Die Tinguianen werden auch Itanegas, Tinggianes, seltener Tingues
(so bei Morga) genannt. Sie bewohnen ein sehr ausgedehntes Gebiet,
welches von Candon in Ilócos Sur sich ungefähr bis zum Mte. Pacsan an
der Grenze Cagayans und Ilócos Norte ausdehnt, ja ihre am meisten nach
Süden vorgeschobenen Niederlassungen reichen bis Santa Cruz in der Nähe
der Punta Darigallos (Namagpacan), so dass sie die Bewohner von drei
Provinzen sind, nämlich von Ilócos Sur, Abra und Ilócos Norte. Der
an der Küste von Ilócos Sur 1736 begründete Pueblo Santiago war die
erste christliche Niederlassung derselben, früher scheinen sie nicht
bis zu den Gestaden des Meeres gereicht zu haben, sie gehen hier auch
allmählich in die Ilocanen auf, indem sie deren Sprache annehmen, so
dass der südliche Theil der Tinguianen unrettbar der Entnationalisirung
anheimgefallen ist. Besser erhalten sie sich in den am linken Ufer
des Abra liegenden christlichen Pueblos Banguet und Tayun, obwohl
auch hier durch ilocanische Zuwanderer Gefahr droht. Die christliche
Religion trägt auf den Philippinen am meisten zur Entnationalisirung
bei, es trifft bei allen bekehrten Malaien dasselbe Bild ein mutatis
mutandis, das wir von den Tagalen entworfen haben.
Bei den Spaniern finden wir die Neigung vor, die Tinguianen für einen
von den übrigen Bergstämmen Luzons gänzlich verschiedenen Stamm
zu halten, indem sie ihre diessfällige Meinung auf die sehr helle
Hautfarbe und ihre grosse Friedfertigkeit hinweisen. Es ist diess ganz
ungerechtfertigt, und diese Meinung konnte nur so lange eine gewisse
Berechtigung haben, als man eben nur die Igorroten und Apoyaos kannte,
welche allerdings durch ihre Grausamkeit und Kriegslust einen grellen
Gegensatz zu den gutmüthigen Tinguianen darstellten. Wir haben aber
gesehen, dass die Bergstämme Luzons nicht insgesammt Kopfjäger und
Bluthunde sind, sondern, dass es vielmehr genug Stämme giebt, die an
Friedfertigkeit den Tinguianen in gar Nichts nachstehen. In ihren
Sitten und ihrer religiösen Anschauung liegt gleichfalls nichts,
was die Meinung rechtfertigen könnte, die Tinguianen seien ein zu der
Gesammtheit der nordluzonischen Stämme im Gegensatze stehender Stamm.
Ihre Hautfarbe ist, wie einstimmig berichtet wird, sehr hell,
die Nase oft adlerartig gekrümmt (Mas, pobl. 13). Allgemein [19]
wird behauptet, dass die Tinguianen den Chinesen in Gestalt wie
Kleidung ähnlich sähen; mit Bezug auf die Tracht sollen sie kaum
von den Fischern der chinesischen Provinz Fukiang oder Fokien zu
unterscheiden sein, doch berichtet Mas selbst, dass ein genauer
Kenner des Chinesischen, der Erzbischof Segui, erklärt hätte,
dass in der Sprache der Tinguianen gar nichts vorhanden wäre,
was nur einigermassen an das Chinesische erinnern könnte. Diess
ist von Wichtigkeit, wenn man bedenkt, mit welcher Vorliebe die
spanischen Schriftsteller jeden Stamm als von Chinesen abstammend
hinstellen, sobald in den Gesichtszügen seiner Individuen Anklänge an
den mongolischen Typus sich vorfinden. Jedenfalls wäre es angezeigt,
bevor nicht eingehende Untersuchungen Statt gefunden haben, sich dieser
