(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von
Weicker und Wiese)]
Aber sie erschöpfen das Gesamtbild des Erzgebirges nicht. Wir müssen
unsern Standpunkt wechseln, um noch eine Wesensseite kennen zu
lernen, die dem schönheitsuchenden Wanderer gerade am reizvollsten
erscheint: die _tiefeingeschnittenen Täler_ des Nordhanges. Als
der Gebirgssockel sich in geologisch nicht weit zurückliegender
Vergangenheit erneut schräg stellte, als die Flüsse ihre Sägearbeit
verstärken konnten, da fraßen sie sich – vom Unterlauf angefangen
– allmählich bergwärts in die alten felsigen Talmulden ein. Die
Kammregion ist von dieser wiederbelebten Talbildung noch nicht
erreicht worden – daher oben die flachen Formen. Aber von der
Aussichtswarte des Lauensteiner Schlosses, von der Felsbastion bei
Bärenstein, vom Schlosse Kuckuckstein schaut man hinein in jene
prächtigen Täler. Und jeder Wanderer benutzt ihre vielgewundenen
Talstraßen, freut sich des rauschenden Wassers, der schattenspendenden
Waldhänge, der schroffen Felsnasen, die eine Gebirgslandschaft
vortäuschen – viel wilder und zergliederter, als sie der Aufstieg zum
Talrande dann darbietet. Denn auch in diesen nördlichen Teilen des
Erzgebirges überwiegt der Charakter der Rumpfebene durchaus. Selbst
das »_Elbtalschiefergebirge_«, jene östliche Grenzlandschaft des
Erzgebirges mit ihren rasch wechselnden Streifen alter Schiefergesteine
und ihren vielgewundenen Felsentälern (Bahre, Seidewitz, Müglitz),
zeigt auf seinen Höhen zwar einige langgestreckte Härtlingsrücken aus
Kieselschiefer, Quarzfels, Porphyr, Grünstein, sonst aber das gleiche
Bild einer sanft absinkenden Hochfläche wie das Kammgebiet.
[Illustration: Abb. 12 =Zinnwald und Georgenfeld.= Streusiedelung auf
der Hochfläche
(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von
Weicker und Wiese)]
Tief hat der Mensch seine Spuren der erzgebirgischen Landschaft
eingeprägt. Durch das einst undurchdringliche Wald- und Moorgebiet zog
er seine Straßen vom Meißner- zum Böhmerland. Rodend drang er vor;
Germanen und Slawen versuchten die Wildnis zu besiegen. Der deutsche
Ackerbauer baute seine Waldhufendörfer hinein; der Bergmann grub nach
Schätzen. Eisenhämmer dröhnten in abgelegenen Waldwinkeln; sie wurden
die Urahnen einer reich entwickelten Gewerbetätigkeit, die uns heute
entgegentritt in den kleinen Städten des Gebietes, wie in den oft
volkreichen Dörfern. Man kann sich das Menschenwerk nicht wegdenken
aus dem Landschaftsbild – im Erzgebirge am allerwenigsten. Denn es ist
längst keine Wildnis mehr, sondern ein Kulturgebiet ersten Ranges, ein
Land, das Hunderttausenden Arbeit und Brot bietet, ein Land, reich an
Schönheit – Wanderziel und Stätte des Ausruhens dem einen, dem andern
die treugeliebte Heimat!
[Illustration]