»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind
des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager –
alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.«
Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er
allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er
hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren
Hauptwerken festzusetzen.
Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert
werden. Grollend führte er die Seinen zurück.
Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad
übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt.
Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel
an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und
dem Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten
Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und
rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Cirkus
des Theodosius, starrten noch gen Himmel.
Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte
sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben
mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des
Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den
Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald
darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten
vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen
Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor
Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein
Ende machte.
Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das
Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der
Mitte des Marmorrundbaus.
Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen
Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal
den Mantel auf der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick
dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es
grabesstill in seinem Innern.
Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen
von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus
uns!« – »O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch
gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir jetzt essen?«
»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König muß Rat schaffen.« – »Der
König?«
»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – »Hat er doch selbst nichts
mehr.« – »Das ist seine Sache.« – »Er allein hat uns in all die Not
gebracht.« – »Er ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht lang
dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!« – »Fluch den
Barbaren!« – Sie sind an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König
allein. Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – »Strafe?
wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!« – »So
wißt ihr’s nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der
sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn
gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib
hat er verstoßen.«
Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber
sie erkannten seinen Schritt.
»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und
wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr
als seinen Zorn. Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir
hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. »Brot,
König!« – »Guter König, Brot!« – »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild
drängte sich die Menge um ihn.
Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er
ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem
Gemach.
Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt.
»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin
ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie
spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?«
»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit
größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden
am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor.
Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von
höchster Wichtigkeit.«
Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur
Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen
Schreiber.«
‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn
eintreten.
Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen Schritten auf und
niederging, entgegen: »Das kömmt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen
Künsten! von deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen kömmt
Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, warum bin ich dir
gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und Schande!«
»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus seinen Freund.
Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich
in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn;
lies.«
Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen
gethan:
Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das
Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten
freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.
Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen
ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen
Königs: eher fall’ ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern
gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und
Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’
Nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch
auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines
Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen
ehrenvollen Ausweg: sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen
Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie
deiner. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf
das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen
sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den
Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König
der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine
Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein
Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache
dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann
mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein
ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.«
Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch
hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine
Blick beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich
abermals. »Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche
Versuchung! –«
Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch
die Verzweiflung führt.«
»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn .. –«
»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus.
»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf
mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich
es ihm doch selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet jetzt
und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann
ich nicht. Und sag’ ich nein: – darf ich des Kaisers Heer als vernichtet
anseh’n. Und muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.«
Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend.
Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog
verschönend über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war
in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar
ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge thun,«
sagte er zaudernd.
»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.«
»Entweder wirklich annehmen –«
»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte
erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb
dir dein Leben.«
»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich
einziehn in Ravenna. Und – – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach
Byzanz schicken.«
»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar.
»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig.
»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.«
»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das
entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.«
»Nein, nein, das thu’ ich nicht.«
»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich
gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in
Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den
Verderber seines besten Heeres loben!«
»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar.
Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit
gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für
deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann
neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?«
Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem
sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop
erstaunte.
»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft
in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir,
Belisarius?« Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm
treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.
»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.«
»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt
als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner
Treue.«
»Das weiß der Himmel.«
»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an beiden Händen –
»herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen,
sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du
bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes.
Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in Ravenna ein, laß
dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen.
Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich,
du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer
Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all’ dies in
Händen hast, – du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem
Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein
Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue
noch nie auf Erden erprobt.«
Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.
»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ Dank. Das ist groß
gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!«
Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thüre.
»Armer Witichis,« flüsterte Prokop ihm zu: »er wird diesem Musterstück von
Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er verloren.«
»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und draußen vor dem Zelt
warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch
du selber, Belisar.«
‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.
»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann
geht’s zum Kampf?«
»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen ab und gürte dich, zu
reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?«
– »An den Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, zum Glück
sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn
Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal
harrt auf deine Wiederkunft.«
‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht,
berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten
Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das
Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.
Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens
folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf
den König blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so
edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd’ ich
ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir
blindlings folge. Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden:
denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König
sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als
einem Goten nachstehn. Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut und
groß gehandelt.«
»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr
thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!«
»Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und
Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?«
sagte Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten Könige
und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und
erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien
von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich
wahrlich nicht besser als Theoderich.«
»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. »Nie unterwerf’ ich
mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. –
Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul
gerannt?«
»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. Es ist das Einzige, was
mir an ihm gefallen hat.«
»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben
im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine
Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen
Feind.«
Und fast alle Versammelten stimmten bei.
»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. – »Von je
hab’ ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es
deutlich: ihr habt unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier,
der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s nie bereuen! Mir
aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn.
Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt:
mit Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.«
Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch
umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen
lag. »Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna
besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren
Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese,
sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den
verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.«
»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt!
Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der
Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt
wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne.
Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne,
wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja
aber, denk’ ich, zieht mit mir davon.«
‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die
Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des
Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte,
welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese
und segneten den König.
Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß
sie sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld: – sprach Witichis
aufatmend – auch sie wird bald frei und meiner ledig.«
Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der
innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. – Ein langer
Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit
Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest
der stark gerüsteten Männer.
»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.«
»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab
Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo
willst du hin?«
»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Mehrere Tage waren vergangen, bis die Königin Mataswintha sich aus den
wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Träumen gequälten
Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte.
Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Außenwelt und den gewaltigen
Entscheidungen gegenüber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine
Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefühl ihrer ungeheuern
frevelhaften Thaten.
Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie
die Fackel in der Hand durch die Nacht gestürmt war, in zerstörende Reue,
in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge
That gethan, hatte sie der Erdstoß in die Kniee geworfen: und ihr von
allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten
Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich über ihre Unthat
empören: sie sah die Rache des Himmels hereinbrechen über ihr schuldiges
Haupt.
Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die
ihre Hand entzündet, riesengroß emporsteigen sah, als sie das
tausendstimmige Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien
jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu
verfluchen. Sie verlor das Bewußtsein: sie brach zusammen unter den Folgen
ihrer That.
Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmählich des Geschehenen
wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den König völlig
gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue über ihre That, zitternde
Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfüllte sie ganz.
Um so mehr, als sie selbst wußte und von allen Seiten vernahm, wie der
Untergang der Speicher den König zur Ergebung an seine Feinde zwingen
werde.
Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand,
selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemächern sich zu erkundigen, beschwor
sie die staunende Aspa, um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten
zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und
häufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden
auffordern ließ, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhändig die
für sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit maßloser Freigebigkeit
Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen.
Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem
Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade
gebeten hatte, sie möchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes
die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewähren.
Es gelte des Königs Heil: es gelte zu warnen vor thätigem, überführbarem
Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha
gewährte eifrig die Bitte. –
Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen,
was auch nur mit dem Verwand seiner Rettung an sie trat. Auf
Sonnenuntergang bestellte sie das Weib. –
Die Sonne war gesunken. Der Süden kennt fast keine Dämmerung. Es war
finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine
Sklavin winkte. Die Königin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur
achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht sei sie sehr schwach.
Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem König gelte.
»Ist das aber auch gewiß wahr?« forschte die Sklavin. »Nicht unnütz möcht’
ich meine Herrin mühen:« – es war Aspa – »wenn ihr nur Gold damit erlisten
wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: – nur
schont meine Herrin. Gilt es dem König wirklich?«
»Es gilt dem König!« Seufzend führte Aspa die Frau in das Gemach
Mataswinthens.
Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in
leichtes, weißes Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des großen
Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die
goldene Ampel, die über demselben in die Wand eingelassen war, brannte
bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers müde sitzen.
»Tritt näher,« sprach sie. »Es gilt dem König? warum zögerst du? Rede.«
Das Weib deutete auf Aspa. »Sie ist verschwiegen und treu.« – »Sie ist ein
Weib.« Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Mädchen.
»Amalungentochter – ich weiß: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich
zu ihm geführt. – (Wie wunderschön sie ist, obzwar todesblaß!) Doch,
Gotenkönigin bist du: _seine_ Königin – ob du ihn auch nicht liebst: –
sein Reich, sein Sieg muß dir das Höchste sein.«
Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. »So denkt jede Bettlerin
im Gotenvolk!« seufzte sie.
»Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gründen.
So sprech’ ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu
warnen. Höre mich.« Und sie trat näher, scharf auf die Königin blickend.
»Wie seltsam,« sprach sie zu sich selbst. »Welche Ähnlichkeit der
Gestalt.«
»Verrat! Noch mehr Verrat?« – »So ahnst auch du Verrat?« – »Gleichviel.
Von wem? Von Byzanz? Von außen? Von dem Präfekten?«
»Nein,« sprach das Weib kopfschüttelnd. »Nicht von außen. Von innen. Nicht
von einem Mann. Von einem Weib.«
»Was redest du?« sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. »Wie kann ein
Weib –«
»Dem Helden schaden? Durch höllische Bosheit des Herzens! Nicht mit
Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtückischem Gift oder,
wie schon geschehen – mit heimtückischem Feuer.«
»Halt ein!« Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurück an den
Mosaiktisch, sich daran lehnend.
Aber das Weib folgte ihr, leise flüsternd: »Wisse das Unglaubliche, das
Schändliche! Der König glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe
sein Korn verbrannt. Ich aber weiß es besser. Und auch Er soll es wissen.
Wissen, gewarnt durch _deinen_ Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die
Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergänge eilen
und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du
willst hinweg? Nein, höre nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen.
Den Namen? Ich weiß ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam
mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen – diese
Schlange von Smaragd.«
Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den
Armreif erhebend.
Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden
nackten Arme. – Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhülle. Ihr rotes
Haar flutete nieder und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken
Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.
»Ah!« schrie das Weib laut auf. »Beim Gott der Treue! Du! Du selber
bist’s!
Seine Königin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch über dich! Das soll er
wissen!«
Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen
zurück. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als
sie eintrat, war die Königin schon allein. Der Vorhang des großen Eingangs
rauschte. Die Bettlerin war verschwunden.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes,
Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer
Heerführer in den Palast des Königs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die
näheren Bedingungen und die Formen der Übergabe.
Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen.
Die beiden Hauptwünsche, um deren willen das Volk den ganzen schweren
Kampf getragen, würden erreicht: sie würden frei sein und im ungeteilten
Besitz des fruchtbaren Südlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war.
Das war weitaus mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit
dem Abzug von Rom und dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu
erwarten war. Und die Häupter der Sippen und sonst die einflußreichsten
Männer im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden Schritt Belisars
verständigt wurden, billigten vollständig die beschlossenen Bedingungen.
Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus
Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna
stehende Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die
Unmöglichkeit ein, in der ausgesogenen Landschaft außer den Truppen
Belisars mit dessen Vorräten auch noch das gotische Heer und die
Bevölkerung zu versorgen: und so bewilligte er die Forderung Belisars, daß
die Goten, in Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Thoren der
Stadt hinausgeführt und in allen Richtungen nach ihren Heimstätten
entlassen würden.
Belisar fürchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge
Verrat, den man vor hatte, ruchtbar würde: und er wünschte deshalb die
Verteilung des aufgelösten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von
Ravenna, so hoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu
dämpfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, die letzten festen Plätze der
Goten in ganz Italien, konnten dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen
sie gewendeten Macht widerstehen.
