Der bedeutendste Zweig der malaiischen Rasse auf den Philippinen
wird von den Tagalen (Tagales) gebildet. Die Tagalen bewohnen den
centralen Theil Luzons. Die Provinzen und Districte: Manila, Laguna,
Cavite, Batangas, Bulacán, Morong, Infanta, Tayabas, Bataán und die
Corregidor-Insel werden beinahe ausschliesslich von ihnen bewohnt,
nur in Manila bilden Weisse, Chinesen und die Mischlinge dieser Rassen
einen erheblichen Bruchtheil der Bevölkerung, wie die officiellen
Censuslisten aufweisen. Überdiess wohnen sie in nicht unbedeutender
Stärke in der Provinz Zambales, ferner in den Provinzen Príncipe,
Isabela und Nueva Écija. An der Nordostküste Luzons ist der nördlichste
von ihnen bewohnte Punkt Paranan (Semper, Erdk. X, 258). In der
Provinz Camarínes Norte reichen sie von Nordwesten her bis zu dem
durch seine reichen Goldminen bekannten Orte Paracáli, wo bereits
mehr Tagalisch als Vicol gesprochen wird (Jagor, Phil., 149). Hier hat
also das Tagalog seit den Tagen der Conquista bedeutende Fortschritte
gemacht, denn in der Zeit des Don Juan de Salcedo waren jene Gegenden
von Camarínes Norte ausschliesslich mit Vicols besiedelt. Die grosse
Insel Mindoro wurde im XVII. Jahrhunderte nur an den Nordküsten von
Tagalen bewohnt (Allg. Hist. XI, 406), heute herrscht auf der ganzen
Insel, so weit sie Spanien unterworfen ist, d. h. an den Küsten,
die tagalische Sprache. Die Insel Marinduque war bei der Ankunft der
Spanier von Visayern bewohnt, welche unter tagalischen Häuptlingen
lebten, die Zahl der Tagalen war gering, auch hier bewährte sich die
tagalische Sprache als Siegerin, sie ist heute die herrschende, wie die
Censuslisten aufweisen. Auf der Ostküste Luzons wird die Insel Polillo
gleichfalls von ihnen bewohnt. Verstreut, aber nur in geringer Anzahl,
sind sie in allen Theilen der Philippinen zu finden, selbst ausserhalb
des Archipels, so fand Jagor auch welche in Singapore (Jagor, Skizzen
35). In Zamboanga auf Mindanao, ferner auf den Marianen bilden Tagalen
und deren Mischlinge einen erheblichen Theil der Bevölkerung (Buzeta I,
66). Ebenso giebt es tagalische Niederlassungen seit 1848 im Meerbusen
von Davao auf Mindanao (Cavada II, 224).
Die Tagalen zeigen eine grössere Verschiedenheit vom malaiischen Typus
als die Visayas (Bastian, Reisen V, 273). Ihre Hautfarbe ist bräunlich
mit einem gelblichen Tone, in Manila durch Kreuzung mit Europäern und
Chinesen etwas heller als in den anderen Provinzen. Der Körper ist gut
gewachsen, die Gliedmaassen sehr zart. Der Kopf ist rund, hinten platt,
die Nase ist etwas plattgedrückt und mit breiten Flügeln versehen,
der Mund ist gross, die Lippen ziemlich dick. Die Backenknochen
treten stark hervor, die Stirne ist niedrig. Die Augen sind gross
und dunkel, nach Mallat lebhaft, nach Cañamaque das Gegentheil. Einen
eigenthümlichen Eindruck machten auf mich stets die zwei Hautfalten,
welche von den Nasenflügeln sich zu den Mundwinkeln hinziehen und die
man auf Abbildungen und Photographien selbst jugendlicher Personen
schärfer hervortreten sieht, als diess bei Europäern desselben Alters
der Fall ist. Dieser Umstand ist noch von Niemandem bemerkt worden. Der
Haarwuchs ist ein ungemein üppiger, das Haar schwarz, aber grob.
Die Beweglichkeit ihrer Zehen ist eine auffallende, sie sind im
Stande die Füsse zur Unterstützung ihrer Hände herbeizuziehen,
mit Leichtigkeit erfassen sie die kleinsten Gegenstände mit den
Zehen und heben sie vom Boden auf, um sich die Mühe des Bückens zu
ersparen; beim Klettern kommt ihnen besonders diese Eigenschaft zu
gute (Ilustr. 1858, n. 7, p. 53). Wir haben bereits oben Ähnliches
bei den Negritos gefunden. Die grosse Zehe ist auch von den übrigen
durch einen grösseren Zwischenraum getrennt (Buzeta I, 59).
Nicht minder ausserordentlich ist ihr Geruchssinn. Selbst in einer
grösseren Gesellschaft erkennen sie an dem Geruche der Taschentücher
deren Besitzer (Jagor, Skizzen 39). Es giebt Diener, welche durch
Beriechen unter einem Dutzend fremder, frischgewaschener Hemden
das Eigenthum ihres Herrn sofort herausfinden. Liebende tauschen
Kleidungsstücke &c. aus, um sich am Beriechen derselben zu erfreuen,
ist der fremde "Duft" durch den eigenen verdrängt, findet neuer
Austausch Statt. Nach Mas (pobl. 87), dem ich auch das Obige entnehme,
sollen die Weiber durch ihren Geruchssinn es erkennen, ob ein in
ihrer Nähe befindlicher Mann geschlechtlich erregt ist oder nicht (?).
Die Tagalen siedeln sich stets unmittelbar an einem grösseren Wasser
an, sei es ein Fluss, ein Bach, ein See oder das Meer selbst, ihr
Name selbst soll soviel wie Flussbewohner bedeuten, die Ebene und das
Thal sind ihre Heimath, die steilen Hänge, die Gebirgsgelände meiden
sie nach Thunlichkeit. In den Zeiten ihrer Unabhängigkeit waren ihre
Niederlassungen klein und zersplittert, die Spanier aber zwangen sie,
sich in grössere Ortschaften zusammenzusiedeln, welche Pueblos (wenn
sie eine autonome Gemeinde bilden) oder Barrios heissen. Es gehörte
viel dazu, die zum isolirten Vegetiren sich hinneigenden Tagalen zu
dieser Concentration zu bringen, zum Glück begegneten sich da die
Absichten der Regierung mit den Interessen der Geistlichkeit und des
durch kluge Concessionen gewonnenen eingeborenen Adels.
Die Hütten der Tagalen stehen auf Pfählen; der von den Pfählen
eingeschlossene Raum wird durch Bambuslatten abgesperrt (Jagor,
Phil. 20), in denselben werfen die Tagalen durch die Spalten des Bodens
der Hütte den Kehricht herunter (Semper, Skizzen 50). Die Hütten
selbst sind aus Rohr, bei Reicheren aus Brettern und Balken erbaut,
meist besteht jedoch nur das Gerüste aus diesem Material, die Wände
werden dann aus Pandanusblättern verfertigt. Die Fenster haben Läden
aus Fächerpalmblättern oder Bambusrohr. Selten fehlt die Azotea oder
Batalan, eine Art Galerie oder Veranda. Das Dach wird mit Blättern der
Nipapalme gedeckt, welche oft zu förmlichen Ziegeln geformt sind. Es
giebt Hütten, welche sammt dem Mobiliar zwei Centner wiegen (Jagor,
Phil. 20). Beim Baue wird zuerst das Dach, dann erst die Hütte selbst
hergestellt (Jagor, Phil. 46; Scheidnagel 54). Der Aufstieg geschieht
auf einer Leiter oder einem eingekerbten Bambus, bei Nacht wird die
Hütte durch Aufziehen der Leiter unnahbar. Die Hütten haben nur ein
Stockwerk, dessen Fussboden ungefähr einen Meter über der Erde erhaben
ist (Scheidnagel 54). Vornehme Indier, die Principales oder Glieder der
Dorf-Aristokratie, haben bessere zum Theil aus Stein erbaute Häuser,
welche mitunter ein mit Zink gedecktes Dach besitzen (Scheidnagel
l. c.). Das Mobiliar besteht bei der Mehrzahl der Tagalen nur aus dem
Kochgeschirr und Matten. Jagor fand die stattlichsten Tagalenhäuser in
der Provinz Bulacán, in denselben fehlten weder Stühle, noch Tische,
Bänke, Schränke, selbst Spiegel und Lithographien waren vorhanden
(Jagor, Phil. 48).
