Begründet von Otto Julius Bierbaum.
Johann Gottwerth Müller: Siegfried von Lindenberg.
Eine komische Geschichte. Bearbeitet und mit einem Vorwort versehen von
Richard Elchinger. Mit den Kupfern von Daniel Chodowiecki. 12°. IX und
460 Seiten.
Herrn Johann Gottwerth Müller darf man sich als einen sehr
liebenswürdigen und gebildeten Menschen vorstellen. Er hat in seinem
langen Leben, das 86 Jahre währte, eine große Menge Papier beschrieben:
das meiste zu Itzehoe, Tobak rauchend und aufs angenehmste umzirkt und
geschützt vom Palisadenwerk seiner geliebten Bücherbretter. Überdauert
hat seinen Namen nur jenes Buch, das einst Müllers nicht geringen
Ruhm begründet hat: Der komische Roman »Siegfried von Lindenberg«.
Naturburschen von seiner echten Artung sind auch heute noch wie vor 150
Jahren im Leben und in den Büchern eine seltene Spezies, der man nicht
allzuoft begegnet.
Denis Diderot: Jakob und sein Herr.
Unter Zugrundelegung der Myliusschen Übersetzung herausgegeben von
Hanns Floerke. 12°. 515 Seiten.
Diderot ist von den Schriftstellern der Aufklärungsepoche vielleicht
der tiefste und gehaltreichste. Dies entspricht auch dem Interesse,
das das klassische Weimar, Goethe an der Spitze, an seinen Schriften
nahm. Goethes mannigfaltige und begeisterte Äußerungen über den
Eindruck Diderotscher Erzählungen, schließlich seine eigene wundervolle
Übersetzung des Dialogs »Rameaus Neffe« zeugen davon, welche Schätzung
sich Diderot bei den Größten seiner Zeit erfreute.
Laurence Sterne: Yoricks Predigten.
Übertragen von Josef Grabisch. Zwei Bände. 12°. XXII, 505 und 511
Seiten.
Die sechsundvierzig Predigten des Vikars von Sutton sind für den, der
in das Geheimnis der Dreieinigkeit Tristram-Yorick-Sterne eindringen
will -- und welcher Bakkalaureus der Lebensweisheit, dem es gelungen
ist, sich in der Shandyluft wohl zu fühlen, wollte das nicht? --
unentbehrlich. Sie leuchten aber auch ohne das Licht des Sterneschen
Ruhms und nicht nur für die Verehrer des »Tristram Shandy« und der
»Empfindsamen Reise«.
F. M. Voltaire: Candide.
Nach der anonymen Übersetzung von 1732, neu herausgegeben von Lothar
Schmidt. Nebst dem zweiten Teil unbekannter Herkunft und mit 5
Heliogravüren nach Kupfern von Chodowiecki. 8°. XXXI, 218 und 155
Seiten. (In einem Bande.)
Den Ruhm Voltaires können seine Dramen kaum mehr aufrechterhalten. Sein
souveräner Geist, sein Witz, seine ganz unvergleichliche Schlagkraft
konzentriert sich in seinen satirischen Erzählungen, von welchen
»Candide« alle Vorzüge vereinigt.
Marie Madeleine Gräfin von La Fayette: Die Prinzessin von Cleve.
Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Paul Hansmann. Mit einem
Nachwort. 8°. 293 Seiten.
_Aus dem Vorwort_: Man hat diesen ersten psychologischen Roman, der
in Frankreich geschaffen wurde, eine Herzensbeichte der La Fayette
genannt und in der Cleve und ihrem Schicksal eine Verwandtschaft mit
der Autorin, in Monsieur de Nemours den Herzog de La Rochefoucauld
sehen wollen. Sei dem wie ihm wolle, zuversichtlich wissen wir, daß nur
eine edle, freimütige und wahrhafte Frau, die ein gutes Frauenschicksal
hatte, dieses rührende, zarte Werk schreiben konnte, das seinen Platz
in der Weltliteratur ewig frisch behaupten wird.
Erasmus: Das Lob der Narrheit.
Aus dem Lateinischen nach der Ausgabe von 1781. Neu herausgegeben von
Lothar Schmidt, mit Wiedergaben der meisten Holzschnitte von Hans
Holbein. 12°. III und 207 Seiten.
