Roswitha Gellenhagen«

»Ja«, sagte Wüllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete,

»die ist uns über.«

»Finde ich auch.«

»Und das ist auch der Grund, daß Ihnen alles andere so fraglich

erscheint.«

»Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese

schlichten Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht

gewollten Anklage haben mich wieder vollends aus dem Häuschen

gebracht. Es quält mich seit Jahr und Tag schon, und ich möchte aus

dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefällt mir mehr; je mehr man

mich auszeichnet, je mehr fühle ich, daß dies alles nichts ist. Mein

Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht, ich

müßte mit all den Strebungen und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zu

tun haben und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentliches ist,

als ein höherer Sittendirektor verwenden können. Es hat ja dergleichen

gegeben. Ich müßte also, wenn's ginge, solche schrecklich berühmte

Figur werden, wie beispielsweise der Doktor Wichern im Rauhen Hause

zu Hamburg gewesen ist, dieser Mirakelmensch, der alle Verbrecher mit

seinem Blick und seiner Frömmigkeit bändigte ...«

»Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das würde gehen.«

»Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht mal. Mir ist eben alles

verschlossen. Wie soll ich einen Totschläger an seiner Seele packen?

Dazu muß man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr ist und

selber so was an den Fingerspitzen hat, dann muß man wenigstens vor

seinen zu bekehrenden Confratres den wahnsinnigen Büßer spielen und

eine Riesenzerknirschung zum besten geben können.«

Wüllersdorf nickte.

Nun, sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. Den

Mann im Büßerhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder

Fakir, der unter Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht.

Und da hab ich mir denn, weil das alles nicht geht, als ein Bestes

herausgeklügelt: weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze

Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Glücklichen! Denn

gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem schuld. Aus

Passion, was am Ende gehen möchte, tut man dergleichen nicht. Also

bloßen Vorstellungen zuliebe ... Vorstellungen! ... Und da klappt denn

einer zusammen, und man klappt selber nach. Bloß noch schlimmer.«

»Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfälle. Quer durch Afrika,

was soll das heißen? Das ist für 'nen Leutnant, der Schulden

hat. Aber ein Mann wie Sie! Wollen Sie mit einem roten Fes einem

Palaver präsidieren oder mit einem Schwiegersohn von König Mtesa

Blutfreundschaft schließen? Oder wollen Sie sich in einem Tropenhelm,

mit sechs Löchern oben, am Kongo entlangtasten, bis Sie bei Kamerun

oder da herum wieder herauskommen? Unmöglich!«

»Unmöglich? Warum? Und wenn unmöglich, was dann?« »Einfach hierbleiben

und Resignation üben. Wer ist denn unbedrückt? Wer sagte nicht jeden

Tag: 'Eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte.' Sie wissen, ich

habe auch mein Päckchen zu tragen, nicht gerade das Ihrige, aber nicht

viel leichter. Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder

In-einem-Termitenhügel-Nächtigen; wer's mag, der mag es, aber für

unserem ist es nichts. In der Bresche stehen und aushalten, bis man

fällt, das ist das beste. Vorher aber im kleinen und kleinsten so viel

herausschlagen wie möglich und ein Auge dafür haben, wenn die Veilchen

blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht oder die kleinen Mädchen

mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen. Oder auch wohl nach

Potsdam fahren und in die Friedenskirche gehen, wo Kaiser Friedrich

liegt und wo sie jetzt eben anfangen, ihm ein Grabhaus zu bauen. Und

wenn Sie da stehen, dann überlegen Sie sich das Leben von dem, und

wenn Sie dann nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu

helfen.«

»Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder einzelne Tag ... und dann

der Abend.«

»Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden. Da haben wir

'Sardanapal' oder 'Coppelia' mit der del Era, und wenn es damit aus

ist, dann haben wir Siechen. Nicht zu verachten. Drei Seidel beruhigen

jedesmal. Es gibt immer noch viele, sehr viele, die zu der ganzen

Sache nicht anders stehen wie wir, und einer, dem auch viel verquer

gegangen war, sagte mir mal: 'Glauben Sie mir, Wüllersdorf, es geht

überhaupt nicht ohne 'Hilfskonstruktionen'.' Der das sagte, war ein

Baumeister und mußte es also wissen. Und er hatte recht mit seinem

Satz. Es vergeht kein Tag, der mich nicht an die 'Hilfskonstruktionen'

gemahnte.«

Wüllersdorf, als er sich so expektoriert, nahm Hut und Stock.

Innstetten aber, der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner

eigenen voraufgegangenen Betrachtungen über das »kleine Glück«

erinnert haben mochte, nickte halb zustimmend und lächelte vor sich

hin.

»Und wohin gehen Sie nun, Wüllersdorf? Es ist noch zu früh für das

Ministerium.«

»Ich schenk es mir heute ganz. Erst noch eine Stunde Spaziergang am

Kanal hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurück.

Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamer Straße, die

kleine Holztreppe vorsichtig hinauf. Unten ist ein Blumenladen.«

»Und das freut Sie? Das genügt Ihnen?«

»Das will ich nicht gerade sagen. Aber es hilft ein bißchen. Ich finde

da verschiedene Stammgäste, Frühschoppler, deren Namen ich klüglich

verschweige. Der eine erzählt dann vom Herzog von Ratibor, der andere

vom Fürstbischof Kopp und der dritte wohl gar von Bismarck. Ein

bißchen fällt immer ab. Dreiviertel stimmt nicht, aber wenn es nur

witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum und hört dankbar zu.«

Und damit ging er.

Effi Briest · 第 53 / 54 题