Peter springt wie eine Feder vom Herde in die Höhe. »Hier bin ick.«

»Peter, ick heww din Mudder selig up ehren Dodenbedd in de Hand

toseggt, dat ick jümmer god för di sorgen wull. Morrn gah ick to'n

Pestohr.«

»Und ick segg ...,« kreischt Trina, die ihrem Mann auf dem Fuße gefolgt

ist, aber er unterbricht sie hart: »Trina, ick segg di't in Goden, hol

nu din Mul!« Und wirklich, sie schwieg. Der Ton, mit dem er dies sagte,

und der Ausdruck seiner Augen, in denen ein flackernder Widerschein

des Herdfeuers war, verrieten ihr, daß sein Inneres nahe am Siedepunkt

war. Wenn man ihn dann noch weiter reizte, fing er an zu rasen. Das

hatte sie einmal erlebt, und seitdem ließ sie es so weit nicht mehr

kommen. Lieber nahm sie eine kleine Niederlage hin und wartete auf eine

Gelegenheit, sie auszuwetzen.

Harm Eggers machte sich hinten auf der Diele zu schaffen und pfiff

munter vor sich hin. Die häusliche Szene hatte nach der langen Bettruhe

sein Blut angenehm in Wallung gebracht. Dazu kam das Hochgefühl des

Siegers, und vor allem das Bewußtsein der erfüllten Vaterpflicht. Trina

dagegen war in ihrer schlimmsten Laune. Sie schlug die Türen, stieß mit

dem Geschirr und hetzte den Stiefsohn von einer Arbeit zur andern.

Nach dem Abendbrot ging die Familie bald zur Ruhe. Peter aber mußte

vorher das Jüngste in Schlaf wiegen.

Der Trankrüsel wurde gelöscht -- Öllampen waren auf dem Lande

noch nicht in Gebrauch --, aus den Butzen kamen bald die ruhigen

Atemzüge der Schlafenden, leise knirschte die Wiege auf dem Sande des

Lehmbodens. Da gehörte Peter sich selbst und seinen Gedanken.

Er saß nicht weit vom Fenster und blickte hinaus. Das war so seine

Art. Er sah mehr aus dem Fenster, als seine vier Geschwister zusammen.

Denn unbewußt suchten seine Augen und seine Seele in der Ferne etwas,

was die Nähe und Enge nicht gab. Wie er jetzt so in Gedanken versunken

hinausschaute, sah er die klare Winternacht mit unzähligen Sternen

geschmückt. Da dachte er an seine Mutter, wie er öfters tat, wenn er zu

den Sternen aufschaute. Das hing mit einer frühen Kindheitserinnerung

zusammen. Die Mutter hatte so viel gehustet und gestöhnt und gar nicht

schlafen können. Nun lag sie auf einmal still mit weißem, feierlichem

Gesicht und schlief so friedlich. Da freute sich der kleine Peter

und ging auf den Zehen und spielte ganz leise, um die Mutter nicht

zu wecken. Am Morgen des dritten Tages aber holte die Großmutter des

Bauernhauses, zu dem des Vaters Kate gehörte, ihn ab, schenkte ihm drei

Stück Zucker und einen dicken Apfel, und den ganzen Nachmittag spielte

er sehr vergnügt mit den Kindern des Bauern. Am Abend brachte die

freundliche alte Frau ihn wieder nach Hause. Da suchte er die Mutter,

fand sie aber nicht, in ihrem Bette und im ganzen Hause nicht. Und er

fragte die alte Frau, wo sie geblieben wäre. Da nahm die ihn auf den

Arm und zeigte ihm durch das Fenster -- es war dasselbe, an dem er

jetzt eben saß -- den dunklen Himmel mit all den hellen Sternen. Dort

oben wohne die Mutter nun. Und aus einem der vielen Kucklöcher kucke

sie herab, ob ihr Peter auch artig und lieb sei. Da hatte er die Augen

angestrengt, ob er sie nicht sehen könnte. Und als er ihr liebes,

weißes Gesicht nicht fand, da hatte er geweint. Aber bald hatte er sich

getröstet und sich vorgenommen, immer artig und lieb zu sein, damit die

Mutter droben an ihrem goldenen Himmelsfenster eine Freude hätte. Als

kleiner Junge hatte er dann noch oft ihr Gesicht dort oben gesucht.

Als großer Junge und Konfirmand tat er das nicht mehr. Aber wenn er

die Himmelsfenster seines ersten Kinderglaubens sah, dachte er an sie.

Und wie sollte er diesen Abend ihrer nicht gedenken? Heute hatte sie

in sein Leben eingegriffen, hatte ihrem Kinde den Weg frei gemacht. --

Nun lag eine Zukunft vor ihm. Eine Zukunft, wie der arme Häuslingsjunge

sie sich nie hatte träumen lassen. Dicke Bücher, merkwürdiger,

wunderbarer Dinge voll; ein sauberes Häuschen im Garten mit Blumen vor

den Fenstern; Kinderscharen, deren Augen an seinem Munde hingen. Ja,

zuletzt sah er sich in einer hohen, alten Kirche auf der Orgelbank

sitzen, und all die Pfeifen und Flöten gehorchten ihm. Er ließ sie

brausen wie Sturmesbrausen, und dann wieder ganz lieblich singen, wie

das Rotkehlchen singt im Busch ...

Diese schönen Zukunftsträume wurden durch einen Kälteschauder gestört,

der ihm plötzlich über den Rücken lief, und zugleich flogen seine Zähne

klappernd aufeinander. Da stand er auf, entkleidete sich schnell,

packte den siebenjährigen Bruder, der sich in der Kinderbutze quer

gelegt hatte, in die richtige Lage, kroch hinein, wurde in dem gut

vorgewärmten Nest schnell warm und war ebenso schnell eingeschlafen.

* * * * *

Am nächsten Morgen zog Harm Eggers seinen Sonntagsrock an, umwand Kopf

und Hals mit einem roten Schaltuch, so, daß die etwas kopfscheuen Ohren

an den Kopf gedrückt und vorm Erfrieren geschützt waren und nur Augen

und Nase in die kalte Welt hinauslugten, nahm seinen Eichheister in die

Faust und machte sich auf den Weg, seine Vaterpflicht zu erfüllen und

seines Erstgeborenen Zukunft mit dem Steinbecker Pfarrherrn zu beraten.

»Middag bin ick wedder 'rin,« war sein letztes Wort, als er schon die

Türklinke in der Hand hatte.

Als Peter am Mittag aus der Schule kam, war der Vater noch nicht zu

Hause. Eine Stunde wartete man auf ihn, und Peter lief immer wieder

vor die Tür und sah den Weg entlang nach ihm aus. Endlich setzten sie

sich an den Tisch. »Wo Vader woll so lange bliwt?« fragte das kleine

Mädchen. »Bi'n Branntwien!« antwortete Trina rauh. Dann sah sie Peter

von der Seite an und sagte: »Und wovon kummt dat? Von dine verdammten

Scholmestergrappen! He ward sick wedder schön enen ansupen, de ole

Swinegel de!« Peter zuckte zusammen und schwieg. Was seine Stiefmutter

so brutal aussprach, das hatte er im stillen auch schon gefürchtet.

Harm Eggers war ein Gelegenheitstrinker. Da die Leute ihn für einen

guten, anständigen Kerl hielten, seine Trina aber und ihre Sippe

nicht leiden konnten, so schrieben sie diesen »lütten Fehler« auf die

Rechnung des bösen Weibes. Damit trafen sie auch wohl ziemlich das

Richtige. Aber heute betrank Harm Eggers, der wirklich, während man zu

Hause auf ihn wartete, in einer behaglich durchwärmten Schenkstube des

Kirchdorfs saß, sich nicht aus ehelichem Kummer, sondern aus Freude

und Vaterstolz. Er hatte ja vom Pastor so viel Gutes über seinen Peter

gehört, daß sein Vaterherz der Freude und des Stolzes voll war. Und all

das Schmeichelhafte konnte er unmöglich für sich behalten. Und seine

Frau daheim konnte er doch nicht damit erfreuen. So mußten es denn die

in der Gaststube einkehrenden Bauern, Viehtreiber und Fuhrleute hören,

was Peter Eggers, Harm Eggers' Sohn aus erster Ehe, für ein begabter

Junge war, und daß der Pastor ihn durchaus zum Schulmeister und Küster

machen wollte, und dem Vater fiele es zwar schwer, bei den vielen

kleinen Kindern, aber er wollte dem Jungen doch nicht im Wege sein, und

wenn er selbst trocken Brot essen sollte. Zwischendurch kam dann wohl

der Seufzer: »Wenn dat min sel' Fru noch belewt harr!« Dann trat ihm

das Nasse in die Augen, und er suchte es durch das Nasse in dem Glase,

das nimmer leer blieb, zu vertreiben.

Peter sah indessen immer wieder nach dem Vater aus. Je weiter die

Stunden vorrückten, um so mehr graute ihm vor der Rückkehr. Er merkte

deutlich, welch eine Wut sich den Nachmittag über in seiner Stiefmutter

ansammelte. Gegen ihn war sie fast freundlich, aber er wußte wohl,

diese Freundlichkeit war der falsche, stechende Sonnenschein vor dem

Losbruch eines schrecklichen Gewitters.

Es wurde dunkel, es wurde Abendbrotzeit. Harm Eggers war immer noch

nicht zurückgekehrt. Um acht Uhr schickte die Mutter die Kinder ins

Bett, verriegelte die Türen und löschte das Licht. Sie selbst legte

sich angekleidet in ihre Butze.

Lange Zeit lag Peter mit wachen Augen und horchte. An sich und seine

Zukunft dachte er nicht. Mit Angst dachte er nur an das, was die

nächsten Stunden bringen würden. Zuletzt fiel er doch in leichten

Schlaf. Ein Geräusch weckte ihn. An der Haustür wurde gerüttelt. Leise

erhob er sich und wollte durch die Stube schleichen, um zu öffnen. Da

befahl die Mutter: »Gah in din Bedd!« Einen Augenblick schwankte er,

ob er nicht ihrem Befehl trotzen sollte. Einen Augenblick drängte es

ihn, an ihr Bett zu gehen und Vergebung für den Vater zu erbitten. Aber

er tat nichts von beidem und legte sich wieder. Schritte kamen um das

Haus herum. Es klopfte an die Fensterscheiben. »Trina, mak up!« Keine

Antwort. Es pocht stärker. Die Fensterscheiben sind in Gefahr. »He

sleit de Finster twei! Mak em up!« schreit die Stiefmutter mit heiserer

Stimme. Peter springt auf, läuft barfüßig und im Hemde durch die

Stube, über die Diele, und schiebt den Riegel zurück. Die Tür fliegt

auf, ein eisiger Lufthauch, mit widerwärtigem Fuselgeruch gemischt,

weht ihm entgegen, er fühlt sich von zwei Armen umschlungen, feuchte

Lippen küssen seinen Mund und lallen: »Jaja, min Hartensjung, freu

di, Scholmester wardst du.« Entsetzt und angeekelt entwindet Peter

sich der Umklammerung und läuft in die Stube. Der Vater taumelt ihm

nach. In der Tür stellt er sich steif hin, stößt mit dem Eichheister

auf die Schwelle und lallt: »Ick bin de Herr, und ick bin de Vader,

und Scholmester ward de ...« Weiter kommt er nicht. Die Frau ist wie

eine Furie auf ihn los gefahren, Peter springt wie von Sinnen in seine

Butze; indem er die Tür hinter sich zustößt, sieht er noch, wie sie dem

Trunkenen den Stock aus den Händen reißt, er vergräbt sich tief in das

Bett, kauert sich zusammen und preßt die Fäuste vor die Ohren.

So lag er lange, lange, und fühlte wie noch nie den ganzen Jammer

seiner freudlosen, gedrückten Kinderzeit, das ganze Elend seines

Elternhauses, das durch Trunk und Brutalität zu einer Hölle geworden

war. Wenn doch die Eltern mit dem Eichenknüppel kämen und ihn

totschlügen! Er wollte sich ganz gewiß nicht wehren.

Endlich, -- nach seinem Empfinden mußte wenigstens eine Stunde

vergangen sein, und die Luft in dem Bett war so verbraucht, daß ihm der

Atem still stehen wollte -- hob er ein klein wenig die Decke, atmete

tief auf und horchte.

Das Entsetzliche war vorüber. Nur ein leises Stöhnen kam von drüben.

Dazu weinte der Säugling. Da sich niemand um ihn kümmerte, ging das

Weinen allmählich in ein Wimmern über, das nach und nach auch erstarb

...

Vorsichtig schob er die Tür seiner Butze zurück und sah in die Stube.

Da lag ein umgestürzter Stuhl. Die Scherben eines zerbrochenen Tellers

bedeckten den Fußboden. Durch das Fenster leuchteten die Sterne, ruhig,

klar und schön. Aber heute kamen ihm bei ihrem Anblick keine lichten,

warmen Gedanken.

Er ließ sich in die Kissen zurückfallen und verfiel aufs neue ins

Grübeln. Mit grausamer Wollust wühlte er in der Erinnerung an häßliche

Szenen, die er hier in seinem Elternhause erlebt hatte. Je länger er

lag, desto mehr füllte seine Seele sich mit Bitterkeit. An den Vater

dachte er mit Verachtung, und beim Gedanken an die Stiefmutter ballte

er die Fäuste und knirschte mit den Zähnen und fühlte einen heißen Haß

in sich aufsteigen. Aber, Gott sei Dank, der Tag war ja nicht mehr

fern, an dem er den beiden aus den Händen laufen konnte. Der Pastor

hatte ihm gesagt, wenn er Schulmeister werden sollte, würde er gleich

nach den Osterferien bei einem alten Schulmeister in die Lehre treten.

Er rechnete aus, wie lange es bis dahin noch wäre. Ostern fiel früh:

sieben Wochen und fünf Tage! Dann schlägt die Stunde der Erlösung. Dann

ade, du enges, schmutziges, dumpfes, zank- und haßerfülltes Elternhaus!

Es war Gründonnerstag. In der Steinbecker Kirche wurden die Kinder

konfirmiert.

Der Pastor war heute nicht die steile Kanzeltreppe hinaufgeklettert,

sondern stand vor dem Altar, inmitten der jungen, festlich geschmückten

Schar. Die Mädchen trugen schwarze Kappen, die vorn mit einem

weißen, fein gefältelten Strich versehen waren, und hielten über den

funkelnagelneuen Gesangbüchern zusammengefaltete weiße Tücher. Die

ärmeren Jungens steckten zum Teil in Abendmahlsröcken, die ihnen

offenbar nicht persönlich auf den Leib geschneidert waren. Denn

kleine Leute, die den Pfennig umdrehen mußten, hielten einen Rock von

mittleren Maßen für ihre ganze Jungensschar auf Lager. Peter aber,

der ärmste von allen, trug seinen eigenen Anzug. Dafür hatte seine

Mutter kurz vor ihrem Tode einer zuverlässigen Frau eine kleine, sauer

ersparte Summe übergeben. Als Peter an diesem Morgen den Rock angezogen

hatte, war ihm eine große, blanke Träne daran hinuntergelaufen.

