DER ZAUBERKÜNSTLER.

Von J. L. ~Perez~.

In ein Städtchen Wolhyniens kam einmal ein Zauberkünstler. Wiewohl es

vor Peßach war -- zu einer Zeit also, da man mehr Sorgen als Haare

auf dem Kopfe hat -- machte sein Kommen doch größeres Aufsehen. War

das ein Rätsel von einem Menschen! Die Kleider zerrissen und einen

eingedrückten Zylinderhut auf dem Kopfe. Das Gesicht durchaus jüdisch,

doch der Bart wegrasiert. Von Schläfenlocken keine Rede. Und nie

sah man ihn essen, weder erlaubte, noch unerlaubte Speisen. Da soll

einer klug daraus werden. Woher? Aus Paris. Wohin? Nach London. Hat

sich hierher verirrt. Ging offenbar zu Fuß. Ins Bethaus kam er auch

nicht, selbst nicht am großen Sabbath. Und stand man um ihn herum, so

verschwand er plötzlich, als ob ihn die Erde verschlungen hätte, und

tauchte auf der anderen Seite des Marktplatzes wieder auf.

Bald hatte er einen Saal gemietet und fing an, seine Kunststücke zu

zeigen. Ganz großartige Sachen: verschluckte vor aller Leute Augen

glühende Kohlen, als ob es Suppenfleckchen wären. Zog aus dem Munde

allerlei Bänder heraus -- rote, grüne und von welcher Farbe man nur

wollte, und lange, wie der Galuth (das Exil). Förderte aus einem

Stiefelschaft sechzehn Paar Truthähne heraus, wie Bären so groß, die

wirklich lebten und lustig über die Szene flatterten. Hob einen Fuß in

die Höhe und scharrte von den Schuhsohlen goldene Dukaten ab -- eine

ganze Schüssel voll. Natürlich klatschte man Bravo. Da pfiff er, und

eine Menge feiner Sabbathbrote schwirrte plötzlich durch den Raum,

tanzte unter der Decke. Ein zweiter Pfiff -- und alles war wieder

verschwunden, als ob es gar nicht dagewesen wäre. Alles: Bänder,

Truthähne und so weiter. Nichts war zurückgeblieben.

Nun ja, man weiß es doch, daß sich der Teufel auch etwas leisten kann.

Die ägyptischen Schwarzkünstler haben wahrscheinlich noch größere

Kunststücke zustandegebracht. Doch eins: Wie konnte er dabei nur so

arm sein? Ein Mensch, der von seinen Schuhsohlen Dukaten abscharrt

und sein Quartier nicht bezahlen kann! Der mit einem Pfiff mehr

Sabbathbrote bäckt als der größte Bäcker im Backofen, der Truthähne aus

dem Stiefelschaft zieht und dennoch -- ein langgezogenes Gesicht hat,

wie ein Sterbender und flackernden Hunger in den Augen... Wahrlich eine

fünfte Frage für den Sederabend, sagten die Leute.

Nun wollen wir aber den Zauberkünstler bis zum Sederabend verlassen

und inzwischen Chajim Jojne und sein Weib Riwke Beile aufsuchen. Chajim

Jojne hatte einmal ein großes Holzgeschäft betrieben und schließlich

dabei sein ganzes Vermögen eingebüßt. Dann war er „Waldschreiber“

geworden, aber auch die Stelle war bald verloren. Nun lebte er schon

eine Reihe von Monaten im Elend. Der Winter war in schrecklichen

Nöten vorübergegangen, und jetzt kam das Peßachfest immer näher.