Chinesentheorie gegenüber sehr reservirt zu verhalten. Die Adlernase
stimmt nicht sehr zu dem Bilde eines Chinesen. Was die Sage anbelangt,
wonach die Tinguianen die Abkömmlinge der Chinesischen Piraten wären,
welche der Cortés der Philippinen D. Juan de Salcedo 1574 von Manila
zurückschlug und das Jahr darauf aus dem Golfe von Lingayen in die
Chinesische See zurückwarf, so kann ich diess ganz ruhig für eine
Erfindung der späteren Zeit erklären, denn bei meinen langjährigen
Studien zur Geschichte der Philippinen habe ich speciell die Schicksale
jenes ritterlichen Salcedo mit besonderem Fleisse und Interesse
verfolgt und fand hierbei, dass die zeitgenössischen Chronisten
von dieser Angelegenheit gar nichts wissen, sondern im Gegentheil
ausdrücklich erklären, dass alle Piraten, welche an's Land stiegen,
von den erbitterten Indiern niedergemetzelt wurden. Erst gegen Ende
des XVII. Jahrhunderts kam die Sage auf, einige (!) jener Piraten
wären aus Pangasinán nach den Bergwildnissen des Innern entkommen
und hätten mit eingeborenen Weibern die Bastardrassen der Igorroten
und Tinguianen erzeugt. Der geschwätzige Fr. Juan de la Concepcion
und sein Epitomator Fr. Martinez de Zuñiga haben dann ihr Schärflein
dazu beigetragen, dass zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Sage für
ein Factum angenommen wurde und zum Theile auch heute noch angenommen
wird. Chamisso hat diese Erdichtung einer späteren Zeit auch nach
Deutschland gebracht.
Von den benachbarten Igorroten unterscheiden sie sich vortheilhaft
durch ihre Reinlichkeit. Charakteristisch bei ihrer Tracht ist die
turbanähnliche Kopfbedeckung, welche aus einem langen Stücke Zeug
besteht, dessen Enden graciös über Schulter und Rücken fallen. Die
Männer tragen eine vorne zuschliessende Jacke, wie sie die chinesische
Küstenbevölkerung trägt, und weite Pantalons. Die Weiber gehen
in derselben Tracht umher wie jene der Igorroten, nur sind die
Kleiderstoffe der ersteren weiss (Buzeta I, 55), während die letzteren
dunkelblaue oder blau und weiss gestreifte Zeuge vorziehen. Man sieht
also, dass auch hier sich kein Gegensatz zu den Igorroten herausklügeln
lässt. Vornehme Frauen tragen Gewänder, welche mit reichgestickten
weissen oder rothen Bändern verziert sind (Buzeta, l. c.). Den Kopf
umwinden sie mit dem Turban oder einer schmäleren Binde (Buzeta,
l. c.; Ilustr. 1860, n. 12, p. 153). Der Unterarm wird vom Ellenbogen
bis zum Handgelenke mit Armbändern geschmückt. Dieselben bestehen
aus buntfarbigen Glasperlen oder Steinchen, letztere kommen von den
Batanes-Inseln her und werden von den Tinguianen auf den Märkten der
Pueblos von Ilócos eingekauft (Ilustracion 1860, n. 14, p. 164). Diese
Armbänder drücken durch ihre Schwere die Arme wund, die Eitelkeit
trägt aber über den Schmerz den Sieg davon. Auch die untere Hälfte
der Waden wird mit diesem beschwerlichen Schmucke versehen (Buzeta I,
55; Ilustracion 1860, n. 12, p. 153). Ohrgehänge und Geschmeide aus
Kupfer und Silber tragen sie in derselben Weise wie die Igorroten
(Scheidnagel 125).
