nun harrte sie, was darauf folgen würde, innerlich erbebend,
während ihr Antlitz starr, ohne eine Spur der Erregung, auf die
Flackerglut des Kaminfeuers gerichtet blieb.
Aber das prasselnde Getös dieses Feuers, von den durch den Schlot
herabfauchenden Windstößen erregt, hatte das Wort verschlungen; im
wütenden Ungestüm prallte der Sturm gegen die breiten Scheibenflächen
des Erkervorbaues; irgendwo an der Außenseite girrte etwas
Losgerissenes; auf dem Korridor schlug eine Thür donnernd ins Schloß:
wie sich für uns mauervergrabene Städter der Frühling anzukündigen
pflegt.
»Nein —« Der Mann, der den Raum in der Länge mit seinen wuchtig
aufsetzenden Schritten maß, hatte das Wort nicht vernommen, so sehr der
dicke Smyrna die Tritte dämpfte. Aber er wußte, daß es kommen würde,
er fürchtete: — bedeutete es nicht wie einen Axthieb, der das Glück
ihres Kindes jäh daniederschlagen würde? Denn gegen dieses »Nein,«
gerade gegen dieses, gäbe es keinen Widerstand.
Er war ein Fünfziger, von straff aufrechter Haltung und bestimmt
abgegrenzten Bewegungen; Gepräge und Ausdruck seines Gesichtes,
der gepflegte und energische dunkelgraue Schnurrbart bei sonstiger
Wangenglätte, das eigenartig anliegende und uniformsmäßig Zugeknöpfte
seines Anzugs konnten auf den Militär schließen lassen; doch diese
Augen schienen in dem Lampenschein nächtlicher Aktenarbeit erbleicht,
es fehlte ihnen der falkenartige, scharf zufassende Blick, wie ihn beim
Soldaten der stete Umgang mit vielen Menschen und die Notwendigkeit
schnellen Entschlusses auszubilden pflegen.
Jedesmal, wenn der Wirkliche Geheime und Vortragende Rat von Wussow von
dem Erker aus nach dem Kamin zuschritt, aus der wechselnden Tageshelle
des stürmischen Aprilnachmittags nach dem durch die roten Huschlichter
phantastisch erleuchteten Hintergrund, wobei er gewisse Umwege um
einzelne der vielen in dem Raum verteilten Sessel machen mußte, ruhte
sein sorgenvoll erwartender Blick auf der Gestalt seines Weibes. Es war
wie ein erbarmendes Umhüllen: — oh, er hätte ihr das wohl ersparen
mögen! Er wußte, was ihr Mutterherz litt und kämpfte in dieser Stunde.
Er verstand das »nein,« das sich immer wieder bis zu ihren Lippen
rang, um von neuem unterdrückt zu werden.
Es war die Rasse, die Herkunft, die Leidenschaft, der verhängnisvolle
Drang der Umstände, die ihr die Weigerung auspreßten. Vergebens wehrte
sich die andre Macht, die Mutterliebe, dagegen. Oh, wohl hätte er ihr
den Auskampf dieses Zwiespalts ersparen mögen ... sie, die geborene
Französin, die ihrem Gatten, dem Deutschen, dem von ihrer Nation heiß
gehaßten Preußen, in die Ehe gefolgt war, sich selbst verbannend aus
ihrem Vaterlande, von den Ihren mit dem Fluch völligen Schweigens
belastet, zwanzig Jahre hindurch — sie also sollte ihr Jawort geben,
daß ihre Tochter einen preußischen Offizier heiratete! Das war zuviel!
Dagegen bäumte sich ihr Franzosenstolz. Nimmermehr! — Vieles hatte sie
erduldet, manche geheime Demütigung um des geliebten Mannes willen.
Aber ihr eignes Kind, das Blut ihres Blutes, an einen »=prussien=« in
Uniform auszuliefern, die Wiederholung ihres eignen Verbrechens —
nein, das nicht!
Sie saß auf einem Sessel vor der Mitte des Kamins, ihre Füße,
die in ausgeschnittenen Lackschuhen staken, auf das vergoldete
Bronzegitter gestemmt, die Arme flach über die Kniee gestreckt, mit
gefalteten Händen; es war mehr als ein Falten, ein konvulsivisches
Ineinanderklammern der länglichen Finger, der Ausdruck ihres innern
Kampfes, ja wie ein Beschwören: man möchte Erbarmen mit ihr haben und
ihr das verhängnisvolle »Nein« ersparen. Aber der Oberkörper ohne
Anlehnung, hoch aufrecht, in seiner schlank-stolzen Haltung, die ihr
zu eigen war, den Kopf unmerklich zur Seite geneigt, eine leichte
und graziös erscheinende Milderung jener etwas an das Unnahbare
gemahnenden Haltung. Die Glut flackerte über ihr Antlitz und belebte
seine starre Verlorenheit. Es war ein feines Oval mit etwas nervös
ausgeprägten Zügen, von einem großen Augenpaar beherrscht; graubraune
Pupillen, jetzt unruhig erglänzend von der Erregung, wie von dem
Wiederschein des Flammenspiels, im Schatten der langen, dichten,
aufgebogenen Wimpern; die Lippen, ohnedies schmal und von energischer
Zeichnung, fest eingepreßt, mit leicht herabgezogenen Winkeln, wo der
Hauch eines für Rassefranzösinnen unerläßlichen Flaums angedeutet
war. Ihr mattes, glanzloses Haar war in einem kunstlosen Knoten am
Hinterkopf aufgeschlungen, mit einer reizvollen Schwere auf den Nacken
herablastend; die in Scheitel geteilten Stirnbanden zeigten einzelne
graue Fäden, den Tribut an ihre ungeleugneten Vierzig.
Jetzt blieb der Schreitende in der Mitte des Raumes halten und sagte
in sanftgedämpftem Tone: »Du sollst dich frei entschließen, Leonie —
deinem Herzen soll keine Gewalt angethan werden —«
Es geschah auf französisch, wie die Gatten oft, besonders in der
Intimität häuslicher Sorgen, in dieser Sprache zu verkehren pflegten.
Diesmal mochte deren Anwendung überdies noch eine Konzession an die
Französin bedeuten: — würde das Opfer, das man von ihr verlangte, in
rauhe, deutsche Barbarenworte gefaßt (Leonies scherzhafte Bezeichnung)
nicht um so brutaler erscheinen?