Zum Verpfänden war nichts mehr da, denn alles, vom Hängeleuchter

bis zum letzten Kissen, war schon im Leihamt. Riwke Beile dachte an

Gemeindeunterstützung. Doch Chajim Jojne wollte davon nichts wissen. Er

mochte sich nicht bloßstellen und vertraute auf Gott, der schon helfen

werde. Riwke Beile suchte mehrmals in allen Winkeln nach und fand,

welches Wunder, einen alten, ausgeriebenen silbernen Löffel, den sie

schon seit Jahren verloren glaubte. Aber Chajim Jojne nahm den Löffel,

verkaufte ihn und trug den geringen Erlös in die Kasse, aus der man

die Armen für das Peßachfest unterstützt. Die Armen gehen vor, sagte

er. Inzwischen rückt die Zeit immer näher, es blieben nur noch wenige

Wochen bis Peßach. Chajim Jojne wartete voll Vertrauen auf Gottes

Hilfe. Und Riwke Beile schwieg. Die Frau muß dem Manne gehorchen.

Und Tag auf Tag verrann. Riwke Beile fand keinen Schlaf, weinte die

Nächte durch, still, daß ihr Mann sie nicht höre. Und die Tage waren

noch schlimmer. Da mußte sie sich auch noch vor den Nachbarn hüten,

mußte sorgen, daß sie ihr das Elend nicht ansahen. O, diese Blicke

der Neugier und des Mitleids, die sie wie mit Nadeln stachen! Und

diese Fragen: Wann backt ihr Mazzoth? Habt ihr schon die roten Rüben

eingelegt? Oder wenn es nähere Bekannte waren: Aber, was geht denn bei

euch vor, Riwke Beile? Habt ihr’s vielleicht knapp? Wir wollen euch

borgen... Und was solcher Reden mehr sind.

Und sie mußte ablehnen, über und über errötend, die unglaublichsten

Vorwände erfinden. Denn Chajim Jojne wollte keine Menschengabe annehmen

und gegen seinen Willen konnte sie doch nicht handeln.

Die Nachbarn wollten es dabei nicht bewenden lassen und gingen zum

Rabbi, er solle sich doch ins Mittel legen. Der Rabbi hörte sie an,

seufzte, sann eine Weile nach, und antwortete schließlich, daß Chajim

Jojne ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann sei, der wohl wisse, was

er tue. Wenn sein Gottvertrauen so fest sei, dann sei es eben fest...

Und nun ist der Peßach da!

Riwke Beile hat nicht einmal Lichter, um den Segen darüber zu sprechen.

Chajim Jojne kehrte aus dem Bethaus heim. Aus allen Fenstern strahlt

das Fest. Nur sein Haus steht finster da, wie ein Trauernder unter

Hochzeitsgästen, wie ein Blinder unter Sehenden. Aber er verzweifelt

nicht. Wenn Gott nur wollen wird, denkt er, wird auch für mich

noch Peßach sein, und tritt mit fröhlichem „Guten Abend“ ein. Und

wiederholt: „Guten Abend, Riwke Beile.“ Und Riwke Beile antwortet

aus einer finsteren Ecke mit tränengesättigter Stimme: „Guten Abend,

Chajim.“ Dabei leuchten ihre Augen wie zwei glühende Kohlen aus der

Ecke hervor. Er geht auf sie zu und spricht auf sie ein:

„Riwke Beile,“ sagt er, „es ist heute Feiertag. Wir feiern den Auszug

aus Ägypten. Verstehe doch! Da darf man nicht traurig sein. Und es ist

doch auch gar kein Grund dazu da. Wenn es dem lieben Gott nicht gefiel,

daß wir unsern eigenen Seder haben, dann müssen wir eben mit einem

fremden vorlieb nehmen. Dann wollen wir anderswohin gehen. Man wird

uns überall hineinlassen. Alle Türen stehen uns offen. Sagt man doch

am Sederabend: ‚Kol dichfin jejthej wejechul,‘ das heißt: ‚Wer hungrig

ist, komme und esse!‘... Komm, nimm den Schal um und laß uns beim

Erstbesten einkehren.“

Und Riwke Beile tut wie immer nach dem Willen ihres Mannes. Alle Kraft

aufwendend um nicht aufzuschluchzen, hüllt sie sich in den zerrissenen

Schal. Schon will sie gehen, als im selben Augenblick die Tür von außen

geöffnet wird.

„Guten Abend!“ grüßt es.

„Gut Jahr!“ antworten die Eheleute. Sie sehen nicht, wer es ist.

