PESSACH IM KAUKASUS.

Von ~Z’wi Kasdai~.

Mit dem Neumond des Nissan beginnt man den Weizen für das Peßachmehl

zu mahlen, und während des Mahlens steckt man in der Mühle Wachskerzen

an. Den Weizen aber bewahrt man im Haus von den Monaten Thammus und Ab

her auf, wo in jenen Gegenden die Weizenernte beendigt wird. Denn bei

ihnen besteht bis heute der Gebrauch, daß die armen Frauen hinter den

Schnittern her auf die Felder sammeln gehen, sogar zu den Nichtjuden;

was sie aufgelesen haben, dreschen sie jeden Abend aus und verkaufen es

zu Mazzothmehl.

Sie backen die Mazzoth in einem geräumigen Backofen, der unten breit

und oben schmal ist, wie ein umgekehrter Topf. Wenn er mit Stroh

oder Mist ausgeheizt ist, legen die Frauen, die den Teig kneten, die

Mazzoth an seine Wände an. Jeden Abend stellt man Wasser für den

folgenden Tag zurecht. Dann versammeln sich die jungen Frauen und die

Mädchen im Backhause, wo sie in der Arbeit abwechseln. Sie sitzen voll

Erregung und Spannung auf dem Boden, kneten den Teig in einem kupfernen

Gefäß, walzen ihn aus und lassen ihn „rädeln“. Dann bringen sie ihn

schleunigst in den Backofen.

Während der letzten Woche vor dem Fest herrscht große Bewegung. Die

Frauen machen sich an ihre große Arbeit, säubern, reiben, putzen,

waschen. Das wichtigste ist ihnen, daß sie die Kupfergeräte recht schön

und glänzend machen; darauf wird bei den Völkern des Kaukasus, die viel

kupfernes Geschirr verwenden, großer Wert gelegt. Aber auch den Sattel

und das Zaumzeug putzen sie gründlich und hängen es in den Winkeln

ihrer Wohnung auf. Die Männer aber beschäftigen sich eifrig damit, das

Chamez zu verbrennen; von der Sitte, das Chamez zu verkaufen, wissen

sie dort nichts. Denn sie nehmen alles ernst und streng. Am Erew Peßach

fasten alle erstgeborenen Söhne, es gibt für sie keine Befreiung durch

Loskaufen oder durch Beendigung eines Studienabschnittes. Vom Mittag an

sind sie mit der Vorbereitung des Karpas und des Charoßeth beschäftigt,

das sie alle acht Tage als einen richtigen Gang aus einer großen

Schüssel essen.

Wenn sich der Tag neigt, ziehen die Männer „Freiheitsgewänder“ mit

weiten bauschigen Ärmeln an, stecken einen kurzen Speer in ihren Gürtel

-- manche nehmen auch ihre Pistolen -- und gehen in das Beth-Hamidrasch

zu Gesang und Gebet. An diesem Abend singen sie nämlich alle das

große Loblied Wort für Wort zusammen mit dem Vorsänger. Kehren sie

aber heim, so finden sie ihre Hütte bereits zu Ehren des Festes mit

vielen Kerzen beleuchtet. Die alten Frauen hüllen sich in ihre Tücher,

die jungen Frauen aber und die Mädchen in Linnen- und Webestoffe und

flechten Rosen und andere Blumen in ihre Locken und Zöpfe. Sie holen

eilig, was sie vorbereitet haben, gebratene Gänse, gestopfte Truthähne,

Mazzoth, Maror, eine Schüssel Charoßeth, und bringen es ihren Männern

nach dem Hause des Rabbiners. Denn es ist bei ihnen Sitte, daß sich

viele Familien im Hause eines der „Gelehrten“ versammeln; es kann aber

auch bei einem einfachen Familienvater sein, wofern er gut hebräisch

kann und die Hagadah in ihre (tatarische) Sprache zu übersetzen

versteht. So sitzen sie denn nach ihrer Art auf dem Boden und der

Gelehrte übersetzt ihnen mit vieler Innigkeit die Hagadah. So wie

früher der Brauch war, daß sich mehrere Familien zu einem Lämmlein

ansagten und in einem Hause zum Seder versammelt waren, so ist es bei

ihnen noch heute, daß immer einige Familien zusammenkommen. Das fördert

ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihre innige Brüderlichkeit sehr.

Es ist ein schönes Bild, wie sie dasitzen, gekleidet in ihre

Freiheitsgewänder, so breit und bauschig, den Gürtel um ihre Lenden und

den kurzen Spieß an der Seite. Sie sitzen in einer Reihe, geordnet wie

Soldaten, die nach dem Kampfe ruhen. Zwischen den Reihen sind kostbare

persische Teppiche ausgebreitet, für die das Wort der Megillah gilt:

„Weißes Zeug und purpurblaues Tuch, eingefaßt mit Schnüren von Byssus

und Purpur.“ Und auf ihnen stehen prächtige Leuchter mit brennenden

Kerzen.