Die Ausführung dieser Maßregeln erforderte mehrere Tage Zeit.
Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschloß
Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Hälfte
in das byzantinische Lager verlegt, die andre Hälfte in den Quartieren der
Stadt verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnäckigen
Anhängern Justinians zu brechen.
Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am
meisten wunderte, war, daß nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den
Zinnen des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzenträger Belisars dort
oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern.
Gegen einen etwaigen Versuch des Präfekten, sich wie in Rom durch
Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte
Belisar vorsichtige Maßregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und
lächelte. Er that nichts dagegen.
Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glänzender
Rüstung in das Zelt Belisars.
Er traf nur Prokop. »Seid ihr bereit?« fragte er. »Vollständig.« –
»Welches ist der Moment?« – »Der Augenblick, in dem der König im Schloßhof
zu Pferde steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht.«
»Wieder einmal alles?« lächelte der Präfekt. »Eins habt ihr mir doch noch
übrig gelassen. Es wird nicht ausbleiben, daß die Barbaren, sowie unser
Plan gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern
werden. Mitleid und Rachedurst für ihren König könnten sie zu sehr wilden
Thaten führen.
Die ganze Begeisterung für Witichis und die Entrüstung gegen uns würde nun
im Keim erstickt, und die Goten sähen sich nicht von uns, sondern von
ihrem König verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen würde, er
habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenkönig und Rebellen gegen
Justinian, sondern einfach an den Feldherrn Justinians übergeben. Jene
Empörung Belisars, die ja auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den
Goten als eine bloße von ihrem König ersonnene Lüge, die Schande der
Ergebung ihnen zu verhüllen.«
»Das wäre vortrefflich; aber Witichis wird das nicht thun.«
»Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den
Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?«
»Er hat nur einmal unterschrieben.«
»Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir
aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf daß auch Belisar,« lächelte
er, »das wertvolle Schriftstück besitze.«
Prokop blickte hinein. – »Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich
kein gotisch Schwert mehr für ihn. Aber –«
»Laß die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig,
im Drang des Augenblicks, ohne zu lesen« –
»Oder?«
»Oder,« vollendete Cethegus finster, »er unterschreibt später.
Unfreiwillig. – – Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug
nicht begleite. Meinen Glückwunsch an Belisar.«
Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht
gerüstet und blickte düster vor sich hin.
»Eile, Feldherr,« mahnte Prokop, »Ravenna harrt ihres Besiegers. Der
Einzug –«
»Nichts von Einzug,« sprach Belisar grimmig. »Ruf’ die Soldaten ab. Mich
reut der ganze Handel.«
Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen.
»Belisar!« rief Prokop entsetzt, »welcher Dämon hat dir das eingeblasen?«
»Ich!« sagte Antonina stolz, »was sagst du nun?« »Ich sage, daß große
Staatsmänner keine Frauen haben sollten!« rief Prokop ärgerlich. »Belisar
entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab’ ihn unter
Thränen ... –«
»Versteht sich,« brummte Prokop, »die kommen stets zu rechter Zeit.« –
»Unter Thränen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so
schwarzem Verrat befleckt sehen.«
»Und ich will’s nicht sein. Lieber reit’ ich besiegt im Orcus ein, denn
also als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht
abgegangen. – Also ist’s noch Zeit.«
»Nein,« sagte Cethegus herrisch, von der Thür ins Zelt schreitend. »Zum
Glück für dich ist’s nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen
an den Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glück gewünscht, daß
sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg
beendet.«
»Ah, Präfekt,« rief Belisar. »Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser
Eifer?«
»Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem
Glücke zwingen muß. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein
Italien zerfleischt.« Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch
jetzt der dämonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu
entgehen vermochte. »Wag’ es, versuch es jetzt! Tritt zurück, enttäusche
Witichis und opfre einer Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein
Heer. Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas
Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten rufen: rüste dich! Es bleibt dir
keine Wahl!« Und er eilte hinaus.
Bestürzt sah ihm Antonina nach. »Prokop,« fragte sie dann, »weiß es der
Kaiser wirklich schon?«
»Und wenn er es noch nicht wüßte, – zu viele sind schon in das Geheimnis
eingeweiht. Nachträglich erfährt er jedenfalls, daß Ravenna und Italien
sein war, und – daß Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur
daß er sie erlangt und – abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian.«
»Ja,« sagte Belisar seufzend, »er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl.«
»So geh,« sprach Antonina eingeschüchtert. »Mir aber sei’s erlassen, bei
diesem Einzug dich zu begleiten: – es ist ein Schlingenlegen, kein
Triumph!«
‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
Die Bevölkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren über die näheren
Bestimmungen, war doch gewiß, daß der Friede geschlossen und den langen
und schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei.
Und die Bürger hatten in aufatmender Freude über diese Erlösung die
Trümmer, die das Erdbeben auf sehr viele Straßen geworfen, hinweggeräumt
und ihre befreite Stadt festlich geschmückt. Laubgewinde, Fahnen und
Teppiche zierten die Straßen, das Volk drängte sich auf den großen Fora,
in den Lagunenkanälen und in den Bädern und Basiliken in freudiger
Bewegung, begierig, den Helden Belisar und das Heer zu sehen, die so lange
ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren überwunden hatten.
Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend
ein, während die in schwachen Zahlen überall zerstreuten gotischen Posten
mit Schweigen und mit Widerwillen die verhaßten Feinde in die Residenz
Theoderichs einrücken sahen.
In dem ebenfalls reichgeschmückten Königspalast versammelten sich die
vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemächern des Königs. Dieser
bereitete sich, als die für den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte,
die königlichen Kleider anzulegen: – mit Befriedigung, denn es war ja das
letztenmal, daß er die Abzeichen einer Würde tragen sollte, die ihm nur
Schmerz und Unheil gebracht.