In den Provinzen laufen die Kinder ganz nackt herum oder tragen nur
das philippinische Hemd, die Camisa, d. h. eine Jacke, welche nicht
einmal den Nabel bedeckt. Selbst grössere Burschen begnügen sich
mit dem Tapa-Rabo, einem Baumwollstoffe, welcher zwischen die Beine
geschlagen und am Gürtel festgemacht wird (Vila 7). Die Tracht der
erwachsenen Männer ist sehr einfach, sie besteht aus der erwähnten
Camisa und Beinkleidern, nur pflegt hier das Hemd meist so lang wie das
der Europäer zu sein, was aber um so unanständiger erscheint, indem
das Hemd über den Hosen getragen wird. Die Hemden der Vornehmen sind
oft reich gestickt oder wenigstens mit rothen Knöpfen versehen. Reiche
Leute tragen Perlen oder Brillanten als Knöpfe (Scheidnagel 60). Die
Mitglieder des eingeborenen Adels tragen über dem Hemde eine schwarze
Tuchjacke, doch ist diess nicht ihr ausschliessliches Privileg, wie
in einigen Werken zu lesen ist. Lächerlich nehmen sich die Kutscher
europäischer Herren aus: Das Hemd über den Hosen, eine gallonirte
Jacke, Gamaschen und Cylinderhut! Die Füsse tragen sie meist nackt,
selbst die eingeborenen Truppen der Spanier tragen Schuhe nur zur
Parade, und in der Stadt, bei Märschen und im Felde gehen sie barfuss,
sonst würden sie bald marschunfähig werden. Die Vornehmen tragen
mitunter selbst Lackschuhe (Scheidnagel 60).
Auf dem Kopfe tragen sie einen grossen Hut, den Salacot oder
Salacó. Dieser hat die Form eines Kugelsegments und ist sehr häufig
mit einer Spitze versehen, welche aus Silber oder gar aus Gold
besteht (Scheidnagel, l. c.). Das Material sind Palmenblätter, Stroh
&c. Vornehme tragen gern Hüte europäischer Façon, ja mit Vorliebe
Cylinder.
Ärmere Frauen tragen nur die kurze Camisa und dann die Saya. Letztere
ist ein Frauenrock, der von der Hüfte bis zu den Knöcheln reicht, oft
aber auch die Waden ganz unbedeckt lässt. Bei der Kürze der Camisa
bleibt häufig ein Streifen nackten Leibes den Blicken der Männer
ausgesetzt. Reichere tragen noch den Tápis, dieser besteht aus einem
Zeuge, welches um den oberen Theil der Saya herumgewunden wird. Sie
wissen den Tápis in einen schönen Faltenwurf zu bringen. Man liebt
besonders gestreifte Stoffe, am berühmtesten sind die Tápisstoffe,
welche in Balívag (Provinz Bulacán) fabricirt werden, sie sind
dunkelbraun und weiss gestreift. Die Stoffe zu diesen Kleidern werden
aus Baumwolle, Abacá oder Seide verfertigt. Das Haar tragen die Weiber
aufgelöst oder in einem durch einen Kamm zusammengehaltenen Knoten
("pusod") geknüpft. Zum Schmucke der Haare dienen Blumen. Geschmeide
wird gleichfalls getragen, doch ist es meist europäischen oder
chinesischen Ursprunges oder doch fremden Mustern entlehnt. Die
Füsse stecken bei allen Bemittelten in eigenthümlichen Pantoffeln,
den sogenannten Chinelas, deren Oberdecke so kurz ist, dass sie kaum
die Zehen bedeckt.
Die Tagalen leben vom Fischfang und Ackerbau. Der Reis ist ihre
Hauptnahrung, deshalb wird er auch am meisten gebaut. Auf einer
Ausstellung zu Manila wurden 60 angeblich verschiedene Reisgattungen
ausgestellt, welche sämmtlich in den Philippinen gebaut werden (Jagor,
Skizzen 37). Dem Reisbau wenden sie auch die grösste Sorgfalt zu,
obwohl sie nicht viel mehr zu bauen pflegen, als sie selbst zum
Unterhalte brauchen. Wo die Äcker an Waldwildnisse grenzen, werden sie
durch lebendige Hecken aus einer sehr stacheligen Bambusart geschützt
(Semper, Skizzen 135). Die Ackergeräthe sind sehr plump und meist
aus Bambus zusammengesetzt. Den Pflug zieht der Carabao-Büffel,
von dem ich noch weiter unten sprechen will. Reis ist ihre tägliche
Nahrung, und man sieht die Weiber stets damit beschäftigt, den noch
in der Hülle steckenden Reis--"pálay" genannt--durch Stossen in einem
Holzmörser--lusong--zu enthülsen. Diejenige Speise, welche bei ihnen
nicht nur die Stelle unseres Brotes vertritt, sondern für viele die
ausschliessliche Nahrung ist, besteht nur aus in Wasser gekochtem, oft
ungesalzenem Reis, der Name derselben ist: Morisqueta oder Canin. Auch
ihre Leckereien und Delicatessen bestehen meistentheils aus Reis,
so die Bibinca (gekochter Reis mit Cocosmilch) &c. Aus Reis wird
auch ein Branntwein gebrannt. Die Vorliebe für den Reis ist so gross,
dass selbst der Chocolade gerösteter Reis zugesetzt wird.
Nächst dem Reis werden noch Camóte und Mais gebaut. Camóte (Convulvulus
batatas) wuchert beinahe ohne jede Pflege, sie ist "eine unversiegbare
Vorrathskammer für den Besitzer, der das ganze Jahr hindurch seinen
Bedarf dem Felde entnehmen kann" (Jagor 122). Von Nahrungspflanzen für
heimischen Bedarf werden noch Gabi (Caladium), Ubi (Dioscorea) und zwei
Arumarten cultivirt. Der Cacaobaum wird zwar gepflanzt, liefert aber
bei der Indolenz der Eingeborenen und der Empfindlichkeit des Baumes
einen schlechten Ertrag. Der Caffeebau, für den Export bestimmt,
nimmt immer mehr zu, Zuckerrohr wird von den Tagalen nicht in der
Menge gebaut, wie von den Visayern. Die Fruchtbäume des ostindischen
Archipels werden auch von den Tagalen gezogen, ich gebe hier die
wichtigsten nach der "Ilustracion filipina" (1859, n. 12, p. 99)
mit den tagalischen Namen an: Manga (Mangifera indica), Saguing
(Musa paradisiaca) von den Spaniern "plátano" genannt, Atte (Annona
squamosa), Sapote (Sapote nigra), Tampoy (Eugenia Malaccensis),
Piña (Bromelia ananas), Mangostan (Garciana mangostana), Sagú
(Sagus Rumphii). Die Cocospalme ist nächst der Musa paradisiaca
der wichtigste Fruchtbaum. Sie wird in grossen Wäldern oder Hainen
(Cocales) gepflanzt, bekannt sind die Cocoteros von Pagsanjan, die
Cocosnüsse werden von dort in haushohen Pyramiden über die Laguna
de Bay und den Pasig nach Manila gerudert: "diese Massen haben keine
weitere Unterlage als die Cocosnüsse selbst, deren unterste Schicht
mit Stricken zusammengebunden ist" (Hügel 236). Aus der Milch der
Cocosnuss bereiten sie verschiedene süsse Speisen und Bäckereien,
insbesondere die Speise Macapumi (Scheidnagel 75), diese Palme liefert
ihnen den so beliebten Tuba-Wein, und das Cocosöl dient zum allgemeinen
Leuchtmaterial, sowie zur Pomade. Aus dem Zuckerstoffe der Buripalme
bereiten sie die Zuckerspeise Chancaca, desgleichen aus Pilikörnern [8]
(Scheidnagel, l. c.). An den Flussläufen wird Nipa littoralis gezogen,
von welcher auch Branntwein gewonnen wird. Von Nutzpflanzen werden
von den Tagalen Baumwolle, Indigo und Abacá (Manilahanf) gebaut. Der
Tabak wurde vor der Einführung des Monopols von den Tagalen fleissig
gepflanzt, jetzt (seit 1781) ist sein Anbau auf bestimmte Provinzen
beschränkt. Von den erwähnten Pflanzen sind folgende erst durch die
Spanier eingeführt worden: Indigo(?), Tabak, Mais, Caffee, Cacao
und Camóte.
Die Hausthiere der Tagalen vor Ankunft der Spanier bestanden nur aus
dem Carabao-Büffel, dem Schweine, Hunde und Geflügel, unter letzterem
besonders Hühner und Enten. Erst die Spanier brachten Rind, Pferd,
Schaf und Esel, doch haben diese beiden letzteren Thiergattungen sich
in diesem Lande nicht bewährt und werden demgemäss auch nicht mehr oder
nur hie und da gezüchtet. Der Carabao dient nicht nur als Zugthier, er
wird auch zum Reiten benutzt (Cañamaque, Recuerdos I, 152). Das Schwein
galt bei den Tagalen der Conquista als ein äusserst wichtiges Thier,
wesshalb es bei Opferfesten stets als Schlachtopfer diente, bei vielen
religiösen Ceremonien war wenigstens Schweineblut erforderlich. Auch
heute noch bildet Schweinefleisch eine Lieblingskost der Tagalen,
doch pflegen sie gar keine Sorgfalt auf diese Thiere zu verwenden,
welche sich meist nur von menschlichen Excrementen nähren (Jagor,
Phil. 124). Vom Rinde kommen zwei Gattungen vor, die spanische,
im XVI. Jahrhunderte über Neuspanien eingeführt und der indische
Zebu (Scheidnagel 104), der erst in neuerer Zeit eingeführt worden
sein muss, da ältere Werke hierüber gar Nichts erwähnen. Beide
Rindergattungen werden hauptsächlich des Fleisches wegen gezogen,
zur Arbeit gebraucht man nur den Büffel. Ziegen sind sehr selten
(Scheidnagel 105), ebenso wie Schafe. Die Pferderasse ist ein kleiner
Schlag, gemischt aus andalusischem, chinesischem und japanischem Blute
(Jagor 123 und 315, nach Morga fol. 130 und 161).