„Ich möchte euer Gast beim Seder sein,“ sagt der Fremde.

„Wir haben selbst keinen Seder,“ erwidert Chajim Jojne.

„Tut nichts, ich hab’ ihn mitgebracht.“

„Seder im Finstern,“ schluchzt Riwke Beile, die sich nun nicht mehr

zurückhalten kann.

„Ei bewahre,“ meint der Gast, „es wird schon Licht werden.“

Er winkt und mitten im Zimmer, in der Luft erscheinen zwei silberne

Leuchter, in denen schon die angezündeten Stearinkerzen stecken. Es

wird hell. Chajim Jojne und Riwke Beile erkennen den Zauberkünstler,

starren ihn an und bringen vor Schreck und Verwunderung kein Wort

hervor. Sie fassen sich an den Händen, und so stehen sie da, mit weit

aufgerissenen Augen und offenen Mündern. Er aber wendet sich nun an

den Tisch, der ganz verschämt in einem Winkel des Zimmers steht: „Na,

Kleiner,“ sagt er zu ihm, „deck dich und komm her!“ Und sofort fällt

von oben ein schneeweißes Tischtuch herab und deckt den Tisch und

dieser selbst setzt sich in Bewegung und rückt mitten ins Zimmer,

just unter die Leuchter. Und diese wieder schweben hernieder und

stellen sich auf ihn. „Jetzt fehlen noch die Sederbetten,“ sagt der

Zauberkünstler, „die Sederbetten sollen kommen!“ Und sofort rücken aus

drei Ecken des Zimmers drei Stühle an den Tisch heran und stellen sich

an drei Seiten auf. „Breiter werden!“ befiehlt er. Und sofort gehen

sie in die Breite und verwandeln sich in Großvaterstühle. „Weicher!“

ruft er. Und sie sind mit rotem Samt überzogen. Und gleichzeitig fallen

von der Decke schneeweiße Kissen auf sie nieder. Die Sederbetten sind

fertig... Eine Sederschüssel mit allem, was darauf gehört, stellt

sich auf den Tisch. Ebenso Flaschen mit rotem Wein und Becher dazu.

Plötzlich liegen auch Mazzoth da und alles andere, was man zu einem

richtigen und fröhlichen Seder braucht, selbst Hagadoth mit Goldschnitt.

[Illustration]

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„Und Wasser zum Händewaschen habt ihr?“ fragt nun der Zauberer. „Ich

kann auch Wasser bringen.“

Da erst kamen die beiden zu sich. Und Riwke Beile fragte leise ihren

Mann, was er von der Sache halte. Chajim Jojne aber wußte keine

Antwort. Sie riet, er solle zum Rabbi gehen und ihn fragen. Aber sie

könne doch nicht mit dem Zauberer allein bleiben, meinte er. Darum

solle lieber sie gehen. Ihr, einer Frau, werde der Rabbi nicht trauen,

antwortete sie. Er werde glauben, daß sie verrückt geworden sei.

Schließlich kamen sie überein, zusammen zu gehen und inzwischen den

Zauberer mit seinem Seder allein zu lassen.

Der Rabbi gab klugen Rat. Das, was mit unreinem Zauber gemacht werde,

erklärte er ihm, sei gar nicht wirklich, weil alle Zauberei nur

Blendwerk sei. Sie sollten also nach Hause gehen, und wenn die Mazzah

sich brechen, der Wein sich einschenken ließe, die Sederbetten sich

anfühlen ließen usw., dann wäre alles gut, dann wären es Geschenke des

Himmels und sie dürften alles genießen.

Mit diesem Bescheide gingen sie nun klopfenden Herzens nach Hause. Als

sie eintraten, war der Zauberkünstler schon fort. Aber der „Seder“

stand da wie früher. Und die Kissen ließen sich berühren, der Wein ließ

sich gießen, die Mazzah brechen... Und jetzt verstanden sie erst, daß

der Prophet Eliah bei ihnen eingekehrt war und hatten ein fröhliches

Fest.

Chad Gadja: Das Peßachbuch · 第 40 / 49 题