Die Visayer bewohnen alle jene Inseln, welche südlich von Luzon,
Masbato, Burías, Ticao und Mindoro und nördlich von Borneo, Sulu
und Mindanao liegen. Auf letzterer Insel wird von ihnen auch die
ganze Nord- und Ostküste bewohnt, jedoch streng genommen nur an der
Küste. Im südlichen Theile von Palawan (Paragua der Spanier) scheinen
andere Malaien bereits zu wohnen.
Die Visayer-Sprache zerfällt in die Dialekte von Cebú, dem
eigentlichen Visayer-Dialekt und jenem, der auf der Gruppe der
Calamianen und Cuyos-Inseln gesprochen wird. Eine Unterabtheilung
des Visayer-Dialektes sollen wieder der Dialekt von Süd-Panay, das
Panayano, ferner der Dialekt von Capiz sein, doch widersprechen sich da
die Nachrichten, und da ich der Visayer-Sprache unkundig, so will ich
darüber hinweggehen. Nach ihren Sitten und Bräuchen zerfallen sie in
die eigentlichen Visayer, in die Caragas und Calamianen incl. Coyuvos.
a) Visayer im engeren Sinne des Wortes. Diese bewohnen die Inseln
Panay, Romblon, Tablas, Masbate (sporadisch neben den Vicols), Negros,
Cebú, Bóhol, Sámar, Leyte, den Surigao-Archipel und die Landschaft
Dapitan der Provinz Misámis auf der Nordküste von Mindanao. Auf dem
übrigen Theil der Nordküste von Mindanao (Misámis, Iligan, Cagayán und
Butnan) wohnen zwar auch Visayer, aber sie sind mit den eingeborenen
Stämmen sehr stark vermischt, doch bleibt ihre Sprache dort die
herrschende. Am Meerbusen von Davao sind viele Visayer angesiedelt,
welche die Spanier seit dem Jahre 1848, wo sie jenes Land occupirten,
dorthin gebracht haben. Die Visayer sind nicht so weit im Archipel
verstreut, wie die intelligenteren Tagalen, doch finden sich welche,
meist Fischer, selbst auf den Babuyanen, besonders auf Camiguin [32]
(Mas, pobl. 42). Die Visayer der Küstendistricte sind alle Christen
und civilisirt, im Innern dieser Inseln leben sie aber als halbwilde
Heiden, welche von jenen Visayern abstammen, die sich den Spaniern
nicht unterwerfen wollten, und welche durch Remontados immer neuen
Zuschuss erhielten und zum Theil noch erhalten. Ich werde zunächst
mich mit den Christen befassen.
Die Visayer waren zur Zeit der Conquista bereits ein civilisirtes Volk,
das, entgegen den Ansichten der modernen spanischen Schriftsteller,
welche ohne auf die ursprünglichen Quellenwerke zurückzugehen, über die
Geschichte der Philippinen Essays schreiben, einen noch höheren Grad
von Cultur besass als die Tagalen. Borneo, Mindanao und den Molukken
näher gelegen als die Tagalen, standen sie auch mit diesen Ländern
in regerer Verbindung, und diese mag auch die Ursache sein, dass ihr
Typus dem der eigentlichen Malaien sich mehr nähert, als jenem der
Tagalen. Im XVI. und XVII. Jahrhundert wurden sie von den Spaniern
Pintados genannt, weil sie ihren Körper zu bemalen pflegten. Sie
nahmen ohne besondere Schwierigkeiten das Christenthum an und halfen
mit ihren Kriegern den Spaniern die Tagalen unterjochen.