Von Geflügel werden hauptsächlich Hühner und Enten gehalten,
erstere nicht blos des Fleisches oder der Eier wegen, sondern, wie
ich es weiter unten ausführlicher besprechen werde, um die Hähne
zum Kampfsport aufzuziehen. Die Entenzucht der Tagalen hat auf den
Philippinen einen weiten Ruf, insbesondere sind es die Ortschaften am
Pasig und der Laguna de Bay, deren Bewohner sich mit der Entenzucht
im grossartigsten Maassstabe befassen, besonders Pateros erfreut
sich einer grossen Berühmtheit, und zwar werden die Eier künstlich
ausgebrütet. Die Ilustracion filipina (1860, n. 4, p. 38) berichtet
darüber folgendes: Das Weib--mit dieser "Industrie" befassen sich nur
die Weiber--richtet 1000-1500 Enteneier zu, dann schlägt sie Pálay
(Reis in der Hülse) in ein rohes Gewebe ("tigbó") und macht diesen
Haufen entweder durch ein Feuer oder die Glut der Sonnenstrahlen
warm. Darauf wird ein grosser Korb genommen und in diesem eine Schicht
des gewärmten Pálay's ausgebreitet, darauf folgt eine Schicht Eier und
so abwechselnd fort, bis die oberste Schicht wieder von Pálay gebildet
wird. Diese Operation wird durch mehr als zwei Wochen täglich zwei Mal
ausgeführt, hierauf werden die Eier in einen Trog, der mit Reishülsen
gefüllt ist, gelegt und mit Zeug bedeckt, um ein Ausstrahlen der
Wärme zu verhindern, andererseits wird wieder gelüftet, um die nöthige
gleichmässige Temperatur zu erhalten. 12 oder 14 Tage nachher kriegen
die jungen Enten aus den Eiern hervor, 800-1000 an der Zahl. Sie
werden sofort in eingezäunte Wasserplätze gebracht. "Vor jeder Hütte
befindet sich gegen den Fluss (Pasig) zu ein grosser eingezäunter
Platz, wo diese Thiere sich sonnen und nach Belieben im Wasser baden
können. Der vom Fluss bespülte Boden des kleinen Geflügelhofes wird
jeden Morgen mit Sorgfalt gereinigt, umgegraben und täglich von Neuem
mit einer grossen Menge von Schalthieren angefüllt, welche den Enten
zum Futter dienen und von den Eingeborenen in kleinen Canoës aus
dem See (Laguna de Bay) geholt werden, wo dieselben zu Milliarden
im Schlamm leben. In Pateros werden jährlich Millionen von Enten
als Handelsartikel gezogen, indem die Tagalen, gleich den Chinesen,
halbausgebrütete Eier und Küchlein für besondere Leckerbissen halten"
(Scherzer, Novara-Reise I, 602). Gänse wurden von den Spaniern aus
China importirt (Jagor, l. c.).
Nächst dem Reis und der Camóte bilden Fische die Hauptnahrung der
Tagalen. Die Hauptbeute liefert der Dalag-Fisch (Ophicephalus vagus,
Peters). "Wenn in der Dürre die Bäche zu einer unzusammenhängenden
Kette von Tümpeln einschrumpfen, dann beginnt der Dalag-Fang. Der
Dalag gräbt sich im Schlamme weiter fort, deshalb werden zunächst
flussabwärts in den Schlamm engmaschige Bambusgitter gesteckt,
um ein Entweichen des Fisches zu verhindern, darauf wird das
Wasser aus den Lachen herausgeschöpft und die Fische ausgegraben"
(Jagor, Phil. 47). In der nassen Zeit sind sie auch so häufig in
allen Gräben und Reisfeldern zu finden, "dass sie mit Knitteln
todtgeschlagen werden" (Jagor, l. c.). In Flüssen und Bächen werden
die Fische dadurch gefangen, dass man die betäubende Frucht des
Tuba-Tuba-Baumes in das Wasser wirft oder in der Nacht sie durch
Fackeln, besonders die Aale, in den Handbereich lockt (Scheidnagel
151). Die Strandbewohner des Meeres und der Binnen-Seen fangen die
Fische auf ähnliche Weise und durch Harpunirung (Semper, Skizzen 31),
oder sie fangen sie durch besonders construirte Netze und Fangapparate,
welche die Küstenschifffahrt behindern. Die Netze beruhen auf einem
Hebelapparate, der auf einem grossen von Bambusrohr gebauten Floss
steht (Semper, Skizzen 111). Die kleinen Fische werden meist an
der Sonne getrocknet oder gesalzen (Scheidnagel 60), sie bilden die
picante Zukost zum faden Reis.
Der Jagd verdanken sie den geringsten Theil ihrer Nahrung. Der wilde
Carabao wird zu Pferde, welche zu diesem Zwecke besonders abgerichtet
sind, und mit der Lanze gejagt (Näheres: Ilustr. 1859, n. 10, p. 78)
oder man lockt ihn durch eine zahme Carabao-Kuh heran und haut ihm
dann in seiner blinden Liebesbrunst die Sehnen mit dem scharfen
Campilan entzwei (l. c.). Gefangen wird er mit dem Lazo. Hirsche und
Wildschweine kommen häufig vor. Wildenten werden gejagt, indem der
Tagale den Kopf sich mit Zweigen bedeckt und schwimmend oder watend
sich den Enten nähert und eine nach der anderen unter das Wasser zieht
(Scheidnagel 150). Der fliegende Hund wird seines wohlschmeckenden
Fleisches wegen gleichfalls verfolgt (Jagor, Skizzen 217). Heuschrecken
werden in irdenen Pfannen geröstet, jedoch nur die Köpfe und Rücken
gegessen (Jagor, Phil. 219). Trotz ihres hochentwickelten Geruchssinnes
essen die Indier gern faules Fleisch (Jagor, Skizzen 39). Der Tagale
isst drei Mal des Tags, um 7 Uhr Morgens, 12 Uhr Mittags und um 7 oder
8 Uhr Abends. Alle Speisen sind stark mit spanischem Pfeffer gewürzt
(Jagor, Phil. 126).
Die Waffen der Tagalen in der Zeit der Conquista bildeten Lanze,
Schild und Campilan (säbelartiges Waldmesser), alles noch heute
vorhanden. Bogen und Pfeile sind noch heute im Gebrauche (Meyer,
Negr.). Zahlreich sind ihre verschiedenen Schiffsgattungen. Da ist
die Falúa oder Lorcha, ein grosses, bequemes, aber schwerfälliges
Ruderschiff, das Pontin, ein Zweimaster mit Mastensegeln von etwa 100
Tonnen Gehalt. Am häufigsten ist am Pasig der Casco, ein Zweimaster
ohne Deck, jedoch mit Strohmatten überdacht, längs der Bordseiten läuft
ein Trittbret, auf welchem die Schiffsleute sich bewegen, wenn sie mit
ihren langen Stangen das Fahrzeug vorwärts stossen. Der Casco führt
einen Holzanker und ist am Vordertheile meist weiss und roth bemalt
(Ilustr. 1860, n. 5, p. 49). Barotos sind kleine Handelsschiffe. Die
Bancas sind Kähne mit einem Schutzdache, sie werden mit Rohrstangen
vorwärts bewegt. Die tagalischen Fischerboote in der Bai von Manila
haben sämmtlich Auslieger (Hügel 95). In den Zeiten der Conquista
besassen noch die Tagalen niedrige, leichte Schiffe ohne Verdeck mit
Ausliegern, Barangay oder Balangay genannt. Die Barangayes besassen
ein bis zwei Maste, konnten aber auch durch Ruder fortgetrieben werden,
über den Ruderbänken befand sich eine Galerie aus Bambus, auf welcher
die Krieger standen (Jagor 311, Morga fol. 128, Morga-Stanley 297).
Als die Spanier mit den Tagalen zum ersten Male in Berührung kamen,
fanden sie bei ihnen bereits den Islam vor, der erst kurz vorher von
Borneo aus importirt worden war; aber, obwohl überall unter den Tagalen
verbreitet, waren in den Binnendistricten es nur die Häuptlinge,
die den neuen Glauben angenommen hatten (Morga-Stanley 307 f.). In
einem Berichte, den der Vicekönig von Neuspanien, Dr. Martin Enriquez,
an Philipp II. am 5. December 1573 von Méjico aus richtet, bemerkt
er über die Luzon, dass der Islam seinen Bewohnern aufgezwungen
wäre und noch keine festen Wurzeln gefasst hätte, "weil viele von
ihnen Wein trinken und Schweinefleisch essen" (Cartas de Indias,
fol. 291). In der That hing noch der grösste Theil der Tagalen fest
an seinem alten heidnischen Glauben, und als dann das Christenthum
ihre Religion wurde, blieben noch die meisten religiösen Anschauungen
ihres Heidenthums bei ihnen wach und sind es auch bis zum heutigen
Tage, alle Bemühungen der Mönche vermochten nicht die nunmehr zum
Aberglauben gestempelten altreligiösen Bräuche auszurotten.
