5. Ilocanen (Ilocanos).

Zur Zeit der Conquista bewohnten die Ilocanen einen schmalen

Küstenstrich vom Golf von Lingayen an bis hinauf zum Cap

Bogeador. Nach dieser Zeit breiteten sie sich, zum Theil unter dem

Schutze der spanischen Bajonnette, immer weiter und weiter aus. Sie

besitzen eine grössere Expansivkraft als die so vielgepriesenen

Tagalen. Heute bewohnen die Ilocanen die Provinzen Ilócos Norte (nur

den Küstenstrich), Abra (neben Tinguianen und Igorroten), Ilócos Súr

und La Union. Dann haben sie den nördlichen Theil und das Hinterland

von Pangasinán inne. Zahlreiche ilocanische Einwanderer haben das fast

gänzlich entvölkerte Thal von Benguet mit hoffnungsvollen Ansiedelungen

versehen, in Zambáles, Pampanga und Nueva Écija ist ihre Zahl beständig

im Steigen begriffen, dasselbe gilt vom westlichen Küstenstrich von

Cagayán. Selbst nach den Batanes- und Babuyanes-Inseln treibt sie

ihre rege Wanderlust, ja sogar im District Príncipe, an der Ostküste

Luzons, haben sie sich als strebsame Colonisten mitten unter Tagalen

und Ilongoten niedergelassen. In den Districten Lepanto und Bontoc sind

sie gleichfalls mitten unter den Bergstämmen der Igorroten zu finden,

doch muss hier ausdrücklich bemerkt werden, dass in diesen beiden

Districten alle getauften Indier, gleichgültig ob sie nun Igorroten,

Buriks sind, Ilocanos genannt werden, ohne Rücksicht auf ihre Abkunft

(Lillo Gracia 17). Es pflegen auch in der That die getauften Igorroten

die Sprache der (ihnen nahe verwandten?) Ilocanen ganz anzunehmen,

und es mag vielleicht diese--freilich geringe--Beimischung mit dem

Blute dieses so tapferen und kräftigen Bergvolkes auch etwas zu der

lebendigen Kraft und Expansionsfähigkeit beigetragen haben, welche

die Ilocanen so vortheilhaft vor der Passivität der übrigen Indios

civilisados auszeichnet.

Die Tracht gleicht mehr oder minder jener der Tagalen. Unentbehrlich

erscheint ihnen das Waldmesser "Sual", welches sowohl zum Bearbeiten

der Erde als auch zum Behauen der Balken und Fällen der Bäume dient

(Scheidnagel 124). Als Jagdwaffe benutzen sie denselben Wurfspiess

wie die Igorroten, den sie gleichfalls "Cayang" nennen.

Sie bauen Reis, Indigo, Mais, Zuckerrohr, Cacao, Kaffee, Cocos, Oliven

und Weinreben (Ilustr. 1860, n. 14, p. 164) und überdiess Baumwolle

(Ilustr. a. a. O., Cañamaque, Filip. 29). Die Hauptnahrung ist auch

hier der Reis, nächst diesem werden sehr viele Fische genossen; aus

dem Fische Ipon oder Dolon, der massenhaft gefangen wird, bereitet

man durch Einsalzen desselben die Speise "bayon" (Ilustr. 1860, n. 12,

p. 152). Die Viehzucht ist in blühendem Zustande, indem die Ilocanen

an den Bergvölkern gute Käufer ihrer Büffel, Rinder und Schweine

finden. Die Pferde von Ilócos gehören angeblich zu den besten der

Philippinen (Ilustr., l. c.). Früher war Viehraub an der Tagesordnung

(Mas, pobl. 80).

Die Industrie der Ilocanen ist ziemlich entwickelt, sie besitzen sogar

eine Specialität, nämlich aus Baumwolle gewebte Mäntel, die sogenannten

"mantas de Ilócos", welche einen wichtigen Exportartikel nach den

übrigen Theilen von Nord-Luzon bilden. Nach Diaz Arenas (p. 291)

liefert Ilócos Sur ausgezeichnete Sinamay- und Nipis-Zeuge. In Ilócos

Norte kommt die Abacá (Manilahanf) nicht mehr fort, als Surrogat

dient die Mague-Pflanze, deren Fasern ähnliche Eigenschaften besitzen

(Ilustr. 1860, n. 17, p. 200). Sonstige Industrieartikel entsprechen

den tagalischen. Scheidnagel nennt drei Ölgattungen, welche in Ilócos

erzeugt werden: Palo-María, Macabujay und Tagumbao.

Über ihre Religion zur Zeit der Conquista ist mir Nichts bekannt,

sie wurden durch den Cortés der Philippinen, Don Juan de Salcedo, der

spanischen Krone unterworfen, und sind schon über drei Jahrhunderte

Christen. Aus den Zeiten ihrer Unabhängigkeit datirt das grosse

Missverhältniss zwischen Reich und Arm. Die Edelleute (principales)

haben den Reichthum in ihren Händen, ihnen gegenüber steht die

grosse Masse der immer mehr verkommenden Plebejer, der sogenannten

Cailianes. Die Edelleute pflegten den Cailianes Seide oder Baumwolle zu

geben, welche sie zu Geweben verarbeiten sollten. Bei der Ablieferung

derselben pflegten die Cailianes bedeutend verkürzt zu werden,

indem die Principales bald schlechte Beschaffenheit des Gewebes oder

zu geringes Gewicht zum Vorwande nahmen, um die Cailianes zu ihren

ihnen rettungslos verfallenen Schuldnern zu machen, indem sie ihnen

keinen Lohn zahlten (Mas, hist. II, 60). Diese harte Bedrückung

verursachte zwei blutige Plebejer-Aufstände in den Jahren 1762 und

1811. Obwohl diese Übelstände in der Neuzeit so ziemlich beseitigt

erscheinen, so ist es vielleicht nicht unwahrscheinlich, die rege

Auswanderungslust der Ilocanen auf die unerquicklichen Verhältnisse

der Heimath zurückzuführen.

Versuch einer Ethnographie der Philippinen · 第 20 / 80 题