1. Chinesen.

Der Verkehr zwischen China und den Philippinen muss in das frühe

Mittelalter hineinreichen, denn schon 1372 wird in chinesischen

Werken--und zwar in dem Buche Ming-tsche--erwähnt, dass eine

Gesandtschaft von Liú-sung, d. i. Luzon, in China angelangt wäre, und

dass schon vor diesem Zeitpunkt Sulu in Intervallen von fünf zu fünf

Jahren Tribut nach Amoy gesandt hätte (Ilustr. del Oriente 1877, n. 12,

p. 10). Man hat auch in Visayergräbern, welche aus einer Zeitperiode

lange vor der Conquista herstammen, bunt gemalte chinesische Schüsseln

gefunden (Jagor 209). Der Handelsverkehr zwischen China und den

Philippinen muss später stark zurückgegangen sein, denn als Don Miguel

Lopez de Legazpi 1565 in den Visayern anlangte, da erfuhr er daselbst,

dass die chinesischen Schiffe nur Luzon besuchten (Fr. Gaspar de

S. Augustin, p. 95 f.). Die ersten Chinesen trafen die Spanier 1571 bei

Mindoro, und die freundliche Behandlung, welche ihnen zu Theil wurde,

bewirkte, dass im folgenden Jahre drei Dschunken in Manila erschienen

(Fr. Gaspar 251). Von da an fand ein regelmässiger Verkehr zwischen

ihnen und den Spaniern Statt, die Zahl der chinesischen Schiffe wuchs

mit jedem Jahre, und dieses freundliche Verhältniss erlitt selbst keine

Trübung, als 1574 der chinesische Piratenkönig Limahon drei Mal Manila

angriff, welches nur durch die Energie und Tapferkeit des ritterlichen

Salcedo vor dem Untergange gerettet wurde. Erst 1575 gelang es Salcedo,

Limahon aus dem Golfe von Lingayen, wohin er sich nach der Niederlage

von Manila zurückgezogen hatte, zu verjagen. Erst im Jahre 1585 wird

erwähnt, dass in Manila eine Niederlassung von chinesischen Krämern,

Sangleyes genannt, existire, und zwar zählte selbe über 1000 Köpfe

(Brief des Bischofs Salazar in den Cartas de Indias, Fol. 640). Sie

handelten mit chinesischen Waaren und waren ferner Fischer, Gärtner,

Handwerker, Apotheker (!) und Maler. Schon damals mussten die

Chinesen Abgaben entrichten, denn in dem Decrete, mit welchem 1588

Philipp II. sämmtliche Angelegenheiten der neuen Colonie regelte,

wird die Hälfte der Abgaben, welche von den Chinesen gezahlt wurden,

dem Municipium der Stadt Manila als Einnahme zugewiesen (Fr. Juan de

la Concepcion II, 132).

Die Ermordung des Gouverneurs Gomez Perez Dasmariñas durch die

chinesische Bemannung seines Admiralschiffes (1593) flösste zuerst

Misstrauen gegen die Sangleyes ein, bis dann im Jahre 1603 in Manila

die Chinesen, welche bereits 30 000 Seelen zählten, sich gegen

die Spanier erhoben. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, 23 000