In ihren kleinen Dörfern leben sie in glücklicher Zufriedenheit. Ihre
Waffen, die Lanze und eine Axt "Aliva", deren Eisenfläche Quadratform
besitzt mit einer rückwärts befindlichen Spitze, dienen nur zur Abwehr
der Angriffe ihrer blutdürstigen Feinde, der Guinanen [20]. Sie bauen
Reis in reichlicher Menge (Mas, pobl. 12), ebenso besitzen sie einen
reichlichen Viehstand an Büffeln, Rindern und Pferden (l. c.). Wie
wir wissen, sind die Igorroten auch Ackerbauer und Besitzer von Vieh,
sehen sich aber gezwungen, sowohl Reis wie Vieh von den Christen
einzukaufen, während die Tinguianen beides auf die Märkte von
Ilócos bringen (Buzeta I, 55). Ihre Felder besitzen ebenfalls ein
künstliches Berieselungssystem (Buzeta, l. c.). Sie sind nicht ohne
Industrie, besonders ihre Holzschnitzarbeiten haben einen guten Ruf;
die Igorroten von Abra wagen sich sogar an das Schnitzen von Figuren
(Scheidnagel 126). Ausser mit Reis und Vieh erscheinen sie auch mit
Goldstaub, Wachs und Häuten auf den Märkten von Ilócos. Holz wird von
ihnen auf dem Wasser ihrer Flüsse herabgeschwemmt (Buzeta I, 58). Sie
kommen bis auf den Markt von Vigan (Ilustr. 1860, n. 14, p. 165).
Ein Theil von ihnen ist bereits zum Christenthum bekehrt. Die übrigen
haben einen ähnlichen Ahnencultus wie die übrigen Malaien Luzons;
ob sie ausser den Seelen ihrer Vorfahren andere Götter verehren,
ist mir unbekannt. Wie alle philippinischen Malaien haben auch
sie vor Schlafenden eine grosse Scheu, ihr stärkster Fluch lautet:
"mögest du im Schlafe sterben!" (Mas, pobl. 14). Dieser Fluch beruht
nach Jagor (Reisen 132) auf dem Glauben, dass, wie schon erwähnt,
die Seele im Traume den Körper verlasse.
Die Geburt [21] geht ungemein leicht von Statten, die Mutter eilt nach
der Reinigung sofort zur gewohnten Arbeit. Die Reinigung besteht darin,
dass die Mutter das neugeborene Kind unmittelbar nach der Geburt in
das Wasser eines Baches oder Flusses taucht, ist kein Wasser in der
Nähe, so reinigt sie es mit einem Bananenblatt oder Halmen. Nach
dieser Reinigung giebt die Mutter dem Kinde irgend einen Thiernamen.
Ehen werden durch die Eltern vermittelt, sobald sie eine gegenseitige
Neigung an ihren Kindern wahrnehmen. Durch einen Trommler--"Batintin"
genannt--werden die Hochzeitsgäste eingeladen. Das Hochzeitsfest
beginnt schon zeitlich Morgens, es besteht aus einem Schmause und
Trinkgelage. Der Speisezettel hat nur Reis und Braten von Schweinen,
Rindern und Büffeln aufzuweisen. Die Getränke sind verschiedene aus
Zuckerrohr oder Reis bereitete Branntweinsorten. Das Bankett entbehrt
auch nicht der Tafelmusik, obwohl sie ausser der Trommel nur zwei
Instrumente besitzen, nämlich Flöten aus Rohr und zwei Gattungen
Guitarren. Letztere werden aus Rohrstückchen zusammengesetzt und
sind dreisaitig, jedoch werden die Saiten nicht aus Thierdärmen,
sondern aus den Blattfasern einer weiter nicht genannten Pflanze
bereitet. Die Pausen während des Schmauses, an dem die gesammten
Bewohner des Dorfes Theil nehmen, werden durch Tanz ausgefüllt.
