PHARAOS TRAUM.

Es war 130 Jahre nach der Ankunft der Kinder Israel in Mizrajim und

sechzig Jahre nach Josephs Tode, da hatte der Pharao einen seltsamen

Traum. Er erblickte einen hohen Greis mit einer Wage in der Hand; in

der einen Schale lagen alle Bewohner Mizrajims, Männer, Weiber und

Kinder, in der andern Schale aber lag ein Lämmchen; und das Lämmchen

wog alle die von Mizrajim auf. Der König erschrak über diesen Traum,

den er nicht zu deuten wußte. Am Morgen aber versammelte er eilends

alle Gelehrten und Sterndeuter von Mizrajim und erzählte, was er

gesehen; und alle waren in Furcht und Grauen ob des Gesichtes.

Endlich trat einer der Großen des Hofes, Bileam, der Zauberer, vor den

Pharao und sprach: „Dieser Traum bedeutet für ganz Mizrajim ein großes

Unheil.“ Der König fragte ihn, was es denn sei. Da verkündete der

Weise: „Den Kindern Israel wird ein Sohn geboren werden, der Mizrajim

vernichten wird. Ich aber, mein Herr und König, will dir einen Rat

geben: befiehl, daß man jeden neugeborenen Sohn unter den Kindern

Israel töte; vielleicht, daß so der Traum nicht in Erfüllung geht.“

Das leuchtete dem Pharao und seinen Leuten ein, und er folgte dem Rate.

Im dritten Jahre nach Moses Geburt saß einst der Pharao zu Tische und

speiste; zu seiner Rechten saß die Königin, zu seiner Linken seine

Tochter Bithja und vor ihm alle Großen seines Hofes. Bei Bithja aber

saß der Knabe Moses, in bunte Gewänder gekleidet. Und Moses gefiel dem

Pharao, so daß dieser ihn auf den Schoß nahm. Da streckte der Knabe

die Hand aus, nahm die goldene Krone vom Haupte des Pharao und setzte

sich sie auf. Darüber erschrak der König und die Großen verwunderten

sich. Bileam aber, der Zauberer, nahm das Wort und sprach: „Mein Herr

und König, gedenke des Traumgesichtes, das du einst erblicktest und

das dein Knecht dir deutete! Ist nicht dies eines von den hebräischen

Kindern? Der Geist Gottes steckt in ihm und aus seiner Weisheit handelt

er; er ist es, der Mizrajim vernichten wird! Gib schleunigst Befehl,

ihm das Haupt abzuschlagen!“

Der Pharao fand den Rat gut. Da entsandte Gott den Engel Gabriel; der

nahm die Gestalt des Jithro, eines der Großen und Freunde des Königs,

an und sprach: „Mein Herr und König, hüte dich, unschuldiges Blut

zu vergießen! Der Knabe hat ja noch keinen Verstand! Wenn du mir es

gestattest, will ich dir einen Rat erteilen: lege einen funkelnden

Rubin und eine glühende Kohle vor dieses Kind hin; streckt es die

Hand aus und ergreift den Rubin, dann weißt du, daß es Verstand

hat, dann hat es den Tod verdient und wir verfahren mit ihm nach der

Gerechtigkeit. Greift es aber nach der Kohle, dann ist erwiesen, daß es

keinen Verstand besitzt, und es ist frei.“

Dieses Wort gefiel dem Pharao und seinen Freunden; sie legten den Rubin

und die Kohle in eine Schale und stellten sie vor Moses hin. Der Knabe

streckte die Hand aus und griff schon nach dem Rubin, doch der Engel

stieß seine Hand fort, daß er die Kohle faßte; er führte sie zum Munde

und berührte mit ihr seine Lippen und die Zungenspitze. Darum war Moses

von so schwerer Zunge. Damals aber ward er auf diese Weise gerettet.

Chad Gadja: Das Peßachbuch · 第 29 / 49 题