MIT REICHEM GUTE.

Von A. L. ~Lewinski~.

Gewidmet den Peßachfahrern in Erez-Israel.

„Und dann werden sie ausziehen mit reichem Gute...“

Allmählich lerne ich verstehen, weshalb Moses auf dieses „reiche Gut“

soviel Wert legte, daß er es immer wieder erwähnt.

Auf den ersten Blick erscheint es ja etwas sonderbar. Das Volk war in

einem so entsetzlichen, in einem so erniedrigenden Zustand, dort in

Mizrajim -- in einer Art von grenzenloser Knechtung; man arbeitete mit

den Juden, wie mit Lasttieren, in Lehm und Ziegeln, in aller schweren,

gliederbrechenden Arbeit; Aufseher standen über ihnen und schlugen

sie mit Geißeln und Stöcken, ähnlich wie es den Leibeigenen einst in

Rußland ging oder den Negersklaven in Amerika -- es scheint doch, als

wäre es genug für ein solches Volk, bloß aus der Knechtschaft in die

Freiheit zu gehen, aus Gebundenheit zur Erlösung, hinauszugehen und zu

fliehen, und müßte man selbst die Haut zurücklassen: wenn nur die Seele

gerettet wird; und kein Gedanke bleibt für Geld und Gut. Nachher, wenn

es erst aus Mizrajim gezogen sein und begonnen haben würde, für sich

selbst statt für seine Herren und Peiniger zu arbeiten, würde es ja von

selbst zu reichem Gute kommen. Denn sechshunderttausend Menschen, eine

Million und zweihunderttausend arbeitende Arme sind schon für sich ein

reiches Gut. Sie würden arbeiten und Reichtum schaffen. Die Hauptsache

war, diese Arme zu befreien, damit sie für sich selbst arbeiten könnten

und nicht für Nutzen und Vorteil der Ägypter.

[Illustration]

Und da steht Moses und ruft und mahnt eindringlich an das reiche Gut,

das, wie es scheint, einen wichtigen Hauptpunkt seines Programms

bildete.

Raschi, das heißt unsere naiven Alten, gab folgende Erklärung: All

diese Mahnungen sollten ihn, den Gerechten, unsern Vater Abraham,

befriedigen, damit er nicht sage: „‚Man wird mit ihnen arbeiten und

wird sie plagen,‘ und so traf es ein, ‚und dann werden sie ausziehen

mit reichem Gute,‘ und das traf nicht ein.“ Diese Erklärung, muß ich

sagen, leuchtet mir nicht ganz ein. Wenn er, der Gerechte, soviel

bei Gott vermochte, warum hat er dann die Knechtschaft in Mizrajim

überhaupt zugelassen? Er hätte sofort protestieren sollen. Denn zu

welchem Zweck und zu welchem Ende war die ganze Verbannung da? Das

alte System der „läuternden Leiden“, der „versöhnenden Verbannung“

hatte schon damals keinen Sinn. Ein Volk, das eben erst begonnen hat,

zu leben, hat noch gar nicht Zeit gehabt, so viel zu sündigen, daß das

Elend der Knechtschaft kommen müßte, es zu läutern und zu bessern. Die

Juden wären wahrscheinlich sogar ohne die Knechtschaft in Mizrajim auch

Juden geworden und, wer weiß, vielleicht bessere als sie nach all dem

Bessern und Läutern durch die Ägypter geworden sind...

[Illustration]

Gewiß, das Elend läutert, -- aber es ~läutert zu sehr~; mit dem

Schmutz läutert es auch das Fleisch weg und mit dem Fleische reißt

es auch Stücke aus der Seele. Einem Schwerkranken sprach man von

dem Lohn der Leiden; sie würden ihm ewige Seligkeit einbringen, er

solle nur alle Schmerzen geduldig ertragen. Er aber sagte: „Nicht

sie und nicht ihren Lohn!“ Ich bin sicher, daß das Elend in Mizrajim

unsern Nationalcharakter sehr geschädigt und uns einen ewigen Jammer

hinterlassen hat. Jetzt, nach Tausenden von Jahren, ist es uns schwer,

uns unsern Volkscharakter und seine Eigenschaften ohne all diese

Widerwärtigkeiten vorzustellen. Nicht die Verbannung in Babel und nicht

die in Edom ist es, sondern dieses erste Verbannungselend, das uns

plötzlich traf, als das Volk noch jung und zart war, ein Stoff, bereit,

in der Hand des Bildners jede Form anzunehmen; dieses ägyptische Elend

ist es, das furchtbar stark auf uns wirkte, und uns mit ewigem Schmutz

bedeckte. Und es gibt noch heute keine schlechte Eigenschaft in unserem

Volke, von der nicht wenigstens ein kleiner Teil von Mizrajim herstammt.

