37. Visayer (Visayas) [31].

Die Visayer bewohnen alle jene Inseln, welche südlich von Luzon,

Masbato, Burías, Ticao und Mindoro und nördlich von Borneo, Sulu

und Mindanao liegen. Auf letzterer Insel wird von ihnen auch die

ganze Nord- und Ostküste bewohnt, jedoch streng genommen nur an der

Küste. Im südlichen Theile von Palawan (Paragua der Spanier) scheinen

andere Malaien bereits zu wohnen.

Die Visayer-Sprache zerfällt in die Dialekte von Cebú, dem

eigentlichen Visayer-Dialekt und jenem, der auf der Gruppe der

Calamianen und Cuyos-Inseln gesprochen wird. Eine Unterabtheilung

des Visayer-Dialektes sollen wieder der Dialekt von Süd-Panay, das

Panayano, ferner der Dialekt von Capiz sein, doch widersprechen sich da

die Nachrichten, und da ich der Visayer-Sprache unkundig, so will ich

darüber hinweggehen. Nach ihren Sitten und Bräuchen zerfallen sie in

die eigentlichen Visayer, in die Caragas und Calamianen incl. Coyuvos.

a) Visayer im engeren Sinne des Wortes. Diese bewohnen die Inseln

Panay, Romblon, Tablas, Masbate (sporadisch neben den Vicols), Negros,

Cebú, Bóhol, Sámar, Leyte, den Surigao-Archipel und die Landschaft

Dapitan der Provinz Misámis auf der Nordküste von Mindanao. Auf dem

übrigen Theil der Nordküste von Mindanao (Misámis, Iligan, Cagayán und

Butnan) wohnen zwar auch Visayer, aber sie sind mit den eingeborenen

Stämmen sehr stark vermischt, doch bleibt ihre Sprache dort die

herrschende. Am Meerbusen von Davao sind viele Visayer angesiedelt,

welche die Spanier seit dem Jahre 1848, wo sie jenes Land occupirten,

dorthin gebracht haben. Die Visayer sind nicht so weit im Archipel

verstreut, wie die intelligenteren Tagalen, doch finden sich welche,

meist Fischer, selbst auf den Babuyanen, besonders auf Camiguin [32]

(Mas, pobl. 42). Die Visayer der Küstendistricte sind alle Christen

und civilisirt, im Innern dieser Inseln leben sie aber als halbwilde

Heiden, welche von jenen Visayern abstammen, die sich den Spaniern

nicht unterwerfen wollten, und welche durch Remontados immer neuen

Zuschuss erhielten und zum Theil noch erhalten. Ich werde zunächst

mich mit den Christen befassen.

Die Visayer waren zur Zeit der Conquista bereits ein civilisirtes Volk,

das, entgegen den Ansichten der modernen spanischen Schriftsteller,

welche ohne auf die ursprünglichen Quellenwerke zurückzugehen, über die

Geschichte der Philippinen Essays schreiben, einen noch höheren Grad

von Cultur besass als die Tagalen. Borneo, Mindanao und den Molukken

näher gelegen als die Tagalen, standen sie auch mit diesen Ländern

in regerer Verbindung, und diese mag auch die Ursache sein, dass ihr

Typus dem der eigentlichen Malaien sich mehr nähert, als jenem der

Tagalen. Im XVI. und XVII. Jahrhundert wurden sie von den Spaniern

Pintados genannt, weil sie ihren Körper zu bemalen pflegten. Sie

nahmen ohne besondere Schwierigkeiten das Christenthum an und halfen

mit ihren Kriegern den Spaniern die Tagalen unterjochen.