Ihre alte Religion enthielt den Glauben an einen Weltschöpfer und
Hauptgott, der im Himmel throne, überdiess noch an eine grosse Zahl
von bösen und guten Dämonen, neben dieser Mythologie besassen sie noch
den Ahnencultus, indem die Seelen der als Grossväter verstorbenen, die
Anitos oder Nonos, zu Hausgöttern oder Schutzgottheiten gewisser Plätze
werden. Sie besassen auch Priester (Catalonanes) und Priesterinnen
(Catalonas), welche von ihrem Hohenpriester, dem "Sonat", zu ihrem
Amte geweiht wurden.
Noch heute existirt die heilige Scheu vor den Seelen der Verschiedenen,
den Nonos, ich werde bei Gelegenheit der Todtenbestattungen noch
darauf zurückkommen. Freilich in Manila und dort, wo die Spanier
zahlreicher wohnen, treten diese Erscheinungen nicht so grell zu
Tage. Abergläubische Indier pflegen (wohl nur Abends) etwas Speise
am Tische liegen zu lassen, damit die Geister der Verstorbenen sich
sättigen können (Mas, pobl. 94). In vielen Dörfern besteht noch der
Brauch "Pasing-tabi sa Nono", d. h. die Tagalen bitten die Seelen ihrer
verschiedenen Ahnen, sie mögen die Arbeit oder das Werk, womit sie
sich gerade beschäftigen wollen, zu einem guten Ende führen (El Indio
viejo von F. de P. Martinez in Ilustracion 1859, n. 7, p. 54). Grosse
stattliche Bäume, charakteristisch geformte Berge gelten ihnen als
Wohnsitze der Nonos oder Anitos. Niemand geht vorbei, ohne zu rufen:
"mit Deiner Erlaubniss", sonst würde ihnen der Nono schweres Unheil
oder Krankheit senden. Wenn sie einen Baum (Waldbaum?) fällen müssen,
so bitten sie den Nono um Entschuldigung und rufen unter anderem:
der Padre (Pfarrer) hat es befohlen, es ist nicht unsere Schuld und
auch nicht unser Wille (Mas, pobl. 90). Die alten Götter und Dämonen
Tigbalang, Patianac, Sava &c. leben in ihrem Glauben noch heute, nur
sind sie zum Range von Gespenstern heruntergesunken (Mas, l. c.). Sie
glauben auch an eine Art Wünschelruthe, den "Antinantin", welcher ihnen
Reichthümer und Glückseligkeit verschaffen soll (Mas, pobl. 91). Einen
eigenthümlichen Aberglauben hegen sie Schlafenden gegenüber; es gilt
für die schwerste Beleidigung, über einen Schlafenden hinwegzuschreiten
oder ihn plötzlich und schroff aus dem Schlafe zu wecken (Jagor,
Phil. 132). Mas führt diese Sitte auf die Furcht der Indier zurück,
im Schlafe zu sterben (Mas, pobl. 77).
Äusserlich [9] hängen sie fest an dem katholischen Glauben. Das
Tragen von Scapulieren, Rosenkränzen, Reliquien und Heiligenbildern
ist allgemein (Mas, pobl. 100). Baron Hügel sah 1834 bei den Tagalen
an der Laguna de Bay, dass sie am Boden des Salacó ein Heiligenbild
oder Amulet trugen, von welchem sie glaubten, dass es sie schütze. Sie
beteten zu ihm, indem sie den Hut abnahmen und auf das Bild starrten;
sah irgend ein Anderer in den Hut und erblickte er das Bild, so war die
Zauberkraft desselben vollständig erloschen (Hügel 207). Festlichen
Gottesdienst, Processionen und Kirchenfeste machen sie sehr gern mit
(Scheidnagel 62), in Manila soll diess weniger der Fall sein als
auf dem Lande (Mas, pobl. 103). Die Beichte ist bei allen dieselbe,
sie haben stets nur drei Sünden: am Fasttage Fleisch gegessen,
am Sonntage die Messe versäumt und eitel geschworen zu haben (Mas,
l. c.). Sie erzählen gern von Visionen, die sie gehabt hätten (Mas,
pobl. 95), noch zu Anfang dieses Jahrhunderts war der Glaube an
Hexen weit verbreitet (Mas, pobl. 122). Die tagalischen Maler malen
gewöhnlich die Christus- und Heiligenbilder nach Modellen ihrer eigenen
Rasse, diesen Heiligenbildern erweisen sie aber geringere Verehrung,
indem sie sagen, die Heiligen wären sämmtlich Spanier gewesen (Mas,
pobl. 102). Um Diebe zu entdecken, bedienen sie sich verschiedenartiger
katholisch gefärbter Bräuche: so, um nur einen herauszugreifen,
wird eine Kerze dem hl. Antonius von Padua angezündet, rings herum
knieen die Verdächtigen, neigt sich die Kerze oder Fackel gegen
einen derselben, so ist dieser der Schuldige (Mas, pobl. 93, nach
Fr. Tomas Ortiz, Práctica del Ministerio). Neben den Heiligenbildern
und Reliquien, welche meist von Weibern getragen werden, tragen
sie noch andere Amulete mit sich herum, welche aus Wurzeln, Rinden,
Fellstückchen, Knochen &c. bestehen, denen sie die Gewalt zuschreiben,
sie entweder in Gefahren zu schützen oder Reichthümer und Liebesgenuss
zu verschaffen (l. c.). Der Glaube an Prophezeiungen und Unglückstage
ist gleichfalls verbreitet (l. c.).
Machen sich bei einer Frau die Geburtswehen fühlbar, dann trifft der
Gatte alle Anstalten, um dem Patianac und dem Usuang entgegenzutreten,
beides sind böse Dämonen. Der Patianac sucht die Geburt unmöglich
zu machen und ebenso wie der Usuang die neugeborenen Kinder zu
tödten (Mas, pobl. 92). Man schreibt dem Vogel Tictic es zu, dass er
diesen beiden Unholden durch seinen Gesang jene Orte anzeige, wo eine
Kreisende sich befinde. Um nun diese bösen Geister abzuhalten, steigt
der Gatte der Wöchnerin ganz nackt [10] oder nur mit einem Schurze
bekleidet auf das Dach seiner Hütte, bewaffnet mit dem Campilan, der
Lanze und womöglich mit einem Schilde, um das Haus stellen sich seine
Freunde auf und nun haut und sticht er wüthend in der Luft herum,
damit die beiden Unholde nicht in die Hütte eindringen können (Mas,
pobl. 123). Oft suchen sie den Patianac dadurch irre zu führen, dass
sie die Kreisende schnell in eine andere Hütte bringen und so den
Unhold im Besitze des leeren Hauses lassen (Fr. Tomas Ortiz in Mas,
pobl. 92).
Im Wochenzimmer selbst werden alle Thüren und Fenster fest verschlossen
(Jagor, Phil. 130), um dem Patianac das Eindringen unmöglich zu
machen. In der Stube selbst sammeln sich die Verwandten und erfüllen
die ohnehin stinkige Luft des Zimmers mit den Rauchwolken ihrer
Cigarren und Cigarritos. Hildebrand (Kossak, III, 32) sah, dass auch
die Kreisende in den Pausen ihrer Wehen sich die Zeit durch Rauchen
verkürzte. Sobald die Geburt Statt gefunden hat, pressen die anwesenden
Weiber mit aller Kraftanwendung von beiden Hüften aus den Bauch
der Wöchnerin zusammen, "um die inneren Organe wieder in den alten
Status zurückzubringen" (Mas, pobl. 88). Ist das Kind geboren, so ist
damit noch nicht alle Gefahr vor jenen beiden Unholden zu Ende, zwar
stellen der glückliche Vater und dessen Freunde das Luftgefecht ein,
aber um das Kind vor den Klauen jener Ungeheuer zu schützen, werden
Räucherkerzchen angezündet (Mas, pobl. 85), bis die Taufe alle Gefahr
beseitigt. In entfernteren Provinzen soll von den Tagalen noch heimlich
die Beschneidung ausgeübt werden, der Schnitt wird von oben bis unten
geführt (el corte se hace de arriba abajo); es ist diess nicht etwa
eine Erinnerung an den Islam, denn auch die heidnischen Stämme der
Philippinen übten zur Zeit der Conquista schon die Beschneidung (Mas,
domin. I, 21), doch scheinen die einwandernden Moslim aus Borneo die
Sitte nach Luzon gebracht zu haben (Morga-Stanley 308).
Hatte Jemand die Absicht, ein Mädchen zu heirathen, so war es
früher üblich, dass der Bräutigam drei bis vier Jahre bei seinem
zukünftigen Schwiegervater nicht nur Wohnung nahm, sondern auch
die schwierigsten Knechtsarbeiten verrichtete. Dann erst erhielt der
Ehestandscandidat die Ersehnte zur Frau, wobei seine Eltern die Hütte,
Kleider &c. hergeben. Diese Sitte hat sich nicht mehr halten können, da
die Pfarrer gegen das Anstössige derselben mit allem Eifer arbeiteten;
wo sie noch hie und da erhalten ist, darf der Bräutigam zum wenigsten
nicht in der Hütte seiner Braut wohnen (Mas, pobl. 87). Will der
Tagale der Jetztzeit heirathen, so schenkt er seiner Auserwählten
irgend eine werthvolle Sache oder Geld, welches ihre Eltern sich in
der Regel aneignen, letztere pflegen auf diese Gabe so erpicht zu
sein, dass sie ihre Tochter, selbst wenn sie geschwängert ist, lieber
ledig lassen, als dass sie auf jenes Geschenk verzichten würden (Mas,
pobl. 88 u. 125).