Der Pastor war einer jener gutmütigen Menschen, die des Lebens harte

und häßliche Wirklichkeit nicht sehen und allen ihren Mitmenschen

das Beste zutrauen. Herzbeweglich schilderte er die ungezählten und

unverdienten Wohltaten, die jene Eltern dort im Schiff der Kirche an

diesen ihren Kindern um den Altar im Leiblichen und im Geistlichen

getan hätten. Sie hätten für sie gearbeitet, gewacht, gesorgt,

gehungert, gebetet, hätten den Trieb zur Tugend in die jungen Seelen

gepflanzt, wären mit gutem Beispiel vorangegangen usw. Da weinten

die Mütter reichliche Tränen der Rührung über ihre so lebhaft und

öffentlich anerkannte Gutheit, und ihre Tränentüchlein gingen eifrig

zwischen Schoß und Augen hin und her. Zur Ehre von Trina Eggers muß

aber gesagt werden, daß ihr Tuch auf dem Gesangbuch liegenblieb, und

daß sie bei dieser Schilderung sich aufopfernder Mutterliebe ein leises

Unbehagen empfand.

Peter dachte währenddessen nur an seine rechte Mutter. Er hatte ja

seinen Konfirmandenanzug als einen Beweis ihrer treuen Fürsorge vor

Augen, und zweifelte nicht daran, sie würde, wenn sie bei ihm geblieben

wäre, alles das an ihm getan haben, was der Pastor, mit seinem starken

Glauben an die Menschen, den Vätern und Müttern seiner Gemeinde

insgesamt zutraute.

Als der Gottesdienst beendigt war, ging Trina Eggers in einen

Bäckerladen und kaufte für fünf Silbergroschen Butterkuchen. Bei den

letzten Häusern des Dorfes langte sie in die Tüte, sagte: »Da!« und

reichte Peter ein tüchtiges Stück. Und zu Hause, als sie den Kuchen

unter ihre Kinder verteilte, bekam er noch einmal eins, und zwar das

größte, auf dem noch dazu der Zuckerguß sich am besten gehalten hatte.

Die Stiefgeschwister machten neidische Gesichter, und der Siebenjährige

heulte über die mütterliche Ungerechtigkeit. Aber von Peter bekam Trina

einen dankbaren Blick, und den kleinen unbequemen Stachel, den die

Konfirmationsrede doch in ihr zurückgelassen hatte, war sie glücklich

wieder los.

Daß Peter Schulmeister werden sollte, dabei war es geblieben, obgleich

Trina seit jener Nacht wieder die Oberhand hatte. Der Pastor

hatte, nachdem Harm Eggers seine väterliche Zustimmung gegeben,

gleich das Nötige in die Wege geleitet. Ein älterer Schulmeister

der Nachbargemeinde Olendorf, Wencke in Wehlingen, der etwas

schwächlich war und eine große Schule hatte, war bereit, Peter nach

den Osterferien in sein Haus aufzunehmen und ihn die Schulmeisterei

zu lehren. Präparandenanstalten gab's noch nicht, für die große Masse

der Landlehrer beschränkte sich der Seminarbesuch auf ein halbes Jahr

und fand erst statt, nachdem die jungen Leute einige Jahre praktisch

mit ihren Konfirmandenkenntnissen in der Schule gearbeitet hatten.

Die Schul- und Lehrerverhältnisse waren also von den heutigen, sehr

fortgeschrittenen, himmelweit verschieden. Deshalb wollen wir in dieser

Geschichte unserm guten Peter, seinem Lehrmeister und seinen Kollegen

auch getrost den heute außer Gebrauch gekommenen und verpönten Titel

»Schulmeister« geben. So nannten sie sich selbst, so nannten die Leute

sie, und so schrieb der Pastor ins Kirchenbuch. Der Titel »Lehrer«

klingt für diese Leutchen, bei denen die Großeltern des heutigen

Geschlechts den Landeskatechismus, das Einmaleins und ein wenig Lesen

und Schreiben lernten, zu feierlich und anspruchsvoll.

Am Tage nach Ostern ging Peter nach Steinbeck, um seinem Pastor einen

Abschiedsbesuch zu machen. Stolz schritt er in seinem Konfirmandenrock

durch die Straßen des Kirchdorfs. Wenn ihm Leute begegneten, suchte er

auf ihren Gesichtern zu lesen, ob sie ihn, der vor zwei Wochen in der

Konfirmandenprüfung vor der ganzen Gemeinde mit den besten Antworten

geglänzt und ein besonderes Lob erhalten hatte, wiedererkannten.

Nun stand er vor der großen, grünen Tür des Pfarrhauses, das er von

vorne noch nie betreten hatte. Ob er anklopfen mußte? Darüber war

er nicht belehrt worden, aber er hatte einen Spruch gelernt: Wer

anklopfet, dem wird aufgetan. Er klopfte also an, aber ihm wurde nicht

aufgetan. Da schielte er verstohlen durch das Fenster neben der Haustür

auf den Vorplatz, und da er niemanden sah, wagte er es, die Tür selbst

vorsichtig zu öffnen. »Klinglinglingling« lärmte die Hausglocke. Peter

erschrak, als ob er auf einer bösen Tat ertappt wäre. Das Dienstmädchen

kam und sah ihn fragend an. »Is He inne?« fragte Peter. »Jawohl, der

Herr Pastor ist in seiner Stube,« sagte in belehrendem und verweisendem

Tone das Mädchen. »Aber, Junge, nimm wenigstens deine Mütze vom Kopfe,

wenn du zu uns kommst!« fügte sie hinzu. Blitzartig riß Peter die

Kopfbedeckung herunter und stand rotübergossen da. Das Mädchen lächelte

im Hochgefühl ihrer überlegenen Bildung und wies ihn gnädig die Treppe

hinauf.

Indem Peter die Stufen hinanstieg, biß er sich auf die Lippen und

ärgerte sich über sich selbst. Daß man in fremden Häusern die Mütze

abnahm, hatte er doch in der Schule gelernt. Und nun hatte er's doch

vergessen!

Nun stand er vor der Tür mit dem Namensschild des Pastors. Nachdem

er sich die Füße auf der Strohmatte gereinigt hatte, klopfte er an.

Ganz bescheiden, mit den Fingerspitzen. ~Wie~ man anklopfte,

darüber hatte er keinen Spruch gelernt. Als keine Antwort kam, faßte

er sich ein Herz und ging ungerufen hinein. Der Geistliche saß an

seinem Schreibtisch vorm Fenster und blickte verwundert auf. »Mein

Sohn,« sagte er, »wenn man zu einem Menschen in die Stube will, dann

klopft man gefälligst an.« »Herr Ppestohr,« stamerte Peter, »ich ...

ich ~habe~ angeklopft.« »Ach so, ja, da kratzte was; ich meinte,

das wäre mein kleiner Polli. Na, setz dich!« Peter setzte sich tief

errötend auf einen Stuhl. Die Mütze hielt er mit beiden Händen gegen

die Brust gepreßt.

»Freust du dich, Schulmeister zu werden?« fragte der Pastor.

»Ja.«

»Ist deine Aussteuer schon fertig?«

Peter machte ein verwundertes Gesicht. Aussteuer kriegten doch nur die

Mädchen mit, wenn sie freiten.

»Ich meinte, ob du gehörig mit Zeug und Wäsche ausgerüstet bist.«

»Jaa.«

»Wenn du man bloß nicht Heimweh nach Muttern kriegst!«

»Nee!«

»Nanu! Nicht so kühn, mein Jüngchen! Aber du kennst ja das schöne Lied:

›Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man vom Liebsten, was man hat, muß

scheiden.‹ Und: ›Wenn Menschen auseinandergehn, dann sagen sie: Auf

Wiedersehn.‹«

»Ich ... ich habe bloß noch eine Stiefmutter ...«

»Ach so, daran hatte ich nicht gedacht ... Aber hmhm, ich habe

Stiefmütter gekannt, die hatten die angenommenen Kinder ebenso lieb,

wie ihre eigenen ... Hm, ich wollte nur sagen, in sechs Wochen ist

schon Pfingsten. Dann kannst du schon mal nach Hause hinüberspringen.

Und dann kommen ja auch bald die großen Ferien ...«

Die Pastorin steckte den Kopf in die Tür und rief ihren Mann heraus.

Peter, der bislang steif auf dem Stuhl gesessen und dem alten Herrn

unverwandt auf den Mund gesehen hatte, wie in der Kinderlehre, atmete

freier auf und sah sich in der Studierstube um. Da bekam er einen

großen Schreck. Was für eine Menge Bücher! Und wie dicke dabei! Am

längsten und mit der größten Verwunderung haftete sein Blick an der

Reihe der mächtigen Kirchenbücher. Was mußte so ein geistlicher Herr

für ein gelehrter Mann sein! Natürlich nahm er an, daß dieser in seiner

großen Bibliothek ebensogut Bescheid wußte, wie er in seiner kleinen,

die aus vier schmalleibigen Schulbüchern bestand. Er war manchmal

stolz gewesen, daß er mehr wußte als die andern in der Schule und

Kinderlehre. Die letzten Wochen, seit er am Palmsonntag vor der ganzen

Gemeinde mit seinem Wissen geglänzt hatte, war ihm dieses Hochgefühl

fast immer gegenwärtig geblieben. Aber diese in Schweinsleder und Pappe

gebändigte Gelehrsamkeit, die ihn hier zugleich mit einem Duft feinen

Tabaks umgab, verwirrte ihn und machte ihn ganz klein.

Als der Pastor wieder in die Stube trat, flog Peter in die Höhe, wie

er's von der Konfirmandenstunde her gewöhnt war, nur mit noch größerem

Respekt, wegen der neu entdeckten Gelehrsamkeit des stattlichen Herrn.

Er wurde nicht wieder zum Sitzen genötigt, bekam einige gute Lehren

und Wünsche mit auf den Weg und konnte gehen. Leise schlich er die

Treppe hinab und war froh, als er unbemerkt die Haustür erreicht hatte,

ohne noch einmal von dem Mädchen, vor dem er sich vorhin so blamiert

hatte, gesehen zu sein.

Den Kopf trug er jetzt nicht so hoch als vorhin. Bescheiden und demütig

ging er seines Weges.

* * * * *

Am Abend des Sonntags nach Ostern sollte Peter in Wehlingen antreten.

Das Dorf war drei Stunden von seiner Heimat entfernt.

Sein Vater begleitete ihn und trug auch die in einen buntgewürfelten

Kissenüberzug gestopfte »Aussteuer«. Das geistige Rüstzeug, seine

Bibliothek, hatte Peter selbst unter dem Arm.

Vater und Sohn sprachen kaum miteinander. Von Haus aus waren sie

beide schweigsam, und heute, angesichts der Abschiedsstunde, schloß

ihnen auch eine gewisse Verlegenheit den Mund. Der Weg führte durch

Steinbeck, und an Harm Eggers' liebstem Wirtshaus vorbei. Hier bog er

zur Seite, und als Peter zögerte, ihm zu folgen, sagte er freundlich

und ein wenig verlegen: »Kumm, Jung', wöt uns erst 'n bäten verhalen.«

Da ging Peter mit ihm hinein.

Harm bestellte zwei »lüttje Klare«. Als der Wirt das Gläschen vor

Peter hinstellte, sagte der Vater: »He is ja nu ok 'n mündigen

Christenminschen,« worauf jener nickte und lachte. Peter hob das Glas

vorsichtig, nippte daran, schüttelte sich und setzte es wieder hin.

»Smeckt he nich?« fragte der Vater leise. Peter zog ein krauses

Gesicht und schüttelte den Kopf. »Töw' man,«[1] flüsterte Harm, mit den

Augen zwinkernd. Als der Wirt den Rücken gewandt hatte und sich an dem

Schenktisch zu schaffen machte, nahm er schnell das Glas, trank es aus

und stellte es leer wieder vor Peter hin, froh darüber, daß er seinem

Fleisch und Blut eine schwere Blamage erspart hatte. Darauf kaufte er

ihm eine dick mit Zucker bestreute Maulschelle. Als Peter anfing, die

eine Hälfte des trocknen, noch von Ostern übriggebliebenen Gebäcks

hinunterzuwürgen, sagte der Vater: »Christoffer, up een Been kann'n

nich stahn« und ließ sich das Glas aufs neue füllen. Da aber stand

der Junge entschlossen auf, packte die andere Hälfte der Maulschelle

in die Tasche und drängte den Vater, schnell auszutrinken und mit ihm

aufzubrechen.

Unter der Wirkung des Alkohols wurde Harm gesprächiger. Und der nahe

Abschied von seinem Jungen trug dazu bei, daß er sentimental wurde,

während sonst diese Stimmung erst etwa nach dem siebenten Glas sich

einzustellen pflegte.

Er schluckte einige Male trocken nieder, seufzte, und sagte endlich:

»Ach ja, Peter ... din' Mudder ...«

Peter sah den Vater erwartungsvoll an.

»... 't sünd nu all meist twolf Jahr, dat se in de Eer[2] liggt. Ach

ja, wenn ick an de Tied torüg denk ...«

»Vader,« fragte Peter leise, »wat hett Muddern egentlich fehlt?«

»Hoßen[3], Kind, slimmen Hoßen ... Wör hier in de Bost[4] nich echt ...

Lungensük ... ehr Mudder is dar ok an storwen ... ehr Süster ok ...

Min Familje is so karnig und gesund ... Grotvader is achunachzig Jahr

old worrn und hett all sin Tähnen mit in't Sarg krägen ... Aber ehre

Familje ... keen goden Karn is da nich in ... sünd in de Bost nich echt

... Ach ja, wenn dat dar eenmal so instickt ... Junge, wenn du man echt

bist!«

Er sah Peter prüfend und besorgt von der Seite an.

»Aber Vader,« sagte der Junge überrascht, »ick bin doch ganz gesund.«

»Ach ja, dat ~wör~ din Mudder ok ... Aber de Karn wör nich god,

dat wör hier in de Bost keen echten Kram ... Wat mi bange makt, du

sühst ehr gar to ähnlich, du hest gar to väl van ehr afkrägen. Wenn

du mehr van mi harrst, dat wör bäter för di. Wi Eggers sünd alle so

gesund.«

Peter betrachtete heimlich das Gesicht des Vaters. Im stillen war er

doch froh, daß er mehr von der Mutter hatte.

»Dat Starwen is dine Mudder bannig swar worrn,« begann der Vater wieder.