Ihre Hütten sind nach demselben Modell gebaut, wie jene der

Tagalen, dagegen unterscheiden sie sich von letzteren durch Tracht

und Gewandung. Während die Tagalen das Haar verschneiden, lassen

auch die Männer bei den Visayern das Haar lang wachsen (Buzeta I,

242). Die Frauen tragen keinen Tapis, sondern nur die aus grobem

aber durchscheinenden Guinara-Zeug verfertigte Saya und die kaum

die Brüste bedeckende Camisa (Jagor, Reisen 188). Um das Haar

schlingen die Frauen ein Stück Zeug (Buzeta, l. c.). Sie bauen

alle Getreidesorten und Culturpflanzen, die auf Luzon cultivirt

werden, Reis insbesondere auf Panay, Zucker auf Cebú, Bóhol, Negros,

vorzüglichen Cacao auf Cebú, Tabak auf Cebú und Bóhol, Mais auf Cebú,

Abacá auf Leyte, Kaffee in der Provinz Misámis auf Mindanao. Viel

stärker als auf Luzon wird auch rother Pfeffer cultivirt, da die

Visayer damit alle ihre Speisen, besonders aber die Morisqueta, stark

würzen (Buzeta I, 33). Cocospflanzungen sind überall, Viehzucht wird

lässig betrieben. Sie sind noch eifrigere Fischer als die Tagalen,

der Fang von Trepang ("Balate"), der hier häufigeren Manatis und

Schildkröten liefert ihnen reichen Gewinn, desgleichen das Suchen

der Schwalbennester (Buzeta, Mas, Semper, Cañamaque, Cavada a. v. St.).

Von den Tagalen unterscheiden sie sich unangenehm durch ihre

Unreinlichkeit (Jagor 188) und durch ihre Trunksucht (Cavada

a. v. St.). Ihre alte Religion glich in vielen Punkten jener

der Tagalen, auch sie kannten den Ahnencultus, nur wurden die

Nonos und Anitos der Tagalen und Nord-Luzonier hier Diuatas

oder Divatas genannt. Sie besassen Idole, Liche oder Laravan mit

Namen. Ihre Priesterinnen hiessen Babaylanas, neben diesen waren

auch Priester. Selbst unter den Christen erhielt sich der alte Glaube

insgeheim, 1797 noch entdeckten die Mönche in dem seit der Conquista

christlichen Pueblo Sibalon auf Panay (Provinz Antique) 180 Babaylanas

(Buzeta I, 300). Selbst unter den Cabezas de Barangay auf Sámar gab

es 1648 heimliche heidnische Priester (Tanner III, 544). Auch bei

den Visayern war das Schwein das bevorzugte Opferthier.

In den Zeiten der Conquista herrschte bei den Visayern die

Polygamie. Das Christenthum beseitigte diese, nicht aber die

grenzenlose Unsittlichkeit und Unzucht, über welche alle älteren

Schriftsteller schauderhafte Details berichten (man vgl. vorzüglich:

Morga-Stanley 304 und Carletti 148). Auch heute ist Ehebruch ungemein

häufig, um so mehr, als die Gatten keine Eifersucht kennen, und wie in

den Zeiten der Conquista, geben sich die Frauen viel leichter preis

und sind auch viel geiler als die Mädchen (Jagor, Reisen 236). Der

Freier dient, ähnlich wie bei den Tagalen es vordem häufiger üblich

war, 2-5 Jahre dem Vater seiner Braut umsonst, ehe er diese als Gattin

heimführt (Jagor 235). Francisco Cañamaque (Fil. 186 f.) beschreibt

die Brautwerbung wie folgt: Der Freier geht mit einem angesehenen

Manne seines Dorfes zu den Eltern seiner Auserwählten, und beide

fragen letztere, ob sie zur Eheschliessung geneigt ist, worauf sie mit

Ja antwortet. Das Herkommen erfordert es, dass die Braut hierbei des

Leides gedenkt, das ihr die durch die Ehe nöthig werdende Trennung von

den Eltern verursachen müsste. Die letzteren pflegen, selbst wenn sie

wohlhabend sind, dem Freier zu erklären, sich wohl Alles zu erwägen,

denn ihre Tochter habe kein Vermögen, besitze keine Kenntnisse und

sei überdiess recht albern. Der Freier und sein Genosse wiederholen

aber die Werbung immer von Neuem, bis der Vater einwilligt. Ist diess

geschehen, so fangen die vor der Thüre versammelten Freunde des Freiers

an, Raketen steigen zu lassen und Musikinstrumente zu bearbeiten,

andere gehen in das Haus hinein, überreichen süsse Bäckereien, Tabak,

Buyo &c. Nach der kirchlichen Trauung durcheilt die junge Frau,

begleitet von Freundinnen, die Gassen des Dorfes, um alle Verwandten

und Freunde zu einer Chocoladegesellschaft (mit Tanz und Gesang)