Ihre Hütten sind nach demselben Modell gebaut, wie jene der
Tagalen, dagegen unterscheiden sie sich von letzteren durch Tracht
und Gewandung. Während die Tagalen das Haar verschneiden, lassen
auch die Männer bei den Visayern das Haar lang wachsen (Buzeta I,
242). Die Frauen tragen keinen Tapis, sondern nur die aus grobem
aber durchscheinenden Guinara-Zeug verfertigte Saya und die kaum
die Brüste bedeckende Camisa (Jagor, Reisen 188). Um das Haar
schlingen die Frauen ein Stück Zeug (Buzeta, l. c.). Sie bauen
alle Getreidesorten und Culturpflanzen, die auf Luzon cultivirt
werden, Reis insbesondere auf Panay, Zucker auf Cebú, Bóhol, Negros,
vorzüglichen Cacao auf Cebú, Tabak auf Cebú und Bóhol, Mais auf Cebú,
Abacá auf Leyte, Kaffee in der Provinz Misámis auf Mindanao. Viel
stärker als auf Luzon wird auch rother Pfeffer cultivirt, da die
Visayer damit alle ihre Speisen, besonders aber die Morisqueta, stark
würzen (Buzeta I, 33). Cocospflanzungen sind überall, Viehzucht wird
lässig betrieben. Sie sind noch eifrigere Fischer als die Tagalen,
der Fang von Trepang ("Balate"), der hier häufigeren Manatis und
Schildkröten liefert ihnen reichen Gewinn, desgleichen das Suchen
der Schwalbennester (Buzeta, Mas, Semper, Cañamaque, Cavada a. v. St.).
Von den Tagalen unterscheiden sie sich unangenehm durch ihre
Unreinlichkeit (Jagor 188) und durch ihre Trunksucht (Cavada
a. v. St.). Ihre alte Religion glich in vielen Punkten jener
der Tagalen, auch sie kannten den Ahnencultus, nur wurden die
Nonos und Anitos der Tagalen und Nord-Luzonier hier Diuatas
oder Divatas genannt. Sie besassen Idole, Liche oder Laravan mit
Namen. Ihre Priesterinnen hiessen Babaylanas, neben diesen waren
auch Priester. Selbst unter den Christen erhielt sich der alte Glaube
insgeheim, 1797 noch entdeckten die Mönche in dem seit der Conquista
christlichen Pueblo Sibalon auf Panay (Provinz Antique) 180 Babaylanas
(Buzeta I, 300). Selbst unter den Cabezas de Barangay auf Sámar gab
es 1648 heimliche heidnische Priester (Tanner III, 544). Auch bei
den Visayern war das Schwein das bevorzugte Opferthier.
In den Zeiten der Conquista herrschte bei den Visayern die
Polygamie. Das Christenthum beseitigte diese, nicht aber die
grenzenlose Unsittlichkeit und Unzucht, über welche alle älteren
Schriftsteller schauderhafte Details berichten (man vgl. vorzüglich:
Morga-Stanley 304 und Carletti 148). Auch heute ist Ehebruch ungemein
häufig, um so mehr, als die Gatten keine Eifersucht kennen, und wie in
den Zeiten der Conquista, geben sich die Frauen viel leichter preis
und sind auch viel geiler als die Mädchen (Jagor, Reisen 236). Der
Freier dient, ähnlich wie bei den Tagalen es vordem häufiger üblich
war, 2-5 Jahre dem Vater seiner Braut umsonst, ehe er diese als Gattin
heimführt (Jagor 235). Francisco Cañamaque (Fil. 186 f.) beschreibt
die Brautwerbung wie folgt: Der Freier geht mit einem angesehenen
Manne seines Dorfes zu den Eltern seiner Auserwählten, und beide
fragen letztere, ob sie zur Eheschliessung geneigt ist, worauf sie mit
Ja antwortet. Das Herkommen erfordert es, dass die Braut hierbei des
Leides gedenkt, das ihr die durch die Ehe nöthig werdende Trennung von
