27. Tinguianen.

Die Tinguianen werden auch Itanegas, Tinggianes, seltener Tingues

(so bei Morga) genannt. Sie bewohnen ein sehr ausgedehntes Gebiet,

welches von Candon in Ilócos Sur sich ungefähr bis zum Mte. Pacsan an

der Grenze Cagayans und Ilócos Norte ausdehnt, ja ihre am meisten nach

Süden vorgeschobenen Niederlassungen reichen bis Santa Cruz in der Nähe

der Punta Darigallos (Namagpacan), so dass sie die Bewohner von drei

Provinzen sind, nämlich von Ilócos Sur, Abra und Ilócos Norte. Der

an der Küste von Ilócos Sur 1736 begründete Pueblo Santiago war die

erste christliche Niederlassung derselben, früher scheinen sie nicht

bis zu den Gestaden des Meeres gereicht zu haben, sie gehen hier auch

allmählich in die Ilocanen auf, indem sie deren Sprache annehmen, so

dass der südliche Theil der Tinguianen unrettbar der Entnationalisirung

anheimgefallen ist. Besser erhalten sie sich in den am linken Ufer

des Abra liegenden christlichen Pueblos Banguet und Tayun, obwohl

auch hier durch ilocanische Zuwanderer Gefahr droht. Die christliche

Religion trägt auf den Philippinen am meisten zur Entnationalisirung

bei, es trifft bei allen bekehrten Malaien dasselbe Bild ein mutatis

mutandis, das wir von den Tagalen entworfen haben.

Bei den Spaniern finden wir die Neigung vor, die Tinguianen für einen

von den übrigen Bergstämmen Luzons gänzlich verschiedenen Stamm

zu halten, indem sie ihre diessfällige Meinung auf die sehr helle

Hautfarbe und ihre grosse Friedfertigkeit hinweisen. Es ist diess ganz

ungerechtfertigt, und diese Meinung konnte nur so lange eine gewisse

Berechtigung haben, als man eben nur die Igorroten und Apoyaos kannte,

welche allerdings durch ihre Grausamkeit und Kriegslust einen grellen

Gegensatz zu den gutmüthigen Tinguianen darstellten. Wir haben aber

gesehen, dass die Bergstämme Luzons nicht insgesammt Kopfjäger und

Bluthunde sind, sondern, dass es vielmehr genug Stämme giebt, die an

Friedfertigkeit den Tinguianen in gar Nichts nachstehen. In ihren

Sitten und ihrer religiösen Anschauung liegt gleichfalls nichts,

was die Meinung rechtfertigen könnte, die Tinguianen seien ein zu der

Gesammtheit der nordluzonischen Stämme im Gegensatze stehender Stamm.

Ihre Hautfarbe ist, wie einstimmig berichtet wird, sehr hell,

die Nase oft adlerartig gekrümmt (Mas, pobl. 13). Allgemein [19]