einzuladen. Wenn die Jungfräulichkeit der soeben Getrauten über allem

Zweifel erhaben ist, so tanzen die beiden Gatten zusammen einen Tanz,

worauf die geladenen männlichen Gäste eine grosse Anzahl von Töpfen

und Schüsseln, welche aber noch nie gebraucht worden sind, zu den

Füssen des Paares zerbrechen und hinwerfen. Bei dem Hochzeitsmale

essen zuerst die Frauen, nach diesen die geladenen Männer und dann

erst die zum Hause Gehörigen, wobei die Sitte erfordert, dass jedes

Mal ganz neue Gerichte auf den Tisch oder, richtiger gesagt, auf die

über den Boden gelegte Matte, aufgetragen werden, selbst wenn grosse

Speisequantitäten von der vorhergehenden Tafel übrig sind. -- Die Ehen

sind sehr fruchtbar, man zählt oft 12 bis 13 Kinder in einer Ehe, doch

ist dafür auch die Kindersterblichkeit eine grosse (Jagor, Reisen 236).

In ihren sonstigen Bräuchen und Sitten weichen sie nicht sehr

von den Tagalen ab. Ihre Todten begruben sie in den Zeiten ihrer

Unabhängigkeit, ähnlich wie die Igorroten, in Höhlen, das hat

natürlich unter dem Christenthum aufhören müssen. Wie die Tagalen

feiern auch die Visayer ein neuntägiges Todtenfest, das am letzten

Tage in einer eigenthümlichen Weise seinen Abschluss findet. Der

beste Theil des Hauses wird schwarz ausgeschlagen und eine Art

Thronhimmel in demselben errichtet, auf dessen Hintergrund 10 bis 12

Todtenköpfe gemalt oder solche aus Papier ausgeschnittene befestigt

werden. Dann wird unter diesem Thronhimmel ein Katafalk aufgerichtet,

der mit allen Heiligenbildern, die die Verwandtschaft der verstorbenen

Personen auftreiben kann, beklebt wird. Um 8 Uhr Abends halten dann

die Hinterbliebenen das letzte Gebet für den Verstorbenen ab, was eine

halbe Stunde in Anspruch nimmt, worauf das Haus für alle Eintretenden

geöffnet wird. Speisen und Getränke stehen Jedem in reichlicher Fülle

zur Verfügung. Ist der Magen der Anwesenden befriedigt, so werden

von den Anwesenden improvisirte Coplas gesungen, deren Inhalt mit dem

Todesfalle in gar keinem Zusammenhange steht, sondern sich meist um

Schlachten oder fröhliche Dinge dreht. Diese Coplas werden nach einer

durch eigenthümliche Regeln geordneten Weise, ähnlich wie bei dem

deutschen Pfänderspiel "zusammengesetzte Hauptwörter", von Burschen

und Mädchen gesungen, welche als Theilnehmer dieses Spieles bellacos

und bellacas [33] heissen, der Anführer des Chors heisst: Dueño de Jato

[34] und das Spiel selbst Duplo [35] (Cañamaque, Fil. 180-185).

Ihre Industrie beschränkt sich hauptsächlich auf Herstellung von

groben Sinamay- und Nipis-Zeugen (Diaz Arenas 291). Einen besonderen

Ruf geniessen die wunderbar feinen Piña-Gewebe, bei deren Herstellung

Fenster und Thüren fest verschlossen bleiben müssen, da der geringste

Luftzug hinreicht, die zarten Fäden zu zerreissen (Buzeta I, 211). Die

Ausfuhr von Geweben aus Ananasfasern wird denn auch in dem einzigen

Hafen Ilo-ilo allein auf 1 000 000 Dollar geschätzt (Jagor 241). Die

beste und feinste Piña wird in Antique gearbeitet (Scheidnagel

127). Durch Gährung wird aus den Cocosnüssen ein stinkendes Öl mit

Namen aceite de caracoas oder mabajon lañgis bereitet (Buzeta I,

31), welches in grossen Massen ausgeführt wird. Bei der Ölgewinnung

geht man sehr nachlässig vor (Jagor, Reisen 214). Sonst sind noch als

Exportartikel der Visayer-Industrie Stöcke und Messergriffe aus Horn

erwähnenswerth (Scheidnagel 128).