»Harr se väle Kälen[5]?« fragte Peter.

»Och nee, de könn se god drägen. Se harr di so öwer alle Maten lew ...«

Dem Jungen lief es heiß über den Rücken.

»›Dat Kind, dat arme Kind! ... Wat schall ut Peter weern?‹ So güng dat

jümmer wedder ... Ick möß ehr verspräken, ... dat ick jümmer god för

di sorgen woll. De Hand heww ick ehr darup geben möst ... Da könn se

starwen ... Ach Gott ja, twolf Jahr is dat nu all her ... Wenn'n so

trügdenkt ... mannigmal ... ick woll man seggen ... ick harr mannigmal

woll bäter för di sorgen könnt ... Ja, dat harr ick ... jawoll, jawoll

... aber glöw mi, ick harr't sülwst nich licht ... Trina is so ganz

anners as din' sel' Mudder ... Wenn ick ~de~ beholen harr ...

Djunge, Djunge! ... Du kennst de Welt noch nich, du weeßt nich, wat so

'n Frugensminsch 'n Keerl ruptrecken kann, wenn se darnah is, und wat

se em rünnerrieten kann in'n Dreck ...«

Er blieb plötzlich stehen. Sie hatten eine Höhe erreicht. Vor ihnen

im Tale lag ein Dorf. »Dat is Wehlen, nu finnst du woll hen, ick will

ümkehren, adjes,« sagte der Vater hastig, gab dem Jungen unbeholfen die

Hand, ohne ihn anzusehen, setzte das Bündel nieder, wandte sich um und

ging mit langen, steifen Schritten den Hügel hinab.

Peter stand verwundert und sah ihm nach. Unter den Worten des Vaters

hatte er mit Liebe seiner Mutter gedacht. Nun fühlte er auf einmal ein

warmes Gefühl auch gegen den Vater in sich aufsteigen. Ja, der Mann,

der dort hinabschritt, und er, der ihm nachblickte, sie gehörten doch

zusammen, trotz allem. Der hatte seine Mutter auch liebgehabt. Und wenn

sie bei ihm geblieben wäre ...? Im stillen bat Peter dem Vater ab, wenn

er einmal Gedanken der Verachtung und Auflehnung gegen ihn gehabt hatte.

Der Vater war unten im Tale stehengeblieben und hatte sich umgewandt.

Mit der Hand die Augen schirmend, schaute er zurück. Und Peter

stand noch immer auf der Höhe und sah ihm nach. Sie winkten einander

nicht zu, aber doch flog zwischen Vater und Kind ein leises, wehes

Abschiedsgrüßen hinüber und herüber ...

Nun verschwand des Vaters Gestalt in einem Fuhrengehölz. Peter wischte

sich schnell über die Augen und wandte sich entschlossen herum. Da lag

es vor ihm, das Tal, in dessen Schoß ein Stück seiner Zukunft ruhte.

Was er dort sah, gefiel ihm wohl. Das Dorf lag an einem Flüßchen, in

Wiesen eingebettet. Rechts zogen sich ansehnliche Wälder hin, Tannen

und auch etwas Laubwald. Peter, dessen Geburtsort auf einer trockenen,

kargen Wasserscheide lag, war von der lieblichen Anmut der Gegend

überrascht. Wenn die Menschen nur danach waren, sollte es ihm dort

unten schon gefallen. So nahm er denn seine Siebensachen und machte

sich munter auf den Weg. Die grünen Spitzen der Gräser wagten sich

eben hervor, die Weidenkätzchen steckten vorsichtig die Sammetpfötchen

heraus, Krähenscharen lärmten in der Luft, eine Amsel flötete von der

Spitze einer Tanne ihr sehnsüchtiges Vorfrühlingslied. Alles ahnte an

diesem kühlen, lichten Sonntagabend, daß ein Neues, Herrliches werden

wollte, und nicht zum mindesten der junge Schulmeister, der mit langen,

frohen Schritten in das Tal hinabstieg.

Nicht weit vom Dorfe begegnete ihm ein kleines Mädchen, dessen Alter

er auf sieben Jahre schätzte. Da gab Peter sich einen Ruck und fühlte

sich zum erstenmal als Schulmeister. Er machte sich recht gerade,

um möglichst groß zu erscheinen, zupfte noch schnell sein Röckchen

zurecht, hielt sein Bündel mehr hinter sich und redete das Kind an,

freundlich und ein ganz klein wenig väterlich, erst hochdeutsch, dann

platt. Aber er bekam aus dem kleinen Ding nichts heraus, weder dessen

Namen noch Auskunft über die Lage des Schulhauses. Nach wiederholten

Versuchen ging er kopfschüttelnd weiter. Wenn die Kinder hier alle so

schwer von Begriff waren, würde er noch seine Last haben.

Bei den ersten Häusern sagte ihm eine Frau, zur Schule müßte er durch

den ganzen Ort gehen.

Aufrecht und fest schritt er die Dorfstraße dahin, gehoben von dem

Gefühl, in diesen Minuten für ein ganzes Dorf der Gegenstand der

Aufmerksamkeit zu sein. Die Kinder, die auf den Höfen spielten, hielten

inne, und er grüßte sie wohlwollend. Die Erwachsenen vor den Haustüren

nickten ihm zu, und er grüßte sie freundlich und höflich. Als ihm ein

Koppel halbwüchsiger Burschen begegnete, versuchte er, seinem Gruß

einen kameradschaftlichen Ton zu geben. Aber die dummen Bengel, mit der

diesem Alter eigenen Verachtung alles dessen, was irgend mit der Schule

zusammenhängt, musterten ihn von oben herab und lachten ihm dreist

ins Gesicht. Doch er hatte keine Zeit, sich darüber zu ärgern. Denn

schon grüßte ihn über einem Hause die Inschrift: »Hier lehret man die

Jugend, zu Gottesfurcht und Tugend«, und mit Herzklopfen faßte er den

Türdrücker des Hauses, unter dessen Dach er fortan lernen, lehren und

leben sollte.

Als Peter die Tür des Schulhauses hinter sich schloß, öffnete sich

gegenüber eine Stubentür, und es erschien ein alter Frauenkopf,

der sich aber, kaum seiner ansichtig geworden, wieder zurückzog.

Peter hörte, daß er gemeldet wurde: »Vader, he is'r.« Darauf kam

ein hageres, grauhaariges, bartloses Männchen angetrippelt, das den

Ankömmling an der Hand nahm und in die Stube zog, mit den Worten:

»Szüh, ßüh, da bist du ja. Is man gut. Wir haben schon auf dich

gewartet. Na, setz dich ... Da hast du deine Sachen woll in? Die leg'

da an die Erde. So, so. Bist wohl recht müde von dem langen Weg?«

»O nein,« sagte Peter, »Vater ist mitgegangen und hat meine Aussteuer

getragen.«

»Aussteuer? Wo hast du die denn?« fragte der Schulmeister verwundert.

Peter wies etwas unsicher auf sein Bündel.

»Aussteuer im Kissenüberzug? Hihihi, das ist gut. Mudder, hest du't

hört? Dor hett he sin' Utstüer in.«

Die Schulmeisterin, die in einem Rohrlehnstuhl saß, verzog ihr

faltenreiches, teilnahmloses Gesicht zu einem schwachen Lächeln. Peter

war rot geworden.

»Na ja ...« begann der Schulmeister wieder, »du hast doch wohl schon

gegessen? Wir sind schon eine halbe Stunde damit fertig. Wegen meinem

Magen essen wir immer früh.«

Peter sagte bescheiden, er hätte erst vor zwei Stunden eine Maulschelle

gegessen.

»Das ist ja man gut. Sonst, wenn du noch Hunger hättest ... Denn wollen

wir gleich den Abendsegen lesen und zu Bett gehen. Denn morgen Punkt

sieben Uhr geht's an die Arbeit. Langschläferei und Unpünktlichkeit

dulde ich nicht. Das mußt du dir gleich heute merken.«

Mutter Wencke war aufgestanden, nahm ein Buch vom Wandbrett und legte

es, bei dem Lesezeichen aufgeschlagen, vor ihren Gebieter hin. Dann

holte sie das Brillenfutteral von der Fensterbank, zog die Brille mit

ihren zitterigen Fingern heraus, putzte sie an der Schürze und reichte

sie handgerecht dem Alten. Hier geht's anders zu zwischen Mann und

Frau, als zu Hause, dachte Peter.

Nachdem der Schulmeister mit etwas tremulierender Stimme eine kurze

Abendbetrachtung vorgelesen hatte, hieß er Peter sein Bündel aufnehmen

und stieg mit ihm eine knarrende Holztreppe hinan. Oben angekommen,

führte er ihn in eine kleine Dachkammer. »So, mein Sohn,« sagte er,

»hier hast du alles. Hier steht dein Bett, und da kannst du dich

waschen, und da ist auch 'n Leuchter und Reißsticken, wenn du dir mal

'n Licht anstecken willst. Aber damit sei vorsichtig! Du wohnst hier

unterm Strohdach. So, nun mach's dir in deinem Heim recht gemütlich und

schlaf' wohl!« Damit ging er und knarrte mit seinen Filzpantoffeln die

Treppe hinab.

Peter sah sich in dem Stübchen um. Es war in Wirklichkeit nur ein

Bretterverschlag unter dem unverkleideten Strohdach. Bett, Tisch,

Stuhl, Schemel mit Waschbecken nahmen drei Viertel des Raumes ein. Wer

diese Stube ein elendes Loch nannte, brauchte noch nicht anspruchsvoll

zu sein. Aber dem guten Peter lagen solche Gedanken himmelfern. In

ihm fand des Schulmeisters Wort ein jubelndes Echo: Dein ~Heim~,

~dein~ Heim! Die Gefühle, die beim Klang dieses lieben Wortes

in allen heimseligen deutschen Menschenkindern wach werden, waren

Peter bis auf diese Stunde fremd geblieben. Die väterliche Kate, in

der er die schmutzige Stube mit sechs und die dumpfe Butze mit drei

Menschen hatte teilen müssen, die ihm alle innerlich fremd und zum Teil

feindlich waren, war ihm niemals ein Heim gewesen. Nun hatte er auf

einmal eins, und es war ihm, als hätte er damit etwas gefunden, wonach

er sich lange im stillen gesehnt hatte.

Gemütlich sollte er sich's in seinem Heim machen, hatte der Alte

gesagt. Gemütlich? Das Wort hatte er noch nie gehört. Aber seinem

Klange lauschte er ab, was es sagen wollte. Er zog das schwarze

Röckchen aus und hing es an die Wand, vertauschte die engen, staubigen

Stiefel mit bequemen Holzpantoffeln, baute die Bücher auf dem Tisch

auf und wusch sich die Hände. Ei, wie wurde es da gemütlich! Zuletzt

zündete er das Licht an. Wie freundlich sah jetzt erst das saubere

Zimmerchen aus, mit den beiden Bildern an den Wänden und dem weißen

Gardinchen über dem zweischeibigen Fensterfach! Peter rieb sich

die Hände, zog den Kopf zwischen die Schultern und fand sein Heim

urgemütlich.

Als er eine Weile die Freude über sein gemütliches Heim ausgekostet

hatte, öffnete er das Fenster und sah hinaus. Von dem Garten

drunten konnte er nichts deutlich erkennen. Die Nacht war völlig

hereingebrochen. Dennoch blieb er, in den engen Rahmen gezwängt, lange

im Fenster liegen. In der Stille, die um ihn war, in dem Dunkel, das

nach all den Eindrücken dieses Tages keine neuen mehr zu ihm ließ,

mußte er über die Veränderung nachdenken, die der heutige Tag in sein

Leben gebracht hatte. Das alte Leben lag hinter ihm wie ein böser

Traum, und vor ihm ein neues, unbekannt, aber so verheißungsvoll, daß

ihm das Herz klopfte, wenn er nur daran dachte ... Er sah über sich zum

Nachthimmel empor und schärfte seine Augen. Zuletzt fingen hoch droben,

in unendlicher Ferne, einige Sterne an, durch die blaue Nacht zu

glimmen. Und es wurde ihm, als käme aus seligen Fernen durch die weiten

Räume ein stilles Grüßen gezogen. In tiefem Erschauern empfand seine

Seele dieses wunderbare Grüßen und wurde darüber so weit und froh,

daß er es in dem engen Fensterrahmen nicht mehr aushalten konnte. Er

zog sich in sein Heim zurück, hob die Hände, dehnte die Brust, atmete

selig bang, und plötzlich warf er sich auf die Knie, und ein wortloses,

heißes Dankgebet entquoll seinem übervollen Herzen.

Als seine Seele sich auf diese Weise von dem Überschwang ihrer

Glücksgefühle befreit hatte, fing plötzlich in ihm etwas an zu

knurren. Es war der Magen. Dieser war nicht von einer so rührenden

Bescheidenheit wie sein Besitzer, und mit einer halben Maulschelle

für einen halben Tag und eine ganze Nacht nicht zufrieden. Zum Glück

erinnerte Peter sich, daß die zweite halbe Maulschelle noch in der

Tasche seines Konfirmationsrockes steckte. Er zog sie heraus, und

ganz langsam aß er sie, um dem unzufriedenen Gast, der von der Freude

allein nicht satt werden wollte, eine wirkliche Mahlzeit vorzutäuschen.

Zwischendurch trank er einen Schluck Wasser aus dem Kruge. Ein Glas

hatte er nicht.

Darauf ging er zur Ruhe. Als er sich niederlegte, warf er sich

stürmisch in dem Bettkasten hin und her. Die Freiheit und Wonne, dieses

tun zu können, ohne wie zu Hause sofort mit geschwisterlichen Beinen

zusammen zu geraten, mußte er doch erst einmal auskosten. Dann machte

er's sich auf der rechten Seite gemütlich, zog die Beine an, blinzelte

behaglich mit den Augen, ehe er sie schloß, und fühlte sich so recht

von Herzen heimselig.

Schlaf wohl, du junges, armes, hungriges, glückliches Schulmeisterlein!

Alle Stunden, die dir unter diesem Dache kommen, werden wohl nicht so

reich, nicht so glücklich sein, wie diese ersten.

* * * * *

Als Peter am andern Morgen erwachte, dachte er mit Schrecken daran, daß

Schulmeister Wencke Langschläferei und Unpünktlichkeit nicht duldete.

Ob er die Zeit nicht schon verschlafen hatte? Darüber beruhigte er sich

zwar bald; denn es war noch nicht völlig hell. Da er aber eine Uhr

nicht fragen konnte, weil er keine hatte, und die Sonne nicht, weil

sein Fenster nach Westen lag, so hielt er es für das sicherste, sofort

aufzustehen.