Die Hochzeit wird mit einem festlichen Gelage ("Catapusan") gefeiert,
von diesem bringen sie einige Gerichte unter den von ihnen als Sitz
der Nonos verehrten Balete-Baum: es ist schon vorgekommen, dass sie bei
einer solchen Festlichkeit sich vom Pfarrer Weihrauch zu erschwindeln
wussten, um diesen dann unter dem heiligen Baume zu verbrennen (Mas,
pobl. 88). Bei der grossen Sinnlichkeit der Tagalen ist Ehebruch
nichts weniger als selten, er wird auch sehr gelinde gestraft, die
Frau wird gehörig durchgeprügelt, womit die Sache abgethan ist, dem
Verführer geschieht gar Nichts (Jagor, Phil. 129). Die Behandlung
der Frauen ist eine gute, die Männer aber sind meist liederlich
(Jagor, l. c.). Sind die Gatten einander überdrüssig geworden, so
verschwindet der unzufriedene Theil, oder sie gehen in grösster
Gemüthsruhe auseinander (Cañamaque, Recuerdos I, 136). Alt und
Jung, Weiber und Männer schlafen bunt durch- und nebeneinander (Mas,
pobl. 124, nach Fr. Manuel Ortiz), bei ihrer Geilheit und Ungenirtheit
ist Incest nicht ausgeschlossen (Cañamaque, Rec. I, 168 u. 174),
letzteren Vorwurf erhebt auch Renouard de St.-Croix (a. v. St.),
doch darf man nicht vergessen, dass sowohl St.-Croix wie Cañamaque
gern grelle Farben auftragen.
Trotz der Bemühung der spanischen Mönche ist die Sittenlosigkeit eine
grosse und zwar nicht nur in Manila, sondern auch auf dem Lande. Auf
Jungfräulichkeit wird gar nicht gesehen, die Mädchen geben sich ohne
Weiteres jedem Liebhaber preis, nur wenige treten im jungfräulichen
Zustande zum Traualtar (Mas, pobl. 124), es rührt diess noch aus
den Zeiten des Heidenthums her, wo der jungfräuliche Stand in gar
keinem Ansehen stand. Der Coitus wird nach Cañamaque (Recuerdos I,
174) angeblich ganz ungenirt auf offener Strasse vollzogen, derselbe
Autor beschuldigt (l. c.) selbst Kinder der Unzucht (?). Cañamaque
(Recuerdos I, 43) spricht ihnen auch alles Schamgefühl ab: Männer wie
Weiber, besonders in der Provinz, lassen sich splitternackt erblicken,
ohne die geringste Verlegenheit zu zeigen! Prostitution ist vorhanden
(Vila 10).
Diebstähle kommen unter ihnen häufig vor, am allerhäufigsten
Spaniern gegenüber, indem sie behaupten, alles, was jene besässen,
sei Landeseigenthum (Mas, pobl. 80). Zum Räuber- und Piratenleben sind
sie sehr geneigt, und diess hängt mit ihrer Neigung zum unabhängigen
Müssiggang zusammen. Der Tagale hat einen ausgesprochenen Hang, isolirt
zu leben, wären nicht die Pfarrer und die Dorfältesten (cabezas de
barangay) für die Abgaben ihrer Untergebenen solidarisch haftbar, die
Städte und Dörfer würden dann längst sich in Familienniederlassungen
(Ranchos) aufgelöst haben (Jagor, Phil. 106). Trotz der Wachsamkeit
dieser Behörden verlassen viele Tagalen ihre Dörfer und flüchten sich
in die undurchdringlichen Bergwildnisse, wo ihnen die Gendarmerie
Nichts anhaben kann. Diese Flüchtlinge, welche ganz in die
Ungebundenheit der Wilden zurückfallen, heissen Remontados. Aus ihnen
und entlaufenen Verbrechern und eingeborenen Deserteuren recrutiren
sich die nicht seltenen Räuberbanden. Diese Räuber ("Tulisánes")
vereinigen sich oft zu grösseren Corps und ihre Verwegenheit ist
nicht gering; hat doch zu Anfang der sechziger Jahre eine Bande von
Tulisánes die Frechheit gehabt, einen Vorort Manila's anzugreifen,
bis das schnell herbeieilende Militär sie wieder hinauswarf (Jagor
181). 1866 wurden 50 Räuber aufgeknüpft und 140 zur Zwangsarbeit
verurtheilt (Jagor 182, Note 101). Trotz der Unermüdlichkeit der
Gendarmerie wuchert das Räuberunwesen fort, wenngleich nicht mehr in
so hohem Grade wie früher. 1876 fand Ritter v. Drasche (Fragmente,
54) im Nordwesten der Laguna de Bombon Räuberbanden, 1877 wurde
in der Prov. N. Écija eine grosse Bande durch zwei Compagnien
Infanterie ausgehoben, dasselbe wiederholte sich 1880 (Scheidnagel
67). Im letzteren Jahre wurden die Banden des Antonio Sumicat und Juan
Martin zersprengt und ihre beiden Führer, welche sich zusammengefunden,
endlich erwischt und hingerichtet. Die beiden Kerle ritten auf Carabaos
(Diario 1880, Num. 165).
Das Betelkauen ist die Hauptleidenschaft des Tagalen. Die Betelportion
heisst Buyo. Der Buyo wird in verschiedenen Sorten fabricirt, deren
beste den Namen "buyo de castila", d. h. spanischer Buyo, oder Buyo der
Weissen führt (Ilustr. 1859, n. 8, p. 62). Die Areca heisst Bonga, der
Betel Icmo (l. c.). Mit dem Verkaufe befassen sich meist junge Mädchen,
die Buyeras, deren Kramläden von Verehrern ihrer Reize stets umschwärmt
werden. Alte Leute, denen die Zähne ausgefallen sind, zerstossen sich
den geliebten Buyo in kleinen Mörsern aus Bambusrohr, welche Calicot
oder Calicut heissen (Ilustr. 1859, n. 7, p. 53). Bei Festtafeln der
Tagalen wird auch Buyo präsentirt (Cañamaque, Recuerdos I, 35). Der im
Munde zerkaute Buyo wird Sapa genannt, welchen Liebende mit einander
als Zärtlichkeitsbeweis austauschen (Cañamaque, Recuerdos I, 150). Die
Tagalen hungern lieber, als dass sie auf den Buyo verzichten (Ilustr.,
l. c.).
Nächst dem Buyo und dem Tabak liebt der Tagale den Hahnenkampf über
alles. Dr. Jagor erwähnt (Phil. 21), dass die Hahnenkämpfe erst von
den Spaniern und zwar von deren mejicanischen Soldaten eingeführt
worden wären, nun ist aber der Hahnensport auch bei den übrigen Malaien
verbreitet (Waitz V, 158), die Javaner lassen nicht nur Hähne, sondern
auch Wachteln mit einander kämpfen (Bastian, Reisen V, 215), auch auf
den Carolinen findet man diesen Sport (Waitz V, 2. Abth. 129), und
was am schlagendsten ist: die Spanier fanden bei der Entdeckung der
jetzt Marianen genannten Inseln diese Thierquälerei vor (Oviedo XX,
16). Es ist daher nicht so unwahrscheinlich, dass die Tagalen schon
vor Ankunft der Spanier mit diesem Sporte bekannt waren.
Fast jeder Tagale besitzt einen Kampfhahn, den er mit mehr Sorgfalt
behandelt als seine Kinder; das erste, was der Indier beim Erwachen
macht, ist, sich nach seinem Hahne umzusehen, das letzte, was er vor
dem Einschlafen thut, ist, das geliebte Thier zu liebkosen (Cañamaque
Recu. a. v. St., Mas, pobl. a. v. St.). Keines ihrer Hausthiere wird so
gepflegt, wie dieses. Wenn der Indier arbeitet, so hat er seinen Hahn
in der Nähe angebunden, um in den (zahlreichen) Ruhepausen den Liebling
zu streicheln oder wenigstens an seinem Anblicke sich zu sättigen. Für
einen guten Hahn zahlt ein Tagale oft 40 bis 70 Pesos (Cañamaque,
Recu. II, 7), besitzt er den Hahn schon einige Zeit hindurch, dann
ist er ihm überhaupt nicht mehr feil. Sie tragen den Hahn unter dem
Arme auf ihren Spaziergängen, setzen ihn zeitweilig auf die Erde und
suchen ihn zum Kampfe dadurch zu üben, dass sie einen anderen Hahn in
die Nähe des ihren bringen und beide aufeinander loshacken lassen. Die
Leidenschaft für den Hahnenkampf ist bei ihnen so tief gewurzelt, dass
es wohl kaum einen Indier giebt, der sich nicht einen Kampfhahn hält,
"selbst wenn er Nichts zu essen hat, findet er Geld zum Hahnenkampf"
(Jagor, Phil. 127).