Keine Antwort vom Kamin her; nur das wie zornig aufgeregte Prasselgetös
der Flammen. Und er fuhr fort, die Stimme zu noch größerer Schonung
zwingend: »Ich möchte nur in aller Ruhe rekapitulieren. Du sollst dich
entscheiden, wann du willst, wie du willst — wir werden dir nicht
grollen — wir begreifen — auch Mariot wird verstehen, wenn auch nicht
gleich — sie wird deine Gegengründe langsam, allmählich fassen lernen,
obgleich es schwer sein mag für ihr blutjunges Herz —«
Er meinte ein Stöhnen vom Kamin her zu vernehmen — wohl auch nur eine
Wirkung der Flammen, als wenn menschliche Stimmen jammerten; hie und da
gab es in dem jungen Holz plötzliche Explosionen, wie das Aufpuffen von
Schüssen. Sie saß immer noch regungslos, in das Geloder starrend, nicht
ein Wimperschlag; das, was lebte in ihrem Antlitz, war das Lichter- und
Schattenspiel des Feuers. Vielleicht hörte sie nicht einmal?
»=Léonie= — =ma chérie= —«
Er trat an ihren Sessel heran, die Hand auf die Rückenlehne stützend.
Eine plötzliche Dunkelheit verfinsterte den Raum, wohl eine mit
Schloßen überladene Wolke, die aus Südwest herangejagt war, eine
gewitterartig unheimliche Stimmung verbreitend; die Scheine und Lichter
des Feuers zuckten und züngelten jetzt über die ganze Zimmerweite hin,
die Kanten der Bilder und Möbel anfachend, und die vielen eleganten
Sächelchen und Japonerien, welche die Liebhaberei der Französin auf
allen Tischen und Konsolen angehäuft, mit glitzernden und funkelnden
Reflexen belebend, bis in das kleine originelle Bibelot-Museum des
Erkers hinein.
»Machst du mir einen Vorwurf, daß ich ihm überhaupt unser Haus
öffnete?« begann er von neuem, »dem Sohn eines alten, liebwerten
Kollegen, in dessen Elternhaus in Königsberg ich so viel Liebes
genossen. Hätten wir bei unsrer weitreichenden Gastlichkeit ihm unsre
Thür verschließen sollen? Gerade ihm — seiner Uniform, da wir andre
bunte Röcke genug an unserm Tische sehen: — eine Berliner Geselligkeit
ohne zweierlei Tuch, ich bitte dich! Du hattest dich daran gewöhnt, du
warst und bist meine tapfre Leonie! Aber gerade ihn auszuschließen,
der unter all der schneidigen Buntheit die Elite vorstellt, einen
Generalstäbler in seinen Jahren! — Das verstehst du nicht so, aber
ich versichere dich, er hat die glänzendste Zukunft, er wird Karriere
machen — die alten Tüchtigen treten ab, den jungen Tüchtigen gehört
die Bahn —«
»Ich achte ihn, ich ahne und schätze seine Tüchtigkeit —« erwiderte
sie zögernd, mit ihrer vom geheimen Weh verschleierten Stimme, ohne den
Kopf nach ihrem Gatten aufzuwenden, die Augen wie fasziniert von der
Flammenhelle. »Ich habe ihn lieb, er ist mir so sympathisch wie irgend
jemand von ihnen allen — ich — ich —«
Sie schüttelte die zusammengefalteten Hände, die sie nicht gelöst
hatte, gegen das Feuer hin, daß die Ringe aufblitzten. »Ah!« entfuhr es
ihr laut und ächzend, wie in einer Verzweiflung.
»Quäle dich nicht —« beruhigte er. »Ich versichere dich nochmals, wir
verstehen! Alle begreifen wir es; niemand, der dir deinen Widerstand
als Verbrechen anrechnet, niemand! — Mariot freilich — nein, aber
auch sie, auch sie nicht!«
»Mein armes, armes Kind —« flüsterte sie dumpf. »Jetzt soll sie für
das Verbrechen ihrer noch ärmeren Mama büßen — O Gott!«
»Wir wollen es nicht so tragisch nehmen. Das bischen Uniform — sollten
wir nicht darüber hinwegkommen? Oder hast du dich verschworen, (er
wollte es mit einem leichten Scherzton versuchen) sie, unsre Einzige,
nur an einen Spanier, oder an einen Brasilianer, etwas, das möglichst
wenig preußisch ist, wegzugeben, wenn dich das Preußentuch so empört —«
»Ich kann nicht! — ich darf nicht! — ich bin es meinem alten Vater
schuldig! — genug, daß seine Tochter das Verbrechen — =pardon!= —
das Verbrechen begangen! — und nun seine Enkelin — das ist zuviel! —
Ich, ich zähle nicht — aber die Meinen! Ich hoffe auf eine Versöhnung
— seit zwanzig Jahren — seit jenem unseligen Frankfurter Frieden
harre ich darauf — es hieße diese Hoffnung kurz abschneiden — für
immer ...«
Sie hob die zusammengefalteten Hände gegen das Antlitz und bedeckte die
Augen mit den geöffneten Flächen. Abermals entfuhr ihr ein quälender
Ächzton.
Er fühlte, daß es grausam wäre, sie jetzt in dieser Stunde mit weiteren
Argumenten zu bedrängen. Sie würde sich beruhigen. Dergleichen Krisen
kannte er, und er achtete sie. Hätte sie leichtsinniger und banaler
das Los ihrer Verbannung tragen sollen, da sie sich doch aus freiem
Entschluß in solche begeben? Hätte sie den dünnen Hoffnungsfaden,
der sie an die Ihrigen und an ihr Vaterland band, mit einem trotzig
herausfordernden Ruck zerreißen sollen? Achtung vor ihrer starken
Heimatliebe, der wir Deutschen doch nacheifern sollten! Pietät vor
dem bittern Kampf, den ihr Herz auszufechten im Begriff ist! —
Übrigens, keine drohende Lebensfrage, die Liebe einer achtzehnjährigen
Geheimratstochter zu einem jungen und stattlichen Hauptmann! — und er
lieh diesem Troste sogar offenen Ausdruck in Form einer Selbstanklage:
»Wir hätten es freilich nicht so weit kommen lassen sollen. Wir
waren blind. Ich sage ~wir~ — was sehen wir Väter zumal? Aber du,
Leonie! Sahst du denn nicht? Musik ist stets gefährlich; auf solchem
vierhändigen Tönespiel vergaukeln sich die Herzen. — Du hast überhaupt
wohl nicht mit einem deutschen Mädchenherzen gerechnet? Bei euch
giebt es keine sogenannte Mädchenliebe, nach euern Romançiers zu
urteilen, ich weiß nicht. Du warst eine hochromantische Ausnahme. Sie
ist eben die Tochter ihrer Mutter, sie hat von dir das französische
Temperament. — Sie thut mir leid, er ebenso — sie lieben sich, diese
leichtsinnigen Herrschaften? Es ist mehr als ein gesellschaftlicher
Flirt. Daß ich so blind war, daß du mich nicht warntest! — Welch
eine Überrumpelung, als Herr von Werthern sich vor einer Stunde bei
mir anmelden ließ und in seiner famosen Art, die stets weiß, was sie
will, um Mariots Hand bat! Keine Spur einer Besorgnis, daß er auf eine
Weigerung stoßen könnte — die Siegesgewißheit seines militärischen
Erfolges! Die beiden Leutchen sind eben einig —«
»Oh!« fuhr sie mit einem leisen Ton der Entrüstung auf.
