Als der Bergbau immer mehr zurückging – die Ausbeute betrug in mehr
als zweihundert Jahren von 1525 bis 1727 nur sechzigtausend, also
jährlich etwa dreihundert Speziestaler – mußte er, um den Einwohnern
nur etwas Nahrung zu bieten, durch Flachsspinnerei und Strohflechterei
ersetzt werden, bis endlich im Jahre 1845 _Ferdinand Adolf Lange_
aus Dresden hier die jetzt weltberühmte _Uhrenfabrik_ und zugleich
mit Unterstützung des Staates eine _Uhrmacherschule_ gründete. Der
Grundsatz, den Lange in seinen Betrieben durchführte und in Glashütte
einbürgerte, war der, durch sorgfältige Arbeitsteilung Spezialisten
für die einzelnen Zweige der Uhrenerzeugung heranzubilden und diese
wieder zu Höchstleistungen in zuverlässigster Arbeit (sogenannter
Präzisionsarbeit) zu erziehen. In mühevollem, auch für andere Zweige
der Industrie vorbildlichem Ringen ist dieses Ziel allmählich erreicht
worden – und so gesucht waren die Glashütter Erzeugnisse, daß weder
der Weltkrieg noch die ihm folgenden Zeiten des Niedergangs einen
Stillstand der Glashütter Industrie herbeiführten. Während anderwärts
jede Bautätigkeit stockte, stiegen hier auf dem Felsengrunde der
Talränder die eindrucksvollen Steinbauten für neue Arbeits- und
Lernstätten empor, die nun im Verein mit der Sternwarte der »Urania«
das ganze Stadtbild beherrschen. Schon vor dem Weltkrieg lieferte
die Fabrik Lange & Söhne alljährlich fünftausend Taschenuhren auf
den Weltmarkt, schon damals waren ihr mehrere große Unternehmungen,
die gleiche Ziele verfolgten, zur Seite getreten. Zwei andere
Fabriken liefern genaugehende Pendelwanduhren und Schiffschronometer.
Außerdem gibt es besondere feinmechanische Werkstätten, in denen
die zu den Taschenuhren gebrauchten Unruhen und Lagersteine, aber
auch Rechenmaschinen aller Art und die feinsten Meßinstrumente
hergestellt werden. Ausgangspunkt der allgemeinen Kenntnisse und
Einsichten, die zur Bedienung aller dieser feingewerblichen Betriebe
unerläßlich sind, ist die staatliche Uhrmacherschule, die soeben
ihr neues Gebäude bezogen hat. Selbstverständlich hat das schnelle
Wachstum der Glashütter Feinindustrie auch unerwünschte Folgen gehabt.
Die ländliche Bevölkerung der bei Glashütte liegenden Dörfer ist
durch die Anziehungskraft, die die Uhrenstadt durch höhere Löhne
und scheinbar bessere Lebensbedingungen ausübte, in weitem Umkreise
wurzellocker geworden. Anderseits hat die Glashütter Baubank, von der
Stadtverwaltung und den Arbeitgebern unterstützt, schon eine größere
Anzahl von Familienwohnungen und ein Ledigenheim von zweiundvierzig
Betten gebaut und wird noch weitere Neubauten errichten. So zeigt
Glashütte unter den kleinen Städten des östlichen Erzgebirges zurzeit
wohl die rascheste Entwicklung und das kräftigste Aufstreben. Nur ist
nicht mehr die Förderung der Metalle und Edelsteine aus den Tiefen
der Schächte das Ziel der emsigen Tätigkeit, sondern ihre immer mehr
verfeinerte Bearbeitung und Zusammensetzung zu Maschinen, die, wie die
Taschenuhren, den Menschen als getreue Regler seiner Tätigkeit durch
das Leben begleiten, oder gar, wie die geheimnisvollen Rechenmaschinen,
ihm als Gehilfen und Erleichterer seiner Denkarbeit dienen.
[Illustration: Abb. 17 =Blick in das Müglitztal= mit Glashütte von
Norden
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von
Weicker und Wiese)]