Alles in allem: diese Knechtschaft war durchaus nicht notwendig, ja

sogar höchst überflüssig! Und jener Gerechte, der selbst eine Art von

Freiherrn und Kavalier war (siehe sein Verhalten gegenüber Lot und dem

König von Sodom), ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der kein Unrecht

ansehen konnte und es wagte, mit wenigen Leuten, seinen Knechten und

Hausgenossen, insgesamt 318 Mann, vier siegreiche Könige anzugreifen

-- ein „gerechter Ritter“ wie dieser wäre gewiß mit der ägyptischen

Verbannung nicht einverstanden gewesen und hätte auch auf die

Zusicherung verzichtet: „Auch das Volk, unter dem sie arbeiten werden,

werde ich richten.“ Denn was für ein Vorteil ist hierbei? Was haben wir

davon, daß es gerichtet worden ist? Ganz abgesehen davon, daß es gar

nicht zum Charakter des Hebräers Abraham, d. h. zum wahren jüdischen

Charakter, paßte, der durch und durch barmherzig und nicht rachsüchtig

ist, der auch gegen seine ärgsten Feinde keinen Haß trägt, vielmehr

in jedem Augenblicke bereit ist, zu verzeihen und mehr als das, alles

zu vergessen, was man ihm angetan hat. Was für ein Nutzen ist in dem

Strafgericht? Werden denn die Quäler umkehren auf ihrem Wege, werden

sie denn Reue empfinden, daß sie die Juden ohne Ursache gepeinigt?

Werden sie denn in Zukunft andere Wege wandeln? Wir wissen doch, daß

die Leiden nicht die Sünden der Juden abwaschen; sondern jene erbittern

sich nur noch mehr und gießen die ganze Schale des Zornes über die

Juden aus.

Wahrscheinlich hätte Abraham gern auf das Strafgericht verzichtet, und

natürlich erst recht auf das „reiche Gut“, er, der seinen wahren Wert

kannte und der mit Stolz zu dem Könige von Sodom sagte: „Ich hebe meine

Hand auf zu dem Herrn, daß ich keinen Faden und nicht einmal einen

Schuhriemen von der Beute nehme.“ Nein, er jagte nicht dem Reichtum

nach, nicht für sich und nicht für seine Nachkommen. Also nicht, um ihn

zu versöhnen, spricht Moses von dem reichen Gute, das unsere Väter aus

Mizrajim führen sollten; sondern es scheint ein wichtiger Hauptpunkt

seines persönlichen Programms gewesen zu sein.

Und ich beginne ihn und sein System zu verstehen.

Es ist nicht anzunehmen, daß unsere Väter in Mizrajim ein großes

Volksvermögen besessen haben. Wir kennen ja die ökonomische und

finanzielle Lage jenes Landes nicht genau, aber wenn wir nach ihrer

Staatsordnung urteilen sollen, die auf Sklaverei und auf eine

eigentümliche Bürokratie gegründet war, war sie nicht besonders

glänzend. Ein auf so faulen Grundlagen beruhender Staat konnte nicht

reich werden. Ein freies Volk wird reich, es arbeitet für sich und

fürchtet weder die Konkurrenz von außen noch Schwierigkeiten im Innern;

aber ein faules und dem Trunk ergebenes Volk, das sich auf seine

Knechte verläßt, kann nicht reich werden. Und wenn die Ägypter selbst

so waren, konnten die Juden, ihre Sklaven, nicht wohlhabend sein. Wir

wissen auch, daß das Volk hart und der König starrsinnig war; und in

einem solchen Lande, wo der Judenhaß von allen Seiten drängt, von oben

nach unten und von unten nach oben, von rechts nach links und von links

nach rechts, wo sich die Führer des Volkes bemühen, die Juden vom

Handel, ja überhaupt von jeder Arbeit und Beschäftigung fernzuhalten --

gab es da irgendeine Möglichkeit, zu Wohlstand zu kommen? Für mich ist

es unzweifelhaft, daß das Volk im ganzen, in seinen breiten Schichten,

ein ganz armes Volk war, jedoch, wie immer im Exil, mit einem kleinen

Häuflein von sehr reichen Leuten, denen es aus verschiedenen Ursachen,

durch ein Zusammentreffen verschiedener günstiger Umstände, geglückt

war, ein großes Vermögen zu erwerben, „reiches Gut“ in ihren Händen zu

sammeln.

Und dieses reiche Gut war für unser Volk höchst notwendig. Nicht nur,

um es aus Mizrajim hinauszuführen; noch mehr, um es nach Erez-Israel

hineinzubringen und es dort festzusetzen. Denn aus Mizrajim zu

ziehen, war ja noch nicht der schwerste Teil der Aufgabe. Und

Moses befürchtete, und mit Recht, daß die Reichen in Israel, die

wenigen Glücklichen und vom Schicksal Begünstigten, die trotz aller

beschränkenden Gesetze Zeit genug gefunden hatten, um reich zu werden

und ein schönes Vermögen zu sammeln, daß diese nicht einverstanden sein

würden, auszuwandern, und erklären würden, sie wollten in Mizrajim

bleiben. Und die Ersparnisse der Arbeit von 410 Jahren, die Früchte der

schweren Mühen eines ganzen Volkes durch viele Geschlechter würden im

Lande des Elends geblieben sein, das Volk aber hätte mit leeren Händen

in sein neues Land kommen können. Mit leeren Händen gehen, mit leeren

Händen kommen; mit leeren Händen aber ist es schwer, es vorwärts zu

bringen.