Das elegant geschriebene Werk verdankt seine äußere Anregung dem
deutschen »Narrenschiff« des Sebastian Brant, kommt aber geistig aus
viel früherer Zeit her, nämlich aus der freien Sphäre des Lucian.
H. J. Dulaurens: Gevatter Matthies oder die Ausschweifungen des
menschlichen Geistes.
Nach der ersten deutschen Übersetzung von 1779 neu bearbeitet und
herausgegeben von Hanns Floerke. Zwei Bände. 12°. XXII, 408 und 463
Seiten.
Der «~Compère Mathieu~» erschien zum ersten Male 1766 und hat in knapp
70 Jahren 25 Auflagen erlebt, obgleich das Buch sicherlich kein Buch
für die Menge ist. Auch die vorliegende Ausgabe ist nur für diejenigen
bestimmt, welche Distanz genug besitzen, um nicht jeder Suggestion
zu erliegen. Wer ihn untergeordneten Geistern in die Hand gibt, der
versündigt sich an ihnen.
Joh. Gottfr. Schnabel: Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde
Cavalier
oder Reise- und Liebesgeschichte eines vornehmen Deutschen von Adel,
Herrn von St.
Zwei Bände. 397 und 368 Seiten.
_Berliner Tageblatt_: Schnabels herumtaumelnder Kavalier ist ein
sogenannter »galanter Roman«. Da das Werk heute außerordentlich
selten geworden ist, hat sich der Verlag durch diese Ausgrabung
entschieden ein Verdienst erworben. Schnabels Werk atmet durchweg den
naiven italienischen Geist, das Buch ist ganz »Rokoko«, von einer
unwiderstehlichen Grazie und Heiterkeit, die uns, ach, so sehr abhanden
gekommen ist.
Johann Gottlieb Schummel: Spitzbart.
Eine komitragische Geschichte. Mit einem Vorwort und Anmerkungen von C.
G. von Maassen. 12°. XLII und 485 Seiten.
Dieses Werk, in dem der Herausgeber den ältesten komischen Schulroman
wiederentdeckt hat, ist ein lustiges Buch, das nichts von der
Weitläufigkeit alter Romane an sich hat. 1779 geschrieben, in einer
Zeit, da die pädagogischen Reformen der Philanthropen in aller
Welt von sich reden machten, verspottet es in kecker Satire die
pädagogischen Projektenmacher jener Tage. Mörike schätze das Buch
besonders hoch.
Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von
Frankreich im Jahre 1785--86.
Mit Kupfern und Vignetten von Pentzel, Schnorr von Carolsfeld und
Ramberg. Herausgegeben von Conrad Höfer. Einmalige numerierte Ausgabe
von 1600 Exemplaren. Drei Bände. 12°. 569, 475 und 399 Seiten.
_Jahrbuch der Bibliophilen_: Es war naheliegend, Thümmels schon
zu dessen Lebzeiten vielangefeindetem, ebenso auch vielgerühmtem,
amüsantem, lebensfrohem Reisewerk ein Plätzchen in der Abtei Thelem zu
gönnen. Es sei hier begrüßt. Das von Conrad Höfer angefügte Nachwort
unterrichtet knapp, aber vorzüglich über Wesen und literarhistorische
Wertung dieser Reisebilder.
Moritz August von Thümmel: Wilhelmine.
Herausgegeben von Conrad Höfer. Mit 7 Kupfern und 13 Vignetten nach
Friedrich Oeser, Stock und Geyser. Einmalige numerierte Ausgabe von
1600 Exemplaren. 12°. 156 Seiten.
Die oben unter »Englische Romane« aufgeführten Werke von Sterne,
Smollet, Chesterfield und Henry Fielding erschienen ebenfalls in der
»Abtei Thelem«.
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Als Otto Julius Bierbaum die »Bücherei der Abtei Thelem« ins Leben
rief, entwarf er nicht allein das literarische Programm, sondern er
nahm sich auch der äußeren Gestaltung dieser Bibliothek bis in jede
Einzelheit an. Die Einbände dieser im Geschmack der Zeit gehaltenen
zierlichen Duodezbändchen entwarf Paul Renner, sämtlich Halbfranzbände
mit reicher Rückenvergoldung.