Obgleich die Sonne noch hoch am Himmel stand, lag Familie Eggers in den
Betten. Nicht Krankheit hatte sie hineingetrieben, auch Faulheit nicht,
sondern die grimmige Kälte. Auf neun Grad unter Null acht Tage nach
Lichtmeß waren so kleine Leute wie der Häusling Harm Eggers mit ihrem
Feuerungsvorrat nicht eingerichtet. Der winzige Haufe Sprickerholz und
Torf, der noch auf der Diele am Ziegenstall lag, mußte fürs Kaffee- und
Kartoffelkochen, also für die innere Erwärmung, gespart werden. Die
äußere war nirgends billiger und gründlicher zu haben als im Bett.
In die Lehmwände der engen, unsauberen Stube, die mit ihrem
gänzlichen Mangel an Schmuck und der zerbrochenen, notdürftig mit
Lumpen verstopften Fensterscheibe nicht nur bei neun Grad Kälte
und ungeheiztem Ofen einen frostigen Eindruck machte, waren zwei
Schlafschränke, sogenannte Butzen, eingebaut. In der einen lagen
Harm Eggers und seine Frau Trina. Sie strickten emsig Strümpfe
aus Heidschnuckenwolle. Was fertig war, flog durch die Stube in
die Fensterecke, um beim nächsten Kirchgang zusammengerafft und
in Steinbeck beim Kaufmann Böcking gegen Kaffee, Zucker und Salz
umgetauscht zu werden. In der Wiege vor dem Ehebett schlief ein
Säugling, mit einem Bart von Milch und Schmutz um das breite Mäulchen.
Der übrige Kindersegen füllte die zweite Butze. Ein zehnjähriger
Junge war dabei, sich das Einmaleins in den Schädel zu rammen. Ein
siebenjähriger und ein Mädchen von sechs Jahren lasen Bohnen aus. Dabei
spielten sie einander allerhand Schabernack, heimlich, um sich den
Eltern nicht zu verraten.
So verliefen die Winternachmittagsstunden trotz des ungeheizten Ofens
behaglich, friedlich und nutzbringend. Bis es dem Siebenjährigen
einfiel, dem Bruder, der eben mit geschlossenen Augen sich das
schwierige Neunmalneun überhörte, eine dicke Bohne in das Gesicht zu
knipsen. Dieser griff sich mit einem »Au!« an die hart getroffene
Nasenspitze, dann schlug er mit seinem Buch und stieß mit seinen Füßen
um sich. Darob stimmten Bruder und Schwester, wahllos getroffen, ein
Geheul an, und der jäh erwachende Säugling mischte sein Schreistimmchen
auch in das geschwisterliche Konzert. Da war’s um die Ruhe der Mutter
beim Strickstrumpf geschehen. Sie kam aus dem Bette gefahren, schlug
und stieß, ohne den Fall zu untersuchen, in die Kinderbutze hinein, bis
die Ruhe wiederhergestellt war. Dann beugte sie sich über den jüngsten
Schreihals und summte, sich mit der Wiege hin und her schaukelnd: Hu,
huhuhu, hu. Aber der kleine Kerl schrie weiter. Da legte sie sich ins
Bett, nahm den Jungen an sich, hüllte ihn warm ein und reichte ihm
die Brust. Wie sie so auf das begierig trinkende Kind niederblickte,
verlieh die Mutterliebe selbst diesem stumpfen, harten Gesicht für
Augenblicke etwas wie einen heimlichen Adel.
Als Trina ihr Kind gestillt hatte und es eben wieder in die Wiege
legte, ging die Stubentür auf, und ein etwa vierzehnjähriger Junge
trat ein. Die Bücher, die er unter dem Arm trug, legte er auf den
Tisch und seine Mütze auf den kalten Ofen. Also gehörte auch er hier
ins Haus. Aber er war von ganz anderer Art als die andern Kinder. In
deren Gesichtern bestimmten die hervortretenden Backenknochen und der
breite Mund den Ausdruck. Die Stirn wich bescheiden zurück, und bei
den Augen fiel nichts weiter auf, als daß sie sehr rund waren. In des
Ankömmlings Gesicht dagegen hatte die Stirn die Vorherrschaft, und die
Augen sahen nicht wie die der andern nach dem, was der benachbarte Mund
verschlingen könnte, sondern es war, als ob sie über dieses Nächste
hinwegschauten und nach etwas Fernem suchten. Es war Peter, Harms
Sohn aus erster Ehe, den Trina als ziemlich hoffnungsloses älteres
Mädchen bei ihrer Verheiratung mit in den Kauf hatte nehmen müssen. Er
stand vor der Einsegnung und kam eben von der Konfirmandenstunde aus
Steinbeck, dem anderthalb Stunden entfernten Kirchdorf, zurück.
»Süh,« sagte Trina, »dat paßt. Weeg mi dat Kind, ick will melken.«
Peter stellte sich gehorsam an die Wiege, die Stiefmutter fuhr in die
Holzschuhe, band sich ein Tuch um den Kopf und ging hinaus.
Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, da trat Peter dicht an
die elterliche Butze, steckte den Kopf hinein und sagte zögernd und
leise: »... Vader! ...«
Harm Eggers blickte von seinem Strumpf auf und sah dem Jungen
verwundert in das Gesicht. »Wat hest du? Wat makst du för Ogen!«
»Ick ... ick schall Scholmester weern.«
»Wat? Du?«
»Ja, ick.«
»Wer seggt dat?«
»De Herr Pestohr.«
»Soo? Hett de uns wat to seggen?«
»He well darför sorgen, dat de Sak di keenen Gröschen kosten deit.«
»Hoho, dormit is dat nich afmakt. Du hest uns mannig Stück Brod und
Speck upäten. Nu mußt du mi helpen, dat ick din Bröders und Süsters ok
grot krieg'.«
»O Vader, wenn ick minen Lohn as Scholmester krieg', will ick jümmer an
di denken.«
»Hä, de paar Daler! De wullt du woll sülwst bruken können.«
»Och Vader, lat mi!«
»Hm ... Wenn ick ok woll, du schast man sehn, Mudder giwt't nich to ...«
»Jea, Mudder ... De gönnt mi öwerall nix ... Wenn min sel' Mudder
noch an't Lewen wör, denn so ...«
Peter vollendete den Satz nicht. Er sah trüben Blickes durch die
blinden Fensterscheiben in den dämmernden Abend hinaus.
Der Vater fuhr sich mit den Stricksticken hinter die Ohren und machte
ein verlegenes Gesicht. In seinen besten Stunden fühlte er, was er
selbst und der Junge mit seiner ersten Frau verloren hatten. Und
dann hatte er Peter gegenüber etwas wie ein böses Gewissen, weil er
ihn nicht besser gegen die Ausnutzung und Drangsalierung durch die
Stiefmutter in Schutz nahm, und schämte sich seiner Schwäche und
Bequemlichkeit. Nach einer Weile fragte er: »Nix kösten schall't mi?«
»Nee, keenen roden Pennig,« versicherte Peter eifrig, »und de Herr
Pestohr seggt, du schöllst em mal besöken. O, Vader, ick bidd' di, gah
hen!«
Harm Eggers räusperte sich. »Hmhm, ick will mal hören, wat Mudder darto
seggt.«
»Vader ...« sagte Peter leise und zögernd, »... frag aber ok ... min
rechte Mudder ...«
»Och Jung, wat snackst du mannigmal för narr'sch Tüg! De is ja dod ...«
Peter schwieg. Er ließ den Blick wieder durch das Fenster in die
dämmernde Ferne irren.
»Jung, wenn du so steihst und kiekst, denn sühst du just so ut as din
Mudder selig.«
Langsam wandte Peter sich dem Vater zu. »Is ~dat~ wahr?« fragte er.
Der Vater nickte stumm, seufzte leise und ließ die Stricksticken wieder
klirren, wie um sich auf andere Gedanken zu bringen. Die stille,
heimliche Freude, die auf Peters Gesicht lag, sah er nicht.
Bald darauf kam Trina Eggers vom Melken zurück. In der Tür wischte
sie sich mit dem Jackenärmel über den Mund. Denn sie hatte eben einen
tüchtigen Trunk warmer Ziegenmilch getan. Nach einem Blick in die Wiege
sagte sie: »Clas slöppt. Mak Füer an und sett Water up!«
Peter ging hinaus. Nachdem er den berußten Kessel mit Wasser gefüllt
und an den Haken über der offenen Feuerstelle gehängt hatte, kniete
er nieder, rakte die Asche von den fast erloschenen Kohlen, blies
mit vollen Backen hinein und legte trockenes Reisig auf. Knisternd
umsprangen ihn die Funken, und eine weißliche Rauchwolke kletterte
an den Zacken des schwarzglänzenden Kesselhakens in die Höhe. Peter
ließ sich von der hellen Lohe Gesicht und Hände wärmen und schaute
nachdenklich in die prasselnden, in buntem Farbenspiel durcheinander
schießenden Gluten des von zusammengesuchtem Holzwerk genährten
Herdfeuers. Die letzten Worte des Vaters gingen ihm im Kopf rundum.
Also er hatte Ähnlichkeit mit seiner seligen Mutter? Sie war gestorben,
als er kaum drei Jahre alt war, und ihr Bild war seiner Vorstellung
entschwunden. Nun versuchte er, seine Züge ins Weibliche und ins
Mütterliche zu übersetzen. Ein deutliches Bild gewann er damit ja
nicht. Aber er freute sich, daß er ihr Gesicht haben sollte. Denn er
hatte sie noch immer lieb und dachte oft an sie.
Der Kessel fing an zu singen. Das hörte Peter gern. Dabei ließ sich so
schön sinnen und träumen. Aber plötzlich fuhr er auf. Aus der Stube
klang ein Wortwechsel in das Kesselsingen und das Funkenknistern
hinein. Was gesprochen wurde, konnte er nicht verstehen, aber er wußte
sofort, daß es sich um ihn und seine Zukunft handelte. Es ging sehr
lebhaft dabei zu ... Nun hat die Stiefmutter das Wort ... Noch immer
... Ob sie gar nicht wieder aufhören will? Endlich! ... Aber, Gott
sei Dank, der Vater ist noch nicht zum Schweigen gebracht. Ruhig und
bestimmt scheint er seine Meinung zu sagen ... Nun sie wieder. Was
für eine schrille Stimme sie hat! ... Jetzt beide durcheinander, in
höchster Erregung ... Peter sitzt mit stürmisch klopfendem Herzen am
Feuer, zwischen Furcht und Hoffnung hin und her geworfen.
Da fliegt die Stubentür auf, und der Vater kommt herausgeschritten, mit
einer Entschlossenheit in Haltung und Miene, die ihm sonst fremd ist.
»Peter!« ruft er laut über die Diele.