Beim Ankleiden betrachtete er die beiden Bilder, die durch ihr

Dasein gestern abend die Gemütlichkeit seines Heims gehoben hatten,

die er aber in dem schwachen Licht der Talgkerze sich noch nicht

genauer angesehen hatte. Zu Häupten des Bettes hing ein rahmenloser

Holzschnitt. Er mochte aus einer alten Bilderbibel stammen und

war mit Schusternägeln an der Wand befestigt. Abraham, der Vater

der Gläubigen, schickte sich mit bekümmertem Gesichte an, seinen

Sohn Isaak zu schlachten, der ganz geduldig seinen Hals hinhielt,

während im Hintergrunde der Engel des Herrn die Einhalt gebietende

Rechte hochhielt und mit der Linken einen sich gewaltig sträubenden

Bock heranzerrte. Das Bild an der senkrechten Längswand war viel

freundlicher. Es war dazu bunt, und hatte einen mit Fliegendenkmälern

punktierten Goldrand. Eine hehre Frauengestalt, in rotem Ober- und

blauem Untergewande, schwebte in rosigen Wolken, rings von reizenden

Engelköpfchen umgeben. Darunter stand: »Maria, die Himmelskönigin.«

Dieses Bild sah Peter sich viel länger an als das andere.

Als er mit dem Ankleiden fertig war, wollte er hinuntergehen. Oben an

der Treppe blieb er aber stehen und horchte in das Haus hinab. Dort war

noch alles still. Da schlich er mit größter Vorsicht die Stufen hinab.

Trotzdem war die altersschwache Treppe so indiskret, jeden seiner

leisen Tritte durch das hallende, morgenstille Haus zu melden. Unten

angekommen, schob er den Riegel zurück und trat in den frischen Morgen

hinaus.

Die Sonne ging eben auf und übergoß den Himmel mit flammendem Rot. Aber

darauf achtete Peter nicht weiter. Das hatte er hundertmal gesehen,

wenn die Stiefmutter ihn vor Tau und Tag aus dem Bett herausjagte.

Es kam ihm heute darauf an, das Neue kennen zu lernen, das ihn hier

erwartete. So ging er denn zuerst durch den Garten. Der war noch kahl

und wartete auf Sonnenschein und warme Tage. Trotzdem ließ Peter sich

von Bäumen und Büschen die herrlichsten Versprechungen machen. Der

dicke Apfelbaum, der dem Hause zustrebte und einen Zweig bis dicht

vor sein Kammerfenster sandte, der in schöner Gabelung stolz aufwärts

strebende Birnbaum, die Johannis- und Stachelbeersträucher, die schon

zu grünen und zu blühen angefangen hatten, was verhießen sie nicht

alles dem Gaumen des noch nicht Fünfzehnjährigen, der solche Genüsse

bislang fast nur vom Hörensagen kannte!

Als er den Garten kennengelernt hatte, schlenderte er ins Dorf hinaus.

Da freute er sich über die breiten, behäbigen Bauernhöfe, die hinter

bemoosten Knüppelzäunen unter dicken Eichen lagen. Wo er zu Hause

war, auf der hohen Heide, war das alles viel ärmlicher als in diesem

bachdurchrieselten Tale, dessen Anmut ihn gestern schon erfreut hatte.

Aus einem der Häuser kam ein Junge mit einem Schulbuch in der Hand. Da

drehte Peter um und ging eiligst nach Hause zurück.

Die Schulmeistersleute saßen beim Kaffee. »Wo bleibst du denn?« fragte

der Schulmeister, indem seine Stirnhaut sich in Falten legte. »Ich

habe bloß eben einen kleinen Spaziergang gemacht,« entschuldigte sich

Peter. »Na, hör' mal, diese Morgenspaziergänge laß man unterwegs. Es

ist nicht nötig, daß du uns beiden alten Leute morgens um fünf Uhr aus

dem Schlaf trampelst. Ich bin zufrieden, wenn du so früh aufstehst, daß

du uns vor dem Kaffee die Stiefel putzen kannst. Ich bin nämlich nicht

dafür, wie es viele Schulmeister tun, in Holzschuhen zu unterrichten.

Wir dürfen uns nicht so gehen lassen. Auch meine Pfeife mußt du mir

immer stopfen. Die pflege ich in der Schreibstunde zu rauchen.«

Während dieser Dienstanweisung hatte die Schulmeisterin Peter eine

dicke Scheibe Brot dünn mit Seimhonig bestrichen. Und jetzt machte

er sich darüber her, als ob er von zwei Uhr nachts an mit nüchternem

Magen in der Scheune gedroschen hätte. Gegen seine Gewohnheit faßte er

das Brot wie seine Stiefbrüder zu Hause, nämlich mit beiden Händen, um

tüchtig nachschieben zu können. Bis der Schulmeister sagte: »Anständige

Leute essen mit einer Hand.« Da wurde er rot und legte seinem

Eßungestüm Zügel an.

Draußen auf dem Hof sammelten sich die Kinder. Einige klapperten

schon mit ihren Holzschuhen in die nahe Schulstube. Die Zeiger der

blumenbemalten Wanduhr zeigten fünf Minuten vor sieben. Da sagte

Schulmeister Wencke: »Heute brauchst du noch nicht zu unterrichten.

Du wirst vielmehr meinem Unterrichte beiwohnen. Wir wollen in den

einzelnen Fächern Wiederholungen anstellen. Du wirst da sehen, was

geleistet ist, und was in einer ordentlichen Schule geleistet werden

muß. Die Kinder werden ja immerhin in den Osterferien mancherlei

vergessen haben, und meine besten Schüler sind jetzt gerade

konfirmiert. Das mußt du bedenken, wo mal etwas nicht klappt. Für zehn

Uhr habe ich mir dann die Abc-Schützen bestellt. Komm! Bring' dir einen

Stuhl mit!«

Hinter dem alten Schulmeister trat der junge in die Schulstube, wobei

er in dem Bewußtsein, daß aller Augen auf ihm ruhten, seinem weichen

Jungensgesicht einen ernsten und strengen Ausdruck zu geben suchte. Mit

Würde ließ er sich angesichts der Klasse auf seinem Stuhl nieder und

legte die Beine lässig übereinander.

Nach einem Gesangvers und Gebet führte Wencke dem jungen Schüler und

Kollegen seine Schule vor. Der Tausend! Wie das klappte! Biblische

Geschichten, Katechismusstücke, Sprüche kamen nur so angeflogen,

beim Lesen wurden die Sätze förmlich verschlungen, die Lösungen der

Rechenexempel folgten reflexartig. Peter sah verdutzt bald die Schule,

bald den Lehrer an, und kam aus dem Verwundern gar nicht heraus.

Hinter das Geheimnis dieser großartigen Unterrichtserfolge ist

der gute, ehrliche Peter nie recht gekommen. Sein Vorgänger aber,

der gerissener war als er, hatte es schon mit einem halben Jahre

herausgehabt. Schulmeister Wencke hielt für seinen Vorgesetzten, den

Pastor von Olendorf, der bei Schulprüfungen die ihm sehr sympathische

Gewohnheit hatte, niemals selbst die Kinder zu fragen und die Wahl

der zu behandelnden Gegenstände dem Lehrer zu überlassen, in allen

Unterrichtsfächern einige Paradestücke auf Lager, die im Sommer und

Winter, vor und nach den Ferien, gleich gut gingen. So war er in

den Ruf eines tüchtigen Pädagogen gekommen und erhielt deshalb auch

Präparanden zur Ausbildung zugewiesen. Diese Paradestücke hatte er eben

Peter vorgeführt und in diesem wieder einmal das Gefühl des eigenen

Nichts wachgerufen, zugleich aber auch den heiligen Entschluß, daß

er unermüdlich arbeiten wollte, bis er würdig wäre, seinem Meister

wenigstens die Schuhriemen aufzulösen.

Um zehn Uhr kamen dann die Kleinen, von den Müttern an der Hand

geführt. Sie kamen mit bangen Gesichtern, und ein kleiner Bengel

schrie so mörderlich und sperrte sich so sehr, daß er auf dem Arm

hergetragen werden mußte. Die erzieherische Weisheit der Eltern hatte

nämlich für gut befunden, von frühester Jugend an den Kindern mit dem

Schulmeister als dem leibhaftigen Buhmann zu drohen, um sie dadurch

zur Tugendhaftigkeit zu schrecken. Diese seine kleine hagere Person

umschwebenden Schrecken mußte Herr Wencke also zuerst zerstreuen.

Sein süßestes Gesicht, das er aufsteckte, genügte dazu nicht, und

freundliche Worte mit Backenstreicheln und Kitzeln unter dem Kinn taten

es auch nicht. Das wußten die Eltern und brachten im Handkorb Tüten

voll süßer Anlockungsmittel herbei, die sie dem Schulmeister im Hause

heimlich vor den draußen ängstlich umherstehenden Kindern überreichten.

Die Körbe enthielten aber auch noch andere Schätze: Präsente für den

Mann, dem die teuersten Schätze nun auf Jahre zur Vorbereitung für

dieses und jenes Leben anvertraut werden sollten, und der bei seinem

kargen Gehalt einige Schinken und Würste gut gebrauchen konnte. Solche

schöne Sitte half diesem zugleich, die Rangordnung der Kleinen richtig

zu bestimmen. Wenn er sie nach der Güte der elterlichen Gaben setzte,

war er sicher, daß seine kleine Schulgemeinde ein getreues Abbild der

großen Schulgemeinde wurde, die in Bauern, Anbauern und Häuslinge

sozial scharf gegliedert war. So wurde denn Heini Renken, dessen Mutter

einen mittleren Schinken und eine armlange Mettwurst mitbrachte und

zugleich andeutete, sie würden nächstens ein fettes Kalb schlachten,

Erster, und Jürgen Brammer mit seiner verschimmelten Leberwurst

gebührte der letzte Platz.

Nachdem Schulmeister Wencke angesichts der offenen Körbe über die

Rangordnung sich schlüssig geworden war, überließ er die Mütter seiner

Frau zur Bewirtung mit einer Tasse Kaffee und machte sich mit seinem

Gehilfen daran, die auf dem Hof herumstehenden Kinder für die geordnete

menschliche Gesellschaft einzufangen. Mit Hilfe der vorgehaltenen

Köder ging das ziemlich leicht. Nur Jürgen Brammer, der vorhin so

geheult hatte, traute der Sache noch immer nicht, und Peter mußte

ihn auf dem Arm in die Schulstube tragen und sich auf einen Wink des

Schulmeisters auch weiter diesem offenbar schwierigsten Charakter des

Jahrgangs widmen. Er hatte mit seinen ersten Erziehungsversuchen den

schönsten Erfolg. Als der kleine Kerl merkte, daß er es nicht mit dem

leibhaftigen Buhmann zu tun hatte, sondern mit einem Jungen, der so gar

nichts Menschenfresserisches an sich hatte, hörte er auf zu weinen,

wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und nahm einen roten Bonbon

aus der ihm hingehaltenen Tüte. Als er eine Weile daran gelutscht

hatte, nahm er das klebrige Ding aus dem Munde und bot es Peter an.

Fast hätte der zugegriffen, denn Süßigkeiten aß er gern. Er besann sich

aber zur rechten Zeit, daß sich dies mit seiner Würde als Schulmeister

nicht vertrug, und sagte: »Nee, nee, behol' man!« Da Jürn auf diese

Weise den roten Bonbon nicht los werden konnte, steckte er ihn in die

Tüte, um einen grünen zu probieren.

Mit der Nahrung des Geistes verschonte Wencke heute die Kleinen noch.

Er ließ sie schmausen, holte aus jedem mit viel pädagogischem Geschick

den Namen heraus, scherzte plattdeutsch mit ihnen, ermahnte sie, immer

fleißig zur Schule zu kommen, zeigte eine Papptafel, auf der ein

braunes Hottehüh dahertrabte, und ließ sie laufen.

So verlief der erste Schultag für alle Beteiligten sehr erfreulich.

Die Kinder konnten den ganzen Tag in Süßigkeiten schwelgen, sofern

nicht die Eltern grausamer waren als der liebe Schulmeister und dessen

großmütige Geschenke an sich nahmen. Unter des letzteren Wiemen sah es

aus, als ob ein Schweinchen hätte dran glauben müssen. Und Peter war

froh, die erste Aufgabe, die ihm in seinem Lebensberuf gestellt war,

glatt gelöst zu haben.

Beim Mittagessen ließ der Schulmeister sich über die Familien aus, die

heute ihre Kinder ihm anvertraut hatten. Peter lernte auf diese Weise

einen Teil der Schulgemeinde kennen. Freilich nur in der Hinsicht, ob

einer viel oder wenig hatte, filzig war oder gern herausrückte.

Außerdem lernte Peter beim Mittagessen den Luxus des Lebens kennen.

Der Tisch war mit einem weißen Leintuch gedeckt, und jeder Esser

hatte seinen eigenen Teller. Über letzteren freute Peter sich aus

demselben Grunde, wie er sich über das eigene Bett freute. War er

zu Hause im Bett mit den geschwisterlichen Beinen in Kampf geraten,

so am gemeinsamen Eßnapf mit ihren Holzlöffeln. Und nirgends waren

Trinas Sprößlinge selbstsüchtiger und unangenehmer als am Eßtröglein.

Schnell sah der Junge, der bislang nur Holzschleef und Naturgabel

gebraucht hatte, seinen Lehrmeistern ab, wie man die Eßgerätschaften

einer höheren Kultur handhabte, und schlug eine wackere Klinge. Das

Honigbrot vom Morgenkaffee hatte seinen Magen noch immer nicht wegen

des ausgefallenen Abendbrotes beruhigt, und Frühstück gab's nicht. »Von

wegen meinem Magen,« hatte der Schulmeister erklärt.

Als die Messer und Gabeln ruhten, nahm der Schulmeister wieder das

Wort. »Ein lateinischer Schriftsteller,« begann er, »hat einmal ein

Wort gesprochen, das die Gelehrten so übersetzen: Eine gesunde Seele in

einem gesunden Körper. Wir Schulmeister, das ist klar, haben für unsern

schweren Beruf eine gesunde Seele nötig. Die können wir aber nur haben,

wenn unser Leib gesund bleibt. Um ihn gesund zu erhalten, müssen wir

neben der Arbeit des Geistes, die wir an der lieben Jugend betreiben,

auch unsern Körper arbeiten lassen. So habe ich's immer gehalten.

Es waren meine besten Tage, wenn ich im Schweiß meines Angesichts

mein Brot aß, wie es uns ja auch schon in der Bibel verheißen ist.

Abgesehen davon, daß die Schulmeisterei einen mit der Familie allein

nicht ernährt. Und da habe ich immer gefunden, die gesündeste Arbeit

ist das Graben. Ich wäre nicht so alt geworden, wenn ich nicht viel

gegraben hätte. Für dich wird das auch gut sein. Komm, ich will dich

anweisen.«

Er führte Peter in den Garten und zeigte ihm ein Stück Land. »Kannst du

dieses wohl bis zum Kaffee umgegraben haben? Wir wollten gern Erbsen

legen.«

Peter versprach, sein Bestes zu tun.