Der Hahnenkampf selbst darf nur in besonderen zu diesem Zwecke
erbauten Arenen Statt finden, indem dieser Sport seit 1779 mit einer
eigenen Steuer belegt ist, welche "Gallera" heisst. Zum Kampfe werden
die Hähne mit Stahlsporen versehen, welche aus alten Rasirmessern
verfertigt werden. In der Arena macht das Phlegma des Tagalen einer
leidenschaftlichen Erregung Platz, die Höhe der Wetten ist gesetzlich
auf das Maximum von 50 Pesos beschränkt (Jagor, Phil. 22), sonst
würden die Indier all' ihr Hab und Gut verspielen, was trotzdem nicht
selten geschieht.
Stiergefechte werden auf Luzon zwar auch gegeben, doch dienen diese
nur zur Belustigung der Spanier Manila's, die Tagalen haben bisher
diese nationale Sitte ihrer weissen Herren nicht acceptirt. Dagegen
hat sich das Billardspiel bei ihnen eingebürgert, das Billard der
Tagalen besteht oft nur aus "Pandanusmatten mit Banden von fünf
Rotan, spanischen Röhrchen" (Hügel 148), der Tisch ruht oft auf
steinernen Pfeilern. Gewöhnlich treten an Stelle der elfenbeinernen
Kugeln solche aus hartem Holze (Ilustr. 1860, n. 10, p. 109). Auf
diesen Billards wird Carambol, Einunddreissig und Kegelpartie (mit
neun Kegeln) gespielt (l. c.). Auch Karten spielen sie mit grosser
Leidenschaftlichkeit, besonders "Einunddreissig", doch dürfen sie nur
zu gewissen gesetzlich bestimmten Stunden spielen (Scheidnagel 58),
diess ist um so nothwendiger, als sie sonst ganze Nächte hindurch
dem Hasard fröhnen würden, wie es denn nicht selten geschehen
ist, dass Cabezas de barangay (Viertelmeister) den ganzen Tribut
(Kopfsteuer) ihres Viertels im Kartenspiele verloren haben (Mas,
pobl. 71). Unglückliche Spieler liefern ein nicht unerhebliches
Contingent zu den Remontados.
Sie kennen auch andere harmlosere Spiele, selbst solche, welche unseren
Pfänderspielen gleichen (Mas, pobl. 71). Von den Chinesen haben sie es
gelernt, Papierdrachen ohne Schweif in die Höhe steigen zu lassen, ein
Vergnügen, das sich bei ihnen nicht allein auf die Kinder beschränkt
(Scheidnagel 101).
Bei ihren Kirchenfesten fehlt das Pala-pala selten: Auf einem Gerüste,
welches dem Traubengelände des europäischen Südens gleicht, wird Laub
aufgehäuft, dann buntfarbige Lampions darin aufgehängt, in deren Nähe
ganze Büschel von frischen oder getrockneten Früchten, Bäckereien
und Zuckerwerk aufgehängt werden. Ist es Abend geworden, so werden
die Lampions angezündet und auf ein gegebenes Zeichen stürzen die
Festtheilnehmer in die Pala-pala-Lauben, um sich die Leckereien
gegenseitig abzujagen. Manchmal ist das Pala-pala nur für Kinder
hergerichtet, dem entsprechend ist das Gerüste dann sehr niedrig
(Ilustr. 1860, n. 12, p. 143).
Grosse Vorliebe hegen die Tagalen für das Theater. Man darf nicht
vergessen, dass sie ein eigenes Alphabet besassen, von welchem in Mas
(Informe), wie auch in der englischen Übersetzung des Morga Proben
gegeben sind. Diese Vorliebe für dramatische Spiele wurde bei der
Christianisirung der Tagalen von den Mönchen nicht angetastet, im
Gegentheile, letztere übten mit ihren Pfarrkindern Schauspiele in
spanischer wie tagalischer Sprache ein (Morga-Stanley 320). Es giebt
ein ständiges tagalisches Theater und zwar in Tondo, das sogenannte
"Teatro de Tondo" (Scheidnagel 19), doch die eigentlichen nationalen,
freilich schon christlich gefärbten Theatervorstellungen der Tagalen
muss man auf dem platten Lande suchen, wo dieselben bei Gelegenheit
von Kirchenfesten unter freiem Himmel gegeben werden. Die Dramen haben
die Kämpfe zwischen Christen und mohammedanischen Piraten--"Moros"
der Spanier--zum Gegenstande. Die Vorstellungen sind endlos, indem sie
sich oft 3 Tage und Nächte hindurchziehen, auf der Bühne treten oft
Hunderte von Personen auf, wobei zu bemerken ist, dass die Darsteller
keine professionsmässigen Schauspieler, sondern schlichte Landleute
sind. Die Darstellung eines Gefechts nimmt mindestens eine Stunde in
Anspruch und die Kämpfenden gerathen mitunter in eine solche Wuth,
dass es zu wirklichem Blutvergiessen kommt. Das oft aus 2000 Familien
bestehende Publicum nimmt an diesen Gefechtsscenen den lebhaftesten
Antheil, besonders an dem Schicksale der Christen, von allen Seiten
erschallen lebhafte Verwünschungen und Flüche gegen die Darsteller
der Moros &c. Da diese tagelangen Vorstellungen ohne Unterbrechung
fortdauern und das Publicum sich nicht eher entfernt, als bis das Drama
mit dem Siege der Christen endet, so nehmen die Zuschauer Lebensmittel
mit, wer schläfrig wird, schläft ungenirt auf seinem Sitze ein. Bei
Nacht werden Fackeln angezündet (Cañamaque, Recu. I, 60 u. f.).
Mitunter werden in den Landstädten von Spaniern Versuche gemacht,
spanische Theaterstücke von Tagalen aufführen zu lassen, doch
misslingen sie in der Regel, indem die Tagalen in dem fremden Stoffe
und der fremden Ideenwelt sich nicht auskennen und sich daher sehr
linkisch benehmen (Jagor, Phil. 84).
Auch die lyrische Poesie wird von den Tagalen gepflegt, es sind meist
Liebeslieder, welche in Begleitung von Musikinstrumenten gesungen
werden. In einem Liebeslied aus Tayabas heisst es: "Wenn mir mein
Bräutchen sterben sollte, ich würde mich über ihren Grabhügel werfen,
damit nicht ihre Gebeine Kälte leiden" (Oriente 1878, n. 11, p. 20
nach D. Juan Alvarez Guerra). Bei Festgelagen treten Improvisatoren
auf, welche bei Begleitung eines Blasinstrumentes vierzeilige Lieder
singen (Cañamaque, Recuerdos I, 39).
Am beliebtesten sind zwölfsilbige Verse, die vierzeiligen Strophen
haben alle denselben Reim, wobei zu beachten ist, dass bei den Tagalen
der Reim lediglich aus dem letzten Buchstaben oder Laute des Verses
besteht (Mas, pobl. 115), diess gilt auch, wenn sie in spanischer
Sprache dichten, so sind z. B. die Worte: estrellas, cielos, veces,
nubes bei ihnen Reime, weil sie mit einem s endigen. Jedes lyrische
Gedicht muss von Musik begleitet werden (Mas, pobl. 116). Von
ihren Nationalmelodien--wenn ich mich so ausdrücken darf--ist
die bekannteste und beliebteste der Comintan, der zugleich ihre
Nationalhymne und ihr Nationaltanz ist. Der Comintan ist im 3/4 oder
6/8 Tact gesetzt (Hügel, 307), seine Weise wird ebenso beim Begräbniss
von Kindern gesungen, wie bei festlichen Gelegenheiten nach derselben
getanzt wird (l. c. 145). Wird der Comintan getanzt, so tritt nur
ein Paar auf, welches pantomimisch eine Liebeserklärung darstellt
"von dem Ausdrucke des einfachen Wohlgefallens bis zu der heftigsten
Leidenschaft" (Hügel, 307). Eine andere Art des Comintans besteht
darin, dass die tanzenden Personen körperliche Gebrechen nachahmen
(l. c.). Ein anderer Nationaltanz ist der Talindao, er "wird zu vier
Personen getanzt, die sich einzeln gegenüberstehen, meistens ihren
Platz nicht verlassen und nur mit wenigen Bewegungen tanzen. Die Musik
ist höchst romantisch, ernst, und von Zeit zu Zeit fallen alle vier
Personen mit rauschendem Castagnettenschlage ein" (l. c.). Baron
Hügel sah bei einem Kirchenfeste im Orte Pasig einen Tanz, der
nicht wie die beiden erwähnten bereits spanische Einflüsse offenbart,
sondern noch ein Überbleibsel aus den Zeiten vor der Conquista zu sein
scheint. Die Tänzer waren Tagalen, welche in der Tracht und Bewaffnung,
wie sie vor Ankunft der Spanier üblich war, einhergingen. Sie tanzten
unter grosser Bravour und Leidenschaftlichkeit eine Art Waffentanz
(Hügel, 186). Übrigens tanzen die Tagalen auch alle europäischen und
specifisch-spanischen Tänze als Walzer, Polka, Bolero &c. Die Weiber
tanzen mit den Chinelas (Pantoffeln) an den Füssen.