Und darum begann er vom ersten Tage an, wo er kam, um dem Volke im

Namen der zukünftigen Erlösung, im Namen des Vaterlandes zu sprechen,

darum begann er von der ersten Sekunde an auf das „reiche Gut“ zu

dringen, mit dem sie aus Mizrajim ziehen sollten. Und ich stelle mir

vor, daß das auf das große Publikum, auf das Volk, sogleich Eindruck

machte. Das Volk hörte mit Begeisterung seine neuen Worte, die

Verkündigung der Erlösung, und „das Volk glaubte und hörte, daß Gott

der Kinder Israels gedachte und ihr Elend ansah“. Das Volk glaubte,

das Volk hoffte. Aber auf die großen Kapitalisten wirkte die Sache

nicht so schnell. Sie standen abseits; und es dauerte noch lange,

Tage und Jahre, ehe man einsehen lernte, daß die reiche Bourgeoisie

nicht so einfach beiseite geschoben werden könne, daß auch sie zum

Volke gehöre und der Erlösung ~wert~ sei wie das ganze Volk.

Noch länger aber währte es, bis die alten Reichen begriffen, daß auch

sie eine Erlösung ~nötig~ hatten, so wie das ganze Volk, und daß

ihnen ihr reiches Gut am Tage des Gerichtes nichts helfen würde. Wenn

sie sich nicht beeilen würden, aus dem Lande zu ziehen, wenn sie sich

nicht rechtzeitig vor dem Tage des Gerichts eine Ruhestätte inmitten

ihres Volkes bereiten würden -- da müßte langsam, langsam auch ihr Gut

zergehen und ihr Reichtum ein Ende nehmen.

Es brauchte lange, ehe man all das verstand. Und in dieser Zwischenzeit

scheint es, daß unser Volk in gänzliche Armut geriet. Die Reichen,

die am Beginn von Moses Propaganda sehr reich gewesen waren, hatten

vermutlich Verluste gehabt... Und ~nun~ sahen sie ein, daß

sie entrinnen müßten, der mit einem bißchen Gut und jener mit einem

bißchen. Und das Volk zog aus Mizrajim mit großer Hoffnung auf den

Gewinn von Erez-Israel. Vielleicht war so mancher Reiche unter ihnen,

der nicht aus ganz freiem Willen ging, nur als ob ihn ein böser Geist

triebe. Und diese waren gewiß der Erlösung nicht so ganz würdig. Und

trotzdem reut es mich auch ihrer nicht; sie waren im Volk aufgelöst und

ihr Vermögen blieb in Israel. Wäre es denn besser, sie wären mit ihrem

Besitz in Mizrajim geblieben und die Ägypter wären auf jüdische Kosten

reich geworden? Mit ihrem Gelde hätten sie Pferde und Wagen gerüstet,

ihren Brüdern nachzujagen.

Und wir müssen zur Ehre unseres Volkes sagen, daß wie damals auch jetzt

nur ganz wenige Leute von ~diesem~ Schlage unter uns sind. Viele

unserer Reichen sind vielleicht zu sehr ~zugeknöpft;~ aber sie

sind doch umgängliche Leute, intelligent und in ihrer Art auch dem

Volke getreu. Nach meiner Meinung sind sie alle der Erlösung würdig --

daß sie aber eine Erlösung ~brauchen,~ das ist über jeden Zweifel

erhaben.

Und ich billige das System Moses. Ich billige seine Erinnerungen und

Mahnungen betreffs des „reichen Gutes“: „Und dann werden sie ausziehen

mit reichem Gute!“

Aber, wahrhaftig, Moses Programm beginnt sich zu verwirklichen. Unsere

Jugend, die noch vor kurzer Zeit unsere Bourgeoisie so tief verachtet

hat, ist schon klüger geworden und hat eingesehen, daß das Kapital für

uns sehr wichtig ist. Und ich wage zu glauben, daß auch der jüngste

Arbeiter, der erst heute zu arbeiten begonnen hat, die bürgerlichen

Gäste, die nach Erez-Israel kommen, mit Liebe empfängt. Und was noch

wichtiger ist, die Reichen selbst, und gerade die Besten unter ihnen,

sind zu der Einsicht gekommen, daß ihnen eine Erlösung nottut. Daß

es sich lohne, „mit reichem Gute“ nach Erez-Israel zu gehen; daß es

richtig sei, dort für sich selbst und für das Volk etwas zu unternehmen.

Und sie kommen wirklich. Wenn nicht mit reichem Gute -- das Vermögen

ist einstweilen noch im Ausland --, die Kapitalisten selber kommen

schon. Wir wollen hoffen, daß das Programm Moses, wie es sich

zu verwirklichen beginnt, auch gänzlich durchgeführt wird. Die

Kapitalisten werden sich nicht damit begnügen, daß sie selbst das Land

bereisen; im nächsten Jahre werden sie samt dem „reichen Gute“ kommen.

Wer anfängt mit der Erlösung, dem sagt man: Vollende!

Chad Gadja: Das Peßachbuch · 第 31 / 49 题