»Bei euch in Frankreich, Léonie, gilt dergleichen als eine
Ungeheuerlichkeit. Sie werden sich gestern abend auf dem Balle
ausgesprochen haben; er gestand es selber.«
»Laß mich mit ihm reden, Adolf! Laß mich! Ich werde ihm alles erklären.
Er ist loyal. Er wird mich verstehen — er wird — er muß —«
»Und Mariot? — Du kannst versichert sein, daß sie unter Thränen
erklären wird, nicht leben zu wollen, wenn wir nicht .... Nun, auch das
wird sich geben! Aber sei darauf gefaßt, sie hat ganz das Temperament
ihrer Mutter. Verschworst du dich nicht auch desgleichen, damals?«
Er schwieg und begann von neuem auf und ab zu schreiten, ihre
Gestalt und jede ihrer Bewegungen belauernd. Jetzt öffnete sich die
Wolkenschleuse, dichte Schloßenmassen schütteten hernieder und schlugen
mit scharfem Trommelgetön gegen die Scheiben; die ganze Luft von einem
gewaltigen Rauschen erfüllt. Es war fast Nacht; das Reich gehörte den
Kaminflammen. Doch achteten sie beide nicht des Unwetters. Ihre Arme
waren mit gelösten Händen herabgesunken, das sah fast aus wie Ergebung,
doch ihr Kopf schien sich um so energischer aufgeregt zu haben, und
die Augen starrten wieder ins Feuer, ohne einen Wimperschlag. Ein
rotglühender Schein übergoß Gestalt und Gesicht, die Umrisse des Kopfes
hoben sich, von der Fensterseite gesehen, scharfgezeichnet gegen die
Helle ab, ein eigenartig effektvolles Bildnis — hatte er dergleichen
nicht schon einmal gesehen? Oh, es lebte in seinem Gedächtnis wie
eingebrannt, jenes andre, seltsam Gleiche! Ihre Gestalt wie heute,
von dem grellen Flammenschein überloht, dieselbe stolze Haltung,
dasselbe Starren der wundervoll großen Augen. Nur, daß jener Schein
dem brodelnden Glutrachen einer Lokomotivesse entfachte und daß, statt
der Geborgenheit vor den Schloßen da draußen, wirbelnder Schneesturm
des Winters von Anno 70 sie umbrandete, während er mit ihr auf der
Lokomotive durch die Nacht daherfuhr ....
Ein Stück wildpoetischer Romantik in dem gewaltigen, männermordenden
Drama des deutsch-französischen Krieges. Es war in jenen letzten
Novembertagen, da der Kampf um den Besitz von Orleans tobte, das
wichtige, strategische Bollwerk, an dem der Glaube an die Befreiung
Frankreichs zäh angeklammert haftete, auch noch nach den Niederlagen
von Beaune la Rolande und Loigny, die dem Vormarsch der Loire-Armee
unter Aurelle de Paladines ein energisches Halt geboten und die zähen
Verzweiflungsschlachten um Orleans am 2. und 5. Dezember einleiteten.
Es war am Abend des 30. November, als der damalige Reservelieutenant
in einem holsteinischen Regiment, von Wussow, den Auftrag erhielt,
wichtige und eilige Ordres von seiten seines Korpskommandos nach den
Vorposten zu befördern; da die Telegraphenleitungen gekappt waren
und nicht spielten, und ein Depeschenritt durch das unsichere, von
feindlichen Rächerbanden bedrohte Land nicht ratsam schien, so wurde
eine Lokomotive zur Beförderung gewählt. Die Rekognoszierung hatte
zwar eine Fahrbarkeit der betreffenden von Eisenbahnabteilungen
wiederhergestellten Linie ergeben, doch mußte man auch hier auf
rächerische Tücken seitens der Bevölkerung gefaßt sein; die Fahrt war
um so mehr nicht ungefährlich, als man sie ohne die Sicherung durch
Telegraphen und bei völliger Löschung der Lichtsignale ausführen mußte.
Im Begriffe, auf den Bahnhof von P. mit seiner kleinen Eskorte von
Mannschaften das Plateau der Lokomotive zu besteigen, wurde Lieutenant
von Wussow von einer dunkel vermummten Dame angesprochen, deren
Wunsch, mitzufahren, zuerst in dem scharftönenden Auszischeln des
Maschinendampfes nicht sofort verstanden wurde.
»Wieso? — Sie wünschen mitzufahren, mein Fräulein?« Und seine
Überraschung drückte sich noch mehr in dem Blick seiner Augen aus,
als in dem Ton der Worte: — welch ein Augenpaar! Der Pionier, der
in seiner rußgeschwärzten Uniform als Heizer waltete, hatte gerade
die Eisenthür des Feuerraums geöffnet, und der grelle Loderschein
überflutete die Gestalt der Dame: — schlank, elegant, jung, ein
blasses Gesichtsoval, von dem schwarzen spanischen Spitzenshawl
umrahmt, und die Augen mit ihrem eigenartigen Mandelschnitt, die ihn
aus ihren seltsam weiten Pupillentiefen in ihrer feindlich unnahbaren
Kühle trafen; keine Spur einer freundlichen oder bittenden Regung in
dem Antlitz, die ihr immerhin gewagtes Ansinnen unterstützt hätte,
im Gegenteil, zwischen den Brauen standen zwei kurze, senkrechte
Falten eingegraben, die sonst wohl fehlten, die deutliche Signatur des
Preußenhasses.
»Mein Herr, ich bin keine Spionin —« kam es aus dem, wenn er nicht
sprach, festgepreßten Mund; eine Stimme von dunklem, altartigem
Ton, der unter freundlicheren Bedingungen etwas Herzbezauberndes
haben mochte, für solche musikalisch Raffinierte, die sich durch den
Sprechklang einer Stimme überhaupt bezaubern lassen können.