»Dein Vorgänger,« sagte der Schulmeister wieder, »warf so ein Stück

Land im Handumdrehen herum. Na, er war aber auch einen guten Kopf

größer als du. Sieh zu, wie weit du kommst, grabe nicht zu flach, und

verteile den Dünger gut!« Damit ging er, um seinerseits des Leibes

Gesundheit durch ein Mittagsschläfchen zu pflegen.

Peter machte sich munter ans Werk. Er war froh, daß ihm eine Arbeit

gegeben war, die er beherrschte, bei der er nicht ängstlich zu tasten

brauchte. An so etwas hatte die Stiefmutter ihn tüchtig herangekriegt.

Er tummelte sich, um hinter seinem großen Vorgänger nicht allzuweit

zurückzubleiben. Und wirklich, er warf das Stück herum, ehe er zum

Kaffeetrinken gerufen wurde. Ja, vom nächsten auch noch zwei Reihen!

Als der Schulmeister nach seinem Mittagsschläfchen die Arbeit prüfte,

zollte er ihr vollen Beifall, und am Kaffeetisch warf er in Peters

Tasse ein Stück Zucker mit den Worten: »Ein Arbeiter ist seines Lohnes

wert.« Peter war sehr froh. Er hatte einmal das angenehme Gefühl, ein

nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu sein. Dazu hatte

die Stiefmutter es trotz all seiner sauren Arbeit im Hause und auf

dem Felde nie kommen lassen. Nach dem Kaffeetrinken half er seinem

Lehrherrn Erbsen legen. Und bald legte er sie allein. Denn als der

Schulmeister seinen Diensteifer bemerkte, schmunzelte er stillvergnügt

und beschränkte die eigene Arbeit darauf, mit der Pfeife im Munde

Anweisungen zu geben.

Als sie mit dem Abendessen fertig waren und noch am Tisch saßen, konnte

Peter seine Wißbegier nicht mehr bezwingen. An der Wand hing ein

länglicher Kasten mit einem Stiel, an dem einige Bindfäden her liefen.

Das Ding hatte ihn schon bei allen Mahlzeiten des Tages so merkwürdig

angesehen, als ob es mehr wäre als ein Kasten zur Aufbewahrung von

Garnknäueln oder Rauchtabak oder dergleichen. Er fragte also den

Schulmeister, was es mit dem zweifelhaften Kasten auf sich hätte. Der

lächelte weise und gab dann ernsthaft die Erklärung: »Was du da siehst

mein Sohn, ist nicht ein Kasten, sondern eine Geige. Gewöhnliche Leute

nennen sie auch Vigeline. Dieselbige ist ein musikalisches Instrument.

Sie besteht aus einem dünnen Holzkasten, der als Resonnanzboden dient.

Derselbe ist nicht mit Bindfäden bespannt, sondern mit Saiten, die aus

Tierdärmen gewonnen werden. Mit jenem Bogen, der jenseits des Ofens

hängt, wird der Ton erzeugt. Wart', ich will dir mal ein Stückchen

spielen.«

Mit großen Augen sah Peter den Vorbereitungen zu, dem Spannen und

Stimmen der Saiten, dem Ansetzen des Bogens, der Bewegung der Finger.

Als der Schulmeister dann eine schlichte Volksweise zu spielen begann,

legte er die Arme ineinander und schloß die Augen.

Vater Wencke war ein herzlich schlechter Musikante. Er hatte einen

harten, kratzenden Strich, und auch mit dem Abstimmen der Saiten nahm

er es nicht eben genau. Dennoch, kaum hatte er angefangen, so war

sein Zuhörer in einer andern Welt. Denn der gehörte von Haus aus zu

den Menschen, welche die Seele voll heimlicher innerer Musik haben,

und diese zum Singen und Klingen zu bringen, dazu bedurfte es keines

künstlerisch vorgetragenen Meisterwerkes. Dazu hatte sonst das mäßige

Orgelspiel auf der mangelhaften Kirchenorgel in Steinbeck genügt. Dazu

genügte jetzt auch die einfache, wehmütige Volksweise, von Schulmeister

Wencke auf schlecht gestimmter Geige gekratzt.

Dieser bemerkte die tiefe Bewegung, die seinen Zuhörer ergriffen hatte,

und spielte die Melodie dreimal hintereinander. Beim dritten Male gab

er sich wirklich Mühe, seiner Geige lange, süße Töne zu entlocken. Als

er sie dann absetzte und Peter tief aufatmend die Augen öffnete, sagte

er freundlich: »Wenn wir erst etwas weiter sind, und du bleibst so

folgsam und fleißig, wie du heute warst, werden wir sehen, ob du auch

genügend musikalische Begabung hast, um das Geigenspiel zu lernen.« Für

diese Worte bekam er einen Blick, wie er ihn dankbarer in seiner ganzen

Schulmeisterpraxis wohl nicht geerntet hat. Peter sah den ganzen Abend

den Himmel voller Geigen hängen.

Bald darauf stieg er in sein stilles Reich hinauf. Auch diesen Abend

war er der glücklichste Mensch im ganzen Dorf. Nicht so stürmisch kam

das Gefühl seines Glücks über ihn, als gestern abend, da er in seinem

Fenster lag. Aber er freute sich desselben als eines stillen, ruhigen

Besitzes, in dem er, der arme Stiefsohn Trinas, sich unendlich reich

fühlte. Daß es nicht leicht war, als Schulmeister das zu leisten, was

nach dem ihm heute gezeigten Vorbild geleistet werden mußte, fühlte er

auch wohl. Aber er spürte die Freudigkeit in sich, seine ganze Kraft

einzusetzen. Und dann mußte es ja gehen.

* * * * *

Das war Peters erster Tag im Schulhause zu Wehlingen. Wie er, ins

Wasser hineingeworfen, zwar nicht regelrecht schwimmen, aber doch durch

Paddeln sich leidlich oben zu halten lernte, was für Dummheiten er

machte und wie er die allergröbsten allmählich zu meiden begann, wie er

Kinderherzen gewann und Kinderhöschen stramm zog, das alles wollen wir

hier nun nicht weitläufig erzählen. Denn uns interessiert weniger Peter

der Schulmeister, als Peter der Mensch. Nicht das wollen wir vor allem

wissen, wie Peter mit den kleinen Wehlinger Bauernjungens und -deerns

fertig wurde, sondern, wie er mit sich selbst, mit der Welt, mit dem

Leben fertig wurde. Und darüber ist aus den nächsten beiden Jahren nur

weniges summarisch zu berichten.

So glückliche Abende wie die beiden ersten hat Peter während dieses

Zeitraumes in seiner Dachkammer nicht wieder erlebt. Wie der Mensch

sich an alles gewöhnt, so gewöhnte er sich auch daran, daß er eine

eigene Stube und ein eigenes Bett hatte. Nur wenn er aus den Ferien,

aus den elenden Verhältnissen seines Vaterhauses, zurückkam, fühlte er

anfangs annähernd wieder das Glück jener ersten Abende.

In jenen glücklichen Stunden hatte die junge Seele, die einem engen,

dumpfen Käfig entronnen war, sich frei gewähnt und jubelnd ihre Flügel

geregt, um aufzufliegen. Aber bald genug mußte sie merken, daß sie nur

den Käfig getauscht hatte. Mochte der neue Käfig auch nicht ganz so

eng und drückend sein wie der alte, das freie Flügelregen und Fliegen

verbot er doch auch.

Schulmeister Wencke war ein kleinlicher Mensch, der seine Präparanden

im Schul- und Wirtschaftsbetrieb ausnutzte, aber unfähig war, ihnen

für ihren Beruf wirklich etwas zu geben. Als Peter ihm eines Tages

ehrlich klagte, er könne mit den Kindern das nicht erreichen, was ihm

am ersten Tage als erreichbar gezeigt wäre, da sah der Schulmeister ihn

groß an und sagte: »Du dummer Junge, du willst in ein paar Wochen das

können, wozu ich mein ganzes langes Leben gebraucht habe?« Wenn Peter

sich einmal in irgend einer Schwierigkeit Rat holen wollte, hieß es

meist nur: »Junge, das weißt du nicht? Denk doch man bloß ordentlich

nach! Ist ja ganz leicht. Schlau genug bist du dazu.« Die früheren

Präparanden hatten ausnahmslos mit der Zeit einen förmlichen Haß gegen

den Mann gefaßt. Dazu kam es bei Peter nicht. Wenn er einmal böse auf

ihn werden wollte, verglich er ihn schnell mit seiner Stiefmutter, und

dann fand er den selbstsüchtigen Mann ganz erträglich. Er hatte eben in

harter Schule gelernt, gar keine Ansprüche an die Menschen zu stellen

und schon zufrieden zu sein, wenn sie ihn nur leben ließen. -- Einige

Wochen lang hatte er den Schulmeister beinahe lieb. Das war während

der Zeit, als dieser ihm Geigenstunden gab. Aber bald sagte eine Saite

knax, und nach ein paar Tagen eine zweite. Da hängte der Alte die Geige

an die Wand und meinte, nun müßten sie's erst mal aufstecken. Wenn er

mal in den Flecken käme, wollte er sich frische Saiten mitbringen.

Er kam zwar öfters in den Flecken und brachte sich Tabak mit, aber

Saiten nicht. Es schnitt Peter manchmal ins Herz, wenn die Verstummte

mit ihren schrägliegenden Augen ihn von ihrem alten Ruheplatz so

traurig anschaute. Wenn er zufällig allein in der Stube war, trat er

wohl einmal an sie heran und zupfte an der gebliebenen Baßsaite. Dann

brummte die alte Freundin, zornig und wehmütig zugleich.

Es wäre dem armen Jungen zu wünschen gewesen, daß er nach seiner

elenden Jugendzeit in mütterliche Hände gekommen wäre. Wo diese

sehnsüchtige Kinderseele nur ein wenig Verständnis, ein ganz klein

wenig Liebe gefunden hätte, da hätte sie sich dankbar aufgeschlossen,

wie das Marienblümchen in der ersten spärlichen Märzsonne. In

den rechten Händen wäre Peter weich wie Wachs gewesen. Aber von

mütterlicher Art, die dem armen Jungen das zuerst mit so inbrünstiger

Liebe als Heim umfaßte Schulhaus zu einer wirklichen Heimat hätte

machen können, hatte die Schulmeisterin auch gar nichts. Seit ihre

erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, lebte sie nur noch für

ihren Mann. An dem sah sie wie an einem Halbgott hinauf und diente ihm

wie eine treue Magd. Zu Peter hatte sie kein anderes Verhältnis, als

daß sie für seines Leibes Nahrung und Notdurft leidlich sorgte.

Peter las viel. Als Wenckes Bücher ihm nichts mehr zu sagen hatten,

wußte er sich solche hier und da bei den Lehrern der Nachbarschaft zu

leihen. Er las, was ihm gerade unter die Finger kam, und bei seinem

guten Gedächtnis behielt er auch manches von dem Gelesenen. Aber, da

er zu unreif war, um eine Auswahl zu treffen und die Einzelheiten

einzuordnen und geistig zu verbinden, so hatte er selbst keine rechte,

tiefe Freude daran. Deshalb suchte er andern Freude damit zu machen.

Aber damit hatte er auch kein rechtes Glück. Die Leute schätzten seine

Belehrungen nicht, zumal er von Schulmeister Wencke die Kunst gelernt

hatte, die einfachsten Dinge mit vielen Worten breitzutreten. Als er

merkte, daß die Menschen seine Weisheit verachteten, bedauerte er

sie aufrichtig und fing an, sich als einen jener »Unverstandenen« zu

fühlen, die mitleidig auf das Leben und die Menschen herabblicken und

wunder meinen, was die Welt in ihnen verkennt.

Es war schlimm, daß es ihm an Menschen fehlte, an denen er hinaufsehen

mußte, von denen er sich Maßstäbe zu richtiger Selbsteinschätzung hätte

holen können. Für die wirkliche Lebenstüchtigkeit mancher Bauersleute

seines Dorfes hatte der kleine Büchermensch natürlich kein Auge. So

kam der grüne Junge nach und nach in einen Hochmut hinein, der ihn um

so unangenehmer machte, als er zu seinem eigentlichen Wesen gar nicht

paßte.

Wenn kein Mensch Peter in diesen Jahren recht leiden konnte, so

hatte er dennoch ~einen~ wahren und treuen Freund. Das war des

Schulmeisters Phylax, der aus einer angesehenen Schäferhundefamilie

stammte. Wenn er mit diesem an den Sonntagnachmittagen in der Heide,

fernab von den Blicken der Menschen, herumtollte, hatte er den

Gelehrten und Schulmeister ganz ausgezogen und war nichts als der gute,

große Junge, der mit lachenden Augen über die Heide sprang. Aber wenn

er mit ihm durch das Dorf nach dem Schulhause zurückkehrte, war er

wieder der Herr Schulmeister, und auch Phylax mußte dieser Würde seines

Freundes durch gesittetes Benehmen Rechnung tragen.

Vielleicht war dieser zweite Käfig, das Schulmeisterhaus in Wehlingen,

noch gefährlicher für Peter als der erste, die stiefmütterliche Kate.

Denn jetzt stand er in den Jahren, wo es sich entscheiden mußte, ob

er ein aufrechter, tüchtiger Mensch werden oder als eine aus Mangel

an Wärme, Licht und Luft verkrüppelte und verkümmerte Existenz am

Boden dahinvegetieren sollte. Das letztere erschien nachgerade als das

Wahrscheinlichere.

Da, am Anfang des dritten Jahres bei Schulmeister Wencke, trat ein

Neues in sein Leben hinein.

Als Peter am Sonnabend nach Ostern, einen Tag früher, als er erwartet

wurde, abends nach Wehlingen zurückkehrte, fand er das Schulhaus

bereits verschlossen. Er machte sich bescheiden durch leises Bewegen

des Drückers und durch Hüsteln bemerkbar, und wartete geduldig, bis

der Alte heranschlarren und, über Störung der Nachtruhe brummend,

öffnen würde. Der wohlbekannte Schlarrschritt ließ sich aber nicht

hören, sondern der Riegel wurde plötzlich schnell zurückgeschoben, und

es kam Peter vor, als ob drinnen schnelle Füße husch husch husch über

die Diele davoneilten. Darüber wunderte er sich, und als er ins Haus

trat, sah er sich auf dem Vorplatz nach allen Seiten um, entdeckte aber

nichts Besonderes. So stieg er leise seine knarrende Treppe hinauf,

legte sich schlafen, und schlief, von der langen Wanderung und der

Frühjahrsluft ermüdet, tief in den Sonntag hinein.