wird behauptet, dass die Tinguianen den Chinesen in Gestalt wie

Kleidung ähnlich sähen; mit Bezug auf die Tracht sollen sie kaum

von den Fischern der chinesischen Provinz Fukiang oder Fokien zu

unterscheiden sein, doch berichtet Mas selbst, dass ein genauer

Kenner des Chinesischen, der Erzbischof Segui, erklärt hätte,

dass in der Sprache der Tinguianen gar nichts vorhanden wäre,

was nur einigermassen an das Chinesische erinnern könnte. Diess

ist von Wichtigkeit, wenn man bedenkt, mit welcher Vorliebe die

spanischen Schriftsteller jeden Stamm als von Chinesen abstammend

hinstellen, sobald in den Gesichtszügen seiner Individuen Anklänge an

den mongolischen Typus sich vorfinden. Jedenfalls wäre es angezeigt,

bevor nicht eingehende Untersuchungen Statt gefunden haben, sich dieser

Chinesentheorie gegenüber sehr reservirt zu verhalten. Die Adlernase

stimmt nicht sehr zu dem Bilde eines Chinesen. Was die Sage anbelangt,

wonach die Tinguianen die Abkömmlinge der Chinesischen Piraten wären,

welche der Cortés der Philippinen D. Juan de Salcedo 1574 von Manila

zurückschlug und das Jahr darauf aus dem Golfe von Lingayen in die

Chinesische See zurückwarf, so kann ich diess ganz ruhig für eine

Erfindung der späteren Zeit erklären, denn bei meinen langjährigen

Studien zur Geschichte der Philippinen habe ich speciell die Schicksale

jenes ritterlichen Salcedo mit besonderem Fleisse und Interesse

verfolgt und fand hierbei, dass die zeitgenössischen Chronisten

von dieser Angelegenheit gar nichts wissen, sondern im Gegentheil

ausdrücklich erklären, dass alle Piraten, welche an's Land stiegen,

von den erbitterten Indiern niedergemetzelt wurden. Erst gegen Ende

des XVII. Jahrhunderts kam die Sage auf, einige (!) jener Piraten

wären aus Pangasinán nach den Bergwildnissen des Innern entkommen

und hätten mit eingeborenen Weibern die Bastardrassen der Igorroten

und Tinguianen erzeugt. Der geschwätzige Fr. Juan de la Concepcion

und sein Epitomator Fr. Martinez de Zuñiga haben dann ihr Schärflein

dazu beigetragen, dass zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Sage für

ein Factum angenommen wurde und zum Theile auch heute noch angenommen

wird. Chamisso hat diese Erdichtung einer späteren Zeit auch nach

Deutschland gebracht.

Von den benachbarten Igorroten unterscheiden sie sich vortheilhaft

durch ihre Reinlichkeit. Charakteristisch bei ihrer Tracht ist die

turbanähnliche Kopfbedeckung, welche aus einem langen Stücke Zeug

besteht, dessen Enden graciös über Schulter und Rücken fallen. Die

Männer tragen eine vorne zuschliessende Jacke, wie sie die chinesische

Küstenbevölkerung trägt, und weite Pantalons. Die Weiber gehen

in derselben Tracht umher wie jene der Igorroten, nur sind die

Kleiderstoffe der ersteren weiss (Buzeta I, 55), während die letzteren

dunkelblaue oder blau und weiss gestreifte Zeuge vorziehen. Man sieht

also, dass auch hier sich kein Gegensatz zu den Igorroten herausklügeln

lässt. Vornehme Frauen tragen Gewänder, welche mit reichgestickten

weissen oder rothen Bändern verziert sind (Buzeta, l. c.). Den Kopf

umwinden sie mit dem Turban oder einer schmäleren Binde (Buzeta,

l. c.; Ilustr. 1860, n. 12, p. 153). Der Unterarm wird vom Ellenbogen

bis zum Handgelenke mit Armbändern geschmückt. Dieselben bestehen

aus buntfarbigen Glasperlen oder Steinchen, letztere kommen von den

Batanes-Inseln her und werden von den Tinguianen auf den Märkten der

Pueblos von Ilócos eingekauft (Ilustracion 1860, n. 14, p. 164). Diese

Armbänder drücken durch ihre Schwere die Arme wund, die Eitelkeit

trägt aber über den Schmerz den Sieg davon. Auch die untere Hälfte

der Waden wird mit diesem beschwerlichen Schmucke versehen (Buzeta I,

55; Ilustracion 1860, n. 12, p. 153). Ohrgehänge und Geschmeide aus

Kupfer und Silber tragen sie in derselben Weise wie die Igorroten

(Scheidnagel 125).