»Oh, ich zweifle nicht —« gab er zur Antwort; nicht ganz seine
Überzeugung. »Aber, was kann Sie, mein Fräulein, zu diesem Wunsche
veranlassen?«
»Eine Bagatelle für Sie, mein Herr, eine Wichtigkeit für mich,
wenigstens für meinen Vater. Ich bin die Tochter des bekannten
Schriftstellers S.« (wir wollen hier die persönlichen Dokumente hinter
Buchstaben verstecken.)
»Ah —« entfuhr es ihm, als ob er den Namen kennte und gar verehrte,
doch nichts als eine Anwandlung der Galanterie, von seiner
kriegsmäßigen Abenteuerlaune angestachelt: eine junge, schöne, elegante
Französin, tapfer und unerschrocken, da sie solches unternimmt ... was
wird er sich weigern?
»Wir sind aus Paris geflüchtet, mein Herr, vor der Einschließung; doch
gelang es uns nicht, bis zu unserm Besitz vorzudringen, da mein Vater
hier in P. erkrankte. Es wäre uns sehr wichtig gewesen, diesen Besitz
zu erreichen, um ihn zu beschützen. Mein Vater ist ein Sammler, Schloß
La Mireille birgt die kostbarsten Kunst- und Bücherschätze, es ist
berühmt deswegen. Wir glaubten es in diesen Tagen schon in Gefahr —«
»Sie können beruhigt sein, mein Fräulein, es wird kein preußisches
Bajonett eines ihrer Bilder zerfetzen, wie es von uns Barbaren heißt,
auch pflegen wir nicht mit kostbaren Inkunabeln einzuheizen —« fiel er
ein, zur Wahrung seiner Preußenehre.
Und in der unwandelbaren Kühle erwiderte sie mit dem Gemeinplatz: »=À
la guerre, comme à la guerre!= Wir möchten hindern, was zu hindern ist.
Da mein Vater nicht transportfähig, meine Brüder bei der Nordarmee
fechten, so habe ich es übernommen, unsre Kostbarkeiten zu schützen.
Ich sah von unsrer Wohnung aus, wie man sich zu der Fahrt anschickte,
und ich habe mich ohne Zaudern auf den Weg gemacht, wider Papas Willen.
Gilt es doch, ihm Beruhigung zu verschaffen. Übrigens handelt es sich
auch um die Bergung höchst wichtiger Familienpapiere.«
»Unsre Fahrt ist nicht ohne Gefahr, mein Fräulein —«
»Ich fürchte mich nicht! — niemand!« setzte sie hinzu, und diesmal
vibrierten die beiden tiefen Fältchen zwischen den Brauen ein wenig.
Ein kurzes, stummes Examen, das sein Blick in ihren Mienen anstellte,
dann die halbdrohende Frage: »Es verhält sich so, wie Sie sagen?«
»Monsieur!« kam es zur Antwort, es klang wie Stahlesklirren.
Auf dies Wort hin seinerseits eine Geste, die sie zum Aufsteigen
aufforderte, mit dem abermaligen Versuch der Galanterie. »Eine I.
Klasse kann ich Ihnen freilich nicht anbieten. Wir fahren gleich ab,
bitte!«
Oben auf dem Plateau, zwischen Tender und Lokomotive wies er ihr einen
Sitzplatz zwischen den Kohlen auf mitgenommenen Decken an, den sie
ablehnte, indem sie sich in die eine Ecke des Schutzdaches schmiegte.
Nachdem die bewaffnete Eskorte eingestiegen, gab er den Pionieren das
Zeichen zur Abfahrt.
Anfangs ging die Fahrt mit einiger Geschwindigkeit. Dann als die
letzten Lichter der Stadt in der Ferne verschwunden waren, begann die
Maschine ihren Lauf zu verlangsamen, denn ringsum, vorwärts, rückwärts
nichts als das schwarze Land, die schwarze Nacht des wolkenbedeckten
Himmels, ein gleichsam schwarzes, unheilbrütendes, alles umhüllendes
Schweigen, alle Signale gelöscht, die Wärterhäuser verlassen, nur der
Schein des Feuers, der von Zeit zu Zeit, wenn die Esse geöffnet wurde,
über Ackerfurchen und dürre Hecken, gefrorene Wassertümpel, einsame
Wegestrecken und schlafende Häuser wie gespenstisch hinhuschte, die
übrige Dunkelheit noch um so tiefer verdichtend. Nun begann es zu
schneien, ein immer stärkeres Gewirbel, das hier, in der sausenden
Fahrt, eine sturmartige Heftigkeit annahm, eine zweite Nacht, die mit
ihrem fort und fort niederflatternden Schleier die andre verdeckte;
selbst die Flocken nahmen außer dem Bereich der Feuerstreifen, wo sie
roten Funken glichen, eine schwarze Färbung an.
Und vorwärts in die Nacht hinein, mit wechselndem Tempo; jetzt war es
nur ein Schleichen, ein vorsichtiges Tasten, als wenn die Maschine
irgend einen heimtückisch über das Geleise gelegten Stamm, oder eine
Ausrenkung der Schienen witterte; ein paarmal, so an den Brücken, wurde
gehalten und die Bahn rekognosziert. Dann aber, wie in neu gewonnener
Sicherheit ging es in einem tollkühnen Gejage wieder los, als schämte
man sich des Zagens; bis auch dieser Ansatz zur Eile wieder erlahmte
und das fast schrittweise Vorwärtstasten wieder begann. Die Dunkelheit
scheint wie ein körperlich zu überwindendes Hindernis; das langsame
Vorwärtsdringen ist wie ein Anstemmen dagegen, und der fort und fort
wirbelnde, tobende und in peitschenden Streifen anwehende Schnee macht
die Illusion dieses Anstemmens fast zur Wirklichkeit.
Wie lange dauerte solche Fahrt? Ihn, den Lieutenant, dünkte sie
viele Stunden lang. Und seltsam, wie er sich ihr Ende nicht einmal
herbeiwünschte — wie er fort und fort so weiterzufahren wünschte —
ein seltsam thörichtes Gelüste, denn sie, deren rätselhafter Bann ihn
zu solchem geheimnisvollen Wunsche stachelte, hatte keinen Blick für
ihn, für niemand von den Prüssiens, die in ziemlicher Enge den schmalen
Raum besetzt hielten. Zweimal hatte er versucht, ein Wort an sie zu
richten, eine Frage, ob sie nicht fröre, ob er ihr ein Glas Wein zur
Stärkung anbieten dürfe. Nichts, kein Wort, nur ein kühl abweisendes
Kopfbeugen. Sie schien unempfindlich gegen die Dunkelheit, gegen den
Schnee, vor dem sie unter dem Schutzdach nur teilweise gedeckt war;
auch gegen die eigenartige Gefahr — ja diese schien sie zu reizen,
und ihm war es, wenn die Maschine zum neuen Vorrasen ausholte, als
umspielte ein ganz unmerkliches Zucken der Befriedigung ihren schön
geschnittenen Mund. Ihre Augen blieben unverwandt durch das runde
Lugfenster nach außen gerichtet, in das unaufhörliche Gewirbel hinein.