Abends führt der Angesehenste die Neuvermählten in ihre Hütte, wo sie
das Brautbett in Gestalt einer auf den Boden gelegten mächtigen Matte
erwartet. Auf die Matte legen sich die jungen Eheleute in der Weise
nieder, dass zwischen ihnen ein Raum von zwei Ellen Entfernung frei
bleibt, wo sich ein 6- bis 8jähriger Knabe niederlässt, denn bis zum
nächsten Tage darf die Ehe nicht vollzogen werden, ja nicht einmal
Worte miteinander zu wechseln ist den Gatten erlaubt.
Die Ehen werden leicht und rasch geschieden, man geht zum Dorfältesten
oder (in einem bereits spanisch gewordenen Dorfe) zum Gobernadorcillo,
der gegen eine Abgabe von 5 Pesos, 2 Büffeln, 2 Schweinen, 2 Cavanen
Reis, 2 Tinajas Palmwein die Ehe scheidet. Diese Geldbusse zahlt jener
Gatte, welcher die Scheidung beantragt. Die Pönalsumme wird zu einem
grossen Festschmause verwendet, an dem wie bei der Hochzeit das ganze
Dorf Theil nimmt. Bei einer Scheidung bleiben die Säuglinge der Mutter,
die übrigen Kinder werden nach dem Willen jenes Gatten vertheilt,
welcher der passive Theil, d. h. der Nichtbeantrager war. Ist aber ein
Streit oder gar ein Verbrechen die Ursache der Scheidung, so verliert
der schuldige Theil das Recht, über den Verbleib oder die Zuweisung der
Kinder zu entscheiden. In diesem Falle muss auch der schuldige Theil
die oben erwähnte Geldbusse zahlen, selbst wenn der andere Gatte die
Scheidung beantragt. Bei jenen Tinguianen, welche spanische Unterthanen
geworden sind, wird mitunter an den Provinzgouverneur appellirt.
Die Reichen schliessen auf diese Weise 15 bis 20 Ehen nacheinander;
bei den Armen finden Ehescheidungen selten oder gar nicht Statt,
indem sie nicht im Stande sind, jene unumgängliche Geldbusse zu
zahlen. Es ereignet sich mitunter, dass ein Mann drei, vier Mal eine
und dieselbe Frau heirathet und sich wieder scheiden lässt.
Wird ein Tinguiane krank, so erhält er so gut wie keine Pflege;
sobald die Krankheit einen derartigen Verlauf nimmt, dass keine
Hoffnung auf Genesung vorhanden ist, so wird der Kranke von den
Seinen lieblos verlassen, und muss ähnlich wie der Eskimo sein Leben
beschliessen. Kaum hat der Sterbende den letzten Athemzug gethan,
so wird auch schon seine Leiche aus der Wohnstätte herausgeschafft
und dicht unter der Hütte vergraben. Über dem Grabe werden grosse
Steine aufgehäuft. An gewissen Tagen des Jahres werden auf diese
eigenthümlichen Grabmonumente Lebensmittel gelegt, damit die Seelen
der Verstorbenen ihren Hunger stillen könnten.
Die Namen der Verstorbenen werden von deren Hinterbliebenen nicht
mehr genannt, so dass, wenn man einen Tinguianen nach dem Namen eines
seiner Ahnen fragt, dieser den Fragesteller an einen Kameraden weist,
da er selbst die Antwort nicht ertheilen dürfe. Diese Sitte ist für
die spanischen Beamten keine Erleichterung in ihrem Dienste.
Im Jahre 1624 begannen die ersten unglücklichen Versuche der
Spanier, die Tinguianen zu unterwerfen, erst seit dem Ende des
vorigen Jahrhunderts drang die spanische Herrschaft immer mehr in
die Berge und Thäler jenes intelligenten Stammes vor, bereits 1848
zählte man, nach Diaz Arenas, 8717 Tinguianen, welche die spanische
Hoheit anerkannten, während heute nur ein geringer Theil noch seine
Unabhängigkeit bewahrt hat. In diesem Theile Luzons breitet sich das
spanische Hoheitsgebiet sehr rasch und unblutig aus.