den Eltern verursachen müsste. Die letzteren pflegen, selbst wenn sie
wohlhabend sind, dem Freier zu erklären, sich wohl Alles zu erwägen,
denn ihre Tochter habe kein Vermögen, besitze keine Kenntnisse und
sei überdiess recht albern. Der Freier und sein Genosse wiederholen
aber die Werbung immer von Neuem, bis der Vater einwilligt. Ist diess
geschehen, so fangen die vor der Thüre versammelten Freunde des Freiers
an, Raketen steigen zu lassen und Musikinstrumente zu bearbeiten,
andere gehen in das Haus hinein, überreichen süsse Bäckereien, Tabak,
Buyo &c. Nach der kirchlichen Trauung durcheilt die junge Frau,
begleitet von Freundinnen, die Gassen des Dorfes, um alle Verwandten
und Freunde zu einer Chocoladegesellschaft (mit Tanz und Gesang)
einzuladen. Wenn die Jungfräulichkeit der soeben Getrauten über allem
Zweifel erhaben ist, so tanzen die beiden Gatten zusammen einen Tanz,
worauf die geladenen männlichen Gäste eine grosse Anzahl von Töpfen
und Schüsseln, welche aber noch nie gebraucht worden sind, zu den
Füssen des Paares zerbrechen und hinwerfen. Bei dem Hochzeitsmale
essen zuerst die Frauen, nach diesen die geladenen Männer und dann
erst die zum Hause Gehörigen, wobei die Sitte erfordert, dass jedes
Mal ganz neue Gerichte auf den Tisch oder, richtiger gesagt, auf die
über den Boden gelegte Matte, aufgetragen werden, selbst wenn grosse
Speisequantitäten von der vorhergehenden Tafel übrig sind. -- Die Ehen
sind sehr fruchtbar, man zählt oft 12 bis 13 Kinder in einer Ehe, doch
ist dafür auch die Kindersterblichkeit eine grosse (Jagor, Reisen 236).
In ihren sonstigen Bräuchen und Sitten weichen sie nicht sehr
von den Tagalen ab. Ihre Todten begruben sie in den Zeiten ihrer
Unabhängigkeit, ähnlich wie die Igorroten, in Höhlen, das hat
natürlich unter dem Christenthum aufhören müssen. Wie die Tagalen
feiern auch die Visayer ein neuntägiges Todtenfest, das am letzten
Tage in einer eigenthümlichen Weise seinen Abschluss findet. Der
beste Theil des Hauses wird schwarz ausgeschlagen und eine Art
Thronhimmel in demselben errichtet, auf dessen Hintergrund 10 bis 12
Todtenköpfe gemalt oder solche aus Papier ausgeschnittene befestigt
werden. Dann wird unter diesem Thronhimmel ein Katafalk aufgerichtet,
der mit allen Heiligenbildern, die die Verwandtschaft der verstorbenen
Personen auftreiben kann, beklebt wird. Um 8 Uhr Abends halten dann
die Hinterbliebenen das letzte Gebet für den Verstorbenen ab, was eine
halbe Stunde in Anspruch nimmt, worauf das Haus für alle Eintretenden
geöffnet wird. Speisen und Getränke stehen Jedem in reichlicher Fülle
zur Verfügung. Ist der Magen der Anwesenden befriedigt, so werden
von den Anwesenden improvisirte Coplas gesungen, deren Inhalt mit dem
Todesfalle in gar keinem Zusammenhange steht, sondern sich meist um
Schlachten oder fröhliche Dinge dreht. Diese Coplas werden nach einer
durch eigenthümliche Regeln geordneten Weise, ähnlich wie bei dem
deutschen Pfänderspiel "zusammengesetzte Hauptwörter", von Burschen
und Mädchen gesungen, welche als Theilnehmer dieses Spieles bellacos
und bellacas [33] heissen, der Anführer des Chors heisst: Dueño de Jato
[34] und das Spiel selbst Duplo [35] (Cañamaque, Fil. 180-185).