Und so war er in ihren Anblick versunken, wie ihn dünkte, stundenlang;
stand und sah und staunte und empfand eine seltsame, schmerzlich süße
Freude, die Blicke an ihrer geheimnisvollen Schönheit zu weiden,
seine Sinne an dem herben Hauch der Tapferkeit zu erquicken, der sie
umwehte und ihr Wesen hinaushob über die gebrechliche Koketterie ihres
Geschlechts. Er hätte viel darum gegeben, ihr den Ausdruck seiner
Bewunderung nur mit einem Worte andeuten zu dürfen — ja nur mit einem
Blick — besonders dann, wenn die Lichtflut der geöffneten Esse sie mit
dem feurigen Mantel umfloß und ihre Gestalt wie in einer überirdischen
Glorie leuchtete. Auch gegen den blendenden Feuerschein schien sie
unempfindlich, nur blieb sie zuletzt nicht mehr ganz so regungslos
starr; jetzt begann sie von Zeit zu Zeit den Kopf um die Eisenkante des
Schutzschirmes vorzubeugen, des scharfen, eisigen Wehens nicht achtend.
Und sie horchte mit gespannteren Augen.
»Herr Lieutenant,« sagte sie plötzlich, »ich bitte Sie, in wenigen
Minuten halten zu lassen! Es ist hier!«
»Aber wieso?« entfuhr es ihm verwundert. Denn nichts als das
Schneegetriebe da draußen.
»Ich höre unsere Hunde. Es ist hier! Bitte!«
Jetzt erst vernahmen die andern durch das Gedröhn und Gerassel und
vieltönige Geräusch des eisernen Ungeheuers ein Gekläff und Geläut
von Hunden. Jetzt war es, als huschte der Feuerschein, das Gestöber
durchdringend, über das steile Dachwerk eines schloßartigen Gebäudes.
»Bitte!«
»Halt!« befahl der Lieutenant. Mit kreischendem Laut stoppte die
Lokomotive.
»Ich danke Ihnen! Sie haben mir — uns (verbesserte sie sich) einen
großen Dienst erwiesen —« Damit raffte sie die Kleider zusammen und
stieg hinab.
»Mein Fräulein —«
Er wollte ihr nach. Er durfte sie doch nicht so in die Nacht hinein ...
Als wenn er ihr dennoch etwas zu sagen hätte — mochte sie es hören
wollen, oder nicht ... Aber fort! Er stand und sah ihre Gestalt durch
das Gestöber dahineilen, immer undeutlicher, bis sie gänzlich in der
Nacht verschwand. Nichts als das Gekläff der Hunde, das jetzt laut
durch die Nacht hallte, von der großen dunklen Masse her, die seitwärts
des Schienenstranges durch den Schnee dämmerte.
»Befehlen der Herr Lieutenant weiter zu fahren?«
»Los!« rief er dem Pionier zu — es klang wie ein Ruf der Befreiung von
dem hexenhaften Bann, von der sinnbethörenden Vision. »Und geben Sie
ein paar tüchtige Sporen!«
Die Maschine nahm einen tollen Anlauf und raste in die Nacht hinein, um
bald darauf in einem von Soldaten wimmelnden Bahnhof zu münden, dem
Ziel der abenteuerlichen Fahrt.
Los — ja los! Doch das Wort erwies sich als ohnmächtig gegen den
Zauber solcher Erinnerung. Immer wieder tauchte das Bildnis ihrer
Erscheinung, in den vibrierenden Glutmantel gehüllt, gaukelnd vor
seinen Sinnen empor, auf dem Marsche, im Schneeschlamm der grundlosen
Wege, im Bivouac, dem schlaf- und feuerlosen, jetzt, während des
Gefechts — da schien es erst recht in seinem Element, wo die
Hornsignale gellten, die Kugeln zischelten, die Erde unter dem Donner
der Geschütze erbebte, und der Tod sich seiner reichen Ernte freute
unter den stürmenden, vom beißenden Pulverqualm umwogten Kolonnen.
Plötzlich aber war es fort, mit jeder Dämmerung seines Bewußtseins
getilgt. Als es dann wiederkehrte, nach einigen Tagen, hatte es die
Gestalt eines gespenstischen Phantoms angenommen, das mit feurigen
Flügeln vor ihm hereilte, da draußen im stöbernden Schnee, während er
mit immer qualvollerer Sehnsucht die Lokomotive zur Eile spornte und
das brüllende »Los! Los!« seines Wundfieberwahns ihn, zur Verzweiflung
der Wärter, bis an die Grenze der Erschöpfung brachte. —
Der Schloßensturm hatte sich ausgetobt, und die Tageshelle rückte vom
Erker aus wieder gegen den Kamin vor, dessen Glüheffekte dämpfend. Da
hallte die Korridorglocke. Erschreckt fuhr Léonie aus ihrem brütenden
Schweigen empor: »Ich bin für niemand zu sprechen!« rief sie. »Adolf,
willst du dafür sorgen?«
»Es ist Mariot,« entgegnete er — »ich kenne ihre Art zu läuten,
frisch, resolut wie ihr ganzes Wesen.« (Das letztere nicht
unabsichtlich).
»Noch nicht!« rief Léonie, die flach übereinander gelegten Hände in
flehender Gebärde zu ihrem Gatten erhoben. »Jetzt noch nicht! — ich
möchte mich besinnen — ich will mich ...«
Und sie stockte, die Hände fielen herab, und ihre Augen wandten sich
wieder dem Feuer zu, es war ein leidenschaftliches Auflodern darin,
und zwischen den Brauen wetterten die kurzen, tiefen Furchen: ein
abermaliges Aufbäumen der Französin in ihr. Mehr als das! In diesen
Minuten flog mit blitzartigem Zickzack all das vor nun zwanzig Jahren
Geschehene an ihr vorüber. Sie wiegte langsam den Kopf, und jetzt
schüttelte sie ihn heftig: »Nein, ich kann nicht! Ich bin entschlossen!
