Mit der ersten Besiedelung unseres Heimatlandes hat eine auch
heute noch anhaltende Verschiebung in der Bodennutzung eingesetzt.
Die zunehmende Besiedelungsdichte und der hieraus sich ergebende
wirtschaftliche Zwang haben den von der ursprünglichen Vegetation
eingenommenen Raum zugunsten der Kulturgewächse immer kleiner werden
lassen. Die Befürchtung, in unserem hochkultivierten Sachsenlande drohe
die Zeit herbeizukommen, in welcher von natürlichen Pflanzenformationen
überhaupt nicht mehr die Rede sein könne, hat seine volle Berechtigung.
Es ist ein Stück Kulturgeschichte von ganz besonderer Bedeutung,
wenn sich dem Kundigen der unaufhaltsame, eherne Gang kultureller
Fortentwicklung in der zunehmenden Verarmung unserer Heimatnatur
offenbart. Und wenn heute in den schicksalsschweren, dunkelumhüllten
Gegenwartstagen die letzten grünen Inseln ursprünglicher Natur im
brandenden Kulturmeere, dem gewaltigen Drucke wirtschaftlicher
Not zum Opfer zu fallen drohen, wenn die zunehmend in Erscheinung
tretende Gepflogenheit, alle Naturprodukte in Geldeswert umzusetzen,
das Schicksal ererbter und von Generationen gehüteter Zeugen
erdgeschichtlicher Entwicklung besiegeln, dann wird auch im
Sonnenschein späterer Zeiten opferbereites, emsiges Schaffen kommender
Geschlechter, nicht mehr das Verlorene ersetzen können.
Die Schwierigkeiten, welche sich dem Bestreben, einzelne Naturobjekte
oder räumlich beschränkte Landschaftsteile als Standorte seltener
oder charakteristischer Pflanzen, als Zufluchtsstätten bedrängter
und bedrohter Tiere oder als Dokumente aus weit in der Vergangenheit
zurückliegenden Entwicklungsperioden der Erdoberfläche zu
erhalten, sind heute außerordentlich groß. Sie vervielfachen sich
mit dem zunehmenden Umfange solcher Schutzgebiete und werden
fast unüberwindlich, wenn größere Landesteile aus pflanzen- und
tiergeographischen oder geologischen Gesichtspunkten heraus, als
einheitliche Naturschutzgebiete angesehen werden müssen.
Ein solches Gebiet ist das _östliche Erzgebirge_. Hier häufen sich
die einzelnen, des Schutzes bedürftigen und der Erhaltung würdigen
Naturobjekte botanischer, zoologischer und geologischer Art in so
reichem Maße und stehen in so innigen Beziehungen zueinander, daß ein
wirksam durchgeführter Naturschutz sich auf das ganze Gebiet erstrecken
muß.
Alle Kenner wußten es längst, daß das östliche Erzgebirge der
an Umfang bedeutendste Teil unseres Heimatlandes ist, welcher
trotz ausgedehntester Bodenkultur noch eine der Ursprünglichkeit
nahekommende Pflanzendecke, mit vielen sonst sehr gering verbreiteten
und blütenschönen Arten trägt. Auch der Tierwelt ist das östliche
Erzgebirge an einigen Stellen eine sichere Herberge geblieben, wo sich
ihre der Kultur ausweichenden Vertreter im Haar- und Federkleide bis
heute erhalten konnten[1]. Welche Bedeutung aber diesem Teil unseres
Vaterlandes als Zeugengebiet erdgeschichtlicher Vergangenheit zukommt,
hat Professor Dr. Wagner an anderer Stelle eingehend behandelt.
[Illustration: Abb. 1 =Geschützte alte Hauslinde in Oelsen= Besitzer
Gutsbesitzer Martin Böttger in Oelsen