Chinesen waren auf dem Schlachtfelde gefallen oder am Richtplatze

gestorben. Trotzdem waren 1605 16 000 Chinesen wieder im Parian

(Ghetto und Bazar) von Manila angesiedelt, deren Zahl im Jahre 1639

bis auf 40 000 angeschwollen war (Fr. Gaspar, 374). Im November dieses

Jahres erhoben sich die Chinesen von Neuem, gerade in einer Zeit,

wo die Spanier mit Holland und den Sultanen von Sulu und Mindanao

im Kriege lagen. Erst im März 1640 wurde der Aufstand bewältigt,

nur 7000 Chinesen überlebten das Ende desselben. Die spanischen

Behörden liessen sich durch diese Vorfälle zu keinem Verbote der

chinesischen Einwanderung bewegen, und so verbreiteten sich dieselben

in allen Provinzen. Einzelne Chinesen nahmen Antheil an dem Aufstande

der Pampangos vom Jahre 1660, dadurch wurde die Erbitterung gegen

sie allgemein. Als bald darauf der König Kogseng von Formosa den

Gobernador Manrique Lara mit Krieg bedrohte, erhoben sich neuerdings

die Chinesen Manila's, wurden aber besiegt und die Überlebenden,

ausgenommen die Christen, ausgewiesen. Die Chinesen-Einwanderung

nahm zwar geringere Dimensionen an, hörte jedoch nicht auf. Um

der Gefahr eines nochmaligen Aufstandes zu begegnen, ordnete ein

kgl. Erlass vom 17. Juni 1679 an, dass alle heidnischen und die

ledigen christlichen Sangleyes Manila's in dem ihnen zugewiesenen

Parian oder Ghetto, die verheiratheten aber in den Vorstädten Binondo

und Santa Cruz sich niederlassen sollten. Auch die in den Provinzen

lebenden Chinesen sollten womöglich in besonderen Quartieren vereinigt

werden. Diese Verordnung scheint nicht befolgt worden zu sein, oder

es haben vielleicht die Colonialbehörden Vorstellungen beim Rathe von

Indien dagegen erhoben, denn sie wurde am 14. November 1686 neuerdings

erlassen. Als 1709 der kühne Eroberer von Verapaz, der Graf Lizarraga,

Gouverneur der Philippinen wurde, vertrieb er alle Chinesen, welche

nicht im Dienste der Regierung standen oder sonst für Gewerbe und

Industrie unentbehrlich waren. 1721 plünderten sieben chinesische

Dschunken in den Calamianen, sie wurden zwar von den Spaniern genommen,

auch waren die Sangleyes von Manila an dem Vorfalle unschuldig, aber

man begann sie immer argwöhnischer zu beobachten, zumal ihre Zahl im

steten Wachsthum begriffen war.

Man suchte nun durch hohe Auflagen die unentbehrlich gewordenen

Chinesen von massenhafter Zuwanderung abzuschrecken, im Jahre 1732

allein trug die Licenzengebühr, welche die chinesischen Krämer für

die Ausübung ihres Handels zahlten, 24 000 Dollar dem Staatsschatze

ein, abgesehen davon, was die mit der Chinesenaufsicht betrauten

Organe unterschlugen. 1745 verbreitete sich in Manila das falsche

Gerücht, die Chinesen wollen die Spanier niedermetzeln, weshalb man

eine grosse Anzahl Verdächtiger auswies. Bereits 1747 war ein Decret

erlassen worden, welches alle heidnischen Chinesen von den Philippinen

verbannte, erst 1757 wurde es aber ausgeführt und zugleich der Handel

mit China durch Erlass einer Anzahl Verordnungen geregelt. Die

meisten der aus Manila vertriebenen Chinesen, 4000 an der Zahl,

wanderten nach Sulu aus. Obwohl 1759 neuerdings Ausweisungen vorkamen,

so war bereits 1762 der Parian wieder stark bevölkert. Als die Briten

Manila's sich bemächtigten, schlossen sich die Sangleyes ihnen an und

fochten gegen die Spanier, weshalb der spanische Generalissimus Anda

alle in den Provinzen lebenden Chinesen aufknüpfen liess. Als 1763

die Briten Manila räumten, zogen auch die Chinesen ab, und eine kurze

Zeit hindurch gab es keine Chinesen auf den Philippinen. Da sie aber

unentbehrlich geworden waren, so gestattete man ihnen wieder, sich

niederzulassen. Der Gobernador Basco (1778-87) suchte durch die Anlage

eines neuen Chinesenviertels den Handel Manila's noch mehr zu heben,

stiess aber dabei auf so heftige Opposition, dass er den Gedanken

aufgeben musste. Dagegen gründete er bei Candava eine Ackerbaucolonie

von 200 christlichen Chinesen (Diaz Arenas 114), doch ging selbe

unter seinen Nachfolgern ein. 1790 richtete der Gouverneur Marquina

ein Gesuch an den Hof, in welchem er die Erlaubniss unbeschränkter

Importation und Einwanderung von Chinesen verlangte. In Madrid aber

erneuerte man 1804 die alten Ausweisungsdecrete, nur die verheiratheten

Chinesen und jene, welche mit der Bebauung des Landes beschäftigt

waren, durften bleiben. Bei Gelegenheit der Cholera-Epidemie im

Jahre 1819 fand wieder ein grosses Chinesenmassacre Statt, welches

die ausgerückten Truppen nicht zu hindern vermochten. 1828 wurde das

Steuerwesen und die Selbstverwaltung der Chinesen und Chinesengemeinden

neu regulirt, ebenso 1839 Anordnungen getroffen, um die Ertheilung der

Licenzen für chinesische Krämer zu reformiren. Die weisen Maassregeln

wurden durch ein Gesetz im Jahre 1843 vervollständigt, von nun an

sollten die chinesischen Schiffe im Hafen- und Zoll-Verkehr den übrigen

ausländischen gleichgestellt werden. 1850 erliess die Colonialbehörde

ein Decret, welches vor Allem die Einwanderung chinesischer Ackerbauer

und Feldarbeiter befördern wollte, es blieb jedoch ohne ein Resultat.

Die Chinesen, welche nach Manila kamen und kommen, waren und sind

entweder Krämer oder Handwerker, es giebt nur wenige Ackerbauer

und Feldarbeiter unter ihnen, so 1867 unter 20 293 nur 425

Ackerbauer. Diess ist um so merkwürdiger, als die Leyes de Indias nur

die Niederlassung von ackerbautreibenden und Dienerstellen einnehmenden

Chinesen gestatten (Cañamaque, Recu. I, 278; Scheidnagel 71). Nach

Jagor (Reisen 274) hindert sie die Feindseligkeit der Indier daran,

welche den Chinesen mit grimmigem Hasse und Neide begegnen [41]. Nach

einigen Werken (Cañamaque, Recu. I, 202; Scheidnagel 70) ist die

Einwanderung chinesischer Frauen gesetzlich untersagt, es muss aber

wohl ein Irrthum der resp. Verfasser oder eine Nachlässigkeit der

Behörden vorliegen, denn nicht allein Dr. Jagor (Reiseskizzen 227)

erwähnt die Anwesenheit derselben; nach den statistischen Angaben in

Cavada (I, 373, II, 339) lebten 1870 unter den 23 242 Chinesen der

Philippinen 193 Frauen.