Endlich erwachte er mit einem starken Hungergefühl. Denn er war ja

wieder einmal ohne ordentliches Abendbrot zu Bett gegangen. Er kleidete

sich schnell an und ging hinunter, um zu sehen, ob die Schulmeisterin

trotz des verschlafenen Morgenkaffees noch etwas für ihn hätte. Noch

auf der Treppe, sah er durch die halboffene Küchentür mit Verwunderung,

daß drinnen etwas Buntes, Schnelles hantierte. Ehe ihm klar wurde, was

das war, ging die Tür ganz auf, und vor ihm stand ein -- Mädchen.

»Guten Morgen,« sagte sie munter, »den Kaffee habe ich dir warm

gestellt und bringe ihn gleich, geh man in die Stube!«

Peter tat, wie ihm geheißen. Das erste in der Wohnstube, worauf sein

Blick fiel, war ein Glas gelber Osterblumen, das auf dem Tisch stand.

Und auf dem Nähtischchen neben einer Handarbeit entdeckte er eins mit

Weidenkätzchen. Der Frühling, an dessen ersten zarten Kindern er sich

gestern auf der Wanderung erfreut hatte, war auf einmal, ganz gegen

seine Gewohnheit, auch ins Schulmeisterhaus gekommen und sogar in die

dunkle Nordstube.

Die Tür ging auf. Da kam ein heller Sonnenstrahl hereingehuscht, dann

erschien eine blanke Zinnkanne, in deren geputztem Metall sich auch

ein wenig Frühlingssonne gefangen hatte, und die bewegte sich gerade

auf Peter zu. Er rückte scheu mit dem Stuhle und sah von der Seite in

ein Paar nahe Augen, die waren ganz voll Frühling und Sonne. »Bist

du bange vor mir?« fragten ein Paar lachende Lippen, die zu diesen

Augen gehörten. »Nehee,« sagte Peter errötend und rückte mutig wieder

auf seinen Platz. Das Mädchen stand jetzt ihm gegenüber, die Hand auf

der Kaffeekanne, aus der sie ihm eben eingeschenkt hatte, und sah ihm

unbefangen und ruhig beobachtend ins Gesicht. Peter beugte sich vor

Verlegenheit zu seiner Tasse und tat schlürfend einen tiefen Zug.

»Du wunderst dich wohl, daß ich auf einmal hier bin?« fragte das

Mädchen.

Peter wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, wagte es, sie

anzublicken und sagte: »Ja, das ist mir sehr auffällig. Was willst du

denn hier?«

»Mein Großvater schrieb mir, ich sollte kommen und Großmutter helfen;

es würde ihr mit der Arbeit zu viel.«

»Ach soo. Denn bist du dem Schulmeister Albers in Audorf seine Tochter

...,« sagte Peter. Er hatte sich jetzt von seinem Staunen erholt und

fühlte sich der Situation gewachsen. »Wie heißt du denn?«

»Marie. Ich bin die älteste.«

»Wie alt bist du denn?«

»Siebzehn.«

»So alt schon? Du siehst viel jünger aus. Ich bin auch siebzehn.«

»Mehr noch nicht? Du siehst viel älter aus.«

»Soo? Meinst du? Das freut mich.«

Sie lachte plötzlich laut auf.

»Was lachst du?« fragte Peter errötend.

»Och Mensch, du bist so furchtbar komisch.«

»Was? Ich?«

»Ja, wenn du einen um was fragst, machst du gerade so'n Gesicht wie

mein Großvater.«

»Soo?«

»Ja, so'n rechtes Schulmeistergesicht. Aber nun laß den Kaffee nicht

ganz kalt werden, und vergiß das Essen nicht.«

Peter gehorchte. Er trank ein paar Schluck und aß einige Mundvoll dazu.

»Meine Großeltern sind zur Kirche. Großvater war böse, daß ich dich

dazu nicht früh genug geweckt hatte,« sagte sie, indem sie sich an den

Osterblumen zu schaffen machte.

»Och, das schadet nicht viel,« sagte Peter, »ich bin die Festtage über

oft genug hingewesen. Sag' mal, bleibst du lange hier?«

»Dieses Jahr gewiß. Zu Hause bin ich über.«

»Wie viel seid ihr denn bei euch?«

»Sieben. Fünf Mädchen und zwei Jungens.«

»Sieben? Ja, das ist zu viel.«

»Zu ~viel~?«

»Ja, zu viel. Als ich noch zu Hause war, waren wir fünf. Das war schon

reichlich. Nun sind da auch schon wieder zwei zugekommen, und wir sind

auch sieben. Das ist zu viel.«

»Bei uns war's nicht zu viel. Wie wir immer vergnügt gewesen sind,

das kannst du dir gar nicht denken. Hier hatte ich die ersten Tage

ordentlich Heimweh. Ist man gut, daß du gekommen bist. So ist's doch

wenigstens noch einer mehr.«

Peter wurde ein wenig rot und sah zum Fenster hinaus. Dann trank er

seine Tasse aus und stand auf, um nach oben zu gehen. Aber sie sagte:

»Bleib' noch'n Augenblick sitzen. Ich will schnell hinauf und deine

Stube zurechtmachen.« Und schon war sie hinaus.

Er hörte das schnelle Knarr-knarr-knarr der Treppe, dann, wie sie oben

das Fenster aufstieß und eilig hin und her ging, wie sie sein Bett

klopfte. Dazu sang sie trällernd eine muntere Weise.

Was sollte bloß hieraus werden? Das ganze Haus war ja wie verwandelt.

Als ob alles auf den Kopf gestellt wäre!

Bald war sie wieder unten. »So!« sagte sie lustig, »nun mach' daß du

'rauf kommst! Ich will jetzt hier zu Mittag decken, daß alles fertig

ist, wenn die Großeltern aus der Kirche kommen.«

Peter stieg hinauf. Als er in seine Dachstube kam, sah er sich

unwillkürlich nach den Spuren ihrer Tätigkeit um. Es kam ihm vor,

als ob sein Bett weicher aufgelockert wäre als sonst. Ein Buch, das

aufgeschlagen auf dem Tisch gelegen hatte -- er hatte gestern abend

noch eben die Nase hineingesteckt -- war, schwapp, zugeklappt und

in die Reihe der andern gestellt. Der Anzug, den er gestern beim

Zubettgehen über den Stuhl geworfen hatte, hing fein säuberlich an

seinem Haken. Was sollte das geben, was sollte das geben? --

Es wurde ihm auf seiner Dachstube bald langweilig. Ein Buch vor die

Augen zu nehmen, fühlte er keine Lust. Draußen lachte die Aprilsonne.

Da beschloß er, einmal durch den Garten zu spazieren.

Kaum war er bei dem dicken Apfelbaum, da hörte er schnelle Tritte

hinter sich. Und richtig, da war sie, an die er gerad' eben dachte.

»Halt!« rief sie lustig, »bin mit allem fertig, die Kartoffeln stehen

auf dem Feuer, darf ich ein büschen mit?«

»Och jaa,« sagte Peter, »wenn du Zeit hast ...«

»Sag' mal,« fragte sie, indem sie nebeneinander den Steig

hinuntergingen, »kommt dir das hier in Wehlingen nicht manchmal sehr

langweilig vor?«

»Langweilig? Och nee.«

»Hast du denn Freunde?«

»Freunde? Weißt du, Marie, unter den Menschen sind wenige, die einen

verstehn. Meine Freunde sind die Bücher.«

Sie lachte hell auf. »Was? Die alten toten Dinger sind deine Freunde?

Hast du denn Lust, zu lesen?«

»Wer etwas werden will, der muß viel lesen und lernen,« sagte er

ernsthaft.

»Was liest du denn?«

»Och, alles Mögliche. Geistliches und Weltliches, Poesie und ... das

andere, was so gewöhnlich geschrieben ist und sich nicht reimt ...,

Naturgeschichte und Weltgeschichte und ...«

»Mensch, verstehst du das denn alles?«

»Och ja, das geht. Man muß eben seinen Verstand gebrauchen und scharf

denken.«

»Junge, Junge, denn mußt du ja schrecklich klug werden.«

Peter lächelte überlegen und machte dann ein Gesicht, als ob er eben

daran wäre, die letzten Fragen alles Seins denkend zu bewältigen.

»Mensch, du siehst schon ordentlich gelehrt aus, mit deinen Falten vorm

Kopf.«

Er sah zur Seite und blickte in ihr lachendes Gesicht. Die grauen

Augen, die Grübchen in den Wangen, der rote Mund, die weißen Zähne,

alles lachte. Da mußte er auch lachen.

»Eigentlich müßtest du erst'n Bart kriegen, und dann die Falten,«

meinte sie.

»Etwas kommt hier auch schon,« sagte Peter stolz und zupfte an seiner

Oberlippe.

»Wirklich?« fragte sie lachend und kam ganz nahe, um sich von dem

Vorhandensein der paar winzigen blonden Härchen zu überzeugen. Er

fühlte ihren Hauch auf seinem Gesicht, es wurde ihm ganz wunderlich

zumute.

»Wirklich, 'ne Idee is da schon, muß aber noch tüchtig wachsen.«

Sie waren an ein Stückchen frisch gegrabenen Landes gekommen. »Das habe

ich gestern gemacht,« sagte sie, mit dem Fuß eine auf den Weg gefallene

Erdscholle zertretend, »ach ja, is noch 'n schöne Arbeit, den ganzen

Garten umzugraben ... Ob mir wohl einer dabei hilft?«

Sie sah Peter schelmisch an.

»Meinst du mich?« fragte er.

»Wen denn sonst?«

»Ich habe diese Jahre viel hier im Garten gearbeitet,« erklärte Peter,

»aber ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mich diesen Frühling und

Sommer ganz den Büchern zu widmen. Weil ich doch im Herbst aufs Seminar

komme, weißt du.«

»Ach du, mit deinen alten Büchern immer! Du tust grad' so, als ob das

ganze Leben so zwischen den Pappdeckeln säße.«

»Marie, darüber mußt du nicht reden. Das verstehst du nicht,« verwies

er ernstlich. Ȇbrigens das mit dem Graben ... ich will nicht sagen

... so 'ne Viertelstunde nach dem Mittagessen mal ... oder auch mal

'ne halbe ... das ginge am Ende doch ... Die alten Lateiner hatten ein

Wort, das die Gelehrten folgendermaßen übersetzen: eine gesunde Seele

in einem gesunden Körper. Für die Seele sind die Bücher, und für den

Körper, ja, da ist so ein Stündchen Arbeit mal ganz gut ... Ja, ich

will dir wohl mit helfen ...«

»Peter, du sollst mal sehen, das wird aber gemütlich. Zu zweien

arbeitet sich's viel besser als allein. Großvater und Großmutter

schlafen dann; da können wir uns immer schön was erzählen. Ich muß dir

so viel erzählen, von meinen kleinen Brüdern zu Hause, und von meinen

Schwestern, und was wir da abends immer spielen. Und du, na du kannst

mir mal was aus deinen Büchern erzählen. Aber nicht so'n langweiligen

Kram, wo'n bei gähnen muß. Daß ich doch etwas von deiner Gelehrsamkeit

abkriege und nicht so dumm bleibe ... Hör'! Was ist das?«

Aus dem Dorf tönte plötzlich etwas herüber, wovon man zunächst nicht

wissen konnte, ob es ein Schmerzensgebrüll oder eine Art von Gesang

sein sollte. Wenn man genauer hinhörte, war die Melodie des Chorals:

»Wie schön leucht' uns der Morgenstern« herauszuhören. Es klang trotz

der Entfernung grauenerregend. Und das Mädchen starrte ihren Begleiter

entsetzt an, als sie fragte: »Was ist das?«

Peter sagte gleichmütig: »Och, da wohnt so'n alter Kerl, der vor'n

Stücker zwanzig Jahren verrückt geworden ist. So grölt er jeden

Sonntagvormittag.«

»Ist das nicht der Gesang: ›Wie schön leucht' uns der Morgenstern,

voll Gnad' und Wahrheit von dem Herrn?‹«

»Ja, der soll's ja wohl sein. Mit dem, was daran fehlt.«

»Woher weiß denn der arme Mensch, daß Sonntag ist?«

»Och, das mag er wohl daran sehen, daß die andern Leute ihr gutes Zeug

anziehen und nach der Kirche gehen.«

»... Wie schön, daß der arme Mensch doch auch seinen Sonntag hat! ...

Hör', jetzt kann man's auch verstehen. Er hat nach dem ersten Vers

gleich den letzten angefangen. Hör': Amen -- Amen -- komm du schöne --

Freudenkrone -- bleib nicht lange, -- deiner wart' ich mit Verlangen

... Nun ist er still ... Wenn sie ihm doch bald geschenkt würde!«

Peter warf schnell einen erstaunten Blick auf das Mädchen, das still

nach der Richtung schaute, wo eben der Gesang verstummte. Dann senkte

er ein wenig den Kopf und errötete. Er schämte sich.

Auf der Höhe, über die der Kirchweg führte, wurden die ersten

zurückkehrenden Kirchbesucher sichtbar. Da gingen die beiden langsam

und schweigend durch den Garten zum Hause zurück.

Vor der Haustür wurde Peter stürmisch von seinem alten Freunde Phylax

begrüßt, der eben von einem Frühjahrsbummel durch das Dorf zurückkam.

Er tätschelte ihm zweimal mit der Hand über den Kopf und kümmerte sich

dann nicht weiter um ihn. Da leckte Phylax sich verlegen ums Maul,

und in seinem ehrlichen Hundegesicht war ein ähnlicher Ausdruck,

wie etwa in dem eines Menschen, der sich nach langer Trennung einem

alten Freunde an die Brust geworfen hat und nun plötzlich merkt, daß

bei jenem die Freundschaft merklich abgekühlt ist, vielleicht weil

sich inzwischen für ihn etwas Besseres gefunden hat. Phylax sah das

Mädchen mit einem Blick an, als ob er sie in Verdacht hätte, ihm die

Freundschaft Peters gestohlen zu haben.

Als die Schulmeistersleute zurückkamen, setzte die jetzt vierköpfige

Familie sich sofort an den Mittagstisch.

