Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. –

Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o

wie gerne, gethan. So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht.

»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch

ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich

habe hart von dir gedacht.«

»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es wäre vielleicht manches

besser.«

»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt – du hast

ein Recht, es zu wissen – brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf

deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die

Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. Es bleibt nur

noch ein letztes: ein freier Tod.«

»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, und ihre Augen

leuchteten. – »Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme

finden am Hofe von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen meine

Königin geworden .. – Du kannst dich laut darauf berufen.«

»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert.

Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die

andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern!

Belisar hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: –

eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich.

Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, daß zweihundert

Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluß

herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!

Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine

Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen,

so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll.

Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.«

»Ich will mit dir –, mit euch sterben.«

»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen.

Bis dahin reichen meine Speicher – der letzte Trost. Doch, das mahnt mich

an deinen Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der Speicher.

Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: – er

verwahrt meine letzte Hoffnung. Er schließt das Leben von vielen Tausenden

ein. Es war meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich

wundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht die Erde sich aufgethan

hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu

verschlingen.«

Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt’

ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.«

»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte sie, verbessernd, und

griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.

»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend,

– sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides – »du

zitterst? Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu.

»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so – so wie jetzt und wie

heute morgen ... –« »Vergieb mir, Königin,« sagte Witichis, sich

abwendend. »Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht

viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich

all dies Unglück verdient haben könnte ...« – seine Stimme wurde weich.

»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr

an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.

»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es

nicht Strafe sei für eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen

Geschöpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und

unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin.

Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht zu halten, nach

der Lehne des Stuhles neben ihr. »Endlich – endlich erweicht sein Herz und

ich – was habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –«

»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte

sagen können.« – »Halt ein!« flüsterte sie so leise, daß er es nicht

vernahm. »Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher,

milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein Herz mit Macht:

und Thränen drangen in meine Augen.« –

»O Witichis!« hauchte Mataswintha.

»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst

mich dann so ganz, so herzerschütternd an –«

»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß.

»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib

Rauthgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten

Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang

die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend

bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen.

Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die

Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft

verzerrte. Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.

Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die

durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war,

während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches

Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus

dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern

flogen.

»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?«

Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und

richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt

vorbei: – leb wohl!« Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen

bewußtlos in Aspas Arme.

‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur

noch gesteigert.

Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war

der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die

Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen

unbeweglich, wie Verderben brütend, über dem Meere stand und die Hälfte

des Horizonts bedeckte.

Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus

dem unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch

abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser

unleidlichen Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der

jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich,

bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schloßgarten standen

regungslos.

Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und

Unruhe geraten. An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben,

Möwen und Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der

Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber

liefen die Hunde winselnd aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den

Ställen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich;

kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren

Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode in wütenden Anstrengungen,

zu entkommen. –

Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont

zu sinken.

Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe

vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte

Rebenzweig über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem

Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme

Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt

vollends, was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht

zerstampft haben.«

»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein

römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische

Runde.

»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und

Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der

lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn

er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten möchten vor

Trockenheit.«

Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam

heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter.

Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog

in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken

Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, in dessen Schatten oben auf dem

Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde

Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und Rot seines

Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes

Ansehn.

»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh! Blitzjunge, hältst

du’s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer

– uf!«

»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft.

»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar

stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute

kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf dem

Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – laß uns beide zu Munde

führen.«

Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich.

»Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: –

schicke mir einen Becher Wein herauf.«

»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den

Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei

gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O

lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann’s

ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter

werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann

allein Allgunthens Minne trinken.«

Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte

ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All

Heil, Allgunthis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze

wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen

Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er,

»das wehrt kein Dienst. Wann werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er

schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen

Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. –

Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der

Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii

hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden

gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und

mißmutig verließ der Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so

schien es, an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. –

Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden.

Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden: er schob

die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten

jetzt dicht und schwer über der Stadt.

Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine

zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich

unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land

war jetzt ein schwarzes Gewölbe.

Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii:

»Noch immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und

noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert

mich! Gute Wache!«

In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heißen

Sandwüsten Afrikas.

Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des

Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder

lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken.

Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und

es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht.

‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Königin, mit

todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die

weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit.

Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und

zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.

Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder.

Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! Mataswintha – Rauthgundis –

Witichis!

Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf

dieser Worte unterbrechen zu können.

Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und

im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner,

wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über

die bebende Stadt.

Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte

sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen.

Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen

ihres Haares über die Schultern und lauschte.

Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.

Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe

führte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden

Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der

Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf

der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt

und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend.

Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer

geschlossenen Glaskugel brannte.

»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine

Lemure. Wie die Rachegöttin!«

»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es war das erste Wort seit

langen Stunden, – ohne den Blick vom Fenster zu wenden.

Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloß das Fenster. »O

Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt,

das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu

richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch’ ein Blitz! Und noch kein

Tropfen Regen. Nie hab’ ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen

schwer.«

»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen

und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder

liebt.«

»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme gerade zurück. Alles Volk

strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich

bete zu Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?«

»Ich fluche! Das ist auch gebetet.«

»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in

die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren

Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus

den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.

»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die

Afrikanern.

»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit!

Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der

Straße? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein

Himmelsgott oder Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: um

die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz!

Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde

vergehn: und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! Ha, was war

das?«

Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte.

Aspa fuhr vom Boden auf.

»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber?

Der Blitz hat wohl gezündet: – brennt es?«

»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur

beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Königs.«

»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch die

Sterblichen führen den Blitz der Rache.«

Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach war plötzlich dunkel.

»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und

sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst

nach ihrer Herrin.

‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐

Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein

frommer Zug.

Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit

Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und

Fahnen. Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des

Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:

_dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:_

_malo mori quam foedari: major vis amoris est._

Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:

_parce, judex, contristatis parce pecatoribus,_

_qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus._

Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der

Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.

Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der Speicher gegenüber, saß

das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente,

die Hände nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der

Sturmhaube stand neben ihr.

Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines

Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft

genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?«

»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm mit in die Kirche und bete

mit uns.«

»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?«

»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme

das Ende der Welt.«

»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.«

»Und bete für unsern guten König, der uns Brot giebt alle Tage.« – »Ich

bete für ihn.«

Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich

an der Basilika kreuzten.

»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber

brumme mir nicht in meinen Befehl.

Ein Kampf um Rom: Historischer Roman. Zweiter Band · 第 14 / 23 题