Die Chinesen pflegen sehr jung nach den Philippinen zu kommen, wo sie

zuerst bei einem reich gewordenen Landmanne als Commis oder Lehrling

einzutreten pflegen. So lange er die spanische oder tagalische Sprache

noch nicht erlernt hat, beschäftigt sich der Neuling lediglich mit

Handlanger- und Packer-Arbeiten. Hat er sich hinreichende Sprach- und

Geschäftskenntniss erworben, dann beginnt er mit dem Hausirhandel, um

sich dann später einen Laden einzurichten. In verhältnissmässig kurzer

Zeit hat sich der betriebsame Zopfträger ein kleines Capital erworben,

mit dem er sich in die Heimath zurückzieht. Der gesammte Kleinhandel

ist in ihren Händen vereinigt, "den Aufkauf der Colonialproducte

in den Provinzen für die Ausfuhr theilen sie etwa zur Hälfte mit

Indiern und Mestizen" (Jagor, Reisen 274). In jedem grösseren Pueblo

ist wenigstens ein Chinese anzutreffen. Über die Zahlungsfähigkeit

ihrer Kunden sind sie stets gut unterrichtet (Ilustracion 1860,

n. 14, 158). Alle Handwerke werden von ihnen betrieben, selbst das

unedle Gewerbe der Kurpfuscherei und Charlatanerie findet unter ihnen

zahlreiche, vielgesuchte Vertreter (Buzeta, I, 20).

Da die spanischen Gesetze nur christlichen Chinesen gestattet zu

ehelichen, und die Aufmerksamkeit der Geistlichkeit Concubinate

unmöglich macht oder wenigstens sehr erschwert, so lassen sich viele

taufen, sobald sie einen "guten" Pathen finden. Die Abschliessung

einer Ehe hindert aber den Chinesen nicht, sobald er ein Vermögen sich

erworben, Weib und Kinder im Stiche zu lassen und in sein Vaterland

zurückzukehren, weshalb die Indierinnen, wenn sie mit einem Chinesen

eine Ehe eingehen wollen, sich ein Capital sicherstellen lassen.

Die Chinesen der Philippinen theilen alle Laster ihrer Nation,

insbesondere huldigen sie übermässigem Genusse des Opiums, welcher in

den bekannten Opiumpfeifen geraucht wird. Nur den Chinesen gestattet

die spanische Regierung den Genuss dieses gefährlichen Reizmittels,

für welche Erlaubniss sie eine Abgabe zahlen müssen, welche für 1877

auf 2 345 340 Reales de vellon veranschlagt wurde (Illustration de

l'Oriente 1877, n. 3, p. 9).

Wo die Chinesen in grösserer Anzahl vorhanden sind, wie in

Manila-extramuros, bilden sie autonome politische Gemeinden, welche

nach Art der Indier-Pueblos gegliedert sind. Sie zahlen einen bedeutend

höheren Tribut als die Indier, und 50 Tributzahler bilden auch hier

eine Cabecería, deren Tribut der Cabecilla del Tributo oder Champan

einzunehmen hat. An der Spitze der Gemeinde steht der Gobernadorcillo

oder Capitan, dessen Amtsgehülfen der Teniente, Alguacil mayor und

die Bilangos (gleich den Jueces der Indiergemeinden) sind. Die Wahl

dieser Magistratspersonen erfolgt in derselben Weise, wie jene der

Indiergemeinden. Der Gobernadorcillo, der Teniente und der Alguacil

mayor müssen immer Christen sein.

Was die Zahl der Chinesen anbelangt, so betrug sie:

1585 1 000 Seelen

1603 30 000 Seelen (in Manila allein)

1639 40 000 Seelen (nach Fr. Gaspar, nach Anderen nur über

30 000)

1815 5 000 Seelen allein in der Provinz Tondo

1828 5 708 Seelen davon in der Prov. Tondo (Manila) 5279

1830 8 640 Seelen

1834 5 000 Seelen

1836 9 038 |

1837 10 168 |

1838 10 877 | Seelen allein in der Prov. Tondo

1839 11 575 |

1840 5 729 |

1842 10 000 Seelen

1847 5 736 | allein in der Prov. Tondo

1848 7 422 |

1849 9 331 Seelen

1850 9 158 Seelen nach Diaz Arenas

9 901 Seelen nach Buzeta und Bravo

1870 23 242 Seelen

1876 30 797 Seelen

1880 ca 20 000 Seelen in Manila allein.

Versuch einer Ethnographie der Philippinen · 第 68 / 80 题