»Peter,« begann der Schulmeister, »durch deine Langschläferei hast

du dich um eine ganz wunderschöne Predigt gebracht. Der Pastor hat

anerkennenswert gut über das heutige Evangelium gepredigt: Wie der

Herr unter die Jünger tritt bei verschlossenen Türen und sagt: Friede

sei mit euch. Dieser schöne Gruß klang da immer wieder durch, und ging

einem recht zu Herzen. Ich habe mich sehr erbaut ... Aber Marie, was

hast du bloß mit dem Essen angefangen? Der Suppe fehlt das Salz, und

das Fleisch hast du nicht mürbe gekriegt. Hast du denn gar nicht an

meine Zähne und meinen schwachen Magen gedacht?«

Die Getadelte wollte die Zähigkeit des Fleisches mit dem Alter der

Kuh entschuldigen, wurde aber zur Ruhe verwiesen. Da konnte Peter

sich nicht mehr halten. Ihm hatte es die beiden Jahre noch nie so gut

geschmeckt wie eben jetzt, und er sagte, ohne aufzublicken: »Ich finde

im Gegenteil, es schmeckt alles ~sehr~ gut,« und hieb tapfer mit

den Zähnen auf eine Sehne ein. Die Schulmeisterin hatte ihre Gabel

hingelegt und sah Peter starr von der Seite an. Der Schulmeister aber

sagte, hämisch lächelnd: »Soo? Du hast wohl mal wieder gehörig hungern

müssen, bei deinem nassen Vater und der zärtlichen Stiefmutter?« Peter

wurde glutrot und beugte sich tief über den Tisch. Er schämte sich

vor der neuen Hausgenossin. Als man aufstand, ging er schnell aus der

Stube, ohne jemand anzusehen.

Auf seiner Dachkammer angelangt, schlug er mit der Faust dröhnend auf

den altersschwachen Tisch. Seine Scham war dem Zorne gewichen. Zum

ersten Male, solange er in Wehlingen war, war er auf den Schulmeister

wirklich zornig. Da läuft der Kerl, dachte er, in die Kirche und erbaut

sich an dem Friedensgruß des Auferstandenen, und dann kommt er wieder

und verdirbt seinen Mitmenschen den schönen Sonntag; dem armen Ding

da unten durch ungerechtes Mäkeln am Essen und ihm, Peter, durch den

hämischen Spott über seine häuslichen Verhältnisse, an denen er doch

unschuldig war und unter denen er ohnehin genug litt. Aber so war der

Mann eigentlich ja schon immer gewesen. Peter wunderte sich, daß er

jetzt erst anfing, ihn zu durchschauen.

An diesem Vormittag war's ihm gewesen, als sei ein neuer Geist in

das Schulhaus eingezogen. Er mußte bitter lachen, wie er jetzt daran

dachte. Nein, der alte mürrische, unzufriedene, kleinliche Geist hatte

nach wie vor die Herrschaft. Aber etwas anders war's doch geworden ...

Wart', morgen mittag, wenn die beiden alten Ekel auf dem Ohr

liegen, dann grabe ich im Garten ... Nicht allein, wie diese beiden

langweiligen Jahre, sondern in Gesellschaft. Sie freut sich mächtig

darauf. Wie lachten ihre Augen, als ich ihr versprach, daß ich ihr

helfen wollte! Och ja, es kann ganz interessant werden. Solche Mädchen

haben was Komisches an sich ... Ich soll ihr aus den Büchern erzählen

... Was nehme ich da wohl? Ich muß etwas Leichtes aussuchen. Das

Schwere versteht so'n Mädchen ja doch nicht ... Daß ein Gelehrter

gesagt hat, die Menschen stammten von den Affen ab, und es auch

Menschen gibt, von denen man das beinahe glauben könnte ... Daß der

alte Kaiser Barbarossa unten im Kyffhäuser sitzt, und der lange weiße

Bart ist ihm durch den steinernen Tisch gewachsen, und daß Deutschland

vielleicht noch mal einen Kaiser wieder kriegte; einige meinten, der

König von Preußen müßte es werden, aber er, Peter, hätte mal gelesen,

die Preußen wären gar keine echten Deutschen, sondern halbe Russen,

und er hätte mal einen Preußen gesehen und von diesem einen sehr

schlechten Eindruck gewonnen ... Daß die Franzosen einmal eine große

Revolution gemacht und dabei ihren König geköpft und den lieben Gott

abgesetzt hätten. So wäre es aber doch nicht gegangen, und da hätten

sie ihn wieder eingesetzt, das heißt nicht den richtigen, sondern nur

ein »höchstes Wesen« ... Daß die Menschen einen Stoff entdeckt hätten,

den sie Elektrizität nennten, und manche meinten, damit würde man noch

mal Wagen ziehen können. Aber das glaube er nicht, denn es sei schon

wunderbar genug, daß der Dampf das könne ... Daß Schiller und Goethe

die größten deutschen Dichter wären, aber sie wären beide tot, und nun

gäbe es gar keine Dichter mehr, die ordentlich reimen könnten ... und

so noch vieles mehr. Aber dies war für morgen wohl erst einmal genug.

Peter war seines geistigen Besitzes noch niemals so von Herzen froh

gewesen als diesen Sonntagnachmittag, da er die Aussicht hatte, ihn am

nächsten Tage auf so angenehme Weise zu verwerten.

Und dann wollte sie ihm ja auch erzählen. Ach ja, von ihren Brüdern und

Schwestern! Davon versprach er sich nicht viel. Aber was sollte man

sonst groß von ihr verlangen? Sie war ja nur ein Mädchen. Die lasen und

lernten ja gar nichts mehr, wenn sie aus der Schule waren. Aber sie

war doch wohl etwas anderes als die meisten ... Sie hatte ja selbst

gesagt, daß sie nicht so dumm bleiben wollte. Na, was er, Peter, dazu

tun konnte, das wollte er gewiß tun.

* * * * *

Am nächsten Morgen trug Peter einige der für den Nachmittag

vorgesehenen Unterrichtsgegenstände in der Schule vor. Er hatte sich

zwar die Form, in der er's ihr bringen wollte, gestern nachmittag schon

einigermaßen überlegt. Aber es konnte nicht schaden, wenn er auch den

Vortrag einmal praktisch durchübte.

Beim Mittagessen sagte der Schulmeister: »Kinder, es hilft nun nichts,

ihr müßt gleich beide tüchtig ans Graben. Daß wir die Frühjahrssaat in

die Erde kriegen!«

Peter verbarg die Freude seines Herzens unter einer gleichgültigen

Maske. Aber eine Sekunde lang zuckte es doch über sein Gesicht. Marie

hatte ihn heimlich auf den Fuß getreten.

»Denn kommt,« sagte der Schulmeister, »daß ich euch anweise.«

Sie holten schnell ihre Spaten aus der Scheune und folgten dem Alten.

Der führte sie an die Ostgrenze des Gartens und sagte: »So, Peter, hier

gräbst ~du~. Und ~du~, Marie, fährst dort im Westen fort, wo

du angefangen hast. Jeder für sich! Daß ihr mir nicht die kostbare Zeit

mit Schnacken vertrödelt!«

»Och Großvater, dürfen wir nicht zusammen arbeiten? Wir wollen auch

tüchtig fleißig sein,« sagte Marie.

»Nein, Kind,« sagte der Alte bestimmt, »das hält euch nur auf. Und das

schickt sich auch nicht für so'n großen Jungen und so'n großes Mädchen.«

»Das schickt sich nicht?« fragte Peter und sah den Schulmeister fast

herausfordernd an.

»Nein. Ihr seid beide keine Kinder mehr. Steh nicht, Marie, und gaff'!

Mach, daß du an deine Arbeit kommst!«

Sie nahm ihre Schaufel und entfernte sich, zögernd und widerwillig. Der

Schulmeister ging langsam durch den Garten ins Haus zurück.

Peter hatte die Zähne aufeinandergebissen und sah ihm voll Wut nach.

Nicht mal eine kleine Unterhaltung gönnte ihm der bei der Arbeit? War

er, Peter, denn sein Sklave? Man sollte dem ekligen Kerl die Schaufel

vor die Füße werfen und keinen Stich mehr für ihn tun.

Er sah nach dem entgegengesetzten Ende des Gartens hinüber. Marie

hatte auch noch nicht angefangen zu graben. Sie blickte zu ihm herüber.

Den Ausdruck ihres Gesichts konnte er bei der Entfernung nicht

erkennen. Aber er sah, daß sie ärgerlich mit dem Fuße aufstampfte.

Ach was! dachte Peter, der Alte schläft. Geh einfach hin und grabe mit

ihr! Aber ... »das schickt sich nicht.«

Was schickt sich nicht?

Daß er sie, die Belehrung verlangte, belehrte? Daß er ihren engen

Gesichtskreis erweiterte? Warum sollte sich das nicht schicken?

Er nahm seine Schaufel und tat ein paar Schritte. Aber es stand wie

eine unsichtbare Mauer zwischen ihm und ihr: »Es schickt sich nicht.«

Dem Befehl des Schulmeisters hätte er heute mit gutem Gewissen

getrotzt. Aber über dieses dumme Wort kam er nicht hinweg.

Und dem Mädchen drüben ging es ebenso. Auch sie dachte daran, dem

Großvater zu trotzen und zu Peter hinüber zu gehen. Aber ... »es

schickt sich nicht.« Warum nicht? »Ihr seid keine Kinder mehr.«

Nachdenklich sah sie vor sich hin, eine feine Röte legte sich auf ihr

Gesicht; dann nahm sie die Schaufel und fing langsam an, das Erdreich

herumzuwerfen.

Peter stieß plötzlich seinen Spaten in die Erde und ging mit kurzen,

trotzigen Schritten ins Haus. Als er die knarrende Treppe hinanstieg,

gab er sich keine Mühe, leise zu gehen. Der Alte sollte es hören und

sich darüber ärgern, daß er nicht für ihn graben wollte.

Voll Grimm riß er ein Buch aus der Reihe und fing an zu lesen. Aber

bald irrten seine Blicke über die Zeilen hinweg. Er war mit seinen

Gedanken im Garten. Da fiel ihm plötzlich ein, wenn er sich tüchtig ans

Graben machte, müßten sie ja doch bald zusammentreffen. Und nach einer

Weile stieg er trotzig die Treppe wieder hinab und kehrte in den Garten

zurück. Und fing an zu graben, wobei er sich immer wieder beteuerte,

der alte Schulmeister wäre es nicht wert, daß man den kleinen Finger

für ihn rührte.

Als er sich endlich zwang, nicht mehr an ihn zu denken, fingen all

die schönen Sachen, die er bei ihr hatte anbringen wollen, an, ihn

sehr zu drücken. Aber je mehr er in Schweiß geriet, desto leichter und

klarer wurde ihm der Kopf. Er grub nicht nur das halbe Stündchen, das

er gestern allenfalls den Büchern entziehen zu dürfen gemeint hatte,

sondern den ganzen Nachmittag. Wenn er einmal innehielt, schielte

er unter dem Baumgezweige und über dem Beerengesträuch weg nach

der Westseite des Gartens. Und es traf sich fast immer, daß Maries

Arbeitspausen mit den seinigen zusammenfielen. Dann schaute sie zu ihm

herüber. So waren sie, obgleich der ganze Garten und das »Es schickt

sich nicht« des Schulmeisters zwischen ihnen lag, doch Arbeitsgenossen,

wenn sie sich auch nichts aus den Büchern und aus dem Leben erzählen

konnten. Dem brummigen Alter gegenüber, das im Hause bei geschlossenen

Fensterläden durch ein Mittagsschläfchen im Bett verbunden war, fühlte

die Jugend im Garten, über dem der wunderliche April bald lachte, bald

weinte, sich durch die gleiche Arbeit verbunden.

So wiederholte es sich in den nächsten Tagen. Peter wurde seinen

Büchern fast untreu. Auch wenn er auf seiner Stube saß, widmete er sich

ihnen nicht mit dem gleichen Eifer wie sonst. Sie schienen ihm so viele

völlig gleichgültige Dinge zu enthalten. Er nahm sich aber fest vor,

nach der Frühjahrsbestellung wollte er alles, was er jetzt versäumte,

nachholen.

Der April vergaß in diesem Jahre früher als gewöhnlich seine

wunderlichen Launen und brachte die schönsten Sonnentage. Die

kleinen Vögel kamen zurück, jagten sich durch Busch und Baum in

frohem Liebesspiel, suchten Halme und Federn zum Nestbau und sangen

den beiden fleißigen jungen Menschenkindern zu ihrer Arbeit. Wenn

die herzfrohe Grasmücke im Fliederbusch es so recht jubelnd machte,

standen diese, von der Arbeit ausruhend, sahen nach dem Vöglein und

sahen dann einander froh an. Denn so nahe hatten sie sich schon

zusammengearbeitet, daß sie das konnten.

Zuweilen, auf dem Wege von und zu der Arbeit, und auch wohl einmal

zwischendurch, sprachen sie auch miteinander. Aber die Harmlosigkeit

jenes ersten Sonntagmorgens war nicht mehr. Das Gespräch wollte gar

nicht so recht in Gang kommen. Peter, der sonst immer so weise und

weitläufig hatte reden können und vorher immer ganz genau wußte, was er

sagen wollte, war in den paar kurzen günstigen Augenblicken jedesmal

wie auf den Mund geschlagen. Aber er tröstete sich. Er meinte, das

würde sich schon wieder machen, wenn sie nur erst zusammen auf einem

Stück arbeiteten. Die Stunde kam ja mit jedem Spatenstich näher.

Am Abend vor diesem langersehnten Tage saß Peter auf seiner Dachstube

und überlegte sich noch einmal, was er ihr denn morgen eigentlich

erzählen wollte. Da hielt er es für gut, zwischen den Dingen, die er

vor zehn Tagen sich vorgenommen hatte, zu sichten. Die Affengeschichte

und die Politik schied er aus. Dafür schob er ein Gedicht von Schiller

ein, das er auswendig gelernt hatte, weil es ihm so sehr gefiel:

In einem Tal bei armen Hirten

Erschien mit jedem jungen Jahr,

Sobald die ersten Lerchen schwirrten,

Ein Mädchen schön und wunderbar.

Die ersehnte, mit vielen tausend Spatenstichen und manchem

Schweißtropfen verdiente Stunde war gekommen! Aber o weh! Die Aermsten!

Schulmeister Wencke fühlte sich diesen Tag so frisch und fand die

Frühlingsluft so köstlich, daß er auf das gewohnte Mittagsschläfchen

verzichtete und nahe der Arbeitsstätte von Peter und Marie Bohnen

legte. So gruben denn die beiden ihre letzten Reihen stumm und

verdrossen und waren so ärgerlich, daß sie auch einander nicht einmal

einen freundlichen Blick gönnten.

Was hatte Peter sich nicht alles von dieser gemeinsamen Arbeit

versprochen! Und wie war das alles zu Wasser geworden! Aber schön war's

doch gewesen. Jetzt, wo die Arbeit vollendet war, fehlte ihm etwas. Er

suchte Ersatz in seinen Büchern. Aber die wollten ihn gar nicht recht

fesseln. Immer wieder irrte sein Blick durch das kleine Fenster der

Dachkammer in das Grün des Apfelbaumzweiges und darüber hinaus ins

Blaue.

