»Ja«, sagte Wüllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete,
»die ist uns über.«
»Finde ich auch.«
»Und das ist auch der Grund, daß Ihnen alles andere so fraglich
erscheint.«
»Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese
schlichten Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht
gewollten Anklage haben mich wieder vollends aus dem Häuschen
gebracht. Es quält mich seit Jahr und Tag schon, und ich möchte aus
dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefällt mir mehr; je mehr man
mich auszeichnet, je mehr fühle ich, daß dies alles nichts ist. Mein
Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht, ich
müßte mit all den Strebungen und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zu
tun haben und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentliches ist,
als ein höherer Sittendirektor verwenden können. Es hat ja dergleichen
gegeben. Ich müßte also, wenn's ginge, solche schrecklich berühmte
Figur werden, wie beispielsweise der Doktor Wichern im Rauhen Hause
zu Hamburg gewesen ist, dieser Mirakelmensch, der alle Verbrecher mit
seinem Blick und seiner Frömmigkeit bändigte ...«
»Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das würde gehen.«
»Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht mal. Mir ist eben alles
verschlossen. Wie soll ich einen Totschläger an seiner Seele packen?
Dazu muß man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr ist und
selber so was an den Fingerspitzen hat, dann muß man wenigstens vor
seinen zu bekehrenden Confratres den wahnsinnigen Büßer spielen und
eine Riesenzerknirschung zum besten geben können.«
Wüllersdorf nickte.
Nun, sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. Den
Mann im Büßerhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder
Fakir, der unter Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht.
Und da hab ich mir denn, weil das alles nicht geht, als ein Bestes
herausgeklügelt: weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze
Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Glücklichen! Denn
gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem schuld. Aus
Passion, was am Ende gehen möchte, tut man dergleichen nicht. Also
bloßen Vorstellungen zuliebe ... Vorstellungen! ... Und da klappt denn
einer zusammen, und man klappt selber nach. Bloß noch schlimmer.«
»Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfälle. Quer durch Afrika,
was soll das heißen? Das ist für 'nen Leutnant, der Schulden
hat. Aber ein Mann wie Sie! Wollen Sie mit einem roten Fes einem
Palaver präsidieren oder mit einem Schwiegersohn von König Mtesa
Blutfreundschaft schließen? Oder wollen Sie sich in einem Tropenhelm,
mit sechs Löchern oben, am Kongo entlangtasten, bis Sie bei Kamerun
oder da herum wieder herauskommen? Unmöglich!«
»Unmöglich? Warum? Und wenn unmöglich, was dann?« »Einfach hierbleiben
und Resignation üben. Wer ist denn unbedrückt? Wer sagte nicht jeden
Tag: 'Eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte.' Sie wissen, ich
habe auch mein Päckchen zu tragen, nicht gerade das Ihrige, aber nicht
viel leichter. Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder
In-einem-Termitenhügel-Nächtigen; wer's mag, der mag es, aber für
unserem ist es nichts. In der Bresche stehen und aushalten, bis man
fällt, das ist das beste. Vorher aber im kleinen und kleinsten so viel
herausschlagen wie möglich und ein Auge dafür haben, wenn die Veilchen
blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht oder die kleinen Mädchen
mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen. Oder auch wohl nach
Potsdam fahren und in die Friedenskirche gehen, wo Kaiser Friedrich
liegt und wo sie jetzt eben anfangen, ihm ein Grabhaus zu bauen. Und
wenn Sie da stehen, dann überlegen Sie sich das Leben von dem, und
wenn Sie dann nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu
helfen.«
»Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder einzelne Tag ... und dann
der Abend.«
»Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden. Da haben wir
'Sardanapal' oder 'Coppelia' mit der del Era, und wenn es damit aus
ist, dann haben wir Siechen. Nicht zu verachten. Drei Seidel beruhigen
jedesmal. Es gibt immer noch viele, sehr viele, die zu der ganzen
Sache nicht anders stehen wie wir, und einer, dem auch viel verquer
gegangen war, sagte mir mal: 'Glauben Sie mir, Wüllersdorf, es geht
überhaupt nicht ohne 'Hilfskonstruktionen'.' Der das sagte, war ein
Baumeister und mußte es also wissen. Und er hatte recht mit seinem
Satz. Es vergeht kein Tag, der mich nicht an die 'Hilfskonstruktionen'
gemahnte.«
Wüllersdorf, als er sich so expektoriert, nahm Hut und Stock.
Innstetten aber, der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner
eigenen voraufgegangenen Betrachtungen über das »kleine Glück«
erinnert haben mochte, nickte halb zustimmend und lächelte vor sich
hin.
»Und wohin gehen Sie nun, Wüllersdorf? Es ist noch zu früh für das
Ministerium.«
»Ich schenk es mir heute ganz. Erst noch eine Stunde Spaziergang am
Kanal hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurück.
Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamer Straße, die
kleine Holztreppe vorsichtig hinauf. Unten ist ein Blumenladen.«
»Und das freut Sie? Das genügt Ihnen?«
»Das will ich nicht gerade sagen. Aber es hilft ein bißchen. Ich finde
da verschiedene Stammgäste, Frühschoppler, deren Namen ich klüglich
verschweige. Der eine erzählt dann vom Herzog von Ratibor, der andere
vom Fürstbischof Kopp und der dritte wohl gar von Bismarck. Ein
bißchen fällt immer ab. Dreiviertel stimmt nicht, aber wenn es nur
witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum und hört dankbar zu.«
Und damit ging er.