Die Frauen, die das ganze Jahr in ihre Zimmer zurückgezogen sind,

kommen zum Seder mit unverschleiertem Gesicht und geschmückt mit

goldenen Ohrgehängen und köstlichen Ringen von Saphirstein und

Diamanten; um den Hals tragen sie goldene und silberne Münzen auf einen

blauen Faden gereiht, um die Lenden silberne Kettengürtel; die jungen

Frauen aber und die Mädchen tragen Rosen und sonstige Blüten ins Haar

geflochten, die den schönsten Duft verbreiten. In dieser Nacht fürchten

sie keinen bösen Blick und keine argen Geister, denn es ist eine Nacht,

da ~Er~ wacht...

Wenn der Vorleser an die Stelle kommt, die von der zukünftigen Erlösung

spricht, heben alle ihre Hände auf, spreizen die Finger und rufen, tief

bewegt und voller Trauer: „Wollte Gott, daß Meschiach, Davids Sohn,

käme und alle Verbannten sammelte, so wie der Ewige, unser Gott, einst

unseren Vätern tat.“ Und die Frauen fallen ein und rufen: „Amen, dies

sei sein Wille!“ Und an der Stelle: „Zu jeglicher Zeit ist ein jeder

verpflichtet...“ erhebt sich der Vorleser, nimmt ein Stückchen Mazzah,

eingewickelt in ein altes Tuch, legt es sich auf den Nacken, geht vier

Schritte, zeigt es allen und erklärt ihnen in ihrer Sprache, daß so

unsere Väter aus Mizrajim zogen, den Teig auf den Schultern; auch macht

er hastige Bewegungen, um ihnen das Wort: „In Eile“ recht zu Gemüte zu

führen.

Indessen gehen die Jünglinge in ein besonderes Zimmer, wählen dort

einen unter sich, kleiden ihn in zerfetztes Gewand, legen ihm einen

Sack auf die Schultern, geben ihm einen dicken Hakenstock in die Hände

und schicken ihn hinaus. Nach einer Weile hört man lautes Pochen an der

Tür. Der ausgesandte Jüngling steht draußen und bittet flehentlich um

Einlaß. Die Sitzenden fragen ihn insgesamt: „Wer bist du und was willst

du hier.“

„Ich bin ein Jude und will mit euch Peßach feiern, das Fest unserer

Freiheit.“

„Wie sollen wir dir glauben, daß du ein Jude bist?“

„Ich trage doch einen Talliskatan und Schaufäden.“

„Das ist noch kein Beweis; gib ein anderes Zeichen!“

„So mögen es euch meine Schläfenlocken beweisen!“

„Auch das genügt uns nicht, es ist noch nicht das Richtige.“

„Laßt mich nur ein und ihr werdet sehen, daß ich die Wahrheit

spreche.“ Und dabei beginnt er zu zürnen und zu toben und poltert mit

dem Stock an der Tür. Da fragen sie weiter:

„Wenn du denn ein Jude bist: weshalb kommst du so spät? Weißt du denn

nicht, daß heute ein Festtag in Israel ist, an dem man daheim ruht?“

„Sehet, ich komme jetzt von Jerusalem, der heiligen Stadt; der Weg ist

sehr weit und voller Gefahr auf Schritt und Tritt. Unsere Feinde lauern

uns auf und stellen sich uns in den Weg. Wie eine eiserne Mauer traten

sie zwischen mich und euch, daß ich nicht vor dem Feiertag zu euch

kommen konnte.“ Dabei bricht er in Tränen aus und klagt bitterlich,

die Versammelten aber sitzen, wie versunken in ihre Gedanken; tiefe

Stille herrscht im ganzen Hause, nur selten von einem schweren Seufzer

unterbrochen.

Alle sehen nach der Tür; der Vorleser aber gibt ein Zeichen, man öffnet

und sogleich tritt der Jüngling ein und geht bis in die Mitte des

Zimmers, das Schwert an der Seite, mit Leder gegürtet, den Stock in der

Hand und den Sack über den Schultern. An den Füßen trägt er genagelte

Sandalen mit aufgebogenen Spitzen und sein Kleid ist über und über

bestaubt. Und plötzlich bricht im ganzen Raume ein lauter Jubel los,

alle bestürmen ihn mit Fragen.

„Wie geht es Jerusalem, der heiligen Stadt?“

[Illustration]

„Wie geht es unsern Brüdern, die dort vor Gott sitzen, im Lande der

Herrlichkeit?“

„Wann wird der Erlöser kommen, uns zu erlösen?“

„Bringst du uns eine Botschaft von unserer Befreiung und Erlösung?“

Und er sagt ihnen einen herzlichen Gruß von Jerusalem, von den Weisen

daselbst, von den Städten und Dörfern, den Feldern und Hügeln, von den

heiligen Gräbern. Und im Namen der Weisen in der heiligen Stadt meldet

er ihnen, es seien Zeichen geschehen, daß der Erlöser bald kommen und

die eiserne Mauer zerschmettern werde, die sie von der heiligen Stadt

scheidet. Und alle lauschen andächtig seinen Worten; dann heben sie die

Hände auf und wiederholen viele Male mit langen Seufzern und innigem

Schmerz und mit herzlicher Inbrunst: „Ja, so sei sein Wille, so sei

sein Wille!“

Chad Gadja: Das Peßachbuch · 第 39 / 49 题