In ihren kleinen Dörfern leben sie in glücklicher Zufriedenheit. Ihre

Waffen, die Lanze und eine Axt "Aliva", deren Eisenfläche Quadratform

besitzt mit einer rückwärts befindlichen Spitze, dienen nur zur Abwehr

der Angriffe ihrer blutdürstigen Feinde, der Guinanen [20]. Sie bauen

Reis in reichlicher Menge (Mas, pobl. 12), ebenso besitzen sie einen

reichlichen Viehstand an Büffeln, Rindern und Pferden (l. c.). Wie

wir wissen, sind die Igorroten auch Ackerbauer und Besitzer von Vieh,

sehen sich aber gezwungen, sowohl Reis wie Vieh von den Christen

einzukaufen, während die Tinguianen beides auf die Märkte von

Ilócos bringen (Buzeta I, 55). Ihre Felder besitzen ebenfalls ein

künstliches Berieselungssystem (Buzeta, l. c.). Sie sind nicht ohne

Industrie, besonders ihre Holzschnitzarbeiten haben einen guten Ruf;

die Igorroten von Abra wagen sich sogar an das Schnitzen von Figuren

(Scheidnagel 126). Ausser mit Reis und Vieh erscheinen sie auch mit

Goldstaub, Wachs und Häuten auf den Märkten von Ilócos. Holz wird von

ihnen auf dem Wasser ihrer Flüsse herabgeschwemmt (Buzeta I, 58). Sie

kommen bis auf den Markt von Vigan (Ilustr. 1860, n. 14, p. 165).

Ein Theil von ihnen ist bereits zum Christenthum bekehrt. Die übrigen

haben einen ähnlichen Ahnencultus wie die übrigen Malaien Luzons;

ob sie ausser den Seelen ihrer Vorfahren andere Götter verehren,

ist mir unbekannt. Wie alle philippinischen Malaien haben auch

sie vor Schlafenden eine grosse Scheu, ihr stärkster Fluch lautet:

"mögest du im Schlafe sterben!" (Mas, pobl. 14). Dieser Fluch beruht

nach Jagor (Reisen 132) auf dem Glauben, dass, wie schon erwähnt,

die Seele im Traume den Körper verlasse.

Die Geburt [21] geht ungemein leicht von Statten, die Mutter eilt nach

der Reinigung sofort zur gewohnten Arbeit. Die Reinigung besteht darin,

dass die Mutter das neugeborene Kind unmittelbar nach der Geburt in

das Wasser eines Baches oder Flusses taucht, ist kein Wasser in der

Nähe, so reinigt sie es mit einem Bananenblatt oder Halmen. Nach

dieser Reinigung giebt die Mutter dem Kinde irgend einen Thiernamen.

Ehen werden durch die Eltern vermittelt, sobald sie eine gegenseitige

Neigung an ihren Kindern wahrnehmen. Durch einen Trommler--"Batintin"

genannt--werden die Hochzeitsgäste eingeladen. Das Hochzeitsfest

beginnt schon zeitlich Morgens, es besteht aus einem Schmause und

Trinkgelage. Der Speisezettel hat nur Reis und Braten von Schweinen,

Rindern und Büffeln aufzuweisen. Die Getränke sind verschiedene aus

Zuckerrohr oder Reis bereitete Branntweinsorten. Das Bankett entbehrt

auch nicht der Tafelmusik, obwohl sie ausser der Trommel nur zwei

Instrumente besitzen, nämlich Flöten aus Rohr und zwei Gattungen

Guitarren. Letztere werden aus Rohrstückchen zusammengesetzt und

sind dreisaitig, jedoch werden die Saiten nicht aus Thierdärmen,

sondern aus den Blattfasern einer weiter nicht genannten Pflanze

bereitet. Die Pausen während des Schmauses, an dem die gesammten

Bewohner des Dorfes Theil nehmen, werden durch Tanz ausgefüllt.