Sie sind grosse Freunde der Musik, fast jedes Dorf hat seine Musikbande
(Cañamaque, Recu. I, 50). Europäische Musikstücke spielen sie recht
brav, insbesondere Märsche (l. c. 35), und die Militärmusikcapellen
Manila's, deren Musikanten sämmtlich Tagalen sind, werden von allen
europäischen Besuchern belobt.
In früheren Zeiten schrieben die Tagalen sämmtliche Krankheiten dem
Einflusse bösgesinnter Nonos zu, weshalb sie in Krankheitsfällen
denselben, unter den von ihnen bewohnten Bäumen, Opfer darbrachten,
welche im Verbrennen einzelner Kräuter und Deponirung von Speisen,
Getränken, Tabaksblättern und Buyo bestanden (Mozo, a. v. St.). Auch
glaubten sie früher, dass mannigfache Krankheiten und Irrsinn
durch Dämone erzeugt werden (Mas, pobl. 92). Heutzutage ist der
Glaube so ziemlich verschwunden, dagegen blühen Kurpfuscherei und
Wunderkuren. Tagalische Kurpfuscher und Quacksalber giebt es in
jedem Orte. Werden diese zu einem Kranken gerufen, so lassen sie
sich vorerst von den Angehörigen desselben gehörig bewirthen und
mit Tabak beschenken, dann befühlen sie erst dem Patienten den Puls
und verordnen, wie es ihnen gerade einfällt, Umschläge, Aderlässe,
Hausmittel und Schröpfköpfe (Ilustr. 1859, p. 121). Schröpfen
ist sehr beliebt, da die heutigen Tagalen der Ansicht huldigen,
dass die Krankheiten dadurch rasch geheilt würden, wenn die böse
verdorbene Luft aus dem Innern des Patienten entfernt werde (Mas,
pobl. 88). Unter ihren Hausmitteln ist auch eine Epheu-Gattung
("Malacatmon") zu erwähnen, auch Vanille und die Cardamome werden
gern von jenen Volksärzten verwendet (Ilustr. 1860, n. 7, p. 80).
Sobald der Tagale die Sterbestunde herannahen fühlt, wird eiligst
zu dem Pfarrer geschickt oder, wenn dieser weit entfernt lebt, der
Sterbende hingetragen, um die Sterbesacramente zu empfangen, da sonst
ein ehrliches Begräbniss verweigert wird (Mas, pobl. 101). Stirbt
ein Kind, so wird es unter grosser Lustbarkeit und den Weisen des
Comintans zu Grabe getragen (Hügel, 145), hier haben also die Tagalen
die spanisch-christliche Anschauung vollständig adoptirt, nach welcher
man über den Tod eines unschuldigen Kindes sich nur freuen müsse,
da seine Seele doch sofort unter die Englein aufgenommen würde. Bei
den Todtenfesten zu Ehren erwachsener Verstorbenen überwiegen aber
vollständig die Bräuche und Sitten des früheren Heidenthums. Sobald
ein Erwachsener gestorben ist, wird die ganze Verwandtschaft desselben
in das Sterbehaus eingeladen, angeblich, um Rosenkränze zu beten,
kaum aber sind einige Gebete heruntergeschnarrt, so wird gegessen,
getrunken und getanzt und diess durch volle neun Tage (Mas, pobl. 85,
Ilustr. 1859, n. 7, p. 55). Dieses neuntägige Fest, welches mitunter
zur Orgie ausartet (Vila 10), heisst Siam-na-arao oder Tibao. Am
wichtigsten ist der dritte Tag dieses Festes, denn die Tagalen glauben,
dass die Seele des Verstorbenen an diesem Tage wieder in das Sterbehaus
zurückkehre, um an dem Festmahl Theil zu nehmen. Es werden deshalb
Kerzen angezündet und eine mit Asche bestreute Matte ausgebreitet,
letzteres geschieht, um an den allenfallsigen Fussabdrücken in der
Asche zu erkennen, ob die Seele des Verschiedenen wirklich erschienen
wäre oder nicht Vor die Thüre der Hütte wird Wasser in einem Gefäss
hingestellt, damit die heimkehrende Seele sich die Füsse waschen
könnte (Mas, pobl. 91). Um diesen "Aberglauben" zu unterdrücken,
suchen die Pfarrer auf alle Weise es zu verhindern, dass die Hütte
eines Verstorbenen den dritten Tag nach seinem Tode von irgend Jemand
besucht wird. Die Bestattung ist ganz und gar katholisch, jede
nationale Sitte hat hier der Macht der Kirche weichen müssen. Die
Tagalen sterben übrigens mit grosser Resignation, und zwar sowohl in
der friedlichen Hütte, wie draussen auf dem Schlachtfeld.
In den Zeiten der Unabhängigkeit gab es unter den Tagalen ebensoviele
Staaten als Dörfer, eine Ausnahme hiervon machten nur die kleinen
Reiche von Manila und Tondo, von denen einige kleine Vasallengebiete
abhängig waren, doch machte sich hier der Einfluss von Borneo
bemerkbar. Die tagalische Ständegliederung war damals folgende:
Fürsten oder Häuptlinge (Manguinoos, Dattos), freie Leute (Mahaldicas),
Freigelassene (Timaua), Vasallen der Dattos (Cabalangay), Leibeigene
(Aliping namamahay), Halbsclaven, Sclaven (Aliping saguiguilir). Die
Spanier hoben bei der Occupation des Landes die Leibeigenschaft
und Sclaverei auf und gewannen dadurch die Sympathien dieser
Volksclassen. Die entthronten Dattos wurden in kluger Weise fest
mit ihren Interessen an die spanische Herrschaft geknüpft, indem
ihnen eine Menge Vorrechte gegeben wurden, so z. B. der Titel Don,
und indem man sie mit ihren erstgeborenen Söhnen von der Zahlung
des Tributes enthob. Ihre sonstige Gewalt wurde dadurch geschwächt,
dass in den neuen Pueblos, welche aus verschiedenen Tribus gebildet
wurden, jetzt Leute friedlich nebeneinander wohnen mussten, die früher
feindlich gegen einander gesinnt waren, und bald durch Wechselheirathen
miteinander vollständig verschmolzen, wodurch die einzelnen Dattos
gleichsam ihre früheren Unterthanen verloren. Von diesen Dattos
stammt zum grössten Theile die heutige Principalia, der Patricierstand
oder der Dorfadel der Tagalen ab. Die Bevölkerung der neuen Pueblos
wurde in Abtheilungen eingetheilt, welche Barangayes [11] genannt
wurden. Jedem Barangay wurde ein Chef vorgesetzt, welcher Cabeza
de Barangay hiess und der Principalia entnommen wurde. Der Cabeza
de Barangay sammelt in seinem Barangay den Tribut (Kopfsteuer) ein,
für dessen vollständige Eintreibung er haftet. Aus der Principalia
wird der Bürgermeister gewählt, welcher Gobernadorcillo oder (im
gewöhnlichen Verkehr) Capitan genannt wird.
Der Gemeinderath besteht aus den Cabezas de Barangay, überhaupt
aus Mitgliedern der Principalia. Gehört zur politischen Gemeinde
noch ein zweites Dorf (visita, barrio, anejo), so besitzt es einen
Vice-Chef, den Teniente. Sonstige Gemeindebeamte sind der Teniente
mayor (Bürgermeister-Stellvertreter), Juéz mayor de Ganado (Richter für
Streitigkeiten, welche Vieh-, Weideangelegenheiten &c. betreffen), Juéz
mayor de Sementeras (Richter über Feldstreitigkeiten), ein Juéz mayor
für Polizeivergehen, dann der Teniente segundo, der Teniente tercero,
ferner zwei Alguaciles (Polizeiwachtmeister), von denen der erstere
gewöhnlich "el actual" heisst und gewöhnlich mit der Escortirung
von Reisenden betraut wird. Nur der Gobernadorcillo und der Teniente
mayor müssen dem Gesetze nach dem eingeborenen Adel angehören. Der
Ex-Gobernadorcillo heisst gewöhnlich "Capitan pasado", ein Ex-Teniente
"Titulado". Da die Mitglieder dieser tagalischen Municipien, besonders
in den Provinzen, selten oder nur schlecht spanisch sprechen oder gar
schreiben können, so wird zum Verkehre mit den spanischen Behörden
ein Secretär von der Gemeinde aufgenommen, der Directorcillo genannt
wird. Jede Gemeinde unterhält ein Haus, Tribunal genannt, in welchem
der Gemeinderath tagt, Gericht gesprochen, europäische Reisende
untergebracht werden, und das zugleich als Arrestlocal und Zeughaus
dient. Die Arrestanten werden sehr gut verpflegt, doch pflegen die
tagalischen Richter meist nur Prügelstrafen zu dictiren. Die nicht dem
Adel angehörigen Indier sind verpflichtet, 40 Tage im Jahre öffentliche
Arbeiten (polos y servicios) bei Strassen- und Brückenbauten &c. zu
leisten, eine Woche im Tribunal Dienst zu leisten und eine Woche
Nachtwache zu halten. Von diesen Dienstleistungen kann man sich
loskaufen, und zwar in Form einer Geldstrafe. Die Leute, welche im
Tribunal Dienst zu leisten haben, heissen Semaneros, sie stehen "gegen
geringen Tagelohn als Boten oder Träger zur Verfügung der Reisenden"
(Jagor, Phil. 37). Zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zum Schutz gegen
Angriffe von Räuberbanden oder Horden wilder Bergstämme dient eine
Art Bürgergarde oder irreguläre Miliz, deren Streiter Cuadrilleros
genannt werden.