»Geh, Herzog Guntharis,« sprach er zu dem Wölsung, »Hildebad, mein
ungetreuer Kämmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine
Stelle: die Diener werden dir im Königsschatz die goldene Truhe zeigen,
die Krone, Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs
verwahren. Ich werde sie heute zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem
Helden abzuliefern, der sie nicht unwürdig tragen wird. Was giebt es dort
für Lärm!«
»Herr, ein Weib,« antwortete Graf Wisand, »eine gotische Bettlerin. Sie
hat sich schon dreimal herangedrängt. Sie will ihren Namen dir nur nennen!
Weise sie hinaus! –«
»Nein, sagt ihr, ich will sie hören: – heute Abend soll sie im Palast nach
mir fragen.«
Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der
Präfekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages
übergeben, die der Gotenkönig noch unterschreiben sollte. Aus dieser
unverdächtigen Hand, glaubte er, würde jener die Urkunde argloser nehmen.
Witichis begrüßte die Eintretenden. Bei dem Anblick des Präfekten flog
über sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glänzte, ein
dunkler Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: »Du hier, Präfekt von
Rom? Anders hat dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst
auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein
Justinianus wird dein Rom beherrschen.«
»Und soll es nicht, solange ich lebe.«
»Ich komme, König der Goten,« fiel Bessas ein, »dir den Vertrag mit
Belisar zur Unterschrift vorzulegen.«
»Ich hab’ ihn schon unterschrieben.« – »Es ist die für meinen Herrn
bestimmte Doppelschrift.«
»So gieb,« sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners
Hand nehmen.
Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: »Witichis,«
rief er, »der Königsschmuck ist verschwunden.«
»Was ist das?« fragte Witichis. »Hildebad allein führte die Schlüssel
davon.«
»Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren
Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die
Schriftzüge von Hildebads Schreiber.«
Der König nahm und las: »Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild
Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie
von mir holen.« »Die Rune H – für Hildebad.«
»Man muß ihn verfolgen,« sagte Cethegus finster, »bis er sich fügt.« Da
eilten Johannes und Demetrius herein. »Eile dich, König Witichis,«
drängten sie. »Hörst du die Tubatöne? Belisar hat schon die Porta des
Stilicho erreicht.«
»So laßt uns gehn,« sprach Witichis, ließ sich von den Dienern den
Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die
Schultern werfen und drückte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des
Schwertes reichte man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thür.
»Du hast nicht unterschrieben, Herr,« mahnte Bessas.
»So gieb,« und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners.
»Die Urkunde ist sehr lang,« sagte er hineinblickend und hob an zu lesen.
»Eile, König,« mahnte Johannes.
»Zum Lesen ist nicht mehr Zeit,« sagte Cethegus gleichgültig, und reichte
ihm die Schilffeder von dem Tisch. »Dann auch nicht mehr zum Schreiben,«
antwortete der König. »Du weißt: ich war ein König nach Bauernart, wie die
Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen:
gehen wir.« Und lächelnd gab er die Urkunde an den Präfekten und schritt
hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten.
Cethegus drückte das Pergament zusammen: »Warte nur,« flüsterte er
grimmig, »du sollst doch noch unterschreiben.« Langsam folgte er den
andern.
Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer.
Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang, der im Viereck den
ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische
Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewährten. Derselbe war
von Bewaffneten dicht gefüllt. An allen vier Thoren standen die
Lanzenträger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und
sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: »Nun, Byzantiner
genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist
vorsichtig – Da! – Witichis erscheint im Portal – Seine Goten sind noch
weit hinter ihm auf der Treppe. Des Königs Pferd wird vorgeführt. – Bessas
hält dem König den Bügel. – Witichis tritt heran, er hebt den Fuß. – Jetzt
ein Trompetenstoß. – Die Treppenthüre des Palastes fällt zu und schließt
die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reißt Prokop das Gotenbanner
nieder. – Johannes faßt seinen rechten Arm, brav Johannes. – Der König
ruft: »Verrat, Verrat!« Er wehrt sich mächtig. – Aber der lange Mantel
hemmt ihn. – Da, da, er strauchelt. – Er stürzt zu Boden. – Da liegt das
Reich der Goten.« – – –
‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
»Da liegt das Reich der Goten!« Mit diesen Worten begann auch Prokop die
Sätze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: »Ein wichtig Stück
Weltgeschichte hab’ ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun
nachts hier ein.
Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und
Königsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder
Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.
Es giebt eine höhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.
An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten überlegen: und sie haben es
nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen
in Ravenna schmähten heute ihren Männern laut ins Angesicht, als sie die
kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden
Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmütigster
Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn übermächtige
Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht für
sich haben.
Mir schlug das Herz im Bewußtsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner
heute niederriß und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die
Fahne des Unrechts erhob über dem Banner des Rechts.
Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare
Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Völker.
Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht _was_ wir ertragen,
erleben und erleiden – _wie_ wir es tragen, das macht den Mann zum Helden.
Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die
sein Banner herabriß, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen für die
kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: – da liegt das Reich
der Goten.«
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Und so schien es.
Auf das glücklichste war, dank den Maßregeln Prokops, der Streich
gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten
fiel und der König ergriffen ward, sahen sich die überraschten Goten
überall im Schloßhof, in den Straßen und Lagunen der Stadt, im Lager von
weit überlegenen Kräften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen
überall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betäubten die Waffen nieder:
– die wenigen, welche Widerstand versuchten, – so die nächste Umgebung des
Königs – wurden niedergestoßen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf
Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Großen des Heeres wurden
in getrennten Gewahrsam gebracht, der König in den »Zwinger Theoderichs«:
einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.
Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde
nicht gestört. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen
der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht für Kaiser Justinianus.
Prokopius wurde mit den goldenen Schlüsseln von Neapolis, Rom und Ravenna
nach Byzanz gesendet. Er sollte ausführlichen Bericht erstatten und für
Belisar Verlängerung des Amtes erbitten bis zur demnächst zu erwartenden
völligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die
Ehre des Triumphes, unter Aufführung des gefangenen Königs der Goten im
Hippodrom.
Denn Belisar sah den Krieg für beendet an. Cethegus teilte beinah diesen
Glauben. Doch fürchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes
über den geübten Verrat. Er sorgte daher dafür, daß über die Art des
Falles der Stadt vorläufig keine Kunde durch die Thore drang: und er
suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen König selbst als
ein Werkzeug zur Dämpfung des etwa neu auflodernden Nationalgefühls zu
verwerten. – Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach
Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern
verfolgen zu lassen.
Vergebens versuchte er, die Königin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener
Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und ließ niemand vor.
Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen
hingenommen. Der Präfekt bestellte ihr eine Ehrenwache – um sich ihrer zu
versichern. Denn er hatte noch große Pläne mit ihr vor.
Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs und schrieb ihr
dabei: »Mein Wort ist gelöst. König Witichis ist vernichtet. Du bist
gerächt und befreit. – Nun erfülle auch du meine Wünsche.«
Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop
beraubt, den Präfekten zu sich in den rechten Flügel des Palastes, wo er
sein Quartier aufgeschlagen. »Unerhörte Meuterei!« rief er dem
Eintretenden entgegen. – »Was ist geschehen?«
»Du weißt, ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern in die Schanze des
Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, daß
der Geist dieser Truppen unbotmäßig – ich rufe sie ab und Bessas ... –« –
»Nun?« – »Weigert den Gehorsam.« – »Ohne Grund? Unmöglich!«
»Lächerlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt
abgelaufen.« – »Nun?« – »Bessas erklärt, seit letzter Mitternacht hätt’
ich ihm nichts mehr zu befehlen.«
»Schändlich. Aber er ist im Recht.«
»Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein
Gesuch. Natürlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue
zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Übermorgen kann die
Nachricht da sein.«
»Vielleicht schon früher, Belisar. Die Leuchtturmwächter von Classis haben
schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht.
Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann
löst sich der Knoten von selbst.«
»Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwächter sollen die Schanze
stürmen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... –«
Da eilte Johannes atemlos herein. »Feldherr,« meldete er, »der Kaiser!
Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis.«
Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus
heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen
Mühen, das fast vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung
niederwerfen?
Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: »mein Kaiser? Woher weißt du?«
– »Er selbst kommt, dir für deine Siege zu danken. – Solche Ehre ward noch
keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum trägt die kaiserliche
Präsenzflagge. Purpur und Silber. Du weißt, das bedeutet, daß der Kaiser
an Bord.«
»Oder ein Glied seines Hauses!« verbesserte Cethegus in Gedanken,
aufatmend.
»Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen,« mahnte Belisar.
‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht, als ihnen auf dem Wege nach
Classis die ersten ausgeschifften Höflinge begegneten und im Palast
Quartier forderten, nicht für den Kaiser selbst, sondern für dessen
Neffen, den Prinzen Germanus.
»So sendet er doch den ersten nach ihm selbst,« sprach Belisar, sich
selber tröstend im Weitergehen zu Cethegus. »Germanus ist der edelste Mann
am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverführbar rein. Sie nennen ihn: »die
Lilie im Sumpf«. Aber du hörst mich nicht!«
»Vergieb, ich bemerke dort im Gedränge, unter den eben Gelandeten, meinen
jungen Freund Licinius.«
»Salve Cethege!« rief dieser, sich Weg zum Präfekten bahnend.
»Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?« fragte
er flüsternd.
»Das Abschiedswort: _Nike (Victoria)!_ und diesen Brief,« flüsterte der
Bote ebenso leise. – »Aber,« und seine Stirne furchte sich – »schicke mich
nie mehr zu diesem Weibe.« – »Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es
wird nie mehr nötig sein.«
Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben
der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich
geschmückten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch
zusammenströmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.
Cethegus faßte ihn scharf ins Auge. »Das bleiche Antlitz ist noch bleicher
geworden,« sagte er zu Licinius. »Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn
vergiftet, weil sie ihn nicht verführen konnte.«
Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der
ihn ehrfurchtsvoll begrüßte. »Gegrüßt auch du, Belisarius,« erwiderte er
ernst. »Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Präfekt? Wo
Bessas? Ah Cethegus,« sagte er, dessen Hand ergreifend, »ich freue mich,
den größten Mann Italiens wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der
Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebührt mein erster Gang. Ich bringe
ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in
ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Königin sein am Hofe zu Byzanz.«
»Das soll sie,« dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: »Ich
weiß: du kennst die Fürstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt.«
Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange. »Leider nicht ihr Herz. Ich
sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein
inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen.« »Ja, sie ist das schönste
Weib der Erde,« sagte der Präfekt, ruhig vor sich hin sehend. »Nimm diesen
Chrysopas zum Dank für dieses Wort,« sagte Germanus und steckte einen Ring
an des Präfekten Finger.
Damit traten sie in das Portal des Palastes.
»Jetzt, Mataswintha,« sprach Cethegus zu sich selbst, »jetzt hebt dein
zweites Leben an. Ich kenne kein römisch Weib – Ein Mädchen vielleicht
ausgenommen, das ich kannte! – das solcher Versuchung widerstehen könnte.