Abends führt der Angesehenste die Neuvermählten in ihre Hütte, wo sie

das Brautbett in Gestalt einer auf den Boden gelegten mächtigen Matte

erwartet. Auf die Matte legen sich die jungen Eheleute in der Weise

nieder, dass zwischen ihnen ein Raum von zwei Ellen Entfernung frei

bleibt, wo sich ein 6- bis 8jähriger Knabe niederlässt, denn bis zum

nächsten Tage darf die Ehe nicht vollzogen werden, ja nicht einmal

Worte miteinander zu wechseln ist den Gatten erlaubt.

Die Ehen werden leicht und rasch geschieden, man geht zum Dorfältesten

oder (in einem bereits spanisch gewordenen Dorfe) zum Gobernadorcillo,

der gegen eine Abgabe von 5 Pesos, 2 Büffeln, 2 Schweinen, 2 Cavanen

Reis, 2 Tinajas Palmwein die Ehe scheidet. Diese Geldbusse zahlt jener

Gatte, welcher die Scheidung beantragt. Die Pönalsumme wird zu einem

grossen Festschmause verwendet, an dem wie bei der Hochzeit das ganze

Dorf Theil nimmt. Bei einer Scheidung bleiben die Säuglinge der Mutter,

die übrigen Kinder werden nach dem Willen jenes Gatten vertheilt,

welcher der passive Theil, d. h. der Nichtbeantrager war. Ist aber ein

Streit oder gar ein Verbrechen die Ursache der Scheidung, so verliert

der schuldige Theil das Recht, über den Verbleib oder die Zuweisung der

Kinder zu entscheiden. In diesem Falle muss auch der schuldige Theil

die oben erwähnte Geldbusse zahlen, selbst wenn der andere Gatte die

Scheidung beantragt. Bei jenen Tinguianen, welche spanische Unterthanen

geworden sind, wird mitunter an den Provinzgouverneur appellirt.

Die Reichen schliessen auf diese Weise 15 bis 20 Ehen nacheinander;

bei den Armen finden Ehescheidungen selten oder gar nicht Statt,

indem sie nicht im Stande sind, jene unumgängliche Geldbusse zu

zahlen. Es ereignet sich mitunter, dass ein Mann drei, vier Mal eine

und dieselbe Frau heirathet und sich wieder scheiden lässt.

Wird ein Tinguiane krank, so erhält er so gut wie keine Pflege;

sobald die Krankheit einen derartigen Verlauf nimmt, dass keine

Hoffnung auf Genesung vorhanden ist, so wird der Kranke von den

Seinen lieblos verlassen, und muss ähnlich wie der Eskimo sein Leben

beschliessen. Kaum hat der Sterbende den letzten Athemzug gethan,

so wird auch schon seine Leiche aus der Wohnstätte herausgeschafft

und dicht unter der Hütte vergraben. Über dem Grabe werden grosse

Steine aufgehäuft. An gewissen Tagen des Jahres werden auf diese

eigenthümlichen Grabmonumente Lebensmittel gelegt, damit die Seelen

der Verstorbenen ihren Hunger stillen könnten.

Die Namen der Verstorbenen werden von deren Hinterbliebenen nicht

mehr genannt, so dass, wenn man einen Tinguianen nach dem Namen eines

seiner Ahnen fragt, dieser den Fragesteller an einen Kameraden weist,

da er selbst die Antwort nicht ertheilen dürfe. Diese Sitte ist für

die spanischen Beamten keine Erleichterung in ihrem Dienste.

Im Jahre 1624 begannen die ersten unglücklichen Versuche der

Spanier, die Tinguianen zu unterwerfen, erst seit dem Ende des

vorigen Jahrhunderts drang die spanische Herrschaft immer mehr in

die Berge und Thäler jenes intelligenten Stammes vor, bereits 1848

zählte man, nach Diaz Arenas, 8717 Tinguianen, welche die spanische

Hoheit anerkannten, während heute nur ein geringer Theil noch seine

Unabhängigkeit bewahrt hat. In diesem Theile Luzons breitet sich das

spanische Hoheitsgebiet sehr rasch und unblutig aus.

Versuch einer Ethnographie der Philippinen · 第 42 / 80 题