* * * * *

Die Bohnen, die Schulmeister Wencks zitterige Hand unter Peters stillen

Verwünschungen in die Erde gesteckt hatte, hielten es dort unten im

Dunkeln nicht lange aus. Es dauerte nur wenige Tage, so schickten sie

grüne Blättchen ans Licht empor. Und bald angelten grüne Ränkchen nach

einem Halt, um noch höher aufzusteigen ins goldene Licht.

»Marie,« sagte da eines Mittags der Schulmeister, »die Bohnenstangen

müssen eingesteckt werden. Peter kann dir dabei helfen. Ich will mich

lieber hinlegen, habe so Rheumatismus in der rechten Schulter. Wißt

ihr, wie das gemacht wird?«

»Ja,« sagten Peter und Marie wie aus einem Munde.

Peter wollte just vor Freude Marie auf den Fuß treten. Da fiel's ihm

plötzlich ein: »Das schickt sich nicht für so'n großen Jungen, und ihr

seid keine Kinder mehr.« Und er zog den schon ausgestreckten Fuß zurück.

Marie mußte nach dem Essen zunächst das Geschirr aufwaschen. Denn

auch Mutter Wencke fühlte sich nicht ganz wohl. Peter aber sprang auf

den Hausboden, wo nicht weit von seiner Dachkammer die Bohnenstangen

überwintert hatten, stieß die von staubigem Spinnegewebe umsponnene

Luke auf und warf die Schächte hinaus. Dann sprang er, immer zwei

Absätze überschlagend, die Treppe hinunter und schleppte sie, jedesmal

ein gutes halbes Dutzend auf die Schulter legend, zum Bohnenfelde. Als

er sie alle an Ort und Stelle hatte, setzte er sich erhitzt auf den

Stangenhaufen, trocknete den Schweiß und sah erwartungsvoll nach dem

Hause ...

Horch, da quiekt die alte Gartentür. Und da leuchtet ihr Schleierhut

zwischen dem lichten Maiengrün. Aber! Was ist das? Da soll doch der

...! Zehn Schritte hinter ihr der alte Kerl. Ist der mit seinem

Rheumatismus nicht längst im Bette?! Peter biß ingrimmig die Zähne

aufeinander und wünschte dem Schulmeister den Rheumatismus in beide

Beine.

»Ich bin doch bange, daß ihr mir die Sache nicht recht macht,«

quäkte der Schulmeister, als er bei den Bohnen angekommen war. »Die

Wurzeln müssen geschont werden, und die Stangen müssen fest in die

Erde, daß der Wind mir nachher den ganzen Kram nicht umreißt, und

auskommen müssen wir auch mit dem Haufen auf beiden Feldern; denn

neue sind so schnell nicht zu kriegen.« Dann nahm er eine Stange, um

sie in die Erde zu stoßen. »Au!« schrie er plötzlich mit schmerzlich

verzogenem Gesicht, ließ die Stange los und griff sich nach der rechten

Schulter. »Nein, Kinder, es ist doch zu toll. Ihr müßt's allein tun.

Macht's so, wie ich gesagt habe, schont mir die Wurzeln, nicht zu

dicht an die Pflanzen mit den Stangen, aber tief in die Erde und

gut durch Querstangen verbunden, und seht, daß ihr auskommt!« Damit

ging er, die wehe Schulter schmerzlich haltend. Peter sah ihm nicht

ohne Schadenfreude nach, und als er in Mariens Schleierhut blickte,

entdeckte er da auch nicht gerade Mitgefühl. »Wollen hoffen, daß er

sehr schön schläft,« sagte er lachend, »das ist für so alte Leute das

beste.« Da nickte sie und lachte auch.

Und nun machten sie sich an die Arbeit. Peter riß den Haufen der

Stangen auseinander, und mit Sorgfalt suchten sie jedesmal zwei Stangen

aus, die nach Länge und Stärke zueinander paßten. Dann nahm er die eine

und sie die andere, und sie stellten sich, das Bohnenbeet zwischen

sich, einander gegenüber, und jedes stieß seine Stange mit der jungen

Kraft seiner siebzehn Jahre in den lockeren Erdboden, erst mit der

Muskelkraft der Arme, dann das ganze Körpergewicht einen Augenblick

mit einem Ruck daran hängend. Bald fanden sie heraus, daß sich auf

Kommando besser arbeiten ließ, und sie kamen überein, bei jeder Stange

abwechselnd das Rucken und Nachstoßen zu kommandieren. »Eins, zwei,

drei, ~Ruck~, eins, zwei, drei, ~Ruck~!« kommandierte Peter

mit seiner rauhen, unreinen Stimme, die im Wechseln begriffen war.

»Eins, zwei, ~drei~, eins, zwei, ~drei~!« kommandierte mit

heller, reiner Stimme Marie. Zwischendurch rüttelte Peter einmal

prüfend an seiner Stange und an Marie ihrer: sie saßen beide gleich

fest in der Erde.

An seine Wissenschaft, die er so lange für Marie mit sich herumgetragen

hatte, dachte Peter mit keinem Gedanken. Er hatte völlig genug an

den Bohnenstangen, an dem Schleierhut mit dem rosig überschatteten,

lieblichen Gesicht darin, an der jungen Gestalt, die sich kraftvoll

und zierlich zugleich vor seinen verwunderten Augen bewegte. Wenn er

in dieser Stunde einen Wunsch hätte äußern dürfen, wie der Mann im

Märchen, so wäre es sicher der gewesen, bis an sein Ende bei der

warmen Maiensonne im grünen Garten unter Grasmückengesang mit Marie

Bohnenstangen einstecken zu dürfen.

Aber solcher Wunsch wurde ihm von keiner gütigen Fee gewährt, und bald

staken die Schächte alle in der Erde. Es blieb nur noch übrig, die

Verbindungsstangen über die Kreuzungsstellen zu legen und festzubinden.

In stillschweigender Uebereinkunft machten sie das so, daß jeder

eine um die andere Kreuzungsstelle verband, so daß sie, immer wieder

voreinander vorübergehend, die ganze Stangenreihe entlang beieinander

blieben. Peter band richtige Knoten, Marie Schleifen, aber fest saßen

die Schleifen wie die Knoten.

Nun stand das Stangengerüst, aufrecht, gleichmäßig und fest. Noch

einmal prüften sie das Ganze mit derbem Ruck. Das Gebäude gab nicht

nach. »Das haben wir gut gemacht,« sagte er stolz und froh, »ja, ja,

wir beide zusammen, das gibt was.«

Ein Fink kam angeflogen, setzte sich auf die höchste der Stangen und

schmetterte seinen Vers herunter.

»Kuck da, Marie,« rief Peter, »der freut sich auch über unser Werk.«

Marie sagte verwundert: »Mensch, heute sollte man gar nicht denken, daß

du ein Schulmeister bist.«

»Ein Schulmeister?« fragte Peter lustig, »das bin ich heute auch nicht.

Heute nachmittag bin ich mal ein Mensch. Meinst du denn, daß unsereiner

immer ein weises, feierliches Gesicht machen muß?«

»Och nee,« lachte sie, »das habe ~ich~ noch niemals gemeint. Aber

nun sind wir fertig. Nun kannst du wieder an deine Bücher gehen.«

»An meine Bücher? Och Menschenkind, schnack' doch nicht so'n dummes

Zeug! Die Bücher? Die sind ganz gut für den Winter. Aber an solchem

Maitag wie heute? Am liebsten möchte ich in einem fort jubeln und

singen.«

»Denn sing doch!« sagte sie. »Ich hab' dich noch niemals singen hören.«

»Och nein, zum Singen ist's doch viel zu schön ... Fliegen möchte ich,

so hoch wie die Schwalben, und noch viel höher; so hoch wie die Sonne

da steht, und noch tausendmal so hoch.«

»Menschenkind! Was hast du bloß? Du bist ja ganz aus dem Häuschen.«

»Oh, Marie ... es ist heute so wunderschönes Wetter. Das dringt einem

ins Herz und ins Geblüt. Wer heute nicht anders ist als sonst, weißt

du, was der verdient?«

»Na?«

»Ordentlich welche hinten vor!« sagte Peter übermütig, hielt die rechte

Hand schlagbereit und sah sich um, als ob er jemand suchte, an dem er

diese Strafe vollziehen könnte.

Marie lachte hell auf. »Nun bist du ja auf einmal doch wieder

Schulmeister,« sagte sie und sah ihm lustig in die Augen.

»Kuck mal den kleinen Vogel da zwischen den Kartoffeln,« flüsterte

Peter eifrig, indem er mit dem Finger hinzeigte.

»Das ist ja ein Wippsteert,« sagte sie froh. »Ei kuck doch mal, wie

zierlich er da hüpft und wippt ... Die kleinen Vögel kommen mir immer

vor wie lebendige Blumen ...«

»Ei ja,« sagte Peter verwundert, »das hast du dir fein ausgedacht ...«

»Wie hat der liebe Gott das doch alles so schön gemacht in der Welt!«

»Ja,« sagte Peter nachdenklich und froh.

Das Vöglein erhob sich plötzlich und flog mit lautem Angstgeschrei

dem Hause zu. Die beiden sahen ihm nach. Da kam von dort eine Krähe

geflogen, die lautlos über die Baumkronen dahinstrich und von zwei

kleinen Vögeln unter schrillen Klagetönen verfolgt wurde.

»Die armen Wippsteerte!« sagte Marie traurig, »da hat ihnen die

scheußliche Krähe ein Kind geraubt.«

»Und eben saß das kleine Tier hier so seelenvergnügt vor uns und wippte

mit dem Schwanz,« sagte Peter ernst. »Ja, so geht es oft ... auch im

Menschenleben ...«

Sie schwiegen beide. Marie bückte sich und legte eine in der Luft

schwankende Bohnenranke an die nächste Stange. Peter folgte ihrem

Beispiel, und so boten sie allen Pflanzen, die sich schon nach einem

Halt sehnten, hilfreiche Hand. Zu einem zarten Ränkchen, das sich

widerspenstig zeigte, sagte Peter, und die alte Fröhlichkeit war wieder

in seiner Stimme: »So halte dich doch, du eigensinniges Ding! Und

wachse tüchtig drauflos! Im August wollen wir Bohnen essen. Magst du

gern Bohnen, Marie?«

»Und wie! Und wenn wir sie vor uns auf dem Tische haben, dann denken

wir immer an diesen schönen Nachmittag. Nicht?«

»Ja, das ist gewiß,« sagte Peter mit frohen Augen.

Wieder ertönte das Jammergeschrei des Bachstelzenpärchens. Die Krähe

holte sich eben das zweite Junge für ihre Brut.

Peter hatte einen Stein aufgegriffen und warf grimmig hinter dem Räuber

her.

»Dabei kann man ja gar nicht wieder fröhlich werden, wenn man das immer

sehen und hören muß,« sagte Marie, noch trauriger als vorhin.

»Ach, Tiere trösten sich bald,« sagte Peter.

»Da hast du wohl recht ... aber wenn ich daran denke, wie damals mein

kleiner Bruder starb ...«

»Und wie damals meine Mutter starb ...« fügte Peter noch leiser hinzu.

Nach einer Weile sagte er: »Du, das Sterben müßte überhaupt nicht sein.

Oder die Menschen müßten doch erst sterben, wenn sie alt und lebenssatt

sind. Meinst du nicht auch?«

»... Ich weiß nicht ... Als mein kleiner Bruder starb, da fingen wir

andern Geschwister an, uns viel mehr lieb zu haben als früher. Und ich

glaube beinahe, unsere Eltern hatten uns von da an auch viel lieber.

Und ob das gerade immer das beste ist, wenn man so sehr alt wird, weiß

ich auch nicht.«

Sie bückten sich schweigend zu den Bohnenranken. Nach einer Weile

fragte Marie: »Du, sag' mal, magst du eigentlich meine Großeltern gern

leiden?«

»Gern leiden?« wiederholte Peter. »Weißt du, Marie, die sind beide alt,

und ich bin jung. Und du bist auch jung.«

»Jaa ... davon mag das wohl kommen.«

»Was?«

»Och ... ich meinte man ...«

»Ja, Marie, davon kommt das. Wenn wir alt sind, sind wir auch anders.

Aber jetzt sind wir jung. O Marie, was ist das schön, daß wir jung

sind! Zwei Alte und ein Junger im Hause, das war manchmal nicht schön.

Aber nun, zwei Alte und zwei Junge, das geht wunderschön. Meinst du

nicht auch, Marie?«

»Och ja, Peter ... ich war das ja auch von Hause so gewohnt, wo wir die

vielen Geschwister waren.«

Die Gartentür ging. »Großvater,« sagte Marie erschrocken. »Sei man

nicht bange,« sagte Peter zuversichtlich, »du kannst sicher sein, daß

er diesmal zufrieden ist. Was mit soviel Lust und Liebe gemacht ist ...«

Der Schulmeister kam, prüfte das Werk der beiden, erst mit den Augen

auf das Aussehen, dann mit der Hand auf seine Festigkeit, und sagte

dann: »Das habt ihr sehr gut gemacht, Kinder. Ich muß euch loben.

Kommt, nun sollt ihr auch Kaffee haben!«

Er wandte sich, die beiden warfen sich einen frohen Blick zu und gingen

als gute Gesellen nebeneinander hinter dem Alten her.

Zum dritten Male erklang das Wehgeschrei der Vogeleltern, und Peter und

Marie sahen sich erschrocken an. Der Schulmeister aber hob den Kopf und

fragte: »Was sind das for welche?«

»Wippsteerte,« sagte Peter hinter ihm.

»Schade,« sagte der Schulmeister, »der Wippsteert gehört auch zu den

nützlichen Vogelarten.« --

»Was ist das für ein herrlicher Tag heute!« sagte sich reckend

Schulmeister Wencke, als sie am Kaffeetisch saßen, auf den die Sonne

bunte Kringel malte. »Man sieht's euch ordentlich an, Kinder, wie die

Arbeit euch gut getan hat. Jaja, die Arbeit. Und wenn man jung ist.

Wenn unsereiner nur nicht das vermuckte Reißen in den Knochen hätte!

Aber etwas besser ist's auch schon als heute mittag.«

»Drinkt man düchtig Kaffee,« mahnte Mutter Wencke, die das

Mittagsschläfchen gestärkt und der sonnige Maientag und die gute Laune

ihres Gebieters aufgeheitert hatten. »Wenn de Putt leddig[6] is,

geet[7] ick frischen up.« Sie sprach immer plattdeutsch.

Peter dachte, solch ein Maientag könnte doch beinahe alte, grämliche

Schulmeistersleute wieder jung und lustig machen. Heute ging im

Schulhause wirklich ein anderer Geist um.

Als sie vom Tisch aufstanden, taumelte er glücklich seine knarrende

Bodentreppe hinan. Was sollte er nun bloß diesen Nachmittag anfangen?

Das goldene Tor · 第 6 / 12 题