Ich durfte nicht wanken, auch das war ja schon sündhaft — — nein!«
Diesmal gellte das Wort laut durch den Saal. Es war der Axthieb, der in
den jungen Blütenbaum gefahren. Der Geheimrat fühlte, daß es dagegen
für ihn keinen Widerstand geben dürfte. Man sollte sie nicht quälen,
gerade jetzt nicht, da der Mai heranrückte, der den Frankfurter
Frieden gebracht. War es nicht jedesmal um diese Zeit, daß die alten
Zweifel und Schmerzen, ja die geheim gärenden Reuegedanken in ihr mit
oft erschreckender Gewalt wieder auflebten. Und sie sollte jetzt,
gerade jetzt, ihre Zustimmung geben, daß die Enkelin ihres Vaters einen
Preußen ... Nein! Es würde schon so bleiben müssen! »Armes Kind!«
entfuhr es ihm unhörbar. Und lauter: »Beruhige dich nur, Léonie, ich
werde mit Mariot alles besprechen —«
Dann saß sie, die Hände an die Augen pressend, wie gelähmt, und
horchte auf den Klang seiner Stimme im Nebenraum, die berichtete,
entschuldigte, in einen bedauernden, dann zärtlichen Ton fiel und
schließlich ganz verstummte. Vergeblich wartete sie auf Mariots
Antwort: — doch kein Ton ihrer Stimme. Kannte sie ihre Tochter denn
nicht? Mußte sie nicht wissen, daß das Mädchen eine solche Nachricht
mit stummem Stolze hinnehmen werde? — kein weichlicher Ausbruch der
Verzweiflung! — nicht vor anderen!
»Nein« — Würde es unabwendbar, unverrückbar bleiben, dies grausame
Wort? Hatte sich damals, vor zwanzig Jahren, nicht ein andres »Nein«
dennoch in ein »Ja« verwandelt?
Nein! — jenes erste, das die Französin ausstieß gegen die stutzende
Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, da sie an einem
Dezembermorgen die in ein Lazarett verwandelten Säle ihres väterlichen
Schlosses La Mireille durchschritt und auf einem der Lager, in der
Reihe französischer Verwundeter, auf ~sein~ Antlitz stieß. Sie hatte es
wohl erkannt. Wieder, wie in jener Nacht auf der Lokomotive, fühlte sie
die Augen des Preußen auf sich gerichtet, jetzt leidensgroß, wie von
dem Schreck einer fiebernden Vision geweitet, da auch er sie erkannt
haben mußte. Welch ein tückischer Zufallskobold! Welch eine Brutalität
romantischer Verkettung!
Aber wie in einem Zwang willenloser Suggestion erlahmte ihr Zögern, und
sie war an das Bett herangetreten und hatte ihn begrüßt; das, was sie
ihm wie den andern als Herrin des Hauses schuldig war. Stand sie nicht
jetzt im Dienst der Barmherzigkeit, die keine nationalen Stachelzäune
kennt? War sie ihm nicht zu Dankbarkeit verpflichtet? Denn was wäre
aus La Mireille geworden, wenn ihr nicht die Fahrt hierher verstattet
worden, und sie dann nicht durch ihre tapfere Haltung die Schätze des
Schlosses vor den Vandalismen der barbarischen Soldateska, wie sie
meinte, zu schützen vermocht? Heftig hatte der Kampf um La Mireille
getobt, sie war nicht von ihrem Posten gewichen, ja einen Brand, der
auf dem linken Flügel ausbrach und diesen einäscherte, hatte nicht am
wenigsten ihre Energie einzuschränken gewußt.
Dieser Begegnung folgten andere, immer häufigere, besonders später,
da der Verwundete in der Genesung war und sich im milden Sonnenschein
der Touraine auf der Terrasse des Schlosses bewegen konnte. So sehr
das »Nein« in ihrer Brust sich sträubte dagegen. Was geschah denn?
Ein liebenswürdiger, ein hochgebildeter Mann, der das reichste
Verständnis zeigte für die edle Geisteskultur ihres Vaterlandes, und
der dessen Sprache in seltener Vollendung sprach — durchaus nichts
von einem Barbar! An diesen schien sie erst erinnert zu werden, als
er in seiner vollen Montur vor ihr stand, um Abschied zu nehmen. Er
hatte sie wiederholt gebeten, mit ihr korrespondieren zu dürfen, jetzt
wiederholte er die Bitte, nichts als diese, aber sie fühlten beide die
stille Glut verhaltener Leidenschaft, das Weh des Abschiedes durch ihre
Worte vibrieren. Sie fand abermals nicht die Kraft, das »Nein!« über
ihre Lippen zu bringen, während doch ihre Augen, wider ihren Willen, so
jakräftig erglänzten.
Das verbrecherische Geheimnis eines Briefwechsels zwischen einem
Preußen und einer Französin, während gerade die Ihrigen, besonders ihr
Vater, in dem Schmerz und der Entrüstung über den schreienden Hohn
dieses Frankfurter Friedens patriotisch schwelgten! Oft genug war sie
im Begriffe, die geheime Schmach dieser komplottartigen Verbindung mit
einer jähen Entsagung abzuthun — vergeblich!
Da tauchte er plötzlich vor ihren erschrockenen Augen leibhaftig
wieder auf. Es war zu Spaa, wo sich die Familie S. zur Kur befand.
Er war gekommen, um von ihrem Vater nichts Geringeres als ihre Hand
zu erbitten. Alles durfte er für diese Werbung in die Wagschale
legen: seine stattliche Persönlichkeit, seinen Namen, sein Vermögen,
seine bevorzugte Staatsstellung, die zu einer glänzenden Karriere
berechtigte — aber auf der gegnerischen Schale nichts als die beiden
Worte: »Frankfurter Friede,« die der Vater und berühmte Schriftsteller
mit einer gewissen theatralischen Entrüstung zur Antwort einsetzte.
Hiermit wäre wohl der Schluß dieses so romantisch begonnenen Abenteuers
gegeben gewesen, wenn nicht im Winter darauf Herr S. selbst eine
unerwartete Lösung herbeigeführt: eine blendende, reiche Partie, die
er seiner Tochter, als eine feste Abmachung hinter ihrem Rücken,
vorschlug und kraft seiner väterlichen Autorität aufzwingen wollte.
