Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das
Licht und verschwand plötzlich. –
Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus. Denn
jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! – Ein
leises Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stöße: als hebe sich
wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten.
Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Thüren der Basilika stürzte
in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die
Frau hielt sich mit Mühe aufrecht.
Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes
Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten.
Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte,
drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte
sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre
zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte
ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der
Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises
Seufzen zu vernehmen.
»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?«
»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber –
vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen
auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er’s
wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von
Gewändern – und Stille.
»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend.
Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß – und zeigte, vor
ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue
Frauenkleider. – Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.
Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im
Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein
Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange
von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der
Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.
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Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad,
Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: – was ist? wohin soll
ich?« fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des
Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius
liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!«
»Ich komme: – – armer Fridugern!«
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In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner
Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller
Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine
Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was
säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von
selber ein.
Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? was
thust du in deinem Zelt? – –«
»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe.
Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein
Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des
Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber:
stürme!«
»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel!
Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott
der Herr spricht in diesen Wettern!«
»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und
ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?«
»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. –
»Aber es ist finstre Nacht. – –«
»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch
leuchten die Blitze.«
»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar.
»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.