Das Innere aller der von Visayern bewohnten Inseln ist von "wilden"

Visayern, "Infieles, Montesinos, Cimarrones" der Spanier bewohnt. Diese

stammen sämmtlich von Flüchtlingen ab, welche vor dem Christenthum

und der spanischen Herrschaft in die Wälder flohen. Sie sind meist

gutmüthiger Natur und beginnen allmählich, ihren Nacken unter das

spanische Joch zu beugen, obwohl trotzdem noch Jahrzehnte verfliessen

werden, ehe die Spanier Herren der Binnenlandschaften der Inseln

werden, deren Küstensaum sie beherrschen.

b) Calamianen. Die Calamianen bewohnen den gleichnamigen Archipel

und den nördlichen Theil von Palawan oder Paragua, die von ihnen fast

gar nicht verschiedenen Coyuvos die kleine Inselgruppe von Cuyo. Die

sogenannten Agutainos bilden die nördliche Hälfte der Coyuvos. Die

Calamianen sind dunkler gefärbt als die übrigen Visayer und haben etwas

krauses Haar (Waitz V, 98; nach Mallat I, 335 und Crawfurd), was auf

eine Beimischung von Negritoblut hindeuten würde. Ihre Gesichtszüge

sollen einen wilden Ausdruck besitzen (Bastian V, 274). Sie bauen

Reis, Cacao, Kaffee, Baumwolle und Pfeffer, aber Alles in so geringen

Quantitäten, dass nicht einmal der heimische Bedarf damit gedeckt wird

(Buzeta I, 452). Desto eifriger wird Fischfang getrieben (Cavada II,

21; Scheidnagel 45), besonders aber die Balate- oder Trepangfischerei;

die Calamianen sind auch die eifrigsten und gewandtesten Sucher

der essbaren Schwalbennester, weshalb ihre Länder als der Hauptsitz

des Schwalbennesterhandels anzusehen sind (Buzeta I, 41; Cavada II,

21). Der Handel mit dem von den Wilden aus dem Gebirge eingetauschten

Wachs und Honig wird eifrig betrieben. Sie werden als abergläubisch,

indolent und faul geschildert, das "Remontarse" ist unter ihnen

besonders häufig (Cavada, l. c.). Industrie existirt kaum dem Namen

nach und beschränkt sich nur auf weibliche Webearbeiten.

c) Caragas. Die Caragas bewohnen die Ostküste von Mindanao vom Cap

Surigao bis zum Cap S. Augustin. Sie gehören zu dem kriegerischsten

Stamme der Visayer, ihre wilde Tapferkeit machten sich die Spanier

in jenen grossen Kriegen zu nutze, welche sie im XVII. Jahrhundert

gegen die Holländer und die Sultane von Buhayan, Mindanao und Sulu

führten. Von ihrem kriegerischen Wesen zeugt die noch zu Ende

des XVII. Jahrhunderts übliche Sitte, dass wer von ihnen sieben

Menschen getödtet hatte, das Recht erhielt, einen rothen Turban

zu tragen. Dieser Turban führte den Namen Bajacho. Natürlich hat

diese Sitte seit lange bereits aufgehört. Die heutigen Caragas,

seit drei Jahrhunderten Christen, unterscheiden sich jetzt wenig

von den übrigen Visayern. Ihr Hauptnahrungszweig ist die Fischerei,

dann erst der Reisbau; Industrie gering.

Versuch einer Ethnographie der Philippinen · 第 52 / 80 题