Da geschah es, daß ein andres »Nein« sich in ihrem Herzen aufbäumte
gegen solche Vergewaltigung. Das heilige Vaterland verzeihe ihr das
Verbrechen, wenn sie in dieser grausamen Drängnis wankend wurde und
sich dem geliebten Manne nunmehr auslieferte, allen Hassesvorurteilen
zum Trotz. So lief also in den Dezembertagen von 1871, da jene Kämpfe
um Orleans jährig wurden, eine Notiz durch die Boulevardblätter, die
Tochter des Schriftstellers S. habe sich gegen den Willen der Ihrigen
mit einem Prüssien ehelich verbunden. Welche Blasphemie! Die offenbare
Kirchenschändung, begangen an dem Namen eines der patriotischsten
Schriftsteller etc. etc.
Der Schritt bedeutete für sie die Verbannung; sie hatte seitdem die
Ihren weder wiedergesehen, noch den Boden ihres Heimatlandes betreten.
Zwischen ihr und jenen stand noch immer die Mauer des Frankfurter
Friedens aufgerichtet. Und sie hoffte auf deren Fall, sei es, daß
die Revanche sie im kühnen Wagemut eines Tages gewaltsam umstürzte,
sei es, daß der Großmut des Siegers sie in reuiger Einkehr von
selbst beseitigte, wie sie mit vielen ihrer Landsleute chimärisch
beanspruchte. So hoffte und hoffte sie in ererbter französischer
Selbstverblendung — »=c’est plus fort que moi!=« — man soll und muß
ihr verzeihen! — auch Mariot! —
Jetzt öffnete sich die Flügelthüre, und Mariot erschien auf der
Schwelle. Léonie’s schlankes, stolzes Ebenbild, doch von liebreizender
Frische, mit freien, offenen, hellen Augen, den deutschen Augen ihres
Vaters; auch der vollere Mund zeigte nicht die energische und strenge
Verschlossenheit, die den Lippen ihrer Mutter solch herben Ausdruck
verlieh. Jetzt war das Oval ihrer Wangen von fahler Blässe überhaucht,
und ihre Augen hatten etwas angstvoll Gespanntes, als fürchteten sie,
sich in Thränen zu verraten; ihre Lippen, aus denen die sonst blühende
Farbe gewichen, atmeten halb geöffnet, in verhaltener Erregung.
Langsam näherte sie sich dem Kamin. Langsam erhob sich Léonie, nicht
ohne daß ihre Hand sich tastend auf die Lehne des Sessels stützte.
Dann ruhte der Kopf der Tochter stumm, in zitterndem Schweigen an der
Schulter der Mutter.
»Wirst du mir verzeihen, mein Kind, mein armes Kind?«
»Mutter, wie du beschließest, so ist es — so ist es« — (ein kurzes
Stocken, dann laut und fest:) »so ist es recht, Mutter!«
Die Mutter hatte die Frage in französischer Sprache gestellt;
Mariots Antwort geschah auf deutsch. In Léonies Brust war es wie ein
Zurückzucken. Deutsch — jetzt, in solcher Stunde! Wie hart, wie
abweisend es klang, wie feindlich, trotz der Bedeutung der Worte! Als
wenn sich ein zweiter Friede von Frankfurt plötzlich aufgerichtet
zwischen ihrem Herzen und dem ihres Kindes. —
Vierzehn Tage darauf, an einem Spätmorgen, trat der Geheimrat mit
einem Zeitungsblatt in der Hand an seine Gattin heran, die auf einer
Chaiselongue ruhte, lässig und müde in Journalen stöbernd. Die
Balkonthüre stand auf, wohlig warme Luft strömte herein, die Straße
lag geblendet im lachenden Frühlingssonnenschein, und der Reflex
der goldig-grellen Lichtflut umspielte mit einer gewissen frohen
Deutlichkeit die Gegenstände des Zimmers. Auf dem Balkon sonnten sich
die Stubenpflanzen, die Palmenfächer glänzten in breitem Metallglanz,
die Azaleen standen im leuchtenden Flor, helle Knospenpunkte
schimmerten im jungen hellgrünen Laub. Doch Léonie hatte keine Freude
an diesem Frühlingsweben; es lastete auf ihr wie ein schwerer Alp:
nicht die Nähe des unseligen 10. Mai allein, die auch in anderen
Jahren eine gewisse krankhafte Krise in ihr hervorrief, nein das dumpf
anklagende Schmerzgefühl, daß sie sich ihren Lieben, dem Gatten wie
dem Kinde, entfremdet durch ihr trotzig-beharrliches »Nein«, daß sie
in ihrem eignen Hause eine Fremde geworden, als Französin geduldet
unter den Preußen — ja so war es! Das schonende Benehmen täuschte
sie nicht darüber hinweg. Oh, sie empfand sehr wohl, wie hinter jeder
Liebkosung ihres Gatten der geheime Vorwurf lauerte. Hatte sie nicht
wie erleichtert aufgeatmet, als Mariot, wie beschlossen wurde, nachdem
man die Werbung des Freiherrn von Werthern in aller Form abgewiesen,
zu ihrer Tante nach Schlesien abgereist war? Nun hatte sie nicht mehr
die Anklage der großen, wie im geheimen Weh erstarrten Mädchenaugen
zu bestehen. Hier galt es nicht eine jener flatternden Ballneigungen
durch einen Thränenstrom wegzuschwemmen, nein, Wussow hatte recht, ein
Blütenbaum war niedergehauen worden, da hilft kein tröstendes Anbinden
und Aufrichten ....
Wegen einer Uniform! Fast war es zum Lachen. So sind wir von der hohen
Civilisation; ein Vorurteil, ein Fetzen alter Tradition, eine Phrase,
ein gelltönendes Wort: Revanche, Satisfaktion, Ehre, Standesbewußtsein,
dergleichen vermag bestimmend in unser Schicksal einzugreifen; der rote
Lappen des Frankfurter Friedens stachelt immer wieder von neuem den
Preußenhaß unserer westlichen Nachbarn zum wütenden Koller auf.
Aber durfte sie anders handeln? Durfte sie ihrem alten Vater diese
neue Schmach anthun? Ihm, der gerade jetzt, als die Beschickung der
Berliner Ausstellung durch französische Künstler im Werk war, seinen
chauvinistischen Warnruf in poetischen Trompetenworten =à la= Victor
Hugo hatte erschallen lassen; da ihr älterer Bruder, ein Schlachten-
und Revanchemaler von Ruf, als einer der ersten sich zu dem Gang =à
Berlin= weigerte? Jetzt, gerade jetzt! — arme Mariot, deren Glück
einer Verkettung politischer Zufälle zum Opfer fallen mußte! — daran
klammerte sie sich zum Schutz gegen ihre Selbstanklage. —
»Léonie, ich wollte dich avertieren —« sagte der Geheimrat, »du sollst
nicht überrascht werden. In der Zeitung steht eine gewisse Notiz —«
»Gieb her!«
»Du darfst nicht erschrecken — es handelt sich um deinen Vater —«
»Wieder einen seiner Ausfälle gegen euch Preußen? Gieb!«
»Nicht das. Dein Papa ist krank, er liegt auf Schloß La Mireille
danieder.«
»Tot!« schnellte sie auf.