Der Volksschulunterricht ist obligat, jede Gemeinde hat ihre
Schule. Der Unterricht soll in spanischer Sprache erfolgen, was
aber bis in die neueste Zeit ausserhalb des nächsten Umkreises von
Manila nur selten vorkam, indem einestheils spanisch sprechende
Individuen sich selten in die Provinz verirrten und anderntheils die
Geistlichkeit mit Händen und Füssen sich dagegen sträubte, dass die
Indier sich die spanische Sprache aneigneten, da sie dadurch ihre
Vermittlerrolle zwischen den spanischen Behörden und den Indiern
verlieren musste. Heute hat die Geistlichkeit diesen Widerstand
aufgegeben, und es sieht in dieser Beziehung etwas besser aus. Die
Localinspection wird von den Pfarrern ausgeübt. Vor mehr als zwanzig
Jahren schon sagte Bastian (Reisen, V. 265) über die Tagalen der
Prov. Laguna: "Man erstaunt über die verhältnissmässig grosse Menge
derjenigen, die zu schreiben und zu lesen verstehen". Tagalen findet
man als Schreiber in allen Regierungsbureaux. Die grösste Freude
tagalischer Eltern ist es aber, wenn sie ihren Sohn als Priester
erblicken. Die Weltgeistlichkeit besteht beinahe ausschliesslich nur
aus Mestizen und Tagalen, Visayern &c. Die farbigen Priester stehen
in geringem Ansehen; wenn sie nicht besser sind als ihr Ruf, stehen
die Sachen schlimm (m. vgl. darüber: Jagor, Phil. 104, n. Cañamaque
a. v. St.). Selbst der ultramontane Baron Hügel sagt hierüber:
"Es giebt in der That indische Pfarrer, welche eine Frau haben, mit
der sie in der Pfarrei leben, und die Kinder nennen sie nach meiner
eigenen Erfahrung ohne Umstände Papa" (Hügel, p. 287), und weiter:
"Der Indier ist im Allgemeinen wenig dazu geeignet, die Pflichten eines
Geistlichen und Pfarrers zu erfüllen. Ich ..... füge hier nur noch
hinzu, dass sie manchmal ausschweifend leben, ihren Pfarrkindern dann
ein schlechtes Beispiel geben, und dass ihre Pfarrbücher sich meistens
in grosser Unordnung befinden" (l. c. 349). Eine grosse Anzahl von
Aufständen hat eingeborene farbige Priester zu Urhebern gehabt, die
sich durch Blutdurst und Grausamkeit gegen die Weissen auszeichneten.
Das Christenthum hat bei den Tagalen die unter dem Namen Amoklaufen
bekannten Wuthausbrüche nicht beseitigen können, doch kommen derartige
Fälle seltener vor als in den übrigen malaiischen Ländern (Jagor,
Phil. 131). Die Amokläufer werden "posong" genannt (Mas, pobl. 119).
Die Industrie der Tagalen beschränkt sich meist auf Gewebe
und Stickereien. Aus den Fasern der Ananasea sativa werden
feine, vollkommen durchsichtige Zeuge gemacht, welche Piña oder
Grasscloths heissen, sie werden mit zierlichsten Dessins bestickt
und dann oft zu horrenden Preisen--ein Stück 2000 Thaler (Jagor,
Phil. 112)--verkauft. Zu den Piña-Webereien werden statt eiserner
Messer Bambusspäne benutzt (Jagor, Skizzen 176). Aus Abacá (Manilahanf)
werden ebenfalls dünne und durchsichtige Hemdstoffe und Zeuge
verfertigt, welche Sinamay und Nipis genannt werden und eine grössere
Dauerhaftigkeit aufweisen als die Piña-Zeuge (Scherzer, Novara-Reise
I, 600; Diaz Arenas 291). Beim Weben der Nipis-Stoffe pflegen sich die
Arbeiterinnen vollständig einzuschliessen, damit nicht ein Luftzug die
dünnen Fäden entzweireisse (Cañamaque, Filipinas 27). Tapis-Stoffe aus
Seide und Baumwolle, blaucarrirte Baumwollenstoffe (Cambayas) werden
ebenfalls von den Tagalen und zwar in ziemlichen Mengen fabricirt (Diaz
Arenas, l. c.). Die Tapis-Weberei hat ihren Hauptsitz in der Provinz
Bulacán (Jagor, Phil. 48). Aus Abacá werden auch leichte Luxusstoffe,
"Júsi" genannt, verfertigt (Scheidnagel 75). Aus der Rohrgattung
Nito werden Hüte europäischer Façon, Jalacó's und Matten geflochten
(Scheidnagel, l. c.). Hüte und Matten werden noch aus anderen
Materialien--z. B. der Burí-Palme--gearbeitet (Scheidnagel 27; Jagor,
Phil. 59). Aus dem unteren Ende der Blattstiele einer Calamus-Art
werden Cigarrentaschen von ausserordentlicher Feinheit fabricirt,
welche zu hohen Preisen, von 2-50 Dollar das Stück, verkauft werden
(Jagor, Phil. 48). Kabel und Taue werden nicht nur aus den Fasern des
Manilahanfes verarbeitet, auch die Gomuti-Palme (Arenga saccharifera)
liefert ein ungemein festes und dauerhaftes Material, den sogenannten
Cabo-negro, es ist diess eine schwarze Faser, welche den Ursprung der
Blattstiele am Stamme jener Palme bekleidet (Jagor, Skizzen 10). Aus
Pandanus-Gattungen, dann aus dem Bambus werden Maurerpinsel gemacht
(Jagor, Skizzen 176). Aus der kletternden Mimose "Gogo" wird durch
Zerklopfen der Rinde ein Seifenstoff gewonnen, der nicht allein beim
Bade und der Kleiderwäsche benutzt wird, sondern auch den Goldwäschern
dienlich ist; bei der Goldwäsche "wird dem Wasser der schleimige Saft
des Gogo zugesetzt, der feine schwere Sand bleibt darin länger schweben
als in blossem Wasser und lässt sich somit leichter vom Goldpulver
trennen" (Jagor, Phil. 142). Dem Apíton-Waldbaume wird ein harziges Öl,
der Baláo oder Malapájo, abgezapft, welches Eisen zehn Jahre lang vor
dem Rosten schützt und zum Firnissen der Schiffe verwendet wird (Jagor,
Phil. 230). Aus der Cocos-Palme wird ein Branntwein bereitet, welcher
"Tuba" heisst, diese Industrie wird insbesondere am Südufer der Laguna
de Bay betrieben (Jagor, Phil. 57, Mozo 89). Auch Öl wird von dieser
Palme gewonnen, über deren vielfache Ausbeutung Scheidnagel (p. 74)
viel Interessantes berichtet. Das Bambusrohr wird in ähnlicher Weise
ausgenutzt, wie in allen übrigen Theilen des ostindischen Archipels. Zu
Handwerkern macht Indolenz, Faulheit und Liederlichkeit die Tagalen
unbrauchbar (man vgl. Mas, pobl. 66 u. 72). In Manila existirt eine
eigenartige Klein-Industrie, es werden kleine Modelle einheimischer
Fahrzeuge, Hütten &c. und Figuren zum Verkaufe an Fremde gearbeitet
(Scheidnagel 121). Im Schiffsbau stehen sie noch ohne alle chinesische
Concurrenz da und leisten wenigstens etwas hierin.
Zum Schlusse sei noch bemerkt, dass die Tagalen sehr starke
Beimischungen fremden Blutes in ihren Adern haben, nicht nur Chinesen
und Spanier, auch Japanesen (XVI. u. XVII. Jahrhdt.) haben zur
Aufbesserung der Rasse beigetragen. Andere Beimischungen sind gering
oder verwandter Natur; so fanden die Spanier bei der Besitznahme
des von den Tagalen bewohnten Landstriches Luzon (verhältnissmässig)
zahlreiche Borneaner angesiedelt, theils als Kaufleute, theils als
mohammedanische Priester und Missionäre, wenn ich überhaupt den
letzteren Titel ihnen geben darf. Die Spanier hingegen ergänzten
die Mannschaft ihrer auf den Philippinen stehenden Linientruppen
seit der Mitte des XVII. Jahrhunderts beinahe ausschliesslich mit
mejicanischen (mitunter auch peruanischen) Indianern, welche sämmtlich
nach abgelaufener Dienstzeit im Lande blieben und sich eingeborene
Weiber nahmen. In Marigondon, an der Bai von Manila, liessen sich
auch im Jahre 1661 Ternataner (Insel Ternate der Molukken) nieder.