Zur Zeit der Conquista bewohnten die Ilocanen einen schmalen
Küstenstrich vom Golf von Lingayen an bis hinauf zum Cap
Bogeador. Nach dieser Zeit breiteten sie sich, zum Theil unter dem
Schutze der spanischen Bajonnette, immer weiter und weiter aus. Sie
besitzen eine grössere Expansivkraft als die so vielgepriesenen
Tagalen. Heute bewohnen die Ilocanen die Provinzen Ilócos Norte (nur
den Küstenstrich), Abra (neben Tinguianen und Igorroten), Ilócos Súr
und La Union. Dann haben sie den nördlichen Theil und das Hinterland
von Pangasinán inne. Zahlreiche ilocanische Einwanderer haben das fast
gänzlich entvölkerte Thal von Benguet mit hoffnungsvollen Ansiedelungen
versehen, in Zambáles, Pampanga und Nueva Écija ist ihre Zahl beständig
im Steigen begriffen, dasselbe gilt vom westlichen Küstenstrich von
Cagayán. Selbst nach den Batanes- und Babuyanes-Inseln treibt sie
ihre rege Wanderlust, ja sogar im District Príncipe, an der Ostküste
Luzons, haben sie sich als strebsame Colonisten mitten unter Tagalen
und Ilongoten niedergelassen. In den Districten Lepanto und Bontoc sind
sie gleichfalls mitten unter den Bergstämmen der Igorroten zu finden,
doch muss hier ausdrücklich bemerkt werden, dass in diesen beiden
Districten alle getauften Indier, gleichgültig ob sie nun Igorroten,
Buriks sind, Ilocanos genannt werden, ohne Rücksicht auf ihre Abkunft
(Lillo Gracia 17). Es pflegen auch in der That die getauften Igorroten
die Sprache der (ihnen nahe verwandten?) Ilocanen ganz anzunehmen,
und es mag vielleicht diese--freilich geringe--Beimischung mit dem
Blute dieses so tapferen und kräftigen Bergvolkes auch etwas zu der
lebendigen Kraft und Expansionsfähigkeit beigetragen haben, welche
die Ilocanen so vortheilhaft vor der Passivität der übrigen Indios
civilisados auszeichnet.
Die Tracht gleicht mehr oder minder jener der Tagalen. Unentbehrlich
erscheint ihnen das Waldmesser "Sual", welches sowohl zum Bearbeiten
der Erde als auch zum Behauen der Balken und Fällen der Bäume dient
(Scheidnagel 124). Als Jagdwaffe benutzen sie denselben Wurfspiess
wie die Igorroten, den sie gleichfalls "Cayang" nennen.
Sie bauen Reis, Indigo, Mais, Zuckerrohr, Cacao, Kaffee, Cocos, Oliven
und Weinreben (Ilustr. 1860, n. 14, p. 164) und überdiess Baumwolle
(Ilustr. a. a. O., Cañamaque, Filip. 29). Die Hauptnahrung ist auch
hier der Reis, nächst diesem werden sehr viele Fische genossen; aus
dem Fische Ipon oder Dolon, der massenhaft gefangen wird, bereitet
man durch Einsalzen desselben die Speise "bayon" (Ilustr. 1860, n. 12,
p. 152). Die Viehzucht ist in blühendem Zustande, indem die Ilocanen
an den Bergvölkern gute Käufer ihrer Büffel, Rinder und Schweine
finden. Die Pferde von Ilócos gehören angeblich zu den besten der
Philippinen (Ilustr., l. c.). Früher war Viehraub an der Tagesordnung
(Mas, pobl. 80).
Die Industrie der Ilocanen ist ziemlich entwickelt, sie besitzen sogar
eine Specialität, nämlich aus Baumwolle gewebte Mäntel, die sogenannten
"mantas de Ilócos", welche einen wichtigen Exportartikel nach den
übrigen Theilen von Nord-Luzon bilden. Nach Diaz Arenas (p. 291)
liefert Ilócos Sur ausgezeichnete Sinamay- und Nipis-Zeuge. In Ilócos
Norte kommt die Abacá (Manilahanf) nicht mehr fort, als Surrogat
dient die Mague-Pflanze, deren Fasern ähnliche Eigenschaften besitzen
(Ilustr. 1860, n. 17, p. 200). Sonstige Industrieartikel entsprechen
den tagalischen. Scheidnagel nennt drei Ölgattungen, welche in Ilócos
erzeugt werden: Palo-María, Macabujay und Tagumbao.
Über ihre Religion zur Zeit der Conquista ist mir Nichts bekannt,
sie wurden durch den Cortés der Philippinen, Don Juan de Salcedo, der
spanischen Krone unterworfen, und sind schon über drei Jahrhunderte
Christen. Aus den Zeiten ihrer Unabhängigkeit datirt das grosse
Missverhältniss zwischen Reich und Arm. Die Edelleute (principales)
haben den Reichthum in ihren Händen, ihnen gegenüber steht die
grosse Masse der immer mehr verkommenden Plebejer, der sogenannten
Cailianes. Die Edelleute pflegten den Cailianes Seide oder Baumwolle zu
geben, welche sie zu Geweben verarbeiten sollten. Bei der Ablieferung
derselben pflegten die Cailianes bedeutend verkürzt zu werden,
indem die Principales bald schlechte Beschaffenheit des Gewebes oder
zu geringes Gewicht zum Vorwande nahmen, um die Cailianes zu ihren
ihnen rettungslos verfallenen Schuldnern zu machen, indem sie ihnen
keinen Lohn zahlten (Mas, hist. II, 60). Diese harte Bedrückung
verursachte zwei blutige Plebejer-Aufstände in den Jahren 1762 und
1811. Obwohl diese Übelstände in der Neuzeit so ziemlich beseitigt
erscheinen, so ist es vielleicht nicht unwahrscheinlich, die rege
Auswanderungslust der Ilocanen auf die unerquicklichen Verhältnisse
der Heimath zurückzuführen.