»Nicht das, armes Herz! Aber wir wollen auf alles gefaßt sein! — komm,
laß dich nicht zu sehr alterieren.«
Sie entwand sich seinem sanft umfassenden Arm: »So will ich hin!
Gleich! Sofort!«
»Oh! Du bist selber leidend. Du willst hin?«
»Er soll nicht sterben, ohne daß er mir verziehen — er darf nicht!
Sofort werde ich abreisen!«
Vergebliches Überreden, sie von ihrem Entschluß abzulenken: die alte
tapfere Art des Jahres 70 schien in ihr von neuem aufgeweckt. Sie
wollte hin, nach Mireille, durch das Verhau von Vorurteil und Haß und
Verblendung, das ihr die Heimat feindlich verwehrte, sich einen Weg
bahnen zu ihrem sterbenden Vater hin, sich das erlösende Wort der
Verzeihung von seinen Lippen erflehen, dann wird alles gut — »auch
hier!«
»Wegen uns mache dir doch keine Gedanken —« wehrte er.
»Ich wünsche, daß auch hierin etwas entschieden werde —« sagte sie
mit dumpfem Starren. Und das andere nur hingemurmelt: »Ich wünschte zu
wissen, wo ich hingehöre ...«
Was meinte sie damit? Man muß sie gewähren lassen! Er dachte an ihre
That von damals, ein ermutigendes Wort wäre eine Herabwürdigung
gewesen; seine Begleitung, die er ihr für ein paar Reisestunden
wenigstens, angeboten, lehnte sie ab: es wäre besser, daß sie allein
mit ihren Gedanken sei. So half er ihr auf dem Bahnhof in ein Coupé
erster Klasse, das die Bezeichnung ›Berlin-Köln-Paris‹ trug, (den
andern kürzern Weg über Frankfurt hatte er absichtlich ausgeschlossen)
stand und winkte, während der Zug in der Wolke selbsterzeugten
Dampfes mit steigendem Rasseln hinglitt, nach dem Coupéfenster hin,
wo ihre hohe Gestalt aufgerichtet hielt, nur mit einem ganz leisen
Neigen ihres fahlblassen, tiefernsten Antlitzes seinen Abschiedsgruß
erwidernd. Immer noch stand er, da der Zug längst entschwunden. Was
war das für ein seltsamer Gedanke, der sein Herz wie mit eiskalter
Hand umkrampfte? Wenn sie nicht mehr wiederkehrte ... ist sie
doch gegangen, sich Entscheidung zu holen, wo sie denn hingehört!
Unsinn! Für einen Königlichen Vortragenden Rat im Finanzministerium
ein ganz berufswidriger Gedanke! Wie kam er dazu? Und während er
seltsam schnell mit den Augen zwinkerte, als gälte es dort etwas zu
unterdrücken, lachte er halblaut auf. —
Am neunten Tage nach diesem stand er abermals auf dem Perron, um sie
nach ihrer Rückkehr in Empfang zu nehmen. Er hatte während der ganzen
Zeit nur ganz knappe Nachrichten von ihr erhalten, Depeschen, in der
Hast hingeworfene Zeilen, Geschäftliches, ihre Rückreise und Ankunft
betreffend. Ihr Vater war der heftigen Lungenentzündung erlegen,
die Zeitungen brachten Nekrologe und das übliche kritische Resumé
seiner litterarischen Bedeutung, die Franzosen betrauerten aufrichtig
den Verlust eines großen Patrioten. Von ihr war ihm keine Andeutung
zugekommen, ob sie ihn noch lebend angetroffen und den Zweck ihrer
Reise, seine Verzeihung, erwirkt. Er war sehr erregt, wieder in völlig
berufswidriger Weise, als er jetzt ihrer in schwarzen Krepp gehüllten
Gestalt aus dem Coupé half und sie dann in stummer Umarmung an seine
Brust preßte. Ihren Zügen war die ausgestandene Leidenszeit aufgeprägt;
sie schien gealtert und ihre Wangen abgehagert; war es nur eine
Täuschung, daß beim Zurückschlagen des langwallenden Schleiers die
Scheitelwellen ihres Haares im deutlichen Grau erschimmerten?
Für jetzt nur die wenigen, halbgestammelten Worte, die solchen
Empfang zu begleiten pflegen. Doch die eine Frage, die deutlich ihre
Seelenverfassung erraten ließ: »Mariot? Ist gute Nachricht von ihr
da?« Mit solch vibrierender Bangnis schienen die Worte ausgepreßt.
»Ich danke. Sie scheint wohl — Du findest einen Brief von ihr
vor. Lieb wie immer — — Wir wollen den Diener mit deinen Sachen
vorausfahren lassen, ist dir’s recht, Léonie?«
Erst als sie im Wagen saßen, kam die Antwort auf diese Frage »Ach ja,
Luft! Ich atme auf. Laß uns einen Umweg durchs Grüne machen!«
Er befahl dem Kutscher, einen größeren Umweg durch den Tiergarten zu
nehmen. Es war ein wunderschöner Frühlingsabend. Vor den beiden Cafés
am Potsdamer Platz wimmelte es von Gästen, auf den Trottoirs davor
war ein lebhafter Begehr nach grellbunten Blumen; die herrlichen
Linden der beiden Platzsquares standen in leuchtendem Grün, die
antikisierenden Wachttempel überragend; fernhin verduftete der Prospekt
der Leipzigerstraße im rosigen Dunst, selbst das hastende, rasselnde
Verkehrsleben schien von einer festlichen Verklärung überhaucht. Sie
fuhren durch die Bellevuestraße, unter dem dämmernden Schattendach der
strotzend belaubten Kastanien, an denen die Kandelaberkerzen der weißen
und roten Blüten eben aufgesteckt waren; in den Vorgärten waltete
der Wetteifer, welcher den andern in der Pracht seines Blumenflors
überböte, eine Frühlingsspezialität dieser stimmungsvollen Avenue.
»Wie schön es hier ist — bei euch —« entfuhr es flüsternd Léonies
Lippen. »Ach die Luft!«
Wiederholt atmete sie in vollen erquickenden Zügen, als wenn sie von
einem herzbeklemmenden Druck befreit werde.