Ihre Industrie beschränkt sich hauptsächlich auf Herstellung von
groben Sinamay- und Nipis-Zeugen (Diaz Arenas 291). Einen besonderen
Ruf geniessen die wunderbar feinen Piña-Gewebe, bei deren Herstellung
Fenster und Thüren fest verschlossen bleiben müssen, da der geringste
Luftzug hinreicht, die zarten Fäden zu zerreissen (Buzeta I, 211). Die
Ausfuhr von Geweben aus Ananasfasern wird denn auch in dem einzigen
Hafen Ilo-ilo allein auf 1 000 000 Dollar geschätzt (Jagor 241). Die
beste und feinste Piña wird in Antique gearbeitet (Scheidnagel
127). Durch Gährung wird aus den Cocosnüssen ein stinkendes Öl mit
Namen aceite de caracoas oder mabajon lañgis bereitet (Buzeta I,
31), welches in grossen Massen ausgeführt wird. Bei der Ölgewinnung
geht man sehr nachlässig vor (Jagor, Reisen 214). Sonst sind noch als
Exportartikel der Visayer-Industrie Stöcke und Messergriffe aus Horn
erwähnenswerth (Scheidnagel 128).
Das Innere aller der von Visayern bewohnten Inseln ist von "wilden"
Visayern, "Infieles, Montesinos, Cimarrones" der Spanier bewohnt. Diese
stammen sämmtlich von Flüchtlingen ab, welche vor dem Christenthum
und der spanischen Herrschaft in die Wälder flohen. Sie sind meist
gutmüthiger Natur und beginnen allmählich, ihren Nacken unter das
spanische Joch zu beugen, obwohl trotzdem noch Jahrzehnte verfliessen
werden, ehe die Spanier Herren der Binnenlandschaften der Inseln
werden, deren Küstensaum sie beherrschen.
b) Calamianen. Die Calamianen bewohnen den gleichnamigen Archipel
und den nördlichen Theil von Palawan oder Paragua, die von ihnen fast
gar nicht verschiedenen Coyuvos die kleine Inselgruppe von Cuyo. Die
sogenannten Agutainos bilden die nördliche Hälfte der Coyuvos. Die
Calamianen sind dunkler gefärbt als die übrigen Visayer und haben etwas
krauses Haar (Waitz V, 98; nach Mallat I, 335 und Crawfurd), was auf
eine Beimischung von Negritoblut hindeuten würde. Ihre Gesichtszüge
sollen einen wilden Ausdruck besitzen (Bastian V, 274). Sie bauen
Reis, Cacao, Kaffee, Baumwolle und Pfeffer, aber Alles in so geringen
Quantitäten, dass nicht einmal der heimische Bedarf damit gedeckt wird
(Buzeta I, 452). Desto eifriger wird Fischfang getrieben (Cavada II,
21; Scheidnagel 45), besonders aber die Balate- oder Trepangfischerei;
die Calamianen sind auch die eifrigsten und gewandtesten Sucher
der essbaren Schwalbennester, weshalb ihre Länder als der Hauptsitz
des Schwalbennesterhandels anzusehen sind (Buzeta I, 41; Cavada II,
21). Der Handel mit dem von den Wilden aus dem Gebirge eingetauschten
Wachs und Honig wird eifrig betrieben. Sie werden als abergläubisch,
indolent und faul geschildert, das "Remontarse" ist unter ihnen
besonders häufig (Cavada, l. c.). Industrie existirt kaum dem Namen
nach und beschränkt sich nur auf weibliche Webearbeiten.
c) Caragas. Die Caragas bewohnen die Ostküste von Mindanao vom Cap
Surigao bis zum Cap S. Augustin. Sie gehören zu dem kriegerischsten
Stamme der Visayer, ihre wilde Tapferkeit machten sich die Spanier
in jenen grossen Kriegen zu nutze, welche sie im XVII. Jahrhundert
gegen die Holländer und die Sultane von Buhayan, Mindanao und Sulu
führten. Von ihrem kriegerischen Wesen zeugt die noch zu Ende
des XVII. Jahrhunderts übliche Sitte, dass wer von ihnen sieben
Menschen getödtet hatte, das Recht erhielt, einen rothen Turban
zu tragen. Dieser Turban führte den Namen Bajacho. Natürlich hat
diese Sitte seit lange bereits aufgehört. Die heutigen Caragas,
seit drei Jahrhunderten Christen, unterscheiden sich jetzt wenig
von den übrigen Visayern. Ihr Hauptnahrungszweig ist die Fischerei,
dann erst der Reisbau; Industrie gering.