Soll diese rohe Germanin widerstehen?« –
Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt einigermaßen erholt und
die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an
der Seite des Präfekten in dem Thronsaal des großen Theoderich im
Mittelbau des Palastes.
An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch die Trophäen gotischer
Siege. Ein Säulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der
vierten erhob sich der Thron Theoderichs.
Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit
Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerführern im
Mittelgrund.
»Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser
Stadt Ravenna und von dem abendländischen Römerreich. An dich, Magister
Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es
selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus.«
Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, küßte das
Siegel, erhob sich wieder, öffnete und las:
»Justinianus, der Imperator der Römer, Herr des Morgen- und des
Abendreichs, Besieger der Perser und Saracenen, der Vandalen und Alanen,
der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen
und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, ehemals Magister
Militum.
Wir sind durch Cethegus den Präfekten von den Vorgängen unterrichtet, die
zum Fall von Ravenna geführt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir
mitgeteilt werden. Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung
von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und
wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir
befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren,
um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem
Vandalenkrieg können wir dir um so weniger gewähren, als weder Rom noch
Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Übergabe,
Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes über die Ketzer und höchst
verdächtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt,
vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk früherer Verdienste,
nicht ohne Gehör dich verurteilen wollen, – denn Morgenland und Abendland
sollen uns für ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit –
sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Ankläger beantragt. Ohne Ketten
– nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens – wirst du
vor unser kaiserliches Antlitz treten.«
Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht
mit den Händen: das Schreiben entfiel ihm.
Bessas hob es auf, küßte es und las weiter: »Zu deinem Nachfolger im
Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna übertragen wir dem
Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den
Italiern erhobenen höchst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so
eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien
ernennen wir den hochverdienten Präfekten von Rom, Cornelius Cethegus
Cäsarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgerüstet,
haftet mit seinem Haupt dafür, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der
Höhe von Ariminum zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz
führen wird.«
Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den
Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und
schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah.
Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Säule gelehnt
und starrte zur Erde.
Der Prinz faßte seine Rechte. »Es schmerzt mich, Belisarius, der Träger
solcher Botschaft zu sein. Ich übernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund
milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu drängten, ausführen
kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre
deiner frühern auf. Nie hätte ich von dem Helden Belisar solch Lügenspiel
erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, daß sein Bericht an den Kaiser dir
vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war
die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzündet hat. Aber du
hörst mich nicht. –« Und er legte die Hand auf seine Schulter.
Belisar schüttelte die Berührung ab. »Laß mich, Knabe – du bringst mir –
du bringst mir den echten Dank der Kronen.«
Vornehm richtete sich Germanus auf. »Belisar, du vergissest wer ich bin
und wer du bist.«
»Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Wächter. Ich gehe sofort
auf dein Schiff – erspare mir nur Ketten und Bande.«
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Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen, der in
vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persönlichen
Wünsche mit ihm besprach.
Er eilte, sowie er in seinen Gemächern, die er ebenfalls im Palaste
bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der
Kaiserin zu lesen.
Er lautete: »Du hast gesiegt, Cethegus.
Als ich dein Schreiben empfing, gedacht’ ich alter Zeiten, da deine
Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und
Kriegen handelten, sondern von Küssen und Rosen ... –«
»Daran müssen sie immer erinnern,« unterbrach sich der Präfekt.
»Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit
jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine
Jugendschönheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten
Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer
Jugend, der süßen. Und ich erkannte wohl, daß Antoninens Gemahl allzufest
in Zukunft stehn würde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn –
wie du geschrieben – dem Kaiser in die Ohren: »Allzugefährlich sei ein
Unterthan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben könne.
Keinen Feldherrn dürfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er
diesmal gegaukelt, könne er ein andermal im Ernst versuchen.« Diese Worte
wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine
Forderungen, gingen durch.
Denn Mißtraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden
– der Theodoras. Dein Bote Licinius ist _hübsch_ – aber unliebenswürdig:
er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt
keine Jugend mehr wie die unsre war. »Du hast gesiegt, Cethegus« – weißt
du noch den Abend, da ich dir diese Worte flüsterte? – Aber vergiß nicht,
wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora läßt sich nur solang
sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergiß das nie.«
»Gewiß nicht,« sagte Cethegus, das Schreiben sorgfältig zerstörend, »du
bist eine zu gefährliche Verbündete, Theodora, – nein, Dämonodora! – laß
sehn, ob du unersetzbar bist. – Geduld: – in wenig Wochen ist Mataswintha
in Byzanz. – Was bringst du?« fragte er den eintretenden Syphax, der
glänzende Waffen trug.
»Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den
Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: »Dein Freund hat meinen Dank
verdient. Da, nimm meine goldne Rüstung, den Helm mit dem weißen
Roßschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten
Gruß Belisars.«
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Rundturm, in dessen tiefen Gewölben Witichis gefangen saß, lag an dem
rechten Eckflügel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als König
gewohnt und geherrscht hatte.
Der Turm bildete mit seiner Eisenthür den Abschluß eines langen Ganges,
der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch
eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen
Hofpforte gegenüber lag im Erdgeschoß auf der linken Seite des Hofes die
kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes.
Sie bestand aus zwei kleinen Gemächern: das erste, von dem zweiten durch
einen Vorhang getrennt, war ein bloßes Vorzimmer. Das zweite Gemach
gewährte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den
Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im
Innengemach und zwei Stühle und Tische im äußern nebst den Schlüsseln an
den Wänden waren ihr ganzes Gerät.
Und auf der Holzbank an jenem Fenster saß Tag und Nacht, unverwandt den
Blick auf die Mauerlücke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des
Königs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. –
Es war Rauthgundis.
Niemals ließ ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. »Denn dort,« sagte
sie sich, »dort hängt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht.«
Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der
sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war,
als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten könne.
Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend
geworden.
Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten
Schatten über den Hof und diesen linken Flügel des Palastes.
»Dank dir, gütiger Himmelsherr,« sprach sie. »Auch deine schweren Schläge
treiben zum Heil.
Wär’ ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie
ich mir ausgesonnen, – nie hätte ich von dem Gang des Elends hier
vernommen. Oder doch viel zu spät. Aber mich zog die Sehnsucht nach der
Todesstätte des Kindes, in die Nähe unsres Ehehauses, – das zwar räumte
ich –: wußte ich denn, ob nicht sie, seine Königin, dort einsprechen
würde? So hausten wir in der Waldhütte nahe bei Fäsulä.
Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Mißlingens die andre
jagte, und als die Saracenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen
leuchten sah bis in mein Versteck, da war’s zu spät nach Norden zum Vater
zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was flüchtete
mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg
hierher – nach der Rabenstadt – wohin ich als sein Weib nie hatte kommen
wollen. Als flüchtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Roß Wallada und
sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.
Aber ihm zum Heil, – von Gott hierher gezwungen, – ob ich schon nicht
wollte – ihn zu retten, zu befreien von scheußlichem Verrat des eignen
Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte
nicht mehr mit ihm leben – aber – aber ich, – Rauthgundis! – darf ihn
retten.« –
Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte.
Ein Mann mit Licht trat heraus, ging über den Hof und trat alsbald in das
Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.
»Nun? sprich!« rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das
erste Gemach entgegeneilend.
»Geduld – Geduld – laß mich erst die Lampe niederstellen. So! – Nun, also:
er hat getrunken. Und es hat ihm wohl gethan.«
Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. »Was thut er?« fragte
sie dann.
»Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung. Auf dem Holzschemel,
den Rücken gegen die Thür gewandt, das Haupt in beide Hände gestützt. Er
giebt mir keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst
gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angethan.
Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach:
»Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden:« – da blickte er auf.
So traurig, so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz.
Und that einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte
tief, tief, daß es mir durch die Seele schnitt.«
Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen.
»Weiß Gott, was er Böses mit ihm vor hat!« brummte der Alte leise vor sich
hin.
»Was sagst du?«
»Ich sage, du mußt jetzt auch einmal tüchtig essen und trinken. Sonst
verlassen dich die Kräfte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau.«
»Ich werde sie haben.« – »So nimm wenigstens einen Becher Wein.« – »Von
diesem? Nein, der ist für ihn allein.« Und sie trat in das innere Gemach
zurück, wo sie ihren alten Platz einnahm.
»Der Krug reicht ja noch lang,« fuhr der alte Dromon für sich fort. »Und
ich fürchte: wir müssen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da
kömmt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst .. –«
Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Königin die Sturmhaube
und seinen Mantel mit Gewändern Dromons vertauscht. »Gute Botschaft bring
ich,« sprach er im Eintreten. »Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich
pochte vergeblich.«
»Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.«
»Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark – was seh’ ich? Das ist
ja alter, köstlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?«
»Womit?« wiederholte der Alte, »mit dem edelsten Golde der Welt!« Und
seine Stimme bebte vor Rührung. »Ich erzählte ihr, daß der Präfekt ihn
absichtlich Mangel leiden lasse, daß er elend werde. Seit vielen Tagen hat
man mir gar keine Speise für ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein
Gewissen, nur dadurch erhalten, daß ich den andern Gefangnen an dem Ihren
abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: »Nicht wahr,
Dromon, die reichen Römerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der
Germaninnen so hoch?« Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja.
Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schönen,
goldbraunen Flechten und Zöpfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der
Wein bezahlt.«
Da stürzte Wachis in das nächste Gemach, warf sich vor ihr nieder und
bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Küssen. »O Herrin« – rief er mit
versagender Stimme – »goldne, goldtreue Frau!«
»Was treibst du, Wachis? steh auf und erzähle.«
»Ja, erzähle,« sprach Dromon hinzutretend, »was rät mein Sohn?«
»Wozu brauchen wir seinen Rat?« sprach die Frau. »Ich, ich allein will es
vollenden.«
»Sehr nötig brauchen wir ihn. Der Präfekt hat aus allen jungen Ravennaten,
nach dem Muster der römischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen
Paulus auch eingereiht. Zum Glück hat er diesen Legionaren die Bewachung
der Stadtthore anvertraut. – Die Byzantiner liegen draußen im Hafen, seine
Isaurier hier im Palast.«
»Die Thore nun,« fuhr Wachis fort, »werden zur Nacht sorgfältig gesperrt.
Aber die Mauerlücke am Turme des Aëtius ist immer noch nicht ausgebaut.
Nur die Wachen stehen dort.«
»Wann trifft meinen Sohn die Wache?«
»In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.«
»Allen Heiligen sei Dank. Viel länger dürft’ es nicht währen: – ich
fürchte ... –« Und er stockte.
»Was? sprich,« mahnte Rauthgundis entschlossen. »Ich kann alles hören.«
»Es ist am Ende besser, du weißt es. Denn du bist klüger und findiger als
wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fürchte: sie haben’s schlimm
mit ihm vor.
So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.
Aber seit der fortgebracht und der Präfekt, der schweigsam kalte Dämon,
Herr im Palast ist, hat’s ein gefährlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn
selbst im Kerker.
Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im
Gang gelauscht. Er muß aber wenig ausrichten. Denn der Herr giebt ihm,
glaub’ ich, gar keine Antwort. Und wenn der Präfekt herauskommt, blickt er
so finster wie – wie der König der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte
ich keinen Wein und keine Speisen für ihn als ein kleines Stück Brot. Und
die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe.«
Rauthgundis seufzte tief.
»Und gestern, als der Präfekt herauf kam, – er sah grimmiger als je darein
– da fragte er mich .. –«
»Nun? sprich es aus, was es auch sei!«
»Ob die Foltergeräte in Ordnung seien.«
Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. »Der Neiding!« rief Wachis, »was
hast du« – »Sorget nicht, eine Weile hat’s noch gute Wege.
»Clarissime,« antwortete ich, – und es ist die reine Wahrheit – »die
Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze
saubere Qualzeug liegt in schönster Ordnung alles beisammen.« – »Wo?«
fragte er. »Im tiefen Meer. Ich selbst hab’ es, schon auf König
Theoderichs Befehl, hineingeworfen.« Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer
Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die
Geräte an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das
Foltern völlig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen
Glieder. Und darum wag’ ich mit Freuden meinen Hals für ihn. Und will
auch, wenn’s nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber
lange dürfen wir nicht säumen. Denn der Präfekt bedarf nicht meiner Zangen
und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe quälen will. Ich
fürcht’ ihn, wie den Teufel.«
»Ich haß’ ihn, wie die Lüge,« sagte Rauthgundis grimmig.
»Darum müssen wir rasch sein, eh’ er seine schwarzen Gedanken vollführen
kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten König. Ich weiß nicht, was er
noch weiter von dem armen Gefangnen will. Also hört und merkt euch meinen
Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den
Nachttrunk bringe, schließe ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen
Mantel über und führe ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.
Von da kömmt er ungehindert bis an das Thor des Palastes, wo ihn die
Thorwache um die Losung frägt. Diese werd’ ich ihm sagen.
Ist er auf der Straße, dann rasch an den Turm des Aëtius, wo ihn mein
Paulus die Mauerlücke passieren läßt. Draußen im Pinienwald, im Hain der
Diana, wenige Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf
Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis.
Er flieht am sichersten allein.«
»Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden.
Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab’ ihm nur Unglück gebracht. Ich
will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die
Freiheit tritt.«
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Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle der Macht.
Er war Statthalter von Italien: in allen Städten wurden auf seine
Anordnung die Befestigungen geflickt und verstärkt, die Bürger an die
Waffen gewöhnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise
Gegengewicht zu halten. Ihre Heerführer hatten kein Glück, die
Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte.
Und mit Vergnügen vernahm Cethegus, daß Hildebad, dessen Schar sich durch
Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhöht, Acacius, der ihn mit
tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurückgeschlagen
hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus
entgegenrückte, verlegte ihm alle Wege – er wollte nach Tarvisium zu
Totila – und nötigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismuth
besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die
Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen
und schon sah der Präfekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen
würde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten.
Es freute ihn, daß die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung
sich offen vor ganz Italien als unfähig erwies, den letzten Widerstand der
Goten zu brechen. Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung, die
Belisar überall, wo er einzog, mit sich führen mußte – er konnte die auf
Befehl des Kaisers geübte Aussaugung nicht hindern – erweckte oder
steigerte in den Städten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die
Oströmer. Cethegus hütete sich wohl, wie Belisar gethan, den ärgsten
Übergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, daß in
Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedrücker in offnem Aufruhr
emporloderte.
Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht verächtlich,
ihre Tyrannei verhaßt genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen
werden, frei zu sein und der Befreier, der Beherrscher hieß Cethegus.
Dabei verließ ihn nur die Eine Besorgnis nicht – denn er war fern von
Unterschätzung seiner Feinde, – der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch
nicht ausgetreten, könne nochmal aufflammen, geschürt durch die Entrüstung
des Volkes über den geübten Verrat.
Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht, daß die tiefstgehaßten Führer der
Goten, daß Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen
worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen,
trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenkönig die Erklärung zu
entreißen, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung
unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand
aufzugeben.
Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen
lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher,
schon um fremde Fürsten und Söldner zu gewinnen und anzuziehen, von
höchster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte
Hoffnung, ihre geschwächte Kraft durch fremde Waffen zu ergänzen. Und viel
lag dem Präfekten daran, jenen als unermeßlich reich von der Sage
gepriesenen Hort nicht in die Hände der Byzantiner fallen zu lassen, deren
Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner
Pläne war: sondern ihn sich selbst zu sichern, – auch seine Mittel waren
ja nicht unerschöpflich.
Aber all sein Bemühen schien an der Unerschütterlichkeit seines Gefangnen
zu scheitern.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.
Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau
einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von
Bern ihrer warten sollte.
Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn
gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt.
Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und
sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder,
schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand
er keine Worte.
»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz,
»ist er tot?«
»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor
einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich
schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die
Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab:
er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte
Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich
hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da
warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer
trennen können.
»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der
Hand.«
»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«
»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle
thun können? Nichts andres!«
»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt
geschehn?«
»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«
»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«
»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.«
Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die
Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.
»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«
»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der
Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.«
»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner
nutzlosen Wacht.«
»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht
kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie
nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn
ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm,
wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein
Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie
beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches
Dromons und wog das schwere Beil.
Aber Rauthgundis irrte.
Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an
sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes
geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des
Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung
des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch,
daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.
»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken,
die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«
»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du
versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen
führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.«
»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.
Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt
der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu
führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit
Witichis war erzwungen und nichtig.«
»Ich sagte dir schon: nein, niemals!«
»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen.
Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem
Wege nach Byzanz.«
»Niemals.«
»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren
Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden.
Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber
ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«
Mataswintha schüttelte das Haupt.
»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich
nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen
Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt
liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die
Herrschaft lieben?«
»Ich liebe nur ... –! Niemals!